Gernsbach (Baden-Württemberg)

Datei:Gernsbach in RA.svg Die Stadt Gernsbach mit derzeit ca. 15.000 Einwohnern ist der historische Hauptort des unteren Murgtals im baden-württembergischen Landkreis Rastatt – ca. 20 Kilometer südöstlich von der Kreisstadt entfernt gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Gernsbach Murgpartie 19Jh.jpg Gernsbach, 1.Hälfte 19.Jh., Landesdenkmalamt Karlsruhe)

Erste Belege für eine jüdischen Gemeinde im badischen Gernsbach lassen sich für die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts finden. Teilweise ist ein kurzzeitiger Aufenthalt einzelner Juden bereits ab Beginn des 18.Jahrhunderts nachweisbar; zunächst noch ohne Schutzbrief wurden zwei Juden um 1725 von der badisch-speyrischen Grundherrschaft aufgenommen, mussten aber das nun mittlerweile fällige Schutzgeld und die übrigen Angaben für die vergangenen Jahre nachleisten. Ihren Wohnsitz erhielten sie in der Altstadt, in der Judengasse, zugewiesen.

Um die Mitte des 19.Jahrhunderts richteten die Gernsbacher Juden in der Hauptstraße einen Betsaal ein; da dieser wegen der Nähe zur christlichen Kirche Anstoß erregte, ließ die Gemeinde außerhalb der Stadtmauer, vor dem Färbertor, eine Synagoge errichten, die im Jahre 1860 eingeweiht wurde. Gegen Ende der 1920er Jahre - die Juden des benachbarten Hörden hatten sich inzwischen der Gernsbacher Gemeinde angeschlossen - wurde gemeinsam ein Synagogenneubau in der Auestraße bezogen. Die alte Synagoge wurde 1927 verkauft, später als Wohnhaus, zuletzt als städtische Notunterkunft genutzt und in den 1960er Jahren abgerissen.

Bericht über die Einweihung der Synagoge in Gernsbach:

... Die neue Synagoge der israelitischen Gemeinden Gernsbach und Hörden wurde am Sonntag, dem 15. Juli 1928, in feierlicher Weise eingeweiht. Mit der Vollendung des Baues, in der Austraße zu Gernsbach, ging ein jahrzehntelanger Wunsch der Gemeinde in Erfüllung. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war man darauf bedacht, eine neue Synagoge zu erbauen, da das alte Gebäude in der Färbertorstraße in keiner Weise mehr den Verhältnissen und Bedürfnissen entsprach. Man hatte für den geplanten Neubau Jahr und Jahr Gelder zurückgelegt, die dann mit der Inflation, nach dem Ersten Weltkrieg, entwertet wurden. Als man in der Austraße ein Grundstück erwerben konnte, war die Möglichkeit gegeben, die jahrelangen Pläne zu realisieren, zumal die Nachbargemeinde Hörden damit einverstanden war, ihre Synagoge zu schließen und zu verkaufen, um dann gemeinsam mit der Gemeinde in Gernsbach eine neue Synagoge zu erbauen. ... Zur Einweihung der Synagoge waren viele Gäste erschienen, Ehrengäste und Vertreter der Stadtverwaltung Gernsbach, der katholischen Kirchengemeinde Gernsbach, der evangelischen Gemeinden Gernsbach und der staatlichen Behörden.  Nach einem Präludium sang der Synagogenchor aus Weinheim das Eingangslied. Architekt Fuchs, Karlsruhe, übergab anschließend die Schlüssel des Toraschrankes und wies darauf hin, dass durch Glaubensstärke und guten Willen ein Heim geschaffen worden sei, welches das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken solle.  Der Synagogenchor Weinheim sang ein weiteres Weihelied, dann wurden die Torarollen in feierlicher Form aus- und eingehoben. Die feierliche Predigt hielt Dr. Zlociski, Offenburg. ...

aus: Otto Stiefvater, Geschichte und Schicksal der Juden im Landkreis Rastatt, S. 61f.

                                         Synagoge in Gernsbach (Aufn. um 1930)

Religiöse Aufgaben der Gemeinde erledigte ein zeitweise angestellter Lehrer. Jüdischer Religionsunterricht fand im 19. Jahrhundert zeitweilig in Räumen der Höheren Bürgerschule am Marktplatz statt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20343/Gernsbach%20Amtsbl%20Seekreis%201840%20S426.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20192/Gernsbach%20FrfIsrFambl%2015121916.jpg

Anzeigen aus: "Großherzoglich Badisches Anzeige-Blatt für den See-Kreis" (1840) und "Frankfurter Israelitisches Familienblatt" vom 15.12.1916

Weitere Gemeindeeinrichtungen bestanden in Gernsbach nicht; so war die Anlegung einer Mikwe auf Widerspruch des hiesigen Gemeinderats gestoßen.

Ihre Verstorbenen bestatteten die Gernsbacher Juden auf dem Friedhof in Kuppenheim.

