Krotoschin (Posen)

Jüdische Gemeinde - Posen/Warthe (Posen/Westpreußen)  Ausschnitt aus historischer Landkarte und Kreiskarte Krotoschin Ende des 19.Jahrhunderts (Kartenausschnitt aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Die um 1430/40 gegründete Stadt Krotoschin fiel im Zuge der 2.Teilung Polens (1793) unter preußische Herrschaft. Heute ist Krotoszyn eine Stadt mit derezeit ca. 29.000 Einwohnern in der polnischen Woiwodschaft Poznan.

Die Anfänge einer jüdischen Gemeinde in Krotoschin reichen bis in die Zeit der Stadtgründung zu Beginn des 15.Jahrhunderts zurück. Während des 17.Jahrhunderts wurden den Krotoschiner Juden von den Stadtherren einige, teilweise recht weitreichende Privilegien zugestanden.

                   Aus einem Privileg von 1638:

„ ... Bethäuser für Manns- und Frauenpersonen können sie nach ihrem Belieben entweder aus Holz oder Stein aufbauen, so auch andere Verhandlungshäuser und Badehaus, auch ein Haus beim Begräbniß, auch ein Haus für den Rabbiner ... Den Juden ist erlaubt, aller Handel, in jeder Gattung, zu kaufen und zu verkaufen, es sei am Wochentage, oder am Wochenmarkte oder am Jahrmarkte, ... ... Wenn einem Juden eíne Gewaltthat geschieht, so sind die christlichen Nachbarsleute verpflichtet, alle mögliche Hilfe und Beistand zu leisten, ... Den Juden wird alle mögliche Freiheit, so wie den christlichen Bürgern erteilt, ... Es ist den Juden erlaubt, Bauholz und Häuser aufzustellen, so wie es den christlichen Bürgern erlaubt ist aus dem Stadtwalde zu entnehmen, ... ... Dafür, daß wir den Juden solche Freiheit erteilen, und ihnen allen Schutz sowohl hier als auswärtig versichern, soll ein jeder Eigenthümer 1 Dukaten und zwei Einwohner auch einen Dukaten zu Martini jeden Jahres bezahlen.

Zu städtischen Bedürfnissen, nämlich ein Rathhaus zu bauen, oder Thore, Brücken und Gräben, sind die Juden verpflichtet, nach Verhältniß ihrer Häuser ihren Theil beizutragen ... “

Während des schwedisch-polnischen Krieges (1655-1659) wurde die blühende jüdische Gemeinde in Krotoschin von marodierenden polnischen Söldnern fast komplett vernichtet; von etwa 400 jüdischen Familien lebten um 1660 nur noch 50 in der Stadt. Ihre wirtschaftliche Situation hatte sich sehr verschlechtert, was sich in den folgenden Jahrzehnten auch nicht änderte. Aus den 1670er Jahren ist die Existenz der ersten Synagoge in Krotoschin belegt, deren Bau ein 1673 von der Grundherrin zugestandenes Privileg ermöglichte.

Im Laufe des 18.Jahrhunderts erholte sich die jüdische Gemeinde wieder; zur wirtschaftlichen Gesundung trugen wesentlich die jüdischen Fernkaufleute bei, die Handelsbeziehungen bis Frankfurt/M. und Leipzig unterhielten.

In Krotoschin wirkten viele bekannte Talmud-Gelehrte. Ihre und andere Schriften wurden in den beiden örtlichen hebräischen Druckereien hergestellt, die einen hervorragenden Ruf besaßen.

Eine Feuersbrunst, die im Jahre 1774 die halbe Stadt zerstörte, äscherte auch das gesamte Judenviertel mitsamt der Synagoge, eines Lehrhauses, mehrerer Bibliotheken und wertvoller Kultgeräte ein. Nach dem Wiederaufbau brach etwa 50 Jahre später erneut ein Großbrand aus, dem wiederum das Gotteshaus zum Opfer fiel.

Von 1843 bis 1845 ließ die Gemeinde einen monumentalen Synagogenbau in der Tempelstraße errichten; es soll der größte Bau in der Provinz gewesen sein. Die Auseinandersetzungen zwischen religiös-orthodox und liberal-gesinnten Gemeindeangehörigen gingen so weit, dass eine zweite Synagoge errichtet wurde, in der - als erste der Provinz Posen - eine Orgel vorhanden war und es Chorgesang gab.

                          Synagoge (hist. Aufn. um 1940, biblioteka.muzeum.krotoszyn.pl)

In Krotoschin war zu Beginn des 19.Jahrhunderts versucht worden, eine jüdische „Vor-Elementarschule“ ins Leben zu rufen; erst dem „Verein zur Wahrung jüdischer Interessen” gelang es um 1850, für die zahlreichen jüdischen Kinder einen eigenen Schulbau zur Verfügung zu stellen.

