Loschitz (Mähren)

 Das nordmährische Loschitz - nordwestlich von Olmütz (Olomouc) bzw. nordöstlich von Gewitsch (Jevíčko) gelegen – ist das heutige tschech. Loštice mit derzeit ca. 3.000 Einwohnern (Ausschnitt aus der hist. Karte: Kreis Olmütz von 1836).

Gegen Ende des 16.Jahrhundert soll es in Loschitz bereits eine ansehnliche Judengemeinde gegeben haben; erste urkundliche Hinweise auf jüdische Bewohner stammen aus dem Jahre 1544; auch eine hölzerne Synagoge und ein Friedhof, angelegt am Fuße des Hájek, sind aus dieser Zeit belegt. Durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges verarmte auch die hiesige Judenschaft, die nur noch aus wenigen Familien bestand. Erst Ende des 17.Jahrhunderts nahm deren Zahl wieder zu, und es bildete sich eine neue Gemeinde, die auch jüdischen Flüchtlingen aus der Ukraine eine dauerhafte Bleibe gab. Das Judenviertel mit Synagoge entstand um 1730, als die jüdischen Familien veranlasst wurden, ihre angestammten Behausungen zu verlassen und an anderer, ihnen zugewiesener Stelle sich niederzulassen. Zu Beginn der 1790er Jahre hatte ein Großbrand im Ghetto zahlreiche Gebäude - darunter auch die Synagoge - zerstört. An Stelle der alten, aus Holz gebauten Synagoge errichtete die Gemeinde 1805 einen Neubau.

         Offizielles Gemeindesiegel                 

Eine jüdische Schule bestand am Ort seit den 1780er Jahren; auf Bitten der Gemeinde gab hier anfänglich ein christlicher Lehrer Unterricht.

                  In der jüdischen Wochenzeitschrift „Die Welt” wurde am 8.9.1899 über die Amtseinführung eines neuen Rabbiners berichtet:

Loschitz (Mähren) Am 15. v.M. fand die feierliche Installation unseres neugewählten Rabbiners, Herrn Dr. J. Bergmann, statt. Ein langgestreckter Zug von Wagen, die den vollzähligen Ausschuss der Betvereine Müglitz und Littau, die Vertreter der hiesigen Ferialverbindung jüdischer Hochschüler ‘Severitas’ etc. trugen, war dem neuen Rabbiner zum Bahnhofe entgegengefahren und geleitete ihn dann zum jüdischen Gemeindehause, wo die gesammte Judenschaft bereits Aufstellung genommen hatte. Hier begrüßte der Vorstandsstellvertreter, Herr David Hirsch, in äußerst schwungvollen Worten den Rabbiner im Namen der Cultusgemeinde und bat denselben, für die geistige und moralische Hebung der langverwaisten Gemeinde zu sorgen und die alten Ideale neu zu beleben. ... begab sich der Zug in den Tempel. Hier nun ... hielt Rabbiner Dr. Bergmann unter gespannter Aufmerksamkeit der dichtgedrängten Zuhörer seine Antrittsrede, in welcher er ausführte, wie der Rabbiner der Gegenwart, der Zeit der allgemeinen nationalen Rückkehr, der Gemeinde den wahren Weg vorzeichnen will, den wahren Weg, den unsere Väter gewandelt. Die Auseinandersetzungen des Predigers übten einen mächtigen Eindruck aus. Dem Festgottesdienste schloß sich ein Bankett an ...

Der um 1550 angelegte Friedhof weist heute noch ca. 650 Grabmäler auf; die ältesten noch vorhandenen Steine sind mehr als 300 Jahre alt.

ŽH Loštice 09.jpg ŽH Loštice 13.jpg

Grabstätten auf dem jüdischen Friedhof Loštice (Aufn. J. Erbenová, 2014, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0) 

Juden in Loschitz:

        --- um 1580 .......................    6 jüdische Familien,

    --- um 1680 .......................   16     "        "   ,

    --- 1727 ..........................  328 Juden (in 80 Familien),

    --- um 1800/20 ................ ca.  350   “   (in 70 Familien),

    --- 1848 ..........................  483   “   (ca. 17% d. Bevölk.),

    --- 1869 ..........................  284   “  ,

    --- 1880 ..........................  280   “   (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- um 1900 ................... ca.  115   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1921 ..........................   75   “  ,

    --- 1930 ...................... ca.   55   “  ,

    --- 1938 ..........................    6 jüdische Familien,

    --- 1943 ...........................  keine.

