Flehingen (Baden-Württemberg)

Datei:Oberderdingen im Landkreis Karlsruhe.png Flehingen ist heute ein Ortsteil von Oberderdingen im Landkreis Karlsruhe - etwa 15 Kilometer südwestlich von Eppingen bzw. zehn Kilometer nordöstlich von Bretten gelegen (Karte F. Paul, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Das seit 1803 zu Baden gehörende Dorf Flehingen besaß bereits seit Mitte des 16.Jahrhunderts Ansässigkeit einer jüdischen Familie. Nachdem der Dreißigjährige Krieg schwere Verwüstungen im reichsritterschaftlichen evangelischen Dorfe Flehingen hinterlassen hatte, gestattete die Herrschaft, die Grafen von Metternich, weiteren Zuzug von Juden - aber auch von Katholiken -, die die entvölkerte Region wirtschaftlich wieder aufbauen sollten; allerdings wurde die Anzahl zunächst auf zehn Familien begrenzt. Die Einfälle französischer Truppen in den 1670er Jahren betrafen auch die Bevölkerung Flehingens und führten dazu, dass auch jüdische Familien in andere Orte der Region flohen, so nach Bretten oder Oberderdingen. Im Laufe des 18. und 19.Jahrhunderts wuchs die Zahl der Flehinger Schutzjuden deutlich an, deren Schutzgelder die leeren Kassen des gräflichen Grundherrn füllen halfen; an der Ansiedlung armer jüdischer Familien war der Graf allerdings nicht interessiert. Das Siedlungsgebiet der Juden Flehingens konzentrierte sich bis ins 19.Jahrhundert vor allem auf das sog. „Hinterdorf“, auch „Judengasse“ genannt. Ihre erste, vermutlich aus dem 18.Jahrhundert stammende Synagoge nutzte die Gemeinde bis weit ins 19.Jahrhundert hinein; zu Beginn der 1870er Jahre ließ die jüdische Gemeinde dann einen Neubau an der Gochsheimer Straße errichten.

Planskizzen des neuen Synagogengebäudes von 1872

  Abb. Generallandesarchiv Karlsruhe

Über die Einweihung liegt ein kurzer Artikel der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ vom 26.5.1874 vor:

Aus Württemberg, 10. Mai 1874. In dem Marktflecken Flehingen wurde am 1. dieses Monats eine neue schöne Synagoge eingeweiht. Der ganze Ort nahm den herzlichsten Anteil und war mit Fahnen, Girlanden und Laubgängen geschmückt. Mit Recht konnte der Bürgermeister bei der Eröffnung der Pforte hervorheben, in welcher Eintracht die drei Konfessionen hier leben; denn aus allen Ständen waren die Bewohner Flehingens versammelt, und der Bezirksamtmann, der Oberamtsrichter, der Reichstagsabgeordnete von Bretten usw. waren zugegen. Der Rabbiner Herr Schlessinger löste seine Aufgabe, in der alten, wie in der neuen Synagoge die Abschieds- und die Weihepredigt zu halten, in beredtester und ergreifendster Weise. Wir hoffen, dass seine beiden Reden im Druck erscheinen werden.

Die alte Synagoge wurde nach der Einweihung der neuen geschlossen. Jahrzehnte zuvor war bereits ein eigenes Schulgebäude, ebenfalls in der Gochsheimer Straße, erstellt worden, das bis 1876 diesem Zwecke diente; danach besuchten die jüdischen Kinder die Ortsschule. 

