Malsch b. Heidelberg (Baden-Württemberg)

Datei:Malsch in HD.svg Malsch ist eine kleine Kommune mit derzeit ca. 3.500 Einwohnern im Rhein-Neckar-Kreis – ca. knapp 20 Kilometer südlich von Heidelberg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Bereits im 14.Jahrhundert sollen sich vermutlich Juden in der Gegend um Malsch aufgehalten haben bzw. kurzzeitig hier gelebt haben. Die ältesten nachweisbaren Spuren jüdisches Lebens reichen zurück bis ins Jahr 1646.

Das bis 1803 zum Hochstift Speyer, später zu Baden gehörende Dorf Malsch beherbergte seit Beginn des 18.Jahrhunderts wenige jüdische Familien; 1721 war es das einzige Dorf im Amtsbezirk Rotenberg, in dem Juden wohnten (fünf Familien). Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts machte der jüdische Bevölkerungsanteil immerhin sieben Prozent aus (knapp 100 Pers.). Das jüdische Wohngebiet konzentrierte sich ursprünglich auf die Brunnengasse, auch „Judengasse“ bzw. „Synagogengasse“ genannt.

Zunächst war vermutlich ein Betsaal in einem der jüdischen Häuser untergebracht; seit 1831 bemühte sich die Gemeinde um den Bau einer Synagoge. In einem Hintergebäude an der Hauptstraße ließ die Dorfjudenschaft dann 1833/1834 ihr Gotteshaus erbauen; im Nebengebäude waren später die jüdische Religionsschule und die Lehrerwohnung untergebracht. Auf dem Grundstück befand sich seit 1834 auch eine Mikwe und der „Judenbrunnen“, der von einer starken Quelle gespeist wurde. Da der Brunnen besonders ergiebig war, diente er in besonders trockenen Jahren oft als einziger funktionierender Wasserspender in Malsch.

Für die Verrichtung religiös-ritueller Aufgaben hatte die Gemeinde einen Lehrer angestellt; laut der überlieferten Ausschreibungen der Stelle muss hier ein häufiger Lehrerwechsel stattgefunden haben; es folgen vier Beispiele aus den Jahren 1875, 1887, 1906 und 1908.

 

 

Stellenangebote aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22.Dez. 1875, vom 14.Aug.1887, vom 10.Jan. 1907 und vom 24.Dez. 1908

Von der feierlichen Zeremonie anlässlich der Übergabe einer neuen Thorarolle berichtete ein Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Mai 1891:

"Malsch. (Baden), 12. Mai. Am Freitag, den 8. und am Schabbat Paraschat Keduschim, den 9. Mai fand hier eine hochwichtige religiöse Feier statt. Von dem religiösen Geiste, welcher noch die ganze hiesige isr. Gemeinde beherrscht, legt das Fest Zeugniß ab, das an oben genannten Tagen hier gefeiert wurde. Herr A. Marschall, einer der angesehensten Bürger der israelitischen Gemeinde und ein echter Jehudi im wahren Sinne des Wortes, stiftete eine neue Thora-Rolle für die hiesige Synagoge. Von nah und fern waren Gäste herbeigeströmt, um an dieser erhebenden Einweihungsfeier theilzunehmen. Unter den Klängen der Musik wurde die Thorarolle aus dem Hause des Spenders abgeholt und begleitet von seiner sehr zahlreichen Menge Festgästen bewegte sich der Zug durch die mit Guirlanden und Fahnen geschmückten Straßen in die festlich geschmückte Synagoge. Den Mittelpunkt des hier stattfindenden Gottesdienstes bildete die Rede unseres hochverehrten Rabbiners Herrn Dr. Eschelbacher aus Bruchsal. Die mit Begeisterung für unsere heilige Religion gesprochenen Worte fanden begeisterten Widerhall im Herzen aller Festtheilnehmer. Besonders erwähnenswerth ist, daß seitens der christlichen Bevölkerung die Theilnahme an dieser Feier eine sehr große war, und legt diese Betheiligung Zeugniß von dem hier herrschenden Geiste der Einigkeit und des Friedens ab. Den Schluß des Festes bildete Samstag Nacht ein Festbankett, das die Festtheilnehmer zum fröhlichen Beisammensein vereinigte."  

