Kulm (Westpreußen)

Kreis Kulm um 1890 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Kulm im 19.Jahrhundert – Lithografie C.A. Mann (Abb. aus: wikipedia-org, PD-alt)

In Kulm/Weichsel (auch Culm, poln. Chelmno, derzeit ca. 19.500 Einw.) - auf einer Anhöhe am östlichen Weichsel-Ufer ca. 30 Kilometer südwestlich von Graudenz bzw. ca. 20 Kilometer nordöstlich von Bromberg gelegen - siedelten sich nach der preußischen Angliederung in Folge der 1.Teilung Polens (1772) erstmals jüdische Familien an. Denn bis ins späte 18.Jahrhundert war es Juden verboten, sich in der Stadt niederzulassen; erst mit der Besitznahme Preußens wurde dieses Verbot außer Kraft gesetzt.

Trotz der feindseligen Haltung deutscher Kaufleute konnten sich die jüdischen Händler - sie waren zumeist im Getreidehandel tätig - auf Dauer behaupten. Um 1815 lebten in der Stadt nur elf jüdische Familien. Die jüdische Bevölkerung wuchs in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts stark an und erreichte um 1855 ein Maximum von mehr als 1.000 Personen.

Erste Begräbnisse auf dem jüdischen Friedhof in Kulm - an der damaligen Ackerstraße - fanden hier bereits im ausgehenden 18.Jahrhundert statt.

Eine formelle Gemeindegründung erfolgte um 1820; ca. zwei Jahrzehnte später wurde die behördliche Genehmigung zum Bau einer Synagoge erteilt, die wenig später errichtet wurde und der jüdischen Bevölkerung des Kreises sowie angrenzender Ortschaften gottesdienstlicher Mittelpunkt war. Die feierliche Einweihung der neuen Synagoge an der Querstraße wurde Ende Mai 1843 von Dr. Hermann Sommerfeld, dem Prediger der Elbinger Gemeinde, vorgenommen.

             Synagoge in Kulm (hist. Aufn.)

An der Ritterstraße - nahe der Synagoge - befand sich das jüdische Schlachthaus.

Juden in Kulm:

--- 1816 ..........................  42 Juden (ca. 1% d. Bevölk.),

--- 1831 .......................... 315   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

--- 1845 .......................... 530   “  ,

--- 1864 .......................... 520   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

--- 1871 .......................... 478   “  ,

--- 1886 .......................... 516   “  ,

--- 1898 .......................... 463   “ ,

--- 1900 ...................... ca. 340   "  ,

--- 1910 .......................... 248   “  ,

--- 1921 ..........................  77   “  ,

--- 1923 ..........................  39   “  ,

--- 1927 ..........................  15   "  .

Angaben aus: Anna Soborska-Zielinska, Z dziejów gminy zydowskiej w Chelmnie (From the history of Jewish community in Chelmno), 2007

und                   Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, S. 247

Marktplatz von Kulm um 1850 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts verstärkte sich die Abwanderung der hier lebenden jüdischen Familien. Als nach Ende des Ersten Weltkrieges Kulm an den polnischen Staat fiel, verließ ein Teil der deutschen Bevölkerung, darunter auch zahlreiche Juden, die Stadt.

http://www.chelmno.info/culmerzeitung/1911-01-06-4o.jpg Anzeige aus der "Culmer Zeitung", Jan. 1911

Zu Beginn der 1920er Jahre lebten kaum noch 100 Bürger jüdischen Glaubens in Chelmno, Anfang der 1930er Jahre waren es nicht einmal mehr 50 Personen. Die bis 1932 noch autonome Gemeinde schloss sich angesichts der weiter abnehmenden Mitgliederzahl nun der Kultusgemeinde Graudenz an.

http://www.chelmno.info/wp-content/uploads/2012/06/nszeit.jpg Straßenzug in Chelmno (hist Aufn. Ende der 1930er Jahre)

Unmittelbar nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden die wenigen Kulmer Juden „umgesiedelt“; sie wurden im Wald bei Klamry ermordet. Die 1842/1843 errichtete Synagoge wurde alsbald gesprengt bzw. abgerissen, der Friedhof eingeebnet.