Nach 1928 bzw. 1933 gehörten auch die wenigen jüdischen Familien aus den Ortschaften Gaggenau, Hörden und Rotenfels der Gernsbacher Synagogengemeinde an.

Juden in Gernsbach:

         --- um 1725 ........................   2 jüdische Familien,

    --- 1825 ...........................  56 Juden,

    --- 1875 ...........................  32   “  ,

    --- 1895 ...........................  68   “  ,

    --- 1900 ...........................  57   “  ,

    --- 1925 ...........................  65   “  ,

    --- 1933 ...........................  54   “  ,

    --- 1940 (Sept.) ...................   9   “  ,

             (Nov.) ....................   keine.

Angaben aus: F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20333/Gernsbach%20Stadt%202012080.jpg

Igelbachstraße mit den jüdischen Geschäften Emanuel Dreyfuß, Gebrüder Baer und Hermann Nachmann (hist. Aufn., um 1925, Archiv)

Vor der NS-Zeit gestaltete sich das Zusammenleben der christlichen Mehrheit und der jüdischen Minderheit problemlos; Juden engagierten sich im kommunalen Leben als Gemeinderäte und gehörten hiesigen Vereinen an. So stieß der reichsweit angeordnete und auch in Gernsbach durchgeführte Boykott der wenigen jüdischen Geschäfte in der Bevölkerung kaum auf Resonanz. 

Die ‚Aktionen’ des Novemberpogroms wurden in Gernsbach von aus Gaggenau stammenden SA-Angehörigen getragen; jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden demoliert und die neue Synagoge in der Auestraße in Brand gesetzt. Etwa 20 jüdische Männer wurden festgenommen und ins KZ Dachau abtransportiert.

Im „Rastatter Tageblatt” vom 11.11.1938 hieß zu dazu:

Die Empörung der Gernsbacher Bevölkerung über die jüdische Mordtat in Paris machte sich in verschiedenen Handlungen Luft. Die Synagoge wurde eingeäschert. Ebenso auch bei verschiedenen Judengeschäften die Scheiben eingeschlagen. Den Juden selbst wurde aber kein Haar gekrümmt, nachdem die männlichen Juden schon am Vormittag in Schutzhaft genommen waren.

  Abgefackelte Synagoge, Nov. 1938 (Hauptstaatsarchiv Stuttgart) Archiv) 

Bis Kriegsbeginn konnten die meisten Gernsbacher Juden noch nach Übersee emigrieren. Ende Oktober 1940 wurden die letzten neun in Gernsbach verbliebenen Juden - via Karlsruhe - ins südfranzösische Internierungslager nach Gurs deportiert. Mindestens elf jüdische Bürger Gernsbachs wurden Opfer des Holocaust.

An die jüdische Geschichte Gernsbach erinnern heute keinerlei Baulichkeiten mehr. Auf einem der ehemaligen Synagoge gegenüberliegenden Grundstück ist seit 1985 eine Gedenkplatte angebracht, die auf die einstige kleine jüdische Gemeinde in Gernsbach hinweist.

Hier stand die 1928 erbaute Synagoge der Jüdischen Gemeinde Gernsbach.

( D A V I D S T E R N )

Sie wurde in der Zeit der Judenverfolgung am 10.November 1938 zerstört.

Auf dem 1936 errichteten Gefallenen-Denkmal Gernsbachs wurden im Jahre 1985 nachträglich die Namen der jüdischen Kriegstoten des Ersten Weltkrieges angebracht.

         Den Memorialstein für die deportierten Gernsbacher Juden hat eine Firm- u. Konfirmandengruppe entworfen. Das Steinrelief - anknüpfend an die alte Tradition der Holzflößerei – stellt ein aus Baumstämmen zusammengebundenes Floß dar, dem ein Stamm fehlt (Abb. aus: mahnmal-neckarzimmern.de).

Denkmal in Gernsbach (Aufn. Irene Schneid-Horn)  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20333/Gernsbach%20Denkmal%202012011.jpg

[vgl. Hörden (Baden-Württemberg)]

Weitere Informationen:

Heinrich Langenbach, Gernsbach im Murgtal - Eine Stadtgeschichte während 700 Jahren, o.O. 1922

Max Baer, Chronik der Israelitischen Gemeinde Gernsbach-Baden, Gernsbach 1928

Oskar Stiefvater, Geschichte und Schicksal der Juden im Landkreis Rastatt, in: ‘Um Rhein und Murg’ - Heimatbuch des Landkreises Rastatt, 5/1963, S. 42 - 83

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Stuttgart 1968, S. 107 -110

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987, S. 42

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 439 - 441

Badische Synagogen - Ausstellung in der Stadtbibliothek Gaggenau, in: "Gaggenauer Woche" 6/1998, S. 10

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 150 - 152

Irene Schneid-Horn, Jüdisches Leben in Gernsbach. Eine Spurensuche, 2008 (als PDF-Datei online abrufbar)

Gernsbach, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Thomas Dorscheid (Red.), Der Tag, an dem die Synagoge brennt, in: "Badische Neueste Nachrichten“ vom 9.11.2018