Miltenberg/Main (Unterfranken/Bayern)

  Miltenberg (Landkreis) KarteDie Kleinstadt Miltenberg mit derzeit knapp 10.000 Einwohnern ist Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises – ca. 35 Kilometer südlich von Aschaffenburg gelegen (Karte aus: orstdienst.de/bayern/miltenberg).

Im Laufe des 13.Jahrhunderts bildete sich im kurmainzischen Miltenberg eine jüdische Gemeinde, die - mit Unterbrechungen - bis Anfang des 15.Jahrhunderts bestand. Ihre Synagoge, die zu einer der ältesten erhaltenen Synagogen Europas zählt, errichtete die Gemeinde um 1290/1300 am Nordhang des Schlossberges, im Hinterhof der später dort angesiedelten Brauerei „Kaltloch“; zur Synagoge gehörte auch ein Frauenbetraum.

Anm.: Im benachbarten Haus, dem „Kleppershaus“ wohnte der „Schulklopfer“. Um 1400 wurde die Synagoge vermutlich wieder benutzt. 1461 verlieh der Mainzer Erzbischof das Gebäude dem Priester der Muttergotteskapelle in Miltenberg; es wurde damals vermutlich nicht mehr als jüdisches Gotteshaus benutzt. Erst 1755 konnte die in Miltenberg wieder entstandene jüdische Gemeinde die alte Synagoge für 310 Gulden zurückkaufen. Es diente dann bis 1851 wieder als gottesdienstliche Stätte.

Historische Nachweise für das Vorhandensein eines jüdischen Friedhofs stammen erstmals von 1336; dessen exakte Lage ist bis heute unbekannt (vermutlich befand er sich am Burgberg).

Kurzzeitige Vertreibungen, z.B. beim Rindfleisch-Pogrom und der „Armleder-Erhebung“, überstand die Gemeinde fast schadlos. Doch der Pest-Pogrom (1348/49) forderte unter den Miltenberger Juden etliche Menschenleben und setzte der Gemeinde ein jähes Ende. Überlebende der Verfolgung ließen sich u.a. in Frankfurt nieder; ihr Grundbesitz in Miltenberg war vom Erzbistum konfisziert wurden.

Doch nur Jahre später lebten erneut jüdische Familien in der Stadt, die ihren Lebensunterhalt im Geld- und Kreditgeschäft so auch für ihren Schutzherrn, den Erzbischof von Mainz - verdienten.

Anfang des 15.Jahrhunderts verschlechterte sich die Situation der Miltenberger Juden; denn auf Initiative des erzbischöflichen Mainzer Landesherrn wurde 1429 ihr Besitz enteignet; sie wurden aus der Stadt vertrieben.

Miltenberg gegen Mitte des 17.Jahrhunderts - Stich M. Merian (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

In den Folgejahrhunderten gab es in Miltenberg keine jüdische Gemeinde mehr; Juden durften sich nur noch vereinzelt bzw. zeitlich begrenzt hier aufhalten. Erst gegen Ende des 17. bzw. Anfang des 18. Jahrhunderts kam es wieder zu einer dauerhaften Ansiedlung. Spätestens um 1750/1755 bildete sich durch Zusammenschluss mit Juden aus der Umgebung eine jüdische Gemeinde in Miltenberg; als gottesdienstlicher Versammlungsort diente das zurückgekaufte alte Synagogengebäude.

Bei der Erstellung der Matrikellisten (1817) waren für Miltenberg 16 jüdische Familienvorstände aufgeführt. Erwerbsgrundlage der damals hier lebenden Juden war zumeist der Hausier- und Viehhandel.

Die aus dem 14.Jahrhundert stammende gotische Synagoge benutzte die Kultusgemeinde fast ununterbrochen bis in die 1870er Jahre; als das Gebäude langsam verfiel, es aber nicht sanieren wollte, überbrückte man die Zeit bis zum Neubau einer größeren Synagoge mit einem Provisorium in der Riesengasse.

Die Gemeinde hatte seit den 1820er Jahren einen Lehrer verpflichtet, der neben der religiösen Unterweisung der Kinder auch als Vorbeter und Schächter tätig war; die Besetzung der Stelle war einem häufigen Wechsel unterworfen; es gab kaum Lehrer, die hier mehr als zehn Jahren in Anstellung waren.


Anzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 8.Nov. 1876, vom 7.Mai 1891 und 28.Dez. 1898

Im Sommer 1904 wurde dann die neue Synagoge in der Mainstraße unter Anteilnahme der gesamten Bürgerschaft Miltenbergs eingeweiht.

Miltenberg mit Mainbrücke - Synagoge in der Bildmitte (hist. Postkarte, um 1910)

 

Synagoge an der Mainstraße, halblinks (hist. Postkarten um 1910)

Über die Einweihung der neuen Synagoge erschien ein Artikel in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 8. September 1904:

Miltenberg, 5. Sept. (Einweihung der Synagoge). Die hiesige israelitische Kultusgemeinde kann auf ein Fest zurückblicken, das nicht nur wegen seiner Veranlassung als ein höchst bedeutsames und seltenes betrachtet werden muss, sondern auch in allen seinen Theilen einen so schönen und wohl gelungenen Verlauf nahm, daß keiner unter den so zahlreich erschienenen Festgästen unbefriedigt geschieden ist. Es war ein Fest, auf das die Mitglieder unserer Gemeinde allen Grund haben, stolz zu sein. Am Freitag, den 26. August, dem eigentlichen Einweihungstage, versammelte sich die hiesige Kultusgemeinde um 1 3/4 Nachmittags in ihrem alten Betlokale, um zum letzten Male von hier aus ihre Gebete zum Himmel empor zusenden. Die Abschiedsrede, welche Herr Rabb. Dr. Wachenheimer während dieser Gottesdienstes hielt, war in warmem und wehmütigfreudigem Tone gehalten. - Nach Schluß des Gottesdienstes wurden dann die Thorarollen unter Aufsicht des Rabbiners ihrem Verwahrungsorte entnommen, um zusammen mit den übrigen heiligen Geräthen in’s neue Gotteshaus überbracht zu werden.  Vor dem Portale der neuen Synagoge hielt der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, Herr S. Moritz, die Festrede. ... Den eigentlichen Glanzpunkt des Weihegottesdienstes bildete die Festpredigt des Herrn Distriktsrabbiners Dr. Wachenheimer, die über eine Stunde währte. Er sprach den zahlreichen Spendern, welche sich um das Gotteshaus verdient gemacht haben, den Dank im Namen der Religion aus und erörterte dann in formvollendeter und ausführlicher Weise die Bestimmung des Gotteshauses, anknüpfend an die Bezeichnung desselben als Bet hakneset: Haus der Versammlung - Ein Schlusschor bildete den schönen Abschluß der erhebenden Feier. ...

Im neuen Synagogengebäude befanden sich auch eine Wochentagssynagoge, eine Mikwe und ein Schulhaus, in dem die Kinder Religionsunterricht erhielten; ansonsten besuchten diese - spätestens seit 1920 - die katholische Ortsschule.

       aus: „Der Israelit“ vom 12.2.1920

                                                                                     Anzeige von 1925 

Der neuzeitliche jüdische Friedhof - im Bereich Burgweg und Hauptstraße gelegen - wurde möglicherweise im 16.Jahrhunderts erstmalig in Nutzung genommen. Bereits die mittelalterliche Gemeinde hatte schon im 14.Jahrhundert über einen eigenen Begräbnisplatz verfügt, der vermutlich auch im "Bereich Burgweg" lag. Eine Besonderheit auf dem Miltenberger Friedhof sind drei Nischengräber, die beim Ausbau der Stadtmauer als Aussparung belassen wurden.

              Ein „Nischengrab“ (Aufn. J. Hahn, 2005) 

1904 wurde südwestlich des Stadtgebietes - an der Monbrunner Straße - ein neuer Friedhof angelegt, nachdem der bis dahin benutzte belegt war. Die letzte Beisetzung erfolgte hier 1941.

Anm.: Im 17./18.Jahrhundert wurden verstorbene Miltenberger Juden auf dem Friedhof in Kleinsteinach beerdigt; erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts wurde dann das noch bestehende frühneuzeitliche Begräbnisareal weiter benutzt.

1904 wurde südwestlich des Stadtgebietes - an der Monbrunner Straße - ein neuer Friedhof angelegt; die letzte Beisetzung erfolgte hier 1941.

Miltenberg gehörte zum Distriktrabbinat Aschaffenburg.

