Dransfeld (Niedersachsen)

Göttingen (Landkreis) Karte  Dransfeld ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 3.200 Einwohnern im südniedersächsischen Landkreis Göttingen und Sitz der gleichnamigen Samtgemeinde – ca. 15 Kilometer westlich von Göttingen gelegen (Karte ohne Eintrag von Dransfeld, aus: ortsdienst.de/niedersachsen/goettingen).

Erste Hinweise darauf, dass sich Juden im südniedersächsischen Dransfeld kurzfristig aufgehalten haben, stammen aus der Zeit des ausgehenden 14.Jahrhunderts; vermutlich handelte es sich um einzelne Familien, die vor Pogromen geflüchtet waren und sich zeitweise hier aufhielten.

Erst in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts lassen sich wieder Spuren jüdischen Lebens in dem kleinen Ackerbaustädtchen nachweisen; allerdings erhielten hier nur wenige Juden befristet Schutz.

Anm.: Für das 17./18. Jahrhundert sind einzelne jüdische Einwohner auch in umliegenden Orten wie Imbsen, Jühnde und Löwenhagen belegt.

Im 18. und zu Beginn des19.Jahrhunderts wuchs die jüdische Bevölkerung in Dransfeld deutlich an. Ihren Lebenserwerb bestritten die Familien als Vieh- und Pferdehändler, als Produkthändler und als Hausierer, die mit Kurz- und Ellenwaren übers Land zogen.

1826 konstituierte sich die jüdische Gemeinde in Dransfeld; zehn Jahre später wurde die Synagoge in der Gerlandstraße, ein schlichter Fachwerkbau, eingeweiht. In den Jahren zuvor hatte ein Gemeindemitglied ein Zimmer in seinem Haus als Betraum zur Verfügung gestellt. Bereits seit ca. 1800 war ein jüdischer Lehrer in Dransfeld tätig; doch soll die kleine Schule in den 1840er Jahren auf Anordnung des Landrabbiners geschlossen worden sein; etwa zehn Jahre später - die jüdischen Kinder hatten zwischenzeitlich die christliche Bürgerschule besucht - wurde die jüdische Elementarschule wieder aktiviert, nachdem die Lehrerstelle „ordnungsgemäß“ besetzt worden war. Die Schule war bis Anfang der 1930er Jahre in Betrieb.

Ein jüdischer Begräbnisplatz lag am nordöstlichen Hang des Dransberges („Am Hohen Hagen“); das zunächst von der Kommune gepachtete Gelände ging 1853 ins Eigentum der jüdischen Gemeinde Dransfeld über. Auf dem Begräbnisareal wurden insgesamt ca. 800 Bestattungen vorgenommen.

Anfänglich gehörte die Dransfelder Gemeinde zum Landrabbinat Hannover, ab 1845 zu dem von Hildesheim und ab 1935 zum Bezirksrabbinat Göttingen.

Die Juden der Ortschaft Güntersen waren seit 1861 der Dransfelder Gemeinde angeschlossen.

Juden in Dransfeld:

    --- 1689 ...........................   4 Familien (?),

    --- 1846 ...........................  96 Juden (ca. 7% d. Dorfbev.),

    --- 1864 ........................... 111   “  ,

    --- 1885 ...........................  84   “  ,

    --- 1895 ...........................  67   “  ,

    --- 1905 ...........................  48   “  ,

    --- 1925 ...........................  41   “  ,

    --- 1933 ...........................  40   “  ,

    --- 1939 ...........................  17   “  ,

    --- 1944 ...........................  eine Jüdin.

Angaben aus: Gisela Schucht (Bearb.), Dransfeld, in: H. Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen ..., Bd. 1, S. 489

                     Dransfeld. Untere Lange Straße, Geschäft Wilhelm Brauns Dransfeld - Postkarte von ca. 1890 (Abb. aus: de.nailizakon.com)

Die Dransfelder Juden lebten im 20.Jahrhundert zumeist vom Handel am Ort und in den umliegenden Landgemeinden.

Zuzügen aus Thüringen und Hessen stand eine Abwanderung Dransfelder Juden gegenüber, die sich z.B. im verkehrsgünstigeren nahen Göttingen niederließen und dort neue Unternehmen gründeten. Um die Jahrhundertwende lebten noch etwa 50 Juden in Dransfeld; damit hatte sich ihre Zahl innerhalb von drei Jahrzehnten halbiert.

In den ersten fünf Jahren der NS-Herrschaft verließ mehr als die Hälfte der jüdischen Bewohner Dransfeld und emigrierte. Während des Novemberpogroms von 1938 lebten kaum noch 20 Juden im Ort. Sie mussten miterleben, wie das bewegliche Inventar der Synagoge von SA-Angehörigen aus Hann.Münden herausgeschleppt wurde und in Flammen aufging; das Gebäude selbst blieb von einer Brandlegung verschont, da durch die enge Fachwerkbebauung die Gefahr eines Großfeuers gegeben war.

Die wenigen jüdischen Bewohner Dransfelds wurden zumeist im Frühjahr 1942 - via Israelitische Gartenbauschule Ahlem bei Hannover - „in den Osten“ deportiert.

Mindestens 25 jüdische Bewohner Dransfelds kamen in den NS-Vernichtungslagern ums Leben.