Für die Besorgung religiöser Aufgaben war seitens der Gemeinde ein Lehrer angestellt, der neben der Unterweisung der Kinder zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Die Lehrerstelle in Flehingen war – im Gegensatz zu vielen anderen Landgemeinden im 19.Jahrhundert - keinem andauernden Wechsel unterworfen; die hier tätigen Religionslehrer blieben jahrzehntelang in der Gemeinde.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20143/Flehingen%20Israelit%2010011877.jpgAnzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10.1.1877 

Zu den allerersten gemeindlichen Einrichtungen zählte der jüdische Friedhof außerhalb des Ortes, an einem Hang an der Straße nach Gochsheim gelegen. Er war um 1690 angelegt und später mehrfach erweitert worden; hier fanden auch verstorbene Juden aus benachbarten Ortschaften ihre letzte Ruhe.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2054/Flehingen%20Friedhof%20242.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2054/Flehingen%20Friedhof%20243.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2054/Flehingen%20Friedhof%20240.jpg (Aufn. R. Klotz, um 1970)

Die Gemeinde Flehingen - zu ihr zählten auch die jüdischen Familien aus Sickingen und nach 1895 auch diejenigen aus Bauerbach - war seit 1827 dem Rabbinatsbezirk Bretten zugeordnet.

Juden in Flehingen:

        --- um 1550 ....................... eine jüdische Familie,

    --- 1734 ..........................   77 Juden (in 14 Familien),

    --- 1827 ....................... ca. 160   “   (ca. 14% d. Bevölk.),

    --- 1832 ........................... 167   “  ,

    --- 1855 ........................... 135   “  ,

    --- 1875 ........................... 138   “  ,

    --- 1887 ........................... 132   “  ,

    --- 1900 ........................... 114   “   (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1910 ........................... 107   “  ,

    --- 1925 ...........................  83   “  ,

    --- 1933 ...........................  72   “  ,*     * andere Angabe: 59 Pers.

    --- 1939 ...........................  24   “  ,

    --- 1940 (Aug.) ....................   9   “  ,

             (Nov.) ....................  keine.

Angaben aus: F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden, Denkmale, ..., S. 85

und                Die Juden in Flehingen - eine aktive Minderheit, aus: Heimatbuch Flehingen, 198?, S. 161 und S. 168

Spannungen zur christlicher Mehrheit gegen Mitte des 19.Jahrhunderts wollten die Juden mit einer Eingabe an den Badischen Landtag abbauen: Sie baten, von der Emanzipation ausgenommen zu werden! Nach Erlangung ihrer rechtlichen Gleichstellung 1862 glätteten sich dann die Wogen; immer mehr wurden die jüdischen Einwohner Flehingens nun in das allgemeine Dorfleben integriert.

Der Flehinger katholische Pfarrer Wilhelm Maria Senn, ein „christlicher“ Antisemit, wollte ab den 1920er Jahren in seinen Reden und Agitationsschriften die katholische Bevölkerung für den Nationalsozialismus gewinnen. Seine antisemitischen Ausfälle brachten ihm mehrfach Anzeigen ein; auch seine vorgesetzte Kirchenbehörde wies ihn zurecht.

Der wesentliche Erwerbszweig der Flehinger Juden war stets der Viehhandel gewesen; noch im 1933 gab es im Dorf etwa zehn jüdische Viehhändler, die den Hauptteil des Viehhandels im Kraichgau bestritten. Daneben besaßen zu Beginn der 1930er Jahre sechs jüdische Familien Ladengeschäfte im Ort; bis Ende 1938 hatten alle Juden Flehingens ihre Geschäfte aufgeben müssen. Während des Novemberpogroms setzten SA-Angehörige - vermutlich aus Karlsruhe kommend - die Synagoge in Brand, die bis auf die Grundmauern zerstört wurde; Thorarollen, Bücher und Kultgegenstände wurden Opfer der Flammen. Jüdische Einwohner wurden vorübergehend festgenommen und verprügelt; zuvor waren Geschäfte und Wohnungen geplündert worden. In einer Notiz des Flehinger Bürgermeisters vom 29.11.1938 hieß es: „ ... Am 10. des Monats wurde anläßlich der Aktion gegen die Juden die hiesige Synagoge von unbekannter Hand angezündet. Es entstand hierbei ein Sachschaden von 15.000 RM. “  Bis Kriegsbeginn gelang es mehr als 50 jüdischen Bewohnern zu emigrieren, zumeist in die USA. Zehn Juden aus Flehingen gehörten zu denjenigen, die am 22.10.1940 ins südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert wurden.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden nachweislich 47 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort ansässig gewesene jüdische Bewohner Flehingens Opfer des Holocaust (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/flehingen_synagoge.htm).

