Hörde (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Amt-Hoerde.jpgDatei:Dortmund Bezirk Hörde simple.svg Ende der 1920er Jahre wurde das kreisfreie Hörde der Stadt Dortmund eingemeindet (hist. Karte Amt-Hörde aus: wiki-de.genealogy.net/Datei:Amt-Hoerde.jpg  und  aktuelle Stadtteilkarte von Dortmund, A. Sommer 2011, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

 

Ein erster urkundlicher Beleg für eine Existenz einer jüdischen Familie im Dorf Hörde stammt aus der Zeit des frühen 16.Jahrhunderts. Bis zu Beginn des 18.Jahrhunderts durften sich stets nur sehr wenige Juden - oftmals nur befristet - in Hörde niederlassen; um 1780/1790 lebten neun jüdische Familien im Ort, die nun eine Gemeinde bildeten. Zum Synagogenbezirk Hörde gehörten bis ca. 1910 auch die jüdischen Familien aus Aplerbeck, Barop, Brackel, Berghofen, Kirchhörde und Sölde. Gottesdienstliche Zusammenkünfte fanden bis zu Beginn des 19.Jahrhunderts in privaten Räumlichkeiten statt; erstmalig wird 1777 ein Betraum in Hörde genannt (im Hause des Kusel Abraham) genannt, später dann in ein anderes Privathaus verlegt.

Im Jahre 1818 erwarb die jüdische Gemeinschaft ein Haus an der Ecke Lange Straße/Goldstraße, das fortan als Synagoge genutzt wurde. Die wachsende Zahl der Gemeindeangehörigen machte gegen Ende des 19.Jahrhunderts den Bau eines größeren Gotteshauses notwendig. 1898/1899 ließ die Hörder Gemeinde in der zentral gelegenen Victoriastraße, der heutigen Semerteichstraße, ihren Synagogenneubau errichten, der im Januar 1900 vom Kölner Rabbiner Dr. Abraham Frank eingeweiht wurde.

                                 Hörder Synagoge (hist. Postkarte, um 1910)

1929 wurde das Gebäude aufwändig renoviert und der Innenraum mit prachtvollen Malereien versehen. Seit dem Jahre 1875 - etwa drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung  - wurde die private jüdische Elementarschule als städtische Schule geführt; ein eigenes Schulgebäude war 1872/1873 von der Gemeinde am Penningskamp errichtet worden. Bereits 1878 schloss man die jüdische Gemeindeschule mit der evangelischen zu einer Bildungseinrichtung zusammen; diese war im Gebäude der Victoriaschule, der späteren Semerteichschule untergebracht.

Ein eigenes Begräbnisgelände stand den Hörder Juden seit Mitte des 18.Jahrhunderts vor dem damaligen Mühlentor zur Verfügung; als Nutzungsgebühr musste die Judenschaft jährlich einen "Reichsthaler" an die Stadtkasse entrichten. Nach einer zwischenzeitlichen Erweiterung musste das Areal um 1870 aufgegeben werden. In den folgenden drei Jahrzehnten wurden Verstorbene auf einem Gelände (nördlich der Zeche Bickefeld) nahe des evang. Friedhofs begraben. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurden beide genannte Areale – sie mussten dem Phoenix-Stahlwerk weichen - zugunsten eines neuen Begräbnisplatzes - am Hörder Kampweg - aufgegeben. Das Grundstück in Bickefeld hatte 1911 der jüdische Hörder Kaufmann Julius Udewald im Namen seiner jüdischen Synagogengemeinde erworben. Der Ende der 1960er Jahre geschlossene Friedhof weist heute noch ca. 75 Grabsteine auf.

Juden in Hörde:

--- um 1515 .........................  eine jüdische Familie,

--- um 1740 .........................   3 jüdische Familien.  

--- 1789 ............................  54 Juden (in 9 Familien),

--- 1806 ............................  51   “  ,

--- 1822 ............................  68   "  ,

--- 1843 ............................  73   “  ,

--- 1852 ............................  91   “  ,

--- 1858 ............................ 175   “  ,

--- 1871 ............................ 319   “  ,

--- 1885 ............................ 304   “  ,

--- 1895 ............................ 277   “  ,

--- 1927 ........................ ca. 400   “  ,*     * Angabe fraglich

--- 1938 (Dez.) .....................  69   "  .