 

Das Gebäude der ehemaligen Synagoge wurde seit 1951 als katholische Kirche "Zu den sieben Schmerzen Mariä" und seit 1986 als Schreinerwerkstatt genutzt. 1975 wurde hier eine Gedenktafel mit der folgenden Inschrift angebracht:

  Dransfeld ehemalige Synagoge von W.JPG

Aufn. Heinrich Stürzl, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

2013 wurden die ersten sog. „Stolpersteine“ in den Straßen Dransfelds verlegt; inzwischen liegen fast 40 Gedenktäfelchen in den Gehwegen der Kleinstadt (Stand 2020). Während ein Teil der Steine an ehemalige jüdische Bewohner erinnert, denen die Flucht zumeist ins außereuropäische Ausland gelang, erinnern die an anderen an diejenigen, die der Shoa zum Opfer gefallen sind.

                              Stolperstein von Samuel HaasStolperstein von Ella HaasStolperstein von Carl HaasStolperstein von Heinz Haas 

       Stolperstein von Siegmund SimonStolperstein von Mathilde SimonStolperstein von Ludwig SimonStolperstein von Max Simon Stolperstein von Bettina Simon

„Stolpersteine“ für Fam. Haas und Fam. Simon  (alle Aufn. J., 2019, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Auf dem ca. 2.400 m² großen Gelände des jüdischen Friedhofs ("Am Hohen Hagen") findet man heute noch ca. 130 Grabsteine, die aus der Zeit von ca. 1855 bis 1937 stammen. Während die älteren liegenden Grabsteine ausnahmslos hebräische Inschriften tragen, sind die jün geren aufrecht stehenden Steine mit hebräischen und deutschen Inschriften versehen. Im Laufe der Zeit wurde der Friedhof mehrfach geschändet - erstmals in den 1920er Jahren und auch in jüngerer Vergangenheit.

                                          Friedhofsteil mit liegenden Grabsteinen

  Jüdischer Friedhof Dransfeld 2.JPG Jüdischer Friedhof Dransfeld 3.JPG

Jüdischer Friedhof in Dransfeld (alle Aufn. Heinrich Stürzl, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In dem am Bramwald liegenden Dorfe Dankelshausen durften sich in den 1770er Jahren drei jüdische Familien niederlassen.

Seit dieser Zeit gab es auch einen kleinen Begräbnisplatz östlich des Dorfes; auch über einen Betraum verfügte die hiesige Judenschaft. Der winzigen Synagogengemeinde Dankelshausen - seit 1845 dem Landrabbinat Hildesheim zugehörig - waren die wenigen Familien aus den Nachbarorten Mielenhausen und Oberscheden angeschlossen. Ab 1861 bestand die 1843 gebildete Synagogengemeinde Dankelshausen-Oberscheden-Mielenhausen aus nur noch drei männlichen Mitgliedern; schließlich wurde Ende der 1870er Jahre die Gemeinde aufgelöst. Ritualien und der Begräbnisplatz gingen in den Besitz der Dransfelder Gemeinde über.

Auf dem schmalen Begräbnisareal - die letzte Beerdigung soll hier um 1880 erfolgt sein - sind heute noch 28 (liegende) Grabsteine vorhanden.

        Jüdischer Friedhof Dankelshausen (Aufn. D. 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Weitere Informationen:

Karl-Heinz Franken, Von einer Synagoge zur katholischen Kirche, in: "Dransfelder Informationen", No.12/1987

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Band Niedersachsen I (Regierungsbezirke Braunschweig und Lüneburg), Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1985, S. 18

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum. Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 107

Albert Marx, Geschichte der Juden in Niedersachsen. Sonderausgabe für die Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, Hannover 1995

Thomas Kellermann, Synagogen in Einbeck und Südniedersachsen – heute, in: „Einbecker Jahrbuch“, Band 49/2004, S. 49 ff.

Gisela Schucht (Bearb.), Dankelshausen bzw. Dransfeld, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Bd. 1, S. 443 (Dankelshausen) und S. 488 – 496 (Dransfeld)

tns (Red.),  Namen zurückgeholt – Die ersten 13 Stolpersteine in Dransfeld verlegt, in: „HNA – Hessische Niedersächsische Allgemeine“ vom 13.5.2013

N.N. (Red.), Spuren jüdischen Lebens in Dransfeld, in: „Göttinger Tageblatt – Eichsfelder Tageblatt“ vom 25.7.2014

Hauke Rudolph (Red.), Künstler verlegt Stolpersteine für verfolgte Juden in Dransfeld, in: „Göttinger Tageblatt – Eichsfelder Tageblatt“ vom 9.10.2014

Geschichtswerkstatt Göttingen e.V., Verfolgung und Emigration jüdischer Bürger/innen in Göttingen und Umgebung, online abrufbar unter: juedische-emigration.geschichtswerkstatt-goettingen.de (Anm.: detaillierte Darstellung der während der NS-Zeit getätigten antijüdischen Maßnahmen, hier. Informationen über die Familie Samuel und Ella Haas, Dransfeld, Lange Straße)

Auflistung der in Dransfeld verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Dransfeld

Jens-Christian Wagner (Red.), DRANSFELD – Novemberpogrome 1938 in Niedersachsen, Hrg. Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, online abrufbar unter: pogrome1938-niedersachsen.de/dransfeld/