Juden in Miltenberg:

        --- 1541 ...........................   2 jüdische Familien,

    --- 1619 ........................... eine     “       “  (),

    --- 1679 ...........................   5      “       “    ,

    --- 1789 ...........................   9      “       “    ,

    --- 1802 ...........................  10      "       "    ,

    --- 1816/17 ........................  16      “       “    ,

    --- 1839 ...........................  93 Juden (15 Familien),

    --- 1848 ...........................  71   "  ,

    --- 1867 ...........................  76   “  ,

    --- 1880 ........................... 109   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1890 ........................... 111   “  ,

    --- 1905 ........................... 106   “  ,

    --- 1925 ........................... 100   “  ,

    --- 1933 ...........................  99   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1938 (Okt.) ....................  46   “  ,

    --- 1940 ...........................  16   “  ,

    --- 1942 (April) ...................  11   “  ,

             (Aug.) ....................  ein  “ (),

             (Sept.) ...................  keine.

Angaben aus: Ulrich Debler, Die Jüdische Gemeinde von Miltenberg, S. 93/94

Das Zusammenleben zwischen christlicher Mehrheit und jüdischer Minderheit in Miltenberg schien um 1900 ohne Spannungen verlaufen zu sein - wenn auch in religiöser Hinsicht gewisse Ressentiments gegen Juden vorherrschten.

  Verkaufsanzeige von 1895

    Drei Lehrstellenangebote jüdischer Geschäftsleute (um 1900/1910):

   

Nach der NS-Machtübernahme - die NSDAP hatte im konservativen Miltenberg vergleichsweise wenige Wählerstimmen auf sich vereinigen können - begannen auch in Miltenberg die antijüdischen Maßnahmen mit dem Boykottaufruf der NSDAP; zu diesem Zeitpunkt lebten im Ort noch knapp 100 jüdische Bewohner.

                  Aus „Bote vom Untermain” vom 31.März 1933:

Aufruf der Kreisleitung der N.S.D.A.P.

An die gesamte deutsche Bevölkerung des Bezirks Miltenberg

Am Samstag, den 1.April, vormittags 10 Uhr setzt in ganz Deutschland der Boykott gegen die Juden ein. Kein Deutscher kauft weder bei einem Juden, noch läßt er sich von ihm und seinen Hintermännern Waren anpreisen. Dem Boykott und der Greuelhetze der internationalen Judenschaft im Auslande gegen uns, muß mit der schärfsten Waffe entgegengetreten werden. Wer die Juden jetzt weiter unterstützt, indem er bei ihnen kauft oder handelt, begeht direkten Landesverrat, denn die internationalen Stammesbrüder der Juden in Deutschland wollen das neu geeinte Deutschland durch ungeheure Greuelpropaganda und Boykottmaßnahmen gegen deutsche Waren wieder zerschlagen. Darum, deutsche Frauen und Männer, meidet die jüdischen Geschäfte und jüdischen Händler, denn anders versündigt Ihr euch gegen das deutsche Volk und gefährdet den Bestand des neu errichteten deutschen Vaterlandes.

Am jährlich stattfindenden Jahrmarkt, der Michaelismesse, durften jüdische Geschäftsleute schon ab 1933 nicht mehr teilnehmen. In der Folgezeit wurden die antijüdischen Maßnahmen verschärft: Scheiben der Synagoge wurden eingeworfen und Juden am Betreten öffentlicher Einrichtungen wie der Badeanstalt gehindert.

Die Ausschreitungen des Novemberpogroms von 1938 schienen in Miltenberg anfänglich planlos verlaufen zu sein: so sollen zunächst Schüler in die Synagoge eingedrungen und den Innenraum verwüstet haben; am Abend des 9.11. versammelte sich eine Menschenmenge am Marktplatz, um danach gegen jüdisches Eigentum vorzugehen.

Anm.: Anfänglich soll sich der hiesige NSDAP-Kreisleiter geweigert haben, die Befehle zur „spontanen“ Zerstörung der Synagoge und der jüdischen Wohnungen in Miltenberg auszuführen; vermutlich wollte er aber den Hetzreden eines Miltenberger Lehrers nicht nachstehen und änderte daraufhin wohl seine Haltung.