 

Heute erinnern nur noch der Friedhof und das ehem. Schulgebäude an die einstige jüdische Gemeinde. Auf dem ehemaligen Synagogengrundstück - die Synagogenruine war bereits 1940 abgebrochen worden - befindet sich ein Wohn- und Geschäftshaus; auf einer kleinen Tafel findet sich folgende Inschrift:

ERINNERUNG    (Davidstern)    MAHNUNG

Hier standen Schule und Synagoge der jüdischen Gemeinde Flehingen.

Die Synagoge wurde in der Pogromnacht am 10.November 1938 zerstört.

VERSÖHNUNG

 Am Hause des Gemeindevorstehers Mosche Bierig – in unmittelbarer Nachbarschaft war die alte Synagoge Flehingens untergebracht - war eine Tafel angebracht (Abb. Reinhardhauke, 2011, in: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0), die folgenden Kurztext in hebräischen Schriftzeichen trug:

Gebaut von Gemeindevorsteher Mosche Bierig und seiner Frau Keile.

'Es werden deine Scheunen voll und deine Kelter von Wein überlaufen' 1852.

 Das alte bis 1873 genutzte Synagogengebäude in der Samuel-Friedrich-Sauterstraße – eine kurz vor dem Abbruch stehende Ruine (Aufn. R. Hauke, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0) – sollte nach jahrelangem Hin und Her eigentlich erhalten werden, um dem Museumsverein Flehingen/Sickingen eine Domizil für dessen Museums-Projekt zu bieten. Doch mit dem 2016 erfolgten völligen Abriss des Gebäudes zerschlugen sich die Planungen.

    Bildergebnis für mahnmal neckarzimmern flehingen Schüler/innen der Leopold-Feigenbutz-Realschule Flehingen beteiligten sich am zentralen Mahnmalprojekt Neckarzimmern, das an die Deportationen der badischen Juden nach Gurs erinnert. Das Relief des Memorialsteines ist Ornamenten auf Grabsteinen des jüdischen Friedhofs in Flehingen nachempfunden (Abb. mahnmal-neckarzimmern.de). 2018 wurde vor der Ortsverwaltung Flehingen ein Gedenkstein enthüllt, der den inzwischen verwitterten Memorialstein aus dem Jahre 2002 als eine Art Reproduktion ersetzt – eine Schöpfung der Bildhauerin Sandra Sodan.

             Der neue Gedenkstein 1. Adventsfenster geöffnet - buergerverein-flehingens Webseite! (Aufn. 2018, aus: buergerverein-flehingen.de)

Initiiert von Schüler/innen des Melanchton-Gymnasiums wurde 2010 in den Straßen Flehingens mit der Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ begonnen. Drei Steine für Angehörige der jüdischen Familie Schlessinger konnten auf Grund des Einspruchs des betreffenden Hauseigentümers zunächst nicht verlegt werden; erst Jahre später (2020) fanden die drei Steine - gewidmet Angehörigen der Familie Schlessinger - schließlich ihren Platz in der Bahnhofstraße.

                          verlegt in der Bahnhofstraße (Aufn. aus: nadr.de vom 12.2.2020)

Historisch interessierte Flehinger – in der Gruppe „Fünf Schneeballen“ organisiert - haben jüngst im Ort einen Rundwanderweg erarbeitet, der die Spuren jüdischen Lebens im Dorf aufzeigt.

