Malchin (Mecklenburg-Vorpommern)

Mecklenburgische Seenplatte Karte Malchin ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 7.500 Einwohnern im Nordwesten des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte - ca. 35 Kilometer östlich von Güstrow gelegen (Karte aus: ortsdienst/mecklenburg-vorpommern/mecklenburgische-seenplatte).

In den Jahrzehnten vor den Pestpogromen von 1348/1349 hielten sich bereits vereinzelt Juden im mecklenburgischen Malchin auf; so verpfändete 1378 Johann, Fürst von Werle, das "Schutzgeld", das die Juden als Sondersteuer an die Landesherren zu entrichten hatten, an die Stadt Malchin. Danach tauchen erst wieder gegen Ende des 17.Jahrhunderts urkundliche Hinweise auf jüdische Bewohner auf. So soll es um 1700 eine „Judenstraße“, die spätere Strelitzer Straße, in der Kleinstadt gegeben haben (?).

Die ersten nachweisbaren Schutzjuden in Malchin waren Joseph Joseph und Jacob Benjamin, die beide ihren Schutzbrief im Jahre 1749 erhalten hatten; vier Jahre später folgte ihnen Jacob Moses oder Moses Jacob, Mit der jährlichen Zahlung von jeweils zwölf Reichstalern war deren „Schutz“ garantiert. In einer Auflistung der Schutzjuden Malchins werden 1811 insgesamt 17 Inhaber eines Privilegs aufgeführt.

Im Jahre 1752 gestattete es die hiesige Herrschaft, in Malchin einen „jüdischen Landtag“ abzuhalten, der die Belange der Judenschaft vertreten und zu einer gewissen Organisation innerhalb dieser beitragen sollte. Die hier gefassten Beschlüsse konnten aber nicht umgesetzt werden. Beim nächsten, 1764 in Schwaan abgehaltenen „Judenlandtag“ waren die Vertreter der Juden aus Mecklenburg-Vorpommern erfolgreicher.

Die israelitische Gemeinde Malchin wurde vermutlich 1816 gegründet. Ein erster Betraum, der vermutlich seit den 1760er Jahren bestand, wurde in den 1830er Jahren durch eine neue Synagoge ersetzt, die auf einem rückwärtigen Grundstück errichtet wurde.

   Malchiner Synagoge (hist. Karte, aus: wiener-werkstaette-postkarten.com)

Die Gemeindemitglieder sorgten zeitweilig auch für die Anstellung und Bezahlung eines jüdischen Lehrers, der nicht nur die Kinder religiös zu unterweisen, sondern auch „als Vorbeter hiesiger Gemeinde die Gottesdienstlichen Verrichtungen jeglicher Art” durchzuführen hatte. In einem angemieteten Hinterhaus richtete die Gemeinde eine Mikwe ein, die zum „beliebigen Gebrauch für verheirathete Frauen und unverheirathete Töchter, auch Personen männlichen Geschlechts” diente.

Zeitgleich mit der Gemeindegründung legte die hiesige Judenschaft einen Friedhof vor dem Mühlentor außerhalb der Ortschaft an; die Neuanlage einer Begräbnisstätte auf einer bereits angekauften Ackerfläche wurde aber nicht mehr realisiert.

Juden in Malchin:

    --- um 1750/55 ...................   7 jüdische Familien,

    --- 1767 .........................  12     “       “    ,

    --- 1797 .........................  18     “       “    ,

    --- 1816 ......................... 116 Juden,

    --- 1824 ......................... 124   "  ,

    --- 1830 ......................... 128   “  ,

    --- 1835 ......................... 100   "  ,

    --- 1867 .........................  75   “  ,

    --- 1875 .........................  55   “  ,

    --- 1910 .........................  22   “  ,

    --- 1925 .........................  13   “  .