Angaben aus: Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, S. 79         

Geschäftsanzeigen um 1930:

           

Die jüdische Gemeinde Loschitz/Loštice wurde in der Zeit des Zweiten Weltkrieges ausgelöscht; Mitte Juni 1942 verschleppten die NS-Behörden die verbliebenen ca. 60 jüdischen Bewohner - via Olmütz - nach Theresienstadt, von dort weiter in die Vernichtungslager; die meisten Deportierten wurden ermordet. Auch der letzte Rabbiner der Gemeinde, Berthold Oppenheim, gehörte zu den Opfern; er kam in Treblinka gewaltsam ums Leben.

 

Nach Kriegsende kehrten nur wenige überlebende Juden nach Loštice zurück; eine Gemeinde bildete sich nicht wieder.

Das alte Synagogengebäude – es war seit den Kriegsjahren und danach als Lagerhaus, später als Schule benutzt worden - konnte in den letzten Jahren vor dem völligen Verfall bewahrt werden. Künftig soll es kulturellen Zwecken dienen und auf Initiative der „Foundation Respect and Tolerance“ eine Ausstellung zur jüdischen Geschichte der Region beherbergen.

                                               Synagogengebäude (Aufn. Martin Višňa, 2011)

  ... und nach der Restaurierung

Synagoga v Lošticích 03.jpg  Synagogue in Loštice interior.jpg

Aufn. Petr, 2015  und  T. Bednarz, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0

Fanny Neuda (1819-1894), Witwe des Rabbiners von Loschitz, veröffentlichte 1855 ein in deutscher Sprache abgefasstes Buch mit Gebeten und Andachtsübungen („Die Stunden der Andacht“); in dem an die jüdischen Frauen und Mütter gerichteten Buch bat Fanny Neuda eindringlich, auch für die religiöse Erziehung ihrer Töchter Sorge zu tragen. Das vielbeachtete Werk wurde fast 30mal neu aufgelegt (auch in englischer Übersetzung).

 

In Müglitz (Mohelnice, derzeit ca. 9.000 Einw.) - ca. 30 Kilometer nordwestlich von Olmütz (Olomouc) gelegen - hielten sich bereits zu Beginn des 14.Jahrhunderts kurzzeitig Juden auf.

Beschreibende Darstellung 06 Müglitz.jpg Müglitz, um 1845 (Abb. aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

Eine neuzeitliche Gemeinschaft bildete sich erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts; sie war der Kultusgemeinde Loschitz/Loštice angeschlossen und nutzte deren gemeindliche Einrichtungen. In Müglitz lebten um 1850 nur wenige jüdische Personen, um 1890/1900 waren es nahezu 200 Juden; das entsprach etwa 7% der Gesamtbevölkerung. Um 1920 war ihre Zahl auf ca. 90 Personen zurückgegangen, zehn Jahre später hatte sich deren Anzahl nochmals halbiert. Infolge der NS-Okkupation verließen fast hier noch lebenden jüdischen Familien die Kleinstadt.

Eine Nachkriegsgemeinde bildete sich in Mohelnice nicht mehr.

Auf dem ca. 6.500 m² großen Friedhofsareal sollen sich heute noch mehr als 600 Grabsteine befinden (?).

ŽH Mohelnice 11.jpg jüngere Gräber (Aufn. J. Erbenová, 2014, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Weitere Informationen:

Hugo Gold (Bearb.), Geschichte der Juden in Loschitz, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 317 - 320

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 78/79

P.Ehl/A.Parík/Jirí Fiedler, Alte Judenfriedhöfe Böhmens und Mährens, Paseka-Verlag, Prag 1991, S. 160

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 749 und S. 841

Jaroslav Brachtl, Lostice – history of Jewish Community, Manuskript 2007

Jaroslav Brachtl, Mohelnice – history of Jewish Community, Manuskript 2007

Lostice – Geschichte der jüdischen Gemeinde, online abrufbar unter: respectandtolerance.com/en/lostice.html (2010/2011)

Mohelnice – Geschichte der jüdischen Gemeinde, online abrufbar unter: respectandtolerance.com/en/historie-zidovske-komunity-mohelnice.html (2010/2011)