Frankenberg/Eder (Hessen)

Datei:Frankenberg (Eder) in KB.svg Frankenberg (Eder) ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 19.000 Einwohnern im südlichen Teil des hessischen Landkreises Waldeck-Frankenberg – ca. 35 Kilometer nördlich von Marburg gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Bereits zur Zeit der Stadtgründung im 13.Jahrhundert haben Juden in Frankenberg gelebt; während der Verfolgungen um 1295 sollen sie aber in einer Scheune in Geismar verbrannt worden sein. Nach Angaben des Frankenberger Chronisten Wigand Gerstenberg wurden auch im Pestjahr 1349 jüdische Bewohner Frankenbergs verbrannt.

Frankenberg an der Eder – Stich M. Merian in Topographia Hassiae, 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Die Wurzeln der neuzeitlichen jüdischen Gemeinde Frankenbergs liegen am Ende des 17.Jahrhunderts. 1838 weihte die religiös-konservative jüdische Gemeinde dann „Am Scharwinkel“ ihren Synagogenneubau ein, der immerhin über ca. 100 Plätze verfügte. Fast gleichzeitig hatte man die Genehmigung zur Einrichtung eines Elementarschule erhalten; 1913 wurde ein neues Schulgebäude eingeweiht; es ersetzte den Unterrichtsraum, der bislang in der Synagoge untergebracht war. Im Obergeschoss des neuen Gebäudes wohnte der letzte Lehrer und Vorbeter der jüdischen Gemeinde. Die Schule wurde - mit kurzen Unterbrechungen - bis 1939 betrieben.

                   Ehem. Synagogengebäude (Aufn. um 1950, aus Th. Altaras)

Zur Besetzung der Lehrer- u. Vorbeterstelle war in einem Kurzartikel in der Zeitschrift „Der Israelit" vom 21.Jan. 1915 zu lesen: http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20156/Volkmarsen%20Israelit%2021011915.jpg

Seit Ende der 1860er Jahre besaß die jüdische Gemeinde auch einen eigenen kleinen Friedhof; zuvor waren verstorbene Juden auf dem Begräbnisgelände im benachbarten Frankenau bestattet worden. 

Zur Frankenberger Gemeinde, die zum Rabbinatsbezirk Oberhessen mit Sitz in Marburg zählte, gehörten auch die wenigen Juden aus Geismar und Röddenau.

Juden in Frankenberg:

         --- um 1750 .......................   7 jüdische Familien,

    --- um 1785 .......................  30 Juden,

    --- um 1835 .......................  50   “  ,

    --- 1861 ..........................  58   “  ,

    --- 1871 ..........................  68   “  (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1885 .......................... 104   “  ,

    --- 1895 ..........................  93   “  ,*     * incl. Röddenau

    --- 1905 .......................... 126   “  ,

    --- um 1925 ................... ca.  30 jüdische Familien,

    --- 1933 ...................... ca. 120 Juden,

    --- 1942 ..........................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 190

Kaufleute und Viehhändler waren die bevorzugten Berufe der Frankenberger Juden.

Lehrstellenangebote jüdischer Geschäftsleute aus Frankenberg (um 1900/1910)

Auch in Frankenberg wurde der reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte durchgeführt; über dessen Verlauf berichtete die „Frankenberger Zeitung” am 3.4.1933 wie folgt:

Die Boykottbewegung in Frankenberg

Wie überall in deutschen Landen, setzte der Abwehrkampf gegen die Deutschenhetze des internationalen Judentums auch hier in Frankenberg am vergangenen Samstag schlagmäßig um 10 Uhr ein. Mit der Durchführung der Kampfmaßnahmen war die SA unserer Stadt und der Umgebung beschäftigt. Sie hatte sich vor der Geschäftsstelle der NSDAP. versammelt, um Abwehrplanungen in Empfang zu nehmen und die letzte Parole zu erhalten. Geschlossen zog die Formation der SA. mit Gesang durch die Hauptstraßen der Stadt; dann wurden die einzelnen Posten vor den jüdischen Geschäften planmäßig verteilt. Die Abwehraktion ist im allgemeinen in voller Ruhe verlaufen. Zu einem Zwischenfall kam es in der Neustädterstraße, wo der Inhaber eines jüdischen Geschäftes polizeilicherseits - nach Anhören des Landrats festgenommen wurde. Der Geschäftsinhaber hatte sich in festlicher Kleidung, den Rock geschmückt mit dem Eisernen Kreuz, in herausfordernder Weise vor das Geschäftslokal begeben, um auf seine Art gegen die Boykottmaßnahmen zu demonstrieren. Die Polizei führte ihn ab. Abends wurde er wieder freigelassen. ...