Angaben aus: Regionalarchiv der Gebrüder Böttcher, Malchin (Mecklenburg)

und                 N. Francke/B. Krieger, Schutzjuden in Mecklenburg. Ihre rechtliche Stellung, ihr Gewerbe, ..., S. 37

Malchin im 19. JahrhundertZentraler Platz in Malchin (Abb. aus: killikus.de/mecklenburgische-schweiz/malchin)

Bereits ab den 1830er Jahren machte sich in Malchin eine Abwanderung jüdischer Familien bemerkbar. Als nach 1860 vermehrt jüdische Familien abwanderten, begann der Niedergang der Malchiner Gemeinde. Als dann um 1920 nur noch einige jüdische Familien hier lebten und die Unterhaltung des Synagogengebäudes nicht mehr finanziell getragen werden konnte, wurde 1923 der Verkauf des Synagogengebäudes beschlossen; nach Umbauten war es fortan als katholischer Gebetsraum in Nutzung. Wenig später wurde die israelitische Malchiner Gemeinde offiziell aufgelöst; die verbliebenen Malchiner Juden schlossen sich widerstrebend der jüdischen Gemeinde von Stavenhagen an.

Das Schicksal der wenigen jüdischen Einwohner von Malchin während der NS-Zeit ist weitgehend unbekannt.

Die während der Novembertage 1938 beabsichtigte Brandlegung des einstigen Synagogengebäudes soll der Malchiner Polizeimachtmeister Bruno Watzke verhindert haben. Das ehemalige Synagogengebäude wurde im Frühjahr 1945 - zusammen mit ganzen Straßenzeilen der Kleinstadt - von Soldaten der sowjetischen Armee in Brand gesetzt und zerstört.

Die Reste des jüdischen Friedhofs fielen Anfang der 1950er Jahre der Einebnung des Geländes zum Opfer; 2005 soll das ehemalige Friedhofsgelände als solches wieder hergerichtet worden sein. Auf dem relativ großen Areal - inmitten eines Industriegebiets - findet man aber heute keine Grabsteine bzw. -relikte mehr.

 Der 1831 in Malchin geborene Siegfried Marcus gilt als einer der Erfinder des Automobils. Als Konkurrent von Daimler-Benz ist Marcus, der zahlreiche Patente besaß, in Vergessenheit geraten. Keines seiner Patente wurde wegen Geldmangels und gesundheitlicher Probleme industriell umgesetzt. Am Geburtshaus des Erfinders ist eine Gedenktafel angebracht; er starb 1898 in Wien. Sein Motor-Wagen war das erste von Benzin angetriebene Fahrzeug (1870) und befindet sich heute im Technischen Museum in Wien.

Der spätere Maler, Illustrator und Karikaturist Otto Marcus wurde 1863 in Malchin als Sohn des jüdischen Kaufmanns Louis (Levy) Marcus geboren. In jungen Jahren ging er nach Wien und war dort Schüler an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Drei Jahre später (1882) schrieb er sich an der Münchner Kunstakademie ein, wo er in der Historienmalerei eine Ausbildung erfuhr. Nach Aufenthalten in Paris und in Italien ließ Otto Marcus sich 1890 in Berlin nieder, wo er für verschiedene Verlage als Illustrator tätig war. Von 1901 bis 1927 übernahm er eine Lehrtätigkeit an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums. Otto Marcus – er hatte sich 1905 vom Judentum losgesagt - konnte 1939 noch rechtzeitig nach London flüchten, musste dazu allerdings seine Ehefrau in Berlin zurücklassen, die bei einem Bombenangriff ums Leben kam. 1952 verstarb Otto Marcus im Londoner Exil.

In dem zwischen Malchin und Dargun liegenden Städtchen Neukalen existierte bis gegen Ende des 19.Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde, deren Ursprünge vermutlich Ende des 17.Jahrhunderts lagen. Aus dieser Zeit stammt auch die jüdische Friedhof, der weit außerhalb der Ortschaft lag und damit als einer der ältesten jüdischen Begräbnisplätze Mecklenburgs gilt.

