Mörfelden-Walldorf (Hessen)

 Bildergebnis für Kreis groß gerau landkarte ortsdienst Mörfelden-Walldorf ist als Doppelkommune mit derzeit mehr als 32.000 Einwohnern nach Rüsselsheim die zweitgrößte Stadt im hessischen Kreis Groß-Gerau (Karte aus: ortsdienst.de/hessen/gross-gerau).

Der erste Beleg über die Existenz eines in Mörfelden lebenden Juden stammt aus dem Darmstädter Gerichtsbuch des Jahres 1611. Während des gesamten 17. und 18.Jahrhunderts lebten vermutlich höchstens nur drei Familien im Ort; erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts nahm die Zahl jüdischer Familien langsam zu; die Gemeinde erreichte aber nie mehr als 80 Personen.

In einem umgebauten Stallgebäude in der Löwengasse, der heutigen Kalbsgasse, richtete die Mörfelder Judenschaft ihre ca. 90 Plätze fassende Synagoge ein; sie wurde 1829 eingeweiht; Spenden hatten den Bau erst ermöglicht. Zur Synagoge gehörte auch eine Mikwe. Ab Mitte des 19.Jahrhunderts leistete sich die Gemeinde einen eigenen Religionslehrer, dessen Bezahlung fast die Hälfte des Gemeindeetats ausmachte.

   

                                     ehem. Synagogengebäude (Aufn. nach 1945)                              aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 11.9.1902

Für die Verstorbenen diente der jüdische Friedhof in Groß Gerau als letzte Ruhestätte. 

Die „Israelitische Religionsgemeinde Mörfelden und Walldorf” gehörte dem Rabbinat Darmstadt an.

Juden in Mörfelden-(Walldorf)*:

        --- um 1735 .........................  2 jüdische Familien,

    --- 1830 ............................ 45 Juden,

    --- 1861 ........................ ca. 80   “  ,

    --- um 1880 ..................... ca. 45   “  ,

    --- 1905 ............................ 35   “  ,

    --- um 1925 ..................... ca. 40   “  (in 15 Familien),

    --- 1933 ........................ ca. 40 - 50 “ ,

    --- 1939 (Mai) ...................... 16   “  ,

    --- 1941 ............................ 13   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ..................... keine.        * in Walldorf lebten nur sehr wenige Juden

Angaben aus: „Die schlimmste Sache war die Angst, die andauernde Angst ...”, 1986

Die Angehörigen der jüdischen Gemeinde Mörfeldens lebten in sehr bescheidenen Verhältnissen; es waren vor allem Hausierer, die mit Stoffen und Kurzwaren handelten, wenige Getreide- und Viehhändler und Handwerker. Fast die Hälfte der Mörfelder Juden hatte im Laufe der 1860er Jahre den Ort verlassen und war in Großstädte gezogen, die bessere wirtschaftliche Möglichkeiten boten; zurückblieben zumeist ältere oder konservativ eingestellte Juden, die einen Ortswechsel scheuten. Um 1900/1930 lebten die meisten Mörfelder Juden vom Einzelhandel. Gegen Ende der 1920er Jahre blühte auch in Mörfelden-Walldorf der Antisemitismus auf; Sympathisanten mieden jüdische Geschäfte und qualifizierten deren Eigentümer als „Händlerseelen“ ab.

Der reichsweit durchgeführte Boykott jüdischer Geschäfte und Unternehmen am 1.April 1933 schien in Mörfelden ohne Aktionen vorübergegangen zu sein - jedenfalls deuten keine Zeitungsberichte o.ä. darauf hin. Doch führte die NS-Propaganda schließlich dazu, dass in der Folgezeit immer mehr Mörfeldener Bürger aus Angst jüdische Geschäfte mieden.