Über eine eigene Begräbnisstätte verfügten die Malscher Juden nicht; ihre Verstorbenen begrub die Gemeinde zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Obergrombach, ab Ende der 1870er Jahre dann in (Bad) Mingolsheim und Eichtersheim (?). 

Die Gemeinde gehörte seit 1827 zum Rabbinatsbezirk Bruchsal.

Juden in Malsch:

         --- 1740 ..........................   3 jüdische Familien,

    --- 1785 ..........................   6     “       “    ,

    --- 1825 ..........................  54 Juden (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1831 ..........................  13 jüdische Familien,

    --- 1836 ..........................  60 Juden,

    --- 1864 .......................... 100   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

     --- 1871 ..........................  95   “  ,

     --- 1880 ......................... 116   “  ,

    --- 1885/87 ....................... 123   “  ,

    --- 1910 ..........................  76   "  (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1925 ..........................  52   “  ,

    --- 1933 ..........................  40   “  ,

    --- 1940 (Sept.) ..................  15   “  ,

                    (Nov.) ...................   keine.

Angaben aus: F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden, S. 184

und                 Malsch b. Heidelberg, aus: alemannia-judaica.de

Gegen Ende der 1880er Jahre erreichte die Zahl der in Malsch lebenden Juden ihren Höchststand; danach wanderten immer mehr Juden ab. Die meisten Malscher Juden lebten vom Handel mit Vieh, Fellen und Hopfen; daneben gab es einige Ladengeschäfte am Ort. Eine Zigarrenfabrik im Nachbarort Rot gehörte einer hiesigen jüdischen Familie. Im Jahre 1933 gab es in Malsch noch neun Geschäfte/Gewerbebetriebe in jüdischem Besitz.

Obwohl in Malsch mehrheitlich die katholische Zentrumspartei gewählt wurde, gewann die nationalsozialistische Propaganda zunehmend Einfluss bei den Ortsbewohnern; dies dokumentierte sich darin, dass die Malscher Juden immer stärkeren Repressalien ausgesetzt waren; so wurden Fenster eingeworfen und auch Läden geplündert. Bereits 1936 waren die meisten Geschäfte jüdischer Besitzer aufgegeben worden; nur zwei kleinere Ladengeschäfte konnten sich noch bis 1938 halten.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde Malsch von einem SA-Kommando aus Wiesloch heimgesucht, das die Inneneinrichtung der Synagoge und das Mobiliar einiger von Juden bewohnter Häuser zertrümmerte; das Schuhgeschäft von Max Heß und der Textilladen von Heinrich Hamburger wurden geplündert. Die meisten der in „Schutzhaft“ genommenen jüdischen Männer wurden via Heidelberg ins KZ Dachau verbracht.

Das Synagogengelände wurde alsbald von der Kommune ‚erworben’, das Gebäude 1939 abgerissen.

Anm.: Die Thorarolle wurde von Simon Heß aus der brennenden Synagoge gerettet; Adolf Heß, der "Schuh-Herzl", nahm sie an sich und brachte sie bei seiner Emigration in die USA mit, wo sie später im Nachlass seines Sohnes entdeckt wurde.

Während es einem Teil der Malscher Juden bis 1940 noch gelang, in die Emigration zu gehen (ca. 25 Pers.), wurden die verbliebenen 15 Personen am 22.Oktober 1940 - via Heidelberg - nach Gurs/Südfrankreich deportiert.

Über die Vorgehensweise bei der Deportation berichtete die Polizeidienststelle am 24.10.1940 an das Landratsamt in Heidelberg wie folgt:

