Hottenbach/Hunsrück (Rheinland-Pfalz)

Datei:Verbandsgemeinden in BIR.svg   Hottenbach ist mit derzeit ca. 550 Einwohnern heute ein Teil der seit 2020 bestehenden Verbandsgemeinde Herrstein-Rhaunen im Landkreis Birkenfeld - knapp 25 Kilometer nördlich von Idar-Oberstein gelegen (Ausschnitt aus hist. Karte von 1881, aus: wikipedia.org, gemeinfrei und Kartenskizze 'Landkreis Birkenfeld', Hagar 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

 

Die Ansiedlung von "Schutzjuden" in der Wild- und Rheingrafschaft ist bereits im 14.Jahrhundert nachweisbar. Vor 1700 sollen die Juden des Amtes Wildenburg - es waren vermutlich mehr als 20 Familien - ausschließlich in Hottenbach. Erstmals namentlich lassen sich die ersten jüdischen Bewohner in Hottenbach und Umgebung ab Mitte des 18.Jahrhunderts nachweisen; so lebten um 1755 im Dorf Hottenbach zwei „Schutzjuden“ mit ihren Familien, die neben der Zahlung eines jährlichen Schutzgeldes noch weitere ‚Gebühren‘ (wie „Stichgeld“ und „Fleischaccise“) an die Herrschaft entrichten mussten.

Gegen Ende des 18.Jahrhunderts errichtete die jüdische Gemeinde in einem Fachwerkbau in der heutigen Ringstraße ihre Synagoge. Im Laufe der Zeit wurde die Synagoge mehrfach grundlegend renoviert.

         Ehem. Synagoge Hottenbach (hist. Postkarte, Ausschnitt)

An den Gottesdiensten nahmen auch die jüdischen Bewohner der Nachbardörfer Stipshausen und Lindenschied teil. Seit Ende des 18.Jahrhunderts fand hier regelmäßiger Religions-, lange Jahre auch Elementarunterricht statt, der von einem Lehrer erteilt wurde, der gemeinsam von den Judenschaften Hottenbachs und anderer Ortschaften bezahlt wurde. Im Laufe des 19.Jahrhunderts wechselten die angestellten Lehrer häufig, was vermutlich mit den hier herrschenden schlechten Lernbedingungen zusammenhing. Über die kläglichen Bedingungen der jüdischen Schule liegt ein Bericht aus dem Jahre 1830 vor: ... Die Israelische Gemeinde zu Hottenbach besitzt ein eigenes Schulgebäude, darin sich ein tauglicher Raum zur Lehrerwohnung und zum Schullokal befindet, nur ist die innere Ausbesserung vernachlässigt worden. Erst jetzt wohnte der jüdische Lehrer mit seinen Eltern und vielen Geschwistern im Schulzimmer, weil keine der anderen Stuben zur Wohnung eingerichtet ist. Es bedarf bloß des Ankaufs eines Ofens, um die geräumige Stube über dem Schulzimmer zum Aufenthalt der Familie des Lehrers geeignet zu machen. In der Schulstube fehlt eine Tür. Die Fensterrahmen sind faul und gebrechlich und die Gläser durch die Jahre getrübt, ... Der Unterricht selbst geht, ungeachtet des wirklich fleißigen Lehrers, schlecht vonstatten, weil keine Stühle, Bänke und Tische, keine Wandtafel, keine Schul- und Religionsbücher da sind. ... Noch ein wichtiger Gegenstand ist das fehlende Holz zur Heizung des Schullokals, ...   

                    https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20180/Hottenbach%20AZJ%2018021862.jpg  

Kleinanzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ aus den Jahren 1862 - 1886  - 1901 - 1902

Auf Grund der Abwanderung jüdischer Familien konnte sich die Gemeinde wegen fehlender finanzieller Mittel keinen Religionslehrer mehr leisten, so dass kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges diese Stelle nicht mehr ausgeschrieben wurde.