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Reg.bez. Arnsberg, S. 107

und                 G.Högl/Th.Schilp (Bearb.), Dortmund-Hörde, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, S. 298

 

Bereits vor dem Novemberpogrom wurde die Synagoge in Hörde mehrfach geschändet. Durch Brandstiftung seitens SA-Trupps wurde dann auch das jüdische Gotteshaus in Hörde Opfer des NS-Terrors; die ausgebrannten Gebäudereste trug man wenige Monate später ab. Auch der jüdische Friedhof am heutigen Kampweg wurde in der NS-Zeit weitgehend zerstört.

Ab Januar 1942 setzten die Deportationen der noch verbliebenen Hörder Juden ein.

 

Auf dem mehr als 4.000 m² großen Friedhofsgelände, das von einer Mauer umschlossen ist, findet man noch ca. 75 Grabsteine.

Jüdischer Friedhof, Kampweg (Aufn. M., 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

TombstoneofChajimbenAwrahamMosche.jpgTombstone of Markus Mainzer Hoerde.jpgGrabsteine (Aufn. Chajm, 2013, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Neben einer 1982 angebrachten bronzenen Gedenktafel steht heute am ehemaligen Standort der Hörder Synagoge ein stählernes Stelen-Objekt, das die folgende Inschrift trägt:

Über Jahrhunderte haben Juden mit uns zusammen gelebt. Nahe diesem Ort stand ihre Synagoge. Von 1933 - 1945 wurden sie auch bei uns, allein weil sie Juden waren, entwürdigt, vertrieben, verschleppt und ermordet. Dies dürfen wir niemals mehr zulassen !

  Mahnmal in Hörde (Aufn. T. Bachner, 2008, aus: wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

In unmittelbarer Nähe wurde ein Weg in „Synagogengasse“ umbenannt. In den Gehwegen des Stadtteils erinnern an meehreren Stellen sog. „Stolpersteine“ an Opfer der NS-Herrschaft.

 Hermannstr-26 Alfred Muensterberger.jpgHermannstr-26 Werner Muensterberger.jpg Stolpersteine Dortmund Hermannstr. 30 JuliusElsbach.jpg Stolpersteine Dortmund Hermannstr. 30 HeleneElsbach.jpg Hermannstr-152 Friederike-Lewy.jpgHermannstr-152 Berta Mathilde-Lewy.jpg verlegt in der Hermannstraße (Aufn. B., 2020, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Etwa 1.000 Angehörige der heutigen Dortmunder Gemeinde leben heute im Bezirk Hörde, viele von ihnen am Clarenberg.

 

[vgl.  Dortmund (Nordrhein-Westfalen)]

[vgl.  Aplerbeck (Nordrhein-Westfalen)]

 

 

 

Weitere Informationen:

Zum 25.Synagogenjubiläum in Hörde/Westfalen (4.1.1925), in: "‘Aus alter und neuer Zeit’ - Beilage zum ‘Israelitischen Familienblatt’", No. 3/Jan. 1925

Volker Nase/u.a., Juden in Hörde, Beitrag einer 9.Klasse der Hauptschule Hörde für den "Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten" der Körber-Stiftung (Hamburg), Dortmund 1981

Thomas Schilp, Geleit - Emanzipation - Verfolgung. Zur Geschichte der Juden in Hörde, in: G. Högl/Th. Schilp (Hrg.), Hörde. Beiträge zur Stadtgeschichte. 650 Jahre Hörde (1340 - 1990), Dortmund 1990, S. 68 ff.

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 48 f.

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 114 - 116

Hermann Josef Bausch, Die Synagoge in Hörde – Einweihung vor 100 Jahren, in: "Heimat Dortmund", No. 2/2000, S. 34 - 38

Horst Richter, Die Geschichte der Juden in Hörde, in: Günther Behlau (Red.), Verdrängt, vergessen, verschwiegen, Hrg.  Arbeitskreis "Hörde Damals", Dortmund 2002, S. 28 - 61

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Regierungsbezirk Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 106 - 112

Günther Högl/Thomas Schilp (Bearb.), Dortmund-Hörde, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 296 – 303

Auflistung der in Dortmund-Hörde verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Dortmund

Der jüdische Friedhof in Dortmund-Hörde, online abrufbar unter: steinheim-institut.de:50580/hoe_all.html (Datenbank Grabsteine)

Klaus Winter (Red.), In Hörde gab es drei jüdische Friedhöfe, in: „Nordstadt-Blogger – Nachrichten aus Dortmund“ vom 1.1.2022