Muggensturm (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für Muggensturm baden-württemberg karte Muggensturm ist eine Kommune mit derzeit ca. 6.400 Einwohnern im nördlichen Landkreis Rastatt am Fuße des Schwarzwaldes (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In Muggensturm lassen sich die ersten Juden bis Beginn des 18.Jahrhunderts zurückverfolgen. Gegen jährliche Schutzgeldzahlungen und andere Abgaben durfte sich hier eine begrenzte Zahl von jüdischen Familien ansiedeln.

Bis in die 1830er Jahre wurden die Gottesdienste der Muggensturmer Juden in einem Dachzimmer des einstöckigen Häuschens des Isaak Roos abgehalten. Es war so eng, dass sich angeblich die Frauen während des Gottesdienstes im angrenzenden Hühnerstall aufgehalten haben sollen. 1835 erwarb dann die wenig vermögende Judenschaft des Dorfes - diese bestand zu diesem Zeitpunkt aus sieben Familien - ein Scheunengebäude (Ecke Wilhelmstr./Hauptstr.), das zur Synagoge umgebaut wurde. Zwei Jahre später wurde in das einer Remise ähnelnde Gebäude eine Mikwe eingerichtet.

Ehem. Betsaal in Muggensturm (Aufn. um 1960/1970) 

Für die Erledigung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ab gegen Mitte des 19. Jahrhunderts zeitweise ein Lehrer angestellt.

 

 zwei Stellenangebote für die vakante Religionslehrerstelle in Muggensturm von 1844 und 1890

Auf dem Ende des 17.Jahrhunderts angelegten jüdischen Verbandsfriedhof in Kuppenheim wurden auch die Verstorbenen der Muggensturmer Gemeinde begraben. 

Muggensturm zählte seit 1827 zum Bezirksrabbinat Bühl.

Juden in Muggensturm:

        --- 1701 .......................... eine jüdische Familie,

    --- um 1765 .......................  3     “       “    n,

    --- 1789 .......................... 17 Juden,

    --- 1825 .......................... 25   “  ,

    --- 1841 .......................... 29   “  ,

    --- 1875 ...................... ca. 80   “  ,

    --- 1897 ..........................  7 jüdische Familien,

    --- 1910 .......................... 15 Juden,

    --- 1925 ..........................  3   "  ,

    --- 1933 ..........................  5   “  .

Angaben aus: Ernst Schneider, Muggensturmer Ortschronik, S. 128

1913 löste sich die Muggensturmer Gemeinde auf; die wenigen im Ort verbliebenen Juden wurden der Kultusgemeinde in Rastatt angeschlossen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20304/Muggensturm%20AZJ%2021031913.jpg Kurznotiz aus: "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 21.3.1913

Das fast 80 Jahre als Synagoge genutzte Gebäude wurde nun verkauft und diente anschließend wieder landwirtschaftlichen Zwecken. Der Zustand des ehemaligen Synagogenbaus verschlechterte sich im Laufe der Jahrzehnte, so dass das Gebäude Anfang der 1970er Jahre abgebrochen wurde. Ein mit hebräischen Schriftzeichen versehener massiver Balken sollte zwar erhalten bleiben, verschwand aber spurlos.

Während in den 1930er Jahren noch vier jüdische Bewohner Muggensturms emigrieren konnten, wurde das jüdische Ehepaar Moritz und Frieda Haymann nach Gurs/Südfrankreich deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden …" wurden elf aus Muggensturm stammende Personen mosaischen Glaubens  Opfer der „Endlösung(namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/muggensturm_synagoge.htm).

 

Jüngst befasste sich der Gemeinderat mit den Möglichkeiten der Realisierung öffentlichen Gedenkens an die Opfer der NS-Zeit; eine Entscheidung, ob „Stolpersteine“ verlegt werden sollen, ist bislang noch nicht getroffen worden (Stand 2021).

 

Weitere Informationen:

F. Hundsnurscher/G. Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, in: "Veröffentlichungen der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg", Band 19, Stuttgart 1968, S. 245 f.

Holzbalken mit hebräischer Inschrift verschwand spurlos”, in: "Badisches Tageblatt (Ausgabe Rastatt)", vom 4.1.1984

Ernst Schneider, Muggensturmer Ortschronik , o.O. 1985, S. 128 - 130

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 443/444

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 334/335

Muggensturm, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Gemeindehistorie)

Holger Siebnich (Red.), Diskussion um Stolpersteine: Muggensturm will Nazi-Opfern gedenken, in: „Badische Neueste Nachrichten“ vom 9.6.2021