Das an einem Hang – am Ortsausgang in Richtung Gochsheim – liegende ca. 4.000 m² große Begräbnisgelände, auf dem 1939 die letzte Beerdigung stattfand, weist heute noch ca. 300 Grabsteine auf; der älteste datierbare Stein stammt aus dem Jahre 1709.

jüdischer Friedhof in Flehingen (Aufn. 2013, aus: wikipedia.org, CCO)

 

Eine der bedeutendsten Söhne der jüdischen Gemeinde Flehingens war Jakob Barth (geb. 1851). Er galt als einer der renommiertesten Orientalisten seiner Zeit und machte sich durch seine Werke einen Namen. Von 1875 bis zu seinem Tode (1914) unterrichtete er am orthodoxen Rabbinerseminar in Berlin, das sein Schwiegervater Esriel Hildesheimer gegründet hatte. Seine Söhne Elieser (Lazar) B. (geb.1880) und Aharon B. (geb.1890) waren beide führende Zionisten innerhalb der orthodoxen Misrachi-Bewegung.

 

Weitere Informationen:

Hans Wehr, "Barth, Jakob", in: "Neue Deutsche Biographie", 1/1953, S. 603 f.

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 85/86

Karl Banghard, Die Juden in Flehingen – Eine aktive Minderheit, in: Fünf Schneeballen - Zwölf Jahrhunderte Geschichte von Flehingen, Selbstverlag, Karlsruhe 1979, S. 147 - 184

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 293 f.

Michael Thon (Bearb.), Der jüdische Friedhof Flehingen, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1995

Jürgen Stude, Geschichte der Juden im Landkreis Karlsruhe, Hrg. Landsratsamt Karlsruhe, Karlsruhe 1997, S. 117 und S. 368 - 370

Flehingen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Juden werden Schutzbürger in Flehingen, in: "Rundbrief No. 21", Heimatkreis Oberderdingen 2001, S. 60 f.

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart, S. 354 – 357

Ute Coulmann (Flehingen), Vom Verfall bedroht: Die alte Synagoge in Flehingen, in: "Jüdisches Leben Kraichgau e.V. – Mitgliederzeitung", 4/2010

Wolfgang Schönfeld, Schicksale jüdischer Familien in Flehingen, Verlag Alte Uni Eppingen, Eppingen 2013

Museumsverein Flehingen-Sickingen e.V. (Hrg.) Die Stolpersteine in Flehingen, online abrufbar unter: museumsverein-flehingen-sickingen.de

Wolfgang Schönfeld, Jüdisches Leben in Flehingen, Verlag Alte Uni Eppingen, Eppingen 2015

Museumsverein Flehingen-Sickingen e.V. (Hrg.), Das Museumsprojekt in der alten Synagoge Flehingen, online abrufbar unter: museumsverein-flehingen-sickingen.de

Wolfgang Schönfeld, Geschichte der jüdischen Familie Schlessinger aus Flehingen, Verlag Alte Uni Eppingen, Eppingen 2017

Eva Filitz (Red.), Stolpersteine lösten Kontroverse aus, in: „Mühlacker Tageblatt“ vom 29.12.2017

Havva Keskin (Red.), Stolperstein-Verlegung in Bretten und Flehingen - „Verbeugung vor den Opfern“, aus: "kraichgau-news“ vom 11.2.2020

Waidelich Arnd (Red.), Stolpern in Flehingen, in: nadr.de (Neues aus der Region) vom 12.2.2020

Hansjörg Ebert (Red.), Stolpersteine in Flehingen ins Abseits gerückt: Ausgrenzung von Opfern und beschämend für Nachfahren, aus: "Brettener Nachrichten" vom 20.2.2020

Hansjörg Ebert (Red.), Gedenksteine. Oberderdingen lenkt im Stolperstein-Streit ein, in: „Brettener Nachrichten“ vom 23.2.2020

Hansjörg Ebert (Red.), Rundweg über jüdisches Leben in Flehingen zeigt erschütternde Schicksale, in: „Badische Neueste Nachrichtern“ vom 1.6.2021