Der älteste jüdische Begräbnisplatz lag ortsnah an der Straße nach Sulzbach; er wurde bis 1880 genutzt und dann aufgelassen. Auf dem kleinflächigen neuen Friedhof sind heute noch etwa 40 Grabsteine erhalten geblieben.

      http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20180/Hottenbach%20Friedhof%20173.jpgJüdischer Friedhof in Hottenbach (Aufn. Otmar Frühauf, 2008)

Ab den 1880er Jahren bildeten die in Hottenbach und dem benachbarten Stipshausen lebenden Juden eine gemeinsame Gemeinde; zum Synagogenbezirk zählten auch die Juden in Bruchweiler, Sensweiler und Wirschweiler.

Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Trier.

Juden in Hottenbach:

    --- um 1755 .......................   2 jüdische Familien,

    --- 1808 .......................... 116 Juden,

    --- um 1825 ....................... 161   “   (ca. 20% d. Bevölk.),

    --- 1842/43 ................... ca. 140   “   (in 29 Familien),          

    --- 1880 .......................... 124   “   (ca. 17% d. Bevölk.),

    --- 1895 ..........................  60   “  ,

    --- 1907 ..........................  41   “  ,

    --- 1924 ..........................  35   “  ,

    --- 1932 ..........................  16   “  ,

    --- 1938 ..........................  eine jüdische Familie.

Angaben aus: Hilde Weirich, Juden in Hottenbach und Stipshausen - eine Spurensuche, S. 143 - 145

 

Die jüdischen Familien in Hottenbach lebten vom Handel mit Vieh, Textilien und Lebensmitteln.

Bereits während der Jahre der Weimarer Republik existierte in Hottenbach keine eigenständige jüdische Gemeinde mehr; eine Abwanderungswelle - vor allem nach 1850 - hatte die Zahl der jüdischen Bewohner drastisch verringert. Die Synagoge wurde aufgegeben, blieb aber zunächst noch in jüdischem Besitz.

Zu Beginn der NS-Zeit wohnten im Dorfe nur noch neun Juden.

Im Frühjahr 1940 gelang der letzten Familie die Emigration in die USA.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem, des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ und aktuellen Recherchen sind 26 gebürtige bzw. längere Zeit in Hottenbach ansässig gewesene jüdische Personen bekannt, die Opfer der Shoa geworden sind. Aus Stipshausen und Bruchweiler kamen jeweils drei und aus Sensweiler acht jüdische Bewohner während der NS-Zeit gewaltsam ums Leben (namentliche Nennung der betroffenen Persomen siehe: alemannia-judaica.de/hottenbach_synagoge.htm).

Das Synagogengebäude war während des Pogroms im November 1938 nicht zerstört worden; es diente während des Krieges als Unterkunft für französische Kriegsgefangene; nach einem Umbau wurde das Gebäude nach 1950 als Flüchtlingswohnheim genutzt. Ein neuer Besitzer baute es Anfang der 1980er Jahre zu einem Mietshaus um.

 

[vgl. Rhaunen (Rheinland-Pfalz)]

 

 

 

Weitere Informationen:

A. P. Faust, Jiddisch in der Mundart von Hottenbach und Umgebung, Idar-Oberstein 1980

Edgar Mais, Die Verfolgung der Juden in den Landkreisen Bad Kreuznach und Birkenfeld 1933 - 1945. Eine Dokumentation, in: "Heimatkundliche Schriftenreihe des Landkreises Bad Kreuznach", Band 24, Bad Kreuznach 1988, S. 302 f.

Hilde Weirich, Juden in Hottenbach und Stipshausen - eine Spurensuche, Hrg. Förderkreis Synagoge Laufersweiler e.V., 1998

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 191/192

Hottenbach mit Stipshausen, Bruchweiler, Sensweiler und Wirschweiler, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Der jüdische Friedhof in Hottenbach, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Aufnahmen von Otmar Frühauf)

Reiner Schmitt, Gedenkbuch - Die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung aus den Orten des Birkenfelder Landes 1933-1945, 2011 (nicht im Druck erschienen; vorhanden im Hauptlandesarchiv Koblenz bzw. Stadtbibliothek Trier)

Hermann Mosel (Red.), Auf Themenweg jüdische Kultur in Hottenbach kennenelernen , aus: „Nahe-Zeitung“ vom 23.8.2022