Malsch b. Karlsruhe (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für Malsch baden-Württemberg Malsch ist eine Kommune mit derzeit ca. 14.500 Einwohnern im Landkreis Karlsruhe – ca. 15 Kilometer südlich der Kreisstadt (Karte F.Paul, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts gehörte die jüdische Gemeinde Malsch zu einer der größten im Landkreis Karlsruhe.

Wohl schon während des Dreißigjährigen Krieges ließen sich die ersten jüdischen Familien in Malsch nieder. Zu Beginn des 18.Jahrhunderts lebten sechs jüdische Händlerfamilien in Malsch, die ihren Lebensunterhalt im Kram- und Viehhandel verdienten. Nach Aufhebung der Niederlassungsbeschränkungen zu Beginn des 19.Jahrhunderts wuchs die jüdische Gemeinde stetig an und zählte in ihrer Blütezeit mehr als 300 Angehörige.

 Vermutlich zu Beginn des 19.Jahrhunderts wurde eine Synagoge in einem Hinterhof an der Hauptstraße gebaut, die einen privaten Betraum ablöste. Mit dem deutlichen Anwachsen der Gemeinde rückte eine Vergrößerung der Synagoge bzw. ein Synagogenneubau ins Kalkül, doch Querelen innerhalb der Gemeinde bzw. mit dem Bezirksrabbinat ließen das Projekt scheitern.

                     Synagoge, links am Bildrand (Aufn. aus: W. Widemann, o.J.)

Eine bald notwendig gewordene Sanierung des Gebäudes scheiterte dann am Geldmangel der nach 1900 nun wieder kleiner werdenden Gemeinde. Im Jahre 1934 (!) wurde eine neue Thorarolle eingeweiht; die Zeitschrift „Der Israelit“ berichtete in seiner Ausgabe vom 23.6.1934 darüber:

Malsch bei Ettlingen, 23. Juli. Eine seltene Feier erlebte ... unsere Gemeinde. Durch eine größere Spende der hiesige Chewra Gemillut Chassodim (Wohltätigkeitsverein) und einen Zuschuß der „Freien Vereinigung“ war es möglich, eine Torarolle neu schreiben zu lassen. Nachdem die einzelnen Gemeindemitglieder am Vortrage den letzten Absatz zu Ende geschrieben hatten, wurde die neue Thorarolle am Heiligen Schabbat Paraschat Chukat feierlich unter Vorantragung sämtlicher Thorarollen in die geschmückte Synagoge eingeführt. Herr Bezirksrabbiner Dr. Ucko aus Offenburg hielt eine weihevolle Ansprache. Die Feier hinterließ bei allen Anwesenden einen tiefen Eindruck. - Die Thorarolle wurde von dem bekannten Sofer Herr Chaim Färber, Frankfurt am Main geschrieben und fand allseitig höchstes Lob.

Neben einer Mikwe gehörte zu den gemeindlichen Einrichtungen auch eine Schule (von 1873 bis 1876 jüdische Konfessionsschule). Diese Religionsschule war in einem Raum eines gemeindeeigenen Hauses untergebracht; Elementarunterricht erhielten die jüdischen Kinder - gemeinsam mit allen anderen - an der Ortsschule. Zur Besorgung religiöser Aufgaben war seitens der Gemeinde ein Lehrer angestellt, der – wie es üblich war - zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Seit den 1920er-Jahren wurden die jüdischen Kinder durch „Wanderlehrer“ aus Nachbargemeinden unterrichtet.

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Anzeigen aus: "Großherzoglich Badisches Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 12.8.1846 und aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18.5.1903

Einen eigenen Friedhof besaß die jüdische Gemeinde in Malsch nicht; Versuche, einen solchen anzulegen, scheiterten am Widerstand der kommunalen Gremien; so mussten die Malscher Juden ihre Verstorbenen auf dem Verbandsfriedhof in Kuppenheim begraben.

1827 wurde die jüdische Gemeinde Malsch dem Rabbinatsbezirk Karlsruhe, 1885 dem Rabbinatsbezirk Bühl zugewiesen.

Juden in Malsch:

        --- 1715 ...........................    6 jüdische Familien,

    --- 1783 ...........................    4   “         “    ,

    --- 1797 ...........................   14   “         “    ,

    --- 1825 ...........................  108 Juden (ca. 4,5% d. Bevölk.),

    --- 1836 ...........................  152   "  ,

    --- 1864 ...........................  243   "  ,

    --- 1875 ...........................  320   "   (ca. 9% d. Bevölk.),*

    --- 1880 ...........................  303   "  ,

    --- 1895 ...........................  224   "   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1900 ...........................  203   “  ,

    --- 1905 ...........................  180   "  ,

    --- 1910 ...........................  146   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1925 ...........................  101   “  ,

    --- 1933 ...........................   89   “  ,

    --- 1939 ...........................   24   “  ,

    --- 1940 (Sept.) ...................   20   "  ,

             (Nov.) ....................   keine.

* Die Angaben differieren in den einzelnen Publikationen erheblich !

Angaben aus: Jürgen Stude, Geschichte der Juden im Landkreis Karlsruhe, S. 363 und S. 366

Der größte Teil der Juden von Malsch war im Viehhandel tätig; mehr als die Hälfte der 50 jüdischen Haushalte verdiente ihr Geld damit; einige verdienten ihren Lebensunterhalt im Manufakturwarenhandel.