... Die Aktion wurde unter Heranziehung von 6 Gendarmerie- bzw. Polizeimachtmeistern ... durchgeführt. Den in Frage kommenden Juden wurden am 22.10.1940 um 7.30 Uhr der Erlaß des Ministeriums des Inneren und die Anordnungen der Gestapo-Stelle Heidelberg mündlich eröffnet. Die Juden nahmen diese Eröffnungen mit Bestürzung auf, fügten sich aber den getroffenen Anordnungen, so daß es in keinem Falle zu Weigerungen kam. ... Jedem jüdischen Haushalt wurde ein Gendarm ... zur Aufsicht und Überwachung zugeteilt ... Nachdem die Juden ihre Sachen gepackt hatten, wurden sie unter Bewachung nach dem Rathaus in Malsch verbracht und von dort aus um 13.30 Uhr mittels Sonderfahrzeug durch die Geheime-Staatspolizei-Stelle in Heidelberg abgeholt. Da einige Juden größere Geldbeträge und Wertpapiere in Besitz hatten, wurden diese nach unterschriftlicher Anerkennung der Beträge durch den Unterzeichneten erhoben, versiegelt und bei der Kreditkasse in Malsch verwahrt. ... Die Geldbeträge wurden deshalb erhoben, da die Juden einzeln in mehreren Häusern in Malsch wohnten und es nicht ratsam erschien, die Geldbeträge und Sparkassenbücher dort zurückzulassen.

Von den nach Gurs Deportierten kamen die meisten ums Leben. Mindestens 13 gebürtige bzw. länger am Ort lebende Juden Malschs wurden Opfer des Holocaust.

Einige Jahre nach Kriegsende kehrten nur zwei Malscher Juden - sie hatten die letzten Kriegsjahre in einem Altersheim bei Lyon überlebt - in ihre angestammte Heimat zurück.

1960 wurde das alte, ehemalige jüdische Schulgebäude abgerissen. Im Jahre 1995 wurde dann am ehemaligen Standort der Synagoge ein aufrechtstehender Fels platziert, der eine kleine Tafel mit der folgenden Inschrift trägt:

An diesem Platz stand die SYNAGOGE der jüdischen Gemeinde Malsch.

Das Gotteshaus wurde in der Nacht zum 9.November (Reichskristallnacht)

durch Brand und teilweisen Abbruch zerstört.

Gemeinde Malsch, November 1993

Von Teilnehmern der Konfirmandenarbeit der Paulusgemeinde wurde das „Objekt“ entworfen und 2015 verwirklicht (Abb. aus: mahnmal-neckarzimmern.de). Der gespaltene Baumstumpf soll die gewaltsame Entfernung der jüdischen Einwohner aus ihrer Heimatkommune am 22. Oktober 1940 symbolisieren.

Jüngst wurden in Bruchsal zwei sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an zwei gebürtige Malscher Jüdinnen erinnern. In Malsch selbst wurden 2018 auch „Stolpersteine“ verlegt: die acht Steine erinnern an zwei Standorten (Dorfplatz und Mühlgasse) an Angehörige der jüdischen Familien Hilb/Hamburger und Heß.

Weitere Informationen:

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 184/185

Verkehrs- und Heimatverein Malsch (Hrg.), 1200 Jahre Malsch - Menschen, Schicksale, Ereignisse. Die Geschichte einer Gemeinde, Malsch 1983

Willy Messmer, Juden unserer Heimat. Die Geschichte der Juden aus den Orten Mingolsheim, Langenbrücken und Malsch, Bad Schönborn 1986, S. 158 - 166

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 472

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 305/306

Malsch (Rhein-Neckar-Kreis), in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

N.N. (Red.), Auf den Spuren des jüdischen Lebens in Malsch, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 15.5.2014

N.N. (Red.), Erbe und Geschichte der Juden bewahren, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 4.1.2016

Hans-Georg Schmitz, Die Synagoge in Malsch (Aufsatz), 2016

N.N. (Red.), Malsch: Stolperstein-Initiative will an frühere jüdische Mitbürger erinnern, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 15.2.2017

Cloé (Red.), Gemeinderat Malsch. Große Mehrheit für die Verlegung von Stolpersteinen, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 7.4.2017

Cloé (Red.), Stolperstein-Initiative in Malsch: Auf den Spuren des jüdischen Lebens, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 2.5.2017

Cloé (Red.), Stolpersteine sind ein Zeichen der Zugehörigkeit. In Malsch wurden die ersten acht Stolpersteine verlegt, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 20.2.2018

N.N. (Red.), Als der Judenhass in Malsch von der Kette gelassen wurde, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 9.11.2018