Bereits seit dem 16.Jahrhundert besaß die Krotoschiner jüdische Gemeinde einen eigenen Friedhof, auf dem auch Verstorbene aus zahlreichen umliegenden Ortschaften beerdigt wurden, ehe dann dort eigene Begräbnisstätten entstanden.

Juden in Krotoschin:

         --- um 1650 ...................... ca.   400 jüdische Familien,

    --- um 1660 ...................... ca.    50     “       “    ,

    --- 1764 ............................. 1.749 Juden (ca. 35% d. Bevölk.),

    --- 1793 ............................. 1.384   “  ,

    --- 1800 ............................. 1.701   “  ,

    --- 1828 ......................... ca. 1.800   “  ,

    --- 1837 ......................... ca. 2.200   “  ,

    --- 1849 ............................. 2.327   “   (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1857 ............................. 2.098   “  ,

    --- 1871 ............................. 1.149   “  ,

    --- 1900/03 ...................... ca.   670   “  ,

    --- 1907 .............................   527   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- um 1925 ...................... ca.   120   “  ,

    --- 1939 ......................... ca.    50   “  .

Angaben aus: Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und ... , S. 577 f.

und                The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 681

Ihren Lebensunterhalt verdienten die Krotoschiner Juden zumeist im Kleinhandel und im Handwerk; besonders Schneider, Kürschner, Handschuhmacher und Posamentiers waren zahlreich vertreten. Im öffentlichen Leben der Stadt waren die jüdischen Bewohner aktiv beteiligt. Während der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts ging die Zahl der in Krotoschin lebenden Juden in Folge Abwanderung deutlich zurück; innerhalb von vier Jahrzehnten hatte sich die jüdische Bevölkerung - sie zählte um 1840/1850 mehr als 2.000 Personen - um zwei Drittel reduziert. Die allermeisten Familien verzogen in deutsche Großstädte. Trotzdem gab es um 1900 noch zahlreiche jüdische Vereine in der Stadt, wie z.B. den „Kranken- und Beerdigungsverein”, den „Jüdischen Jugendbund”, einen Frauenverein, einen Armenverein u.a.

ratusz-rynek-krotoszyn-11 ratusz-rynek-krotoszyn-13

hist. Aufnahmen aus Krotoschin, um 1900/1910 (Abb. aus: rodzinna-turystyka.pl/krotoszyn)

Als die Stadt nach Ende des Ersten Weltkrieges an Polen fiel, setzte sich die Abwanderung jüdischer Bewohner fort; auch ein Teil der deutschsprachigen christlichen Bevölkerung kehrte der Stadt den Rücken.

Nach der deutschen Okkupation 1939 wurden die letzten jüdischen Familien aus der Stadt vertrieben und ins Ghetto Lodz eingewiesen. Von den „Germanisierungsmaßnahmen“ waren auch Tausende polnische Einwohner betroffen, die „umgesiedelt“ wurden. Im Jahre 1941 wurde das Synagogengebäude zerstört. Ebenso erging es dem jüdischen Friedhof, dessen Grabsteine zerschlagen und als Baumaterial benutzt wurden; nur einige Steinrelikte haben die Zeiten überdauert.

Krotoszyn, dom przedpogrzebowy.jpg Mur z macew w Krotoszynie 

Ehem. Taharahaus (Aufn. Stiopa, 2013, aus: commons.wikimedia.org) und Grabsteinrelikt (Aufn. M.Ploszaj, aus: kirkuty.xip.pl)

Erst in jüngster Vergangenheit wurden wieder aufgefundene Grabsteinrelikte zusammengetragen und zu einem Lapidarium aufgeschichtet.

 

Simon Eppenstein, Rabbiner und Gelehrter, wurde 1864 als Sohn eines Kaufmanns in Krotoschin geboren. Im westpreußischen Briesen verbrachte er nach seiner Ausbildung (in Breslau, Berlin und Leipzig) als Rabbiner seine ersten Berufsjahre. Ab 1911 war er als Dozent am Berliner Rabbinerseminar tätig und erhielt eine Professur für Bibelexegese und jüdische Geschichte. 1920 starb er in Berlin.