Geschäftsanzeigen jüdischer Gewerbetreibender:

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Nach der NS-Machtübernahme 1933 lief das Leben der hiesigen jüdischen Gemeinde noch in ‚ruhigen Bahnen’ ab; trotzdem verließen immer mehr den kleinen Ort, da die Familien hier allmählich ihre Lebensgrundlage verloren. Im Herbst 1938 bestanden in Malsch nur noch drei Manufakturwarengeschäfte, eine Zigarrenfabrik und eine Kohlehandlung mit jüdischen Eigentümern.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde das in einem Hinterhof an der Hauptstraße gelegene, noch 1928 renovierte Synagogengebäude von ortsfremden SA-Angehörigen (aus Gaggenau oder Kuppenheim) in Brand gesetzt; zuvor waren Teile der Inneneinrichtung und die Ritualgegenstände auf den Hof geworfen worden. Außerdem zerschlugen sie Schaufenster und Mobiliar der wenigen noch ansässigen Juden; auch Plünderungen von Wohnungen wurden verzeichnet. 1939 wurde die Synagogenruine abgerissen und das Grundstück veräußert.

                           

                           Völlig demolierter Synagogeninnenraum (Aufn. aus: W. Widemann)               Menschenauflauf vor zerstörter Synagoge

Zusammen mit den badischen und pfälzischen Juden wurden auch 19 Juden aus Malsch im Rahmen der sog. „Bürckel-Aktion“ im Oktober 1940 ins Internierungslager nach Gurs/Südfrankreich verfrachtet; nur wenige überlebten. Die anderen starben entweder in Lagern Frankreichs oder in denen Osteuropas. Mindestens 24 jüdische Bewohner Malschs wurden Opfer der „Endlösung“.

Zum Gedenken an die ehemalige Jüdische Gemeinde ließ die Kommune Malsch 1985 am einstigen Synagogenstandort eine Gedenktafel anbringen; vier Jahre später wurde eine quaderförmige Stele aufgerichtet.

                                    Aufn. J. Hahn, 2003

Die Gedenkstele trägt die folgenden Worte:

Dieser Gedenkstein ist dem Andenken der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Gemeinde gewidmet.

Sie wurden zuerst gedemütigt, aus Malsch vertrieben, in nationalsozialistische Vernichtungslager verschleppt.

Im November 1938 wurde ihr Gotteshaus, die Malscher Synagoge, abgezündet und niedergebrannt.

Die Reichskristallnacht des Novemberpogroms darf nicht vergessen werden !

Die Gemeinde Malsch am 50.Jahrestag der Zerstörung der Synagogen in Deutschland.

Auf dem Malscher Kirchplatz steht ein Memorialstein, den einheimische Jugendliche im Rahmen des landesweiten Projektes zur Erinnerung an die Deportationen nach Gurs erstellt haben. Der Gedenkstein erinnert an die 19 Menschen, die aus Malsch verschleppt wurden. Die Doublette dieses Steins steht auf dem Gelände der zentrale Deportationsgedenkstätte in Neckarzimmern (Abb. aus: mahnmal-neckarzimmern.de).  

Bis 2012 wurden in den Gehwegen von Malsch insgesamt 30 sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an 25 jüdische und fünf sog. „Euthanasie“-Opfer erinnern sollen.

Aufn. aus: heimatfreunde-malsch.de

   

Weitere Informationen:

Lore Ernst, Die Geschichte des Dorfes Malsch, o.O. 1954

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 185/186

Louis Maier, In Lieu of Flowers. In Memory of the Jews of Malsch, a Village in Southern Germany, Los Colinas (Texas/USA) 1985  

Wilhelm Wildemann, Malscher Antlitz. Eine Art Bestandsaufnahme 1987, Malsch 1987

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 292/293

Wilhelm Wildemann, Malscher Leben, Malsch 1991

Heimatfreunde Malsch e.V. (Red.), Jüdisches Leben in Malsch, in: "Malscher Historischer Bote", Heft 3

Jürgen Stude, Geschichte der Juden im Landkreis Karlsruhe, Hrg. Landratsamt Karlsruhe, Karlsruhe 1997, S. 363 - 367

Louis Maier, Schweigen hat seine Zeit, Reden hat seine Zeit. Ein Sohn spricht vom Leben und Schicksal der Jüdischen Gemeinde in Malsch, hrg. von der Gemeinde Malsch (übersetzt aus dem Englischen von Sally Laws-Werthwein und Donald Werthwein), Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2000

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 306 – 309

Malsch (Landkreis Karlsruhe), in: alemannia-judaica.de (mit diversen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Louis Maier, Empfänger unbekannt verzogen, übersetzt aus dem Englischen von Sally Laws-Werthwein u. Donald Werthwein, hrg. von der Kommune Malsch, Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2008

Vor 70 Jahren brannte die Malscher Synagoge, in: Gemeindeanzeiger Nr. 46/2008 vom 13.11.2008

Gemeindeanzeiger Malsch, Gunter Demnig verlegte 15 Stolpersteine ibn der Malscher Ortsmitte, Amtsblatt 2010

Heimatfreunde Malsch e.V. (Hrg.), Stolpersteine in Malsch, 2012 (online abrufbar unter: heimatfreunde-malsch.de/heimat-und-zeitgeschichte/jüdisches-leben-in-malsch/stolpersteine-zur-erinnerung-an-ermordete-juden)

Josef Bechler, 22.Oktober 1940 - Deportiert nach Gurs (Vortrag), online abrufbar unter: heimatfreunde-malsch.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Geschichte von Malsch, insbes. aus der NS-Zeit)