Am folgenden Tage, als sich mehrere NS-Funktionäre in Miltenberg aufhielten, richtete sich die Zerstörungswut des Mob erneut gegen die Synagoge; allerdings wurde von einer Brandlegung abgesehen, um umliegende Wohnhäuser nicht zu gefährden. Jüdische Männer wurden verhaftet, fünf von ihnen ins KZ Dachau verschleppt. Bereits 1933 hatten zahlreiche jüdische Einwohner Miltenberg verlassen, zwischen November 1938 und Kriegsbeginn erreichte die Zahl der Emigranten einen Höhepunkt; nur wenige jüdische Einwohner blieben in Miltenberg zurück. Ende April 1942 wurden in Miltenberg lebende jüdische Bewohner nach Izbica bei Lublin deportiert, mit dem September-Transport 1942 dann die letzten beiden in Miltenberg verbliebenen Jüdinnen nach Theresienstadt abtransportiert. Seitdem war Miltenberg „judenrein” !

Miltenberger Jüdin auf dem Weg zur Sammelstelle (Stadtarchiv Würzburg)

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." fielen der NS-Gewaltherrschaft ca. 40 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort ansässig gewesene Miltenberger Juden zum Opfer (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/miltenberg_synagoge.htm).

 

Das historische, aus dem späten 13.Jahrhundert stammende alte gotische Synagogengebäude befindet sich in Privatbesitz; im Jahr 1977 wurde es von der Brauerei Kaltloch gekauft und als Gärkeller und Lagerraum genutzt. Derzeit werden Überlegungen angestellt, das Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und dem Miltenberger Museum anzugliedern; allerdings stellt sich der Eigentümer des Gebäudes diesen Wünschen entgegen.

Das alte Synagogengebäude - oberer "Geschossteil" (Aufn. Bayr. Rundfunk, 2014)

Unweit davon, in der Löwengasse 1, steht auch das Haus, in dem sich vermutlich die mittelalterliche Mikwe befunden hatte.

Das 1939 an die Stadt Miltenberg veräußerte Synagogengebäude an der Mainstraße stand später Wohnzwecken zur Verfügung. Ab den 1950er Jahren beherbergte es verschiedene Dienststellen, so u.a. die Landespolizei, das Arbeitsamt, die Gewerkschaft. Nach Umbauten wird es heute erneut als Wohnhaus genutzt.

Ehem. Synagoge – heute Wohnhaus (Aufn. T., 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Auch der (ältere) zwischen Stadtmauer und dem Burgweg liegende Friedhof hat die Zeiten überdauert - auch Dank einer testamentarischen Verfügung eines ehemaligen Miltenberger Juden, der zur Unterhaltung des Friedhofes der Stadt eine Geldsumme zur Verfügung gestellt hatte. Der älteste noch lesbare Grabstein datiert von 1752.

Jüdischer Friedhof in Miltenberg, Burgweg (Aufn. B., 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Im Museum der Stadt Miltenberg wird ein seltener Omer-Kalender aus dem 19.Jahrhundert aufbewahrt.

Seit 2016 erinnern auch in den Gehwegen von Miltenberg sog. „Stolpersteine“ an ehemalige Bewohner, die Opfer der NS-Herrschaft geworden sind; die ersten neun Steine sind Angehörigen von drei jüdischen Familien gewidmet. Im Laufe der nächsten Jahre sollen insgesamt mehr als 50 sog. „Stolpersteine“ in den Gehwegen Miltenberger Straßen verlegt werden; so wurden 2017 an verschiedenen Stellen 22 weitere Steine verlegt, im darauffolgenden Jahr waren es nochmals 14. Insgesamt findet man in den Gehwegen der Stadt derzeit 44 Steine, die an die jüdischen Bürger/innen erinnern (Stand 2020).

Stolperstein für Leopold Dahlheimer (Miltenberg).jpg Stolperstein für Flora Dahlheimer (Miltenberg).jpg Stolperstein für Wolfgang Dahlheimer (Miltenberg).jpg Stolperstein für Rosa Dahlheimer (Miltenberg).jpgStolperstein für Martin Dahlheimer (Miltenberg).jpg    

Stolperstein für Adolf Marx (Miltenberg).jpgStolperstein für Friedrich Marx (Miltenberg).jpgStolperstein für Mira Marx (Miltenberg).jpg  Stolperstein für Oskar Moritz (Miltenberg).jpgStolperstein für Rosa Moritz (Miltenberg).jpgStolperstein für Manfred Moritz (Miltenberg).jpg

verlegt in der Hauptstraße in Miltenberg (Aufn. Chr. Michelides, 2020, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Auch die Stadt Miltenberg leistete ihren Beitrag zum in Würzburg befindlichen Mahnmal für die Deportation der unterfränkischen Juden („DenkOrt Deportationen 1941-1944“). Während eine Koffer-Skulptur aus Buntsandstein (geschaffen von Georg Büttner) am "DenkOrt" in Würzburg ihren Platz gefunden hat, steht die Doublette seit 2020 vor dem Miltenberger Rathaus am Engelplatz.

DREI-AM-MAIN_Renate-Roth-DenkOrt-Koffer-02-web-1030x773  Miltenberger Koffer-Skulptur (Aufn. 2020, aus: miltenberg-info)

 

Im Dorf Mömlingen – im äußersten Nordwesten des Landkreises Miltenberg gelegen – lebten seit ca. 1730 nur wenige jüdische Familien; die maximal aus kaum mehr als sechs bis acht Familien bestehende kleine Gemeinschaft verfügte über einen Betraum und wahrscheinlich auch über eine eigene Begräbnisstätte. Gemeinsam mit Ostheim und Pflaumheim unterhielt man eine kleine Religionsschule, wo ein jüdischer Lehrer abwechselnd in Mömlingen und Großostheim Unterricht erteilte. Im Revolutionsjahr 1848 kam es im Dorf zu pogromartigen Ausschreitungen gegen die hiesigen jüdischen Händler, deren Ursache ihre „wucherischen Geldgeschäfte“ waren. Bis Ende der 1860er Jahre waren alle jüdischen Familien aus Mömlingen abgewandert.

 

In Wörth/Main gab es bis in die 1930er Jahre eine winzige jüdische Gemeinde, deren Anfänge im 18.Jahrhundert zu suchen sind. Bei der Erstellung der Matrikel (1817) waren sechs Familienvorstände aufgelistet; maximal gehörten der Gemeinde ca. 40 Personen (1835) an. Ein bestehender Betraum wurde in den 1840er Jahren durch ein zu einer Synagoge umgebauten Gebäude ersetzt. Gemeinsam mit zwei kleinen Nachbargemeinden hatte man zeitweilig einen Religonslehrer verpflichtet, der die religiös-rituellen Aufgaben besorgte.

Verstorbene wurden auf dem jüdischen Friedhof in Reistenhausen begraben. Die winzige Gemeinde gehörte zum Distriktrabbinat Aschaffenburg.

Beim Novemberpogrom 1938 wurde in die Häuser der wenigen jüdischen Ortsbewohner eingedrungen und die Wohnungseinrichtungen demoliert; die Synagoge wurde mitsamt der Ritualien zerstört und ein Jahr später das Gebäude abgebrochen. Im Frühjahr 1939 verließen sechs von den letzten acht jüdischen Bewohnern ihren Heimatort. 

vgl. Wörth (Unterfranken/Bayern)

 

In der nordwestlich von Miltenberg gelegenen Ortschaft Klingenberg/Main gab es bis 1939 eine winzige israelitische Gemeinde; über ihre Historie ist wenig bekannt. Sicher ist, dass bereits im 13.Jahrhundert hier jüdische Familien gelebt haben; in den Folgejahrhunderten waren ebenfalls zeitweilig Juden hier ansässig. - 1671 und 1700 wurden in Klingenberg sog. „Judenlandtage“ abgehalten. Um 1790 lebten drei jüdische Familien in der Kleinstadt. Im 19.Jahrhundert überstieg die Zahl der jüdischen Einwohner kaum 30 Personen. Der Betraum soll sich in einem Nebengebäude in der Lindenstraße befunden haben; Gottesdienste sollen unregelmäßig vom Miltenberger Rabbiner abgehalten worden sein. 1871 hatten sich die Juden Trennfurts der Klingenberger Gemeinde angeschlossen. Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem jüdischen Friedhof in Reistenhausen begraben. Die letzten drei jüdischen Einwohner Klingenbergs verzogen Ende 1939 ins Altersheim der Gemeinde Regensburg; von dort wurden sie am 23. September 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Zum 70. Jahrestag des Novemberpogroms 1938 wurde - nach jahrelangen Querelen - die bereits jahrelang im Klingenberger Rathauskeller lagernde Gedenktafel enthüllt. 

vgl. Klingenberg/Main (Unterfranken/Bayern)

 

In Röllbach, östlich von Klingenberg gelegen und heute der Verbandsgemeinde Mönchberg zugehörig, gab es bis Anfang der 1920er Jahre eine kleine jüdische Gemeinde, deren Bildung vermutlich bis ins 18.Jahrhundert zurückreicht; sie gehörte dem Distriktrabbinat Aschaffenburg an.

http://juden-in-baden.de/images/Images%20225/Roellbach%20Israelit%2014081901.jpgaus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14.Aug. 1901

In einem schmalen Gebäude waren der Betraum, die Religionsschule und eine Mikwe untergebracht. Verstorbene Gemeindemitglieder wurden auf dem jüdischen Friedhof in Reistenhausen begraben.

Bei der Erstellung der Matrikellisten (1817) waren für Röllbach sechs jüdische Familienvorstände aufgeführt; ihren Lebensunterhalt bestritten sie zumeist im sog. Schacher- u. Kleinhandel. Auf Grund der fehlenden Zehntzahl jüdischer Männer wurde um 1920 die Gemeinde aufgelöst und das Synagogengebäude veräußert. Mitte der 1920er Jahre lebten noch 15 jüdische Bewohner in Röllbach.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden 13 aus Röllbach stammende bzw. länger im Dorf lebende jüdische Bewohner Opfer der „Endlösung(namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/roellbach_synagoge.htm).

 

Weitere Informationen:

Abraham Heß, Aus der Geschichte der israelit. Gemeinde Miltenberg, in: Festausgabe des "Bote vom Untermain"’ vom 10.7.1927

Werner Schenk, Die politische Entwicklung der Stadt Miltenberg von 1919 - 1949, in: Zulassungsarbeit für die Prüfung für das Lehramt an Volksschulen an der Universität Würzburg, Würzburg 1968

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 540/541 und Band III/2, Tübingen 1995, S. 870 - 874

Baruch Z.Ophir/F.Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München 1979, S. 366/367

Herbert Schultheis, Juden in Mainfranken 1933 - 1945 unter besonderer Berücksichtigung der Deportationen Würzburger Juden, in: "Bad Neustädter Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde Frankens", Band 1, Verlag Max Rötter, Bad Neustadt a.d.Saale 1980, S. 425 f.

Hubert Gehrlich, Die religiösen Gruppierungen im Landkreis Miltenberg von 1933 - 1945, in: Schriftliche Hausarbeit an der Universität Würzburg, Fachbereich Theologie, Würzburg 1983

Werner Trost, Wörth am Main. Chronik einer fränkischen Kleinstadt (Band 1), hrg. vom Bürgerverein e.V. Wörth, 1987

Peter Körner, “Von seinen Grundstrukturen her kann sich das Geschehen jederzeit wiederholen” (Vortragsreihe), in: “Bote vom Untermain”, 19.Nov. 1988

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 2.Aufl., München 1992, S. 89 (Klingenmberg), S. 99 - 101 (Miltenberg), S. 102 (Mömlingen), S. 117 (Röllbach) und S.l 139 (Wörth)

Ulrich Debler/Harald Köhler, Im September 1940 letzte Emigration. Gestapo führt Buch, in: Spessart Nr. 7/1992

Ulrich Debler/Harald Köhler, Dem Instrumentarium für die Jagd auf Juden und „Judenknechte“ konnte niemand entkommen, in: "Spessart", No. 7/1992

Wilhelm Otto Keller, Miltenberg im Jahre 1933, in: Sonderbeilage des “Bote vom Untermain” vom 27.8.1993

Jürgen Amendt, Jüdische Namen aus Miltenberg und Eschau im „Gedenkbuch“, in: "Spessart", No. 8/1993

Ulrich Debler, Die Geschichte der Miltenberger Synagogen endet im Jahr 1938, in: "Spessart", No. 8/1994, S. 3 - 5

Ulrich Debler, Die Jüdische Gemeinde von Miltenberg, Sonderveröffentlichung aus dem "Aschaffenburger Jahrbuch für Geschichte, Landeskunde und Kunst des Untermaingebietes", Hrg. Stadt Miltenberg, Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg e.V., Band 17/1995, S. 43 – 52

Ulrich Debler, Was passierte in der Reichskristallnacht in Miltenberg?, in: "Bote vom Untermain", Ausgabe vom 9.11.1996

Thomas Michel, Die mittelalterliche Synagoge in Miltenberg/Main, in: "Frankenland - Zeitschrift für fränkische Landeskunde u. Kulturpflege", 50.Jg., Heft 4/1998, S. 213 – 218

Gerd Kieser/Thomas Schicker, Die mittelalterliche Synagoge in Miltenberg – Ergebnisse der Bauuntersuchung, in: "Frankenland - Zeitschrift für fränkische Landeskunde u. Kulturpflege", 50.Jg., Heft 4/1998, S. 218 – 234

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Miltenberg, in: "Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern", 13.Jg., No. 78/1998, S. 17 f.

Hermann Neubert, Jüdisches Miltenberg - Einladung zu einem Rundgang, Reihe: Orte jüdischer Kultur, Verlag Medien und Dialog, Haigerloch 2000

Ulrich Debler, Geldverleiher in Miltenberg – eine Detailstudie zu einigen jüdischen Bewohnern um das Jahr 1400, in: K.-H. Hergert/W.O. Müller/B.Schindler (Hrg.), Eine Zukunft für unsere Vergangenheit. Historische Denkmäler der Stadt Miltenberg – Ihre Geschichte und ihre Sanierung in den letzten 25 Jahren, Miltenberg 2000, S. 407 f.

Albert Liess (Bearb.), Wege in die Vernichtung. Die Deportation der Juden aus Mainfranken 1941 – 1943. Begleitband zur Ausstellung des Staatsarchivs Würzbug und des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin in Zusammenarbeit mit dem Bezirk Unterfranken, München 2003 (Der Band enthält Abbildungen aus einem Fotoalbum, die von der Gestapo zusammengestellt wurden.)

M.Brumlik/R.Heuberger/C.Kugelmann (Hrg.), Reisen durch das jüdische Deutschland, DuMont Literatur- u. Kunstverlag, Köln 2006, S. 86

Dirk Rosenstock, Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: "Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg", Band 13, Würzburg 2008, S. 182/183 (Klingenberg u. Röllbach) und S. 205/206 (Miltenberg)

Matthias Klotz, Die Juden in Mömlingen bis 1868 und das Schicksal ihrer Nachfahren, in: "Aschaffenburger Jahrbuch für Geschichte, Landeskunde und Kunst des Untermaingebietes", Bd. 28 (2010), S. 233 – 259

Lothar Mayer, Jüdische Friedhöfe in Unterfranken, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2010, S. 128 – 133

Hans-Peter Süss, Jüdische Archäologie im nördlichen Bayern. Franken und Oberfranken, in: "Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands", Band 25, Büchenbach 2010, S. 89 - 95

Wilhelm Otto Keller, 775 Jahre Stadt Miltenberg 1237 -2012. Beiträge zur Stadtgeschichte, Miltenberg 2012

Tatort Miltenberg - Nichts ist vergessen. Betrachtungen zur Geschichte einer kleinstädtischen jüdischen Gemeinde im NS-Regime, online abrufbar unter: kommunal.blogsport.de

Miltenberg mit Eichenbühl und Umpfenbach, in: alemannia-judaica.de (detaillierte Darstellung der jüdischen Gemeindehistorie in Wort und Bild)

Röllbach, in: alemannia-judaica.de

Axel Töllner/Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.), Miltenberg, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 444 - 471

N.N. (Red.), Gunter Demnig legt erste Stolpersteine in Miltenberg, in: “Main-Echo” vom 24.5.2016

Stolpersteine gegen das Vergessen, in: Miltenberger Mitteilungsblatt, online abrufbar unter: meine-news.de/miltenberg (2016)

Sabine Balleier (Red.), Jüdische Schicksale auf 22 Quadern, in: “Main-Echo” vom 14.6.2017

Stadverwaltung Miltenberg - Tourismusgemeinschaft (Hrg.), Stolpersteine, online abrufbar unter: miltenberg.info/stolpersteine/ (Anm.: enthalten sind Abbildungen der Stolpersteine und Fotos der betreffenden Personen, zudem eine Karte mit den Standorten der verlegten Steine)

N.N. (Red.), 14 neue Stolpersteine in Miltenberg verlegt, in: “Main-Echo” vom 4.7.2018

N.N. (Red.), Koffer und Bündel von Mira Marx, in: “Main-Echo” vom 26.7.2018 (betr. Beteiligung am "DenkOrt Deportationen 1941-1944")

Tourismusverband Franken e.V. (Hrg.), Schalom Franken! - Begegnungen mit der jüdischen Kultur - Broschüre, Febr. 2021

Jochen Müssig (Red.), Der Ruhe die Ruhe lassen, in: “FAZ – Frankfurter Allgemeine Zeitung” vom 2.3.2021