Einer der führenden liberalen Rabbiner in Deutschland war der 1875 in Krotoschin geborene Max Dienemann. Von 1903 bis 1919 amtierte er als Rabbiner in Ratibor/Oberschlesien und ging dann anschließend nach OffenbachMain, wo er bis 1938 das Rabbinat leitete. Während seiner Tätigkeit warnte er von Nationalismus und Rassismus und setzte sich für die Ideen des Zionismus ein. Während der NS-Zeit war Dienemann zweimal im KZ inhaftiert, ehe er - via London - nach Palästina emigrierte, wo er wenig später starb. (vgl. Offenbach/Main)

 

Im Dorfe Jutroschin (poln. Jutrosin, derzeit ca. 2.000 Einw.) – südwestlich von Krotoschin – ließen sich in den Jahrzehnten nach Ende des Dreißigjährigen Krieges erstmals Juden nieder. Ihre durch die Grundherrschaft gesicherte Privilegierung mussten sich die jüdischen Familien durch festgelegte Abgaben erkaufen. Um 1800 lebte der Großteil der Juden Jutroschins vom Handel, aber auch vom Handwerk (Schneider, Kürschner). Ein als Fachwerkbau gegen Ende des 18.Jahrhunderts erstelltes Synagogengebäude wurde 1854 bei einem Brand zerstört; Jahre später verfügte die Gemeinde über eine neue Synagoge, die auch durch Spendengelder benachbarter Posener Gemeinden mitfinanziert wurde; die offizielle Einweihung des Neubaus war im Oktober 1861 erfolgt. Im Zusammenhang der Gemeindeauflösung wurde das Synagogengebäude in den 1930er Jahren profaniert und veräußert. - Eine jüdische Schule existierte seit 1840; zuvor besuchten die Kinder die katholische Ortsschule.

Seit ca. 1800 soll nahe des Dorfes ein jüdischer Friedhof bestanden haben; heute sind keinerlei Relikte dieser Begräbnisstätte mehr vorhanden, weil das Gelände während der deutschen Okkupation völlig zerstört wurde.                                                                         

                                           Synagoge in Jutroschin (hist. Aufn., aus: sztetl.org.pl) 

Juden in Jutroschin:

         --- 1675 ........................ ca.  20 Juden,

    --- 1800 ............................ 103   “  ,

    --- 1837 ............................ 170   “   (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1848 ............................ 185   “  ,

    --- 1861 ............................ 254   “   (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1871 ............................ 193   “  ,

    --- 1885 ............................ 148   “   (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1900 ............................ 112   “  ,

    --- 1912 ............................  74   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1921 ............................  29   “  ,

    --- 1924 ............................  15   “  ,

    --- 1939 ............................   8   “  .

                            Angaben aus: Jutrosin, in: sztetl.org.pl

Um 1860 bestand die jüdische Gemeinde aus ca. 50 Familien. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges löste sie sich auf Grund von Abwanderung fast völlig auf; 1932 lebten noch drei jüdische Familien im Dorf; sie wurden 1939/1940 ins „Generalgouvernement“ deportiert.

1941/1942 befand sich in der Nähe Jutroschin ein Zwangsarbeitslager für Juden; die Insassen wurden zu Meliorationsarbeiten eingesetzt.

 

In Zduny (poln. Zduny, derzeit ca. 4.200 Einw.) – nur wenige Kilometer südlich von Krotoschin – lebten zu Beginn der preußischen Zeit (ab 1793) knapp 200 jüdische Bewohner. Im Laufe des 19.Jahrhunderts nahm der Zahl ab; wenige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges waren es nur noch 40 Personen. Deren Synagoge, die in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts errichtet worden war, wurde verwüstet und der Friedhof während des Zweiten Weltkrieges zerstört. Nur Grabsteinrelikte weisen heute auf den einstigen Begräbnisplatz der jüdischen Gemeinde hin. Das Synagogengebäude blieb äußerlich erhalten.                                          

                                              Ehem. Synagoge in Zduny (Aufn. aus: fotoforum.gazeta.pl, 2012)  

Anm: Zduny wurde 1943 im Rahmen der "Germanisierung" in Treustädt umbenannt und trug diesen Namen bis 1945.

 

Weitere Informationen:

Heinrich Berger, Geschichte der Juden in Krotoschin, Krotoschin 1907 (Anm.: Dr. Heinrich Berger war Rabbiner in Krotoschin)

L. Lewin, Juden in Krotoschin, in: "Monatszeitschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", No. 77 (1933), S. 464 ff.

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909, S. 541 - 583

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 681

Malgorzata Frąckowiak (Bearb.), Krotoszyn, in: kirkuty.xip.pl

Jutrosin, in: sztetl.org.pl

International Jewish Cemetery Project (Hrg.), Jewish families of Krotoszyn, in: geni.com/projects/Jewish-Families-of-Krotoszyn (Aufsatz von 2016)