Etwa die Hälfte der seit 1933 ansässigen Juden ging in die Emigration, zumeist in die USA; fast alle anderen verzogen nach Frankfurt/Main. Während des Novemberpogroms wurde der Innenraum der Synagoge verwüstet und alle Kultgegenstände vernichtet. In einer Zeitungsmeldung der „Frankenberger Zeitung” vom 10.11.1938 hieß es:

Frankenberg demonstriert

Als gestern in den ersten Abendstunden die Nachricht von dem Ableben des Gesandtschaftsrates vom Rath durch unsere Stadt eilte, bemächtigte sich der Bevölkerung eine große Erregung. Immer wieder durchsprach man die Mordtat des Juden Grünspan; es schien einfach unerträglich, daß wieder ein Deutscher diesem Mordgesindel zum Opfer gefallen ist. In der Nacht machte sich die siedende Empörung Luft, wobei es bei der Synagoge und der Judenschule zu öffentlichen Protesten kam.

Wie andere jüdische Männer im Landkreis wurde auch der letzte Lehrer verhaftet und im Gefängnis des Frankenberger Amtsgerichtes festgesetzt; am gleichen Tag, am 10.11.1938, wurde auch die Schule verwüstet. Etwa zehn Juden, zumeist alte Menschen, blieben in Frankenberg zurück; sie wurden 1942 deportiert. Mehr als 30 ansässige bzw. länger in Frankenberg lebende jüdische Bewohner fielen der „Endlösung“ zum Opfer.

Am einstigen Synagogengebäude in Frankenberg, das nach baulichen Veränderungen in den 1950er Jahren bis heute erhalten geblieben ist, gibt es keinen Hinweis auf seine ursprüngliche Nutzung.  Seit Ende der 1980er Jahre erinnert eine Gedenktafel an die Geschehnisse:

In dieser Stadt lebten seit dem 13.Jahrhundert jüdische Einwohner.

Die Menschen der ehemaligen jüdischen Gemeinde wurden während der Naziherrschaft 1933 - 1945 gedemütigt, entrechtet, vertrieben, verschleppt und ermordet.                          

Ihr Schicksal darf nicht vergessen werden. Es mahnt uns, auch der anderen Opfer der Hitlerdiktatur zu gedenken.

Die Stadt Frankenberg/Eder 1988

2006 hat man mit der Verlegung von sog. "Stolpersteinen" begonnen; inzwischen findet man fast 40 dieser Gedenktäfelchen (Stand 2018).

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20252/Frankenberg%20Stolpersteine%20470.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20252/Frankenberg%20Stolpersteine%20471.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20252/Frankenberg%20Stolpersteine%20473.jpg

„Stolpersteine“ vor den Häusern Am Obermarkt 12 + 14 und am Pferdemarkt (Abb. aus: alemannia-judaica.de)

 

Im kleineren Nachbarort Frankenau existierte ebenfalls bis 1939 eine jüdische Gemeinde, die 300 Jahre bestanden hatte.

[vgl. Frankenau (Hessen)]

 

In Bromskirchen - ca. 15 Kilometer nordwestlich von Frankenberg - findet man seit 2016 im Gehwegpflaster der Hauptstraße sechs sog. "Stolpersteine", die an ehemalige jüdische Bewohner erinnern.

Bildergebnis für bromskirchen stolpersteine sechs "Stolpersteine (Aufn. aus: historisches-und-kulturelles-bromskirchen.de)

Um 1830 hatten im Ort ca. 30 Personen mosaischen Glaubens gelebt; im Jahre 1905 waren es nur noch sechs; wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation waren fast alle Familien abgewandert. Zum Zeitpunkt der "Reichskristallnacht" wohnten sechs Juden im Dorf. Während ein Teil sich durch Emigration (nach Übersee) retten konnte, wurden die verbliebenen Opfer der "Endlösung".

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag Frankfurt/M., 1971, Bd. 1, S. 190 – 192

Thea Altaras, Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945?, Königstein i.Ts.1988, S. 66/67

Heinz Brandt, Die Judengemeinde Frankenau zwischen 1660 und 1940. Aus dem Leben jüdischer Landmenschen, in: Frankenberger Hefte, Nr.1/1992, S. 11 f.

Uli Dolenschall, Hier lebte ... - Zur Vertreibung der jüdischen Bevölkerung Frankenbergs. Spurensuche im Landkreis Waldeck-Frankenberg 1933 - 1945, Hrg. Kreis-Volkshochschule Waldeck-Frankenberg, 1994

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II: Regierungsbezirke Gießen und Kassel VAS, Frankfurt 1996, S. 215/216

Horst Hecker, Jüdische Ärzte in Frankenberg, hrg. vom Geschichtsverein Frankenberg, o.J.

Initiativgruppe Stolpersteine Frankenberg (Hrg.), Hier wohnte... Stolpersteine in Frankenberg (Eder) - Erinnern an die Opfer des NS-Regimes, Frankenberg 2008

Horst Hecker, Jüdisches Leben in Frankenberg. Geschichte der Gemeinde und ihrer Familien, hrg. vom Geschichtsverein Frankenberg, Frankenberg 2011

Frankenberg (Eder), in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Verein historisches und kulturelles Bromskirchen e.V. (Red.), Stolpersteine in Bromskirchen, online abrufbar unter: historisches-und-kulturelles-bromskirchen.de

Auflistung der in Frankenberg verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Frankenberg_(Eder)

Auflistung der in Bromskirchen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bromskirchen