Der erste schriftliche Nachweis dafür, dass in Neukalen jüdische Familien lebten, stammt aber erst aus dem Jahre 1757; in einem Protokoll ist die Nennung zweier Schutzjuden belegt. Um 1820 setzte sich die jüdische Gemeinschaft aus ca. 65 Angehörigen zusammen; in den folgenden Jahrzehnten nahm ihre Zahl kontinuierlich ab. Noch im Jahre 1843 erhielt die israelitische Gemeinde eine neue Synagoge, die auf Grund einer Schenkung von Nachkommen Neukalener Juden erbaut wurde. Gleichzeitig ließ man ein Stiftshaus für bedürftige Witwen errichten; beide Gebäude lagen in der Wasserstraße. Bereits 1899 geschah der meistbietende Verkauf des inzwischen maroden Synagogengebäudes und des Stiftshauses; die Synagoge wurde fast gänzlich abgerissen, das Stiftshaus blieb erhalten. (Anm.: In jüngster Vergangenheit ist das jüdische Stiftshaus vorbildlich saniert worden.) Die Kultusgegenstände waren bereits vorher an andere Gemeinden veräußert worden.

Um 1900 löste sich die Gemeinde formell auf; die wenigen in Neukalen wohnenden Juden wurden danach der Kultusgemeinde in Dargun angeschlossen (sollen dort jedoch fast nie an Gottesdiensten in Dargun teilgenommen haben).

 Anzeige von 1926

                       Briefkopf einer Rechnung (1933) 

Um 1910 lebten nur noch drei Familien mit zehn Personen im Ort; 1933 waren es nur noch zwei Familien. Die letzte jüdische Bewohnerin Neukalens verstarb im Frühjahr 1938 an ihrem Heimatort (angeblich durch Suizid).

                               
              Das ehem. jüdische Stiftshaus um 1960 mit Resten der Synagoge - nach der Sanierung (Aufn. stadt-neukalen.de, 2010)

Der jüdische Friedhof, der 1899 in den Besitz der Kommune ging und später im Laufe der Jahrzehnte immer mehr verwahrloste, wurde in den 1990er Jahren - so gut es eben ging - wieder hergerichtet; heute findet man auf dem Gelände noch ca. zehn Grabsteine.

Jüdischer Friedhof Jüdischer Friedhof Neukalen (Aufn. aus: stadt-neukalen.de)

Weitere Informationen:

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 495 und S. 518

Jürgen Borchert/Detlef Klose, Was blieb ... Jüdische Spuren in Mecklenburg, Berlin 1994

Norbert Böttcher, Ein Wachtmeister namens Watzke. Zur Geschichte der Juden in Malchin - Ein Beitrag anläßlich der Pogromnacht am 9./10.November 1938, in: ‘Mecklenburger Schweiz’ - Zeitung für Teterow, Malchin, Stavenhagen vom 8.11.1997

Norbert Francke/Bärbel Krieger, Schutzjuden in Mecklenburg. Ihre rechtliche Stellung, ihr Gewerbe ..., Hrg. Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg u. Vorpommern e.V., Schwerin 2002

Norbert Böttcher, Siegfried Marcus: bedeutender Ingenieur und vielseitiger Erfinder. Vom mecklenburgischen Malchin nach Wien, Verlag Hentrich & Hentrich, Teetz 2005

Stadt Malchin richtet jüdischen Friedhof wieder her, in: „Malchiner Generalanzeiger“ Band14/2005, 6, S. 15

Regionalarchiv der Gebrüder Böttcher, Malchin (Mecklenburg)

Werner Schröder/Wolfgang Schimmel, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Neukalen (Aufsatz), Stadt Neukalen 2010 (online)

Peenestadt Neukalen (Hrg.), Jüdischer Friedhof, in: stadt-neukalen.de

Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer, Ehemaliges jüdisches Leben in Neukalen, in: Geschichte der Juden in Mecklenburg, Aufsatz vom 1.12.2016, in: http://www.juden-in-mecklenburg.de/Orte/Neukalen

Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer, Ehemaliges jüdisches Leben in Malchin, in: Geschichte der Juden in Mecklenburg, Aufsatz vom 13.4.2016, in: http://www.juden-in-mecklenburg.de/Orte/Malchin