Müttersholz (Elsass)

Bildergebnis für schlettstadt karte Die Ortschaft Muttersholtz (dt. Müttersholz) - derzeit ca. 2.000 Einwohner - liegt etwa fünf Kilometer von Schlettstadt (Sélestat) entfernt (ohne Eintrag von Müttersholz auf hist. Landkarte).