Muttersdorf (Böhmen)

Bildergebnis für Taus muttersdorf karte Die kleine böhmische Ortschaft Muttersdorf ist das tsch. Mutěnín nordwestlich von Taus/Domažlice in der Region Pilsen (Plzeňský kraj) mit derzeit kaum mehr als 200 Bewohnern (hist. Karte von ca. 1650/1660, aus: genwiki.genealogy.net/Ronsperg).

Während des Dreißigjährigen Krieges sollen sich erstmals jüdische Familien in Muttersdorf niedergelassen haben, die hier bald eine kleine Gemeinde bildeten. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus einem Bericht des Pfarrers aus Taus (Domažlice) an die Prager Kirchenbehörde von 1669; demnach soll in Muttersdorf im Jahr 1635 im Haus Nr. 85 der Jude Abraham Ditl mit seiner Familie gewohnt haben. 

Um 1670 sollen hier sechs jüdische Familien mit ca. 40 Personen ansässig gewesen sein

Bereits um 1660 wurde - ohne Erlaubnis der Ortsherrschaft - eine Synagoge eingerichtet, die - trotz Einwänden des hiesigen Pfarrers - vermutlich bestehen blieb; dieser hölzerne Bau wurde im Jahre 1860 durch einen Neubau im klassizistischen Stil ersetzt.                    

                            Die 1860 erbaute Synagoge in Muttersdorf (hist. Aufn.)

Von 1829 bis 1870 gab es in Muttersdorf auch eine israelitische Elementarschule; bereits 1747 ist eine Schule erwähnt.

Auf dem hinteren Schafsberg war bereits um 1640/1645 ein kleines Begräbnisgelände angelegt worden.

Juden in Muttersdorf:

    --- um 1670 ........................   6 jüdische Familien,

    --- um 1747 ........................  14     “       “    ,

    --- 1832 ........................... 154 Juden,*   * mit Wasserau

    --- 1837 ........................... 110   “  ,

    --- 1880 ....................... ca.  90   "  ,

    --- 1893 ...........................  90   “  ,

    --- 1900 ...........................  43   “  ,

    --- 1920 ...........................   6 jüdische Familien (mit 23 Pers.),

    --- 1930 ...........................  21 Juden,

    --- 1939 ...........................   eine jüdische Familie.

Angaben aus: Johann Micko, Geschichte der Juden in Muttersdorf

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts war die Zahl der jüdischen Bewohner in Muttersdorf erheblich gesunken; zusammen mit den wenigen Familien aus den benachbarten Ortschaften Weißensulz, Wasseraul, Schwanenbrück und Hostau hielt man die jüdische Kultusgemeinde noch kurzzeitig am Leben. 1938 erfolgte schließlich die Auflösung der Gemeinde; nur eine einzige jüdische Familie lebte noch 1939 im Ort.

Während der NS-Zeit wurde das Synagogengebäude zerstört.

Neun Angehörige der ehem. jüdischen Gemeinde Muttersdorf wurden Opfer der Shoa.

 

Trotz Schändung und Verwahrlosung hinterlässt die jetzige Gestaltung der jüdischen Begräbnisstätte einen bleibenden Eindruck; etwa 160 Grabsteine bzw. –relikte sind heute noch auf dem Areal vorhanden. Die ältesten lesbaren Grabsteine – fast alle tragen hebräische Inschriften - stammen aus der ersten Hälfte des 18., die jüngsten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die hier Begrabenen stammten vor allem aus Muttersdorf (Mutěnín), Wasserau (Ostrov) und Schwanenbrückl (Mostek).

Mutěnín ŽH 06.JPGMutěnín ŽH 04.JPG

 Blick auf den jüdischen Friedhof (Aufn. Krabat77, 2012, in: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Weitere Informationen:

Johann Micko (Bearb.), Geschichte der Juden in Muttersdorf, in: H. Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart, Brünn/Prag 1934, S. 405 - 407

Obec Mutěnín (Hrg.), Muttersdorf (Mutěnín) – JÜDISCHER FRIEDHOF, online abrufbar unter: mutenin.cz

Jewish Families from Mutěnín (Muttersdorf), Bohemia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-Families-from-Mut%25C4%259Bn%25C3%25ADn-Muttersdorf-Bohemia-Czech-Republic/15331