 

Das Areal des ehemaligen jüdischen Friedhofs ist heute eine Grünanlage; dort steht ein Gedenkstein, der an die Angehörigen der ehemaligen jüdischen Gemeinde erinnert.

       Gedenkstein (Aufn. Tomasz P., 2011, aus: wikipedia.org, CC BY 2.0)

Im Gegensatz zur Synagoge und dem jüdischen Friedhof hat das Haus (an der ul. Dominikańska ), in dessen Kellerräumen die Mikwe der jüdischen Gemeinde untergebracht war, die Zeiten bis heute überdauert.

 

Salomon Samuel - erster Rabbiner der jüdischen Gemeinde Essen - wurde 1867 im westpreußischen Culm als Sohn eines Religionslehrers geboren. Seine Ausbildung nahm er an der Universität Berlin und an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums wahr; sein Studium schloss er 1893 mit der Promotion an der Universität Halle-Wittenberg ab. Von 1894 bis 1932 war der reformorientierte Dr. Samuel Rabbiner der Essener Synagogengemeinde. In seine Amtszeit fiel der von ihm forcierte Neubau der Essener Synagoge. Sein Engagement für gesellschaftliche Integration zeigte sich in vielen Bereichen, vor allem in der sozialen Fürsorge für sozial Schwache. 1932 ging Dr. Samuel in den Ruhestand und lebte fortan in Berlin, wo er sich neben der rabbinischen Betreuung von Menschen in Altenheimen seinen religionswissenschaftlichen Studien widmete. 1942 wurde er zusammen mit seiner Frau ins Ghetto Theresienstadt „umgesiedelt“: Wochen später ist er dort umgekommen.

  An seinem letzten Wohnsitz (Berlin-Grunewald, Margaretenstraße) erinnert heute ein sog. "Stolperstein" an Dr. Salomon Samuel (Abb. OTFW, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Georg Salzberger (geb. 1882 in Culm) war der Sohn des Rabbiners Dr. Moritz Salzberger. Nach Studium und Promotion in Berlin war Georg Salzberger von 1910 bis 1939 Rabbiner in der Israelitischen Gemeinde Frankfurt. Nach der „Kristallnacht“ wurde er festgenommen und ins KZ Dachau verschleppt. Im Frühjahr 1939 konnte er Deutschland verlassen und nach England emigrieren. Dort war er Mitbegründer der einzigen deutschsprachigen jüdischen Gemeinde in London und bis Mitte der 1950er Jahre deren Rabbiner. Salzberger – mit zahlreichen Ehrungen bedacht (1962 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz und 1972 die Buber-Rosenzweig-Medaille) starb hochbetagt 1975 in London.

 

Weitere Informationen:

Benno Heym, Geschichte des Kreises Briesen und seiner Ortschaften, Briesen 1902

Max Aschkewitz, Der Anteil der Juden am wirtschaftlichen Leben Westpreußens um die Mitte des 19.Jahrhunderts, in: "Zeitschrift für Ostforschung", No. 11/1962, S. 482 ff.

Max Aschkewitz, Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, in: "Wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Ost-Mitteleuropas", hrg. vom Johann Gottfried Herder-Institut No. 81, Marburg 1967

Marian Biskup (Hrg.), Dzieje Chełmna i jego regionu [Geschichte Kulms und seiner Region], Toruń 1968

Horand Henatsch (Hrg.), Kulm an der Weichsel. Stadt und Land im Wechsel der Geschichte 1232 - 1982, Bremervörde 1982

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001

Anna Soborska-Zielinska, Z dziejów gminy zydowskiej w Chelmnie (From the history of Jewish community in Chelmno), Chelmno 2007

Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, Teilband 2, New York 2009, S. 244 - 250

Andreas Prause (Bearb.), Chelmno nad Wisla. Culm an der Weichsel. Geschichte und Sehenswertes, online abrufbar unter: chelmno.info (2012) 

Chelmno, in: sztetl.org.pl