Aus dem „Groß Gerauer Kreisblatt” vom 11.Sept. 1935:

Walldorf

Gegen die Judenplage. Es wird mitgeteilt, daß sich Einwohner, die noch unentwegt an dem Handel mit Juden festhalten, sich um die Anpachtung fiskalischen Geländes beworben hätten. ... Personen, die nicht auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung stehen und namentlich auch kein Rassebewußtsein besitzen, können nicht Pächter ... sein. ... Endlich wird auch in Walldorf das “Judenproblem” in Angriff genommen, nachdem es in letzter Zeit fast aussehen wollte als sei Walldorf ein Eldorado für die Juden der Umgebung. ... In Walldorf ist für die Juden kein Betätigungsfeld mehr. ... “

Wenige Tage später beschloss der Gemeinderat konkrete Maßnahmen gegen Juden; so war u.a. auch der Zuzug nach Walldorf verboten; Mörfelden sperrte das Waldschwimmbad für „Nichtarier“. Bereits im Jahre 1936 hatten Angehörige der HJ die Inneneinrichtung des Synagogenraumes in der Kalbsgasse demoliert; da die wenigen Juden eine Instandsetzung nicht finanzieren konnten und auch eine Nutzung nicht mehr in Frage kam, wurde das Gebäude ein Jahr später verkauft. Die Juden Mörfeldens besuchten an Feiertagen nun den Gottesdienst in Groß Gerau.

Obwohl das Synagogengebäude nun in „arischer“ Hand war, wurde es im November 1938 vermutlich in Brand gesetzt. Auch ein Scheunengebäude eines jüdischen Besitzers ging in Flammen auf. Alle im Landkreis verhafteten jüdischen Männer mussten durch die Ortsmitte marschieren, wurden dabei gedemütigt, ehe man sie abtransportierte. Die wenigen in Mörfelden verbliebenen Juden wurden noch Monate vor ihrer Deportation in dem „Judenhaus“ in der Mittelgasse zwangsweise einquartiert. Aus einem Schreiben des Bürgermeisters an die NSDAP-Kreisleitung:„ ... Die Juden sind gegenwärtig in dem Judenhaus Simon Israel Schott, Mittelgasse 9, untergebracht, welches jedoch hoffentlich auch bald geräumt wird und für andere Familien zur Verfügung steht. ...”  Anfang März 1942 wurden die letzten zehn jüdischen Bewohner deportiert; einer hatte am Vorabend Selbstmord begangen. Mit einem LKW wurden die Betroffenen über Groß Gerau zum Sammelpunkt nach Darmstadt gebracht; von dort wurden sie am 20.März 1942 in Richtung Polen abtransportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." sind 26 aus Mörfelden stammende bzw. längere Zeit hier ansässig gewesene Juden Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden; aus Walldorf sind zwei Opfer zu beklagen (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/moerfelden_synagoge.htm).

 

Am ehemaligen Standort der Mörfelder Synagoge - das Gebäude war 1970 abgerissen worden - ließ die Stadt 1984 einen Gedenkstein setzen, der eine bronzene Gedenktafel mit folgender Inschrift trägt:

Hier war von 1829 bis 1933 die Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinde Mörfelden

Wir gedenken unserer jüdischen Mitbürger, die von den Nationalsozialisten ermordet und vertrieben wurden !

Ihre Verfolgung mahnt uns zum Frieden zwischen Menschen verschiedener Religion, Rasse und Nation

Die im Faschismus verfolgten jüdischen Familien Mörfeldens hießen:

                                                                          Adler, Bernstein, Cohn, Goldschmidt, Meyer, Mainzer, Neu, Reiß, Rosenthal, Sobernheim, Schell, Schott, Strauß, Weißhaupt.

                     Aufn. Stadt Mörfelden-Walldorf  

Mit der im Jahre 2006 begonnenen Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ erinnert man Walldorf - ab 2009 dann auch in Mörfelden - an die Wohnsitze der einst hier lebenden jüdischen Familien; mittlerweile sind mehr als 50 Steine vorhanden (Stand 2020).

 „Stolpersteine“ für Fam. Weishaupt (aus: Comemory.info)

Ein recht ungewöhnliches Denkmal – drehbar mit sechs Schautafeln in der Form einer Litfaßsäule – ist 2015 auf dem Kirchplatz in Mörfelden (unweit der Alten Rathauses) aufgestellt worden. Die Stele trägt die Namen der politischen NS-Opfer und ist zudem mit Schautafeln versehen, die Informationen über die NS-Zeit geben.

Gedenkstele (Aufn. 2015, aus: politische-verfolgung-moerfelden.de) http://politische-verfolgung-moerfelden.de/wp-content/uploads/2015/04/last-step-a-20150430_140752_resized.jpg

 

In Walldorf bestand vom August bis Dezember 1944 ein Außenkommando des KZ Natzweiler. Ende August 1944 waren 1.700 weibliche jüdische Häftlinge aus Auschwitz hierher transportiert worden, um bei den Arbeiten bei der Erweiterung des Rhein-Main-Flughafens Frankfurt eingesetzt zu werden. Das Lager bestand aus fünf Baracken; die nach Walldorf transportierten Frauen arbeiteten für die Frankfurter Baufirma Züblin & Cie AG und wurden bei Rodungsarbeiten, Ausheben von Gräben und Wegplanierungen eingesetzt. Das Lager bestand bis Ende 1944; vermutlich wurden die Frauen in mehreren Transporten von hier in andere Arbeitslager bzw. ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht.

                             Denkmal für die Opfer des AK Walldorf  Gedenkstein in Walldorf: "Zum Gedenken an die Opfer der ehemaligen Aussenstelle des Konzentrationslagers Natzweiler August bis Dezember 1944. Die Toten mahnen: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg."

 

In Worfelden bestand eine jüdische Gemeinde bis 1937/1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts zurück. Zur jüdischen Gemeinde Worfelden, die sich stets nur aus wenigen Familien zusammensetzte, gehörten auch die jüdischen Einwohner von Klein-Gerau. Als Filialgemeinde war Worfelden der Kultusgemeinde von Mörfelden verwaltungsmäßig angeschlossen. Ein 1893 in der Sackgasse errichtetes kleines Bethaus mit Schulzimmer und ein rituelles Bad waren gemeindliches Eigentum. Verstorbene wurden in Groß-Gerau beerdigt.
Nach 1933 verließ ein Teil der jüdischen Gemeindemitglieder auf Grund zunehmender Repressalien seinen Heimatort. Das im Jahre 1937 an Privatleute veräußerte Synagogengebäude entging den Zerstörungen der Novembertage 1938.

Seit 1988 erinnert eine Gedenktafel an die während der NS-Zeit ermordeten elf jüdischen Bewohner Worfeldens. 

[vgl.  Worfelden (Hessen)]

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 90 – 92

H.J.Oswald, Außenkommando Walldorf, in: Hessen hinter Stacheldraht, Hrg. Die GRÜNEN im Landtag (Hessen), Eichborn Verlag, Frankfurt 1984, S. 40 f.

Cornelia Ruhlig/Inge Auer, “Die schlimmste Sache war die Angst, die andauernde Angst ...” Alltagsgeschichte der jüdischen Familien von Mörfelden und Walldorf (1918 - 1942), Hrg. Magistrat der Stadt Mörfelden-Walldorf, 1986

Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn - Jüdische Gemeinden und Synagogen im Kreis Groß-Gerau, Hrg. vom Kreisausschuß des Kreises Groß-Gerau, 1990, S. 206 f.

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 166/167

Mörfelden mit Walldorf, in: alemannia-judaica.de

Monica Kingreen, Die gewaltsamen Verschleppungen der Juden aus Mörfelden-Walldorf im Kontext der Deportationen aus den Dörfern und Städten des Volksstaates Hessen 1942, in: Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Gross-Gerau (Hrtg.), Steine gegen das Vergessen. Stolpersteine in Mörfelden-Walldorf, Mörfelden-Walldorf 2009, S. 151 - 168 

Förderverein jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau (Hrg.), Steine gegen das Vergessen - Stolpersteine in Mörfelden-Walldorf, 2009

Klara Strompf, KZ-Außenlager Walldorf. Jüdische Frauen aus Ungarn am Flughafen Frankfurt/Main 1944, Hrg. Erhard Roy Wiehn, Hartung-Gorre Verlag, Konstanz 2009

Cornelia Ruhlig/Bernhard Brehl/Hans J. Vorndran, "Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung" - "Remembrance is the Secret of Redemption...", hrg. vom Magistrat der Stadt Mörfelden-Walldorf, 2009 (ergänzte Neuauflage)

Vera und Miki Dotan, Aufstieg aus der Hölle, o.O. 2010

Auflistung der im Stadtgebiet Mörfelden-Walldorf verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Mörfelden-Walldorf

Sebastian Schwappacher (Red.), Ein Mandelbaum erinnert in Mörfelden an die jüdische Vergangenheit, in: "Main-Spitze" vom 16.4.2018

Hans Dieter Erlenbach (Red.), Im Gedenken an die Gräueltaten der NS, in: "ECHO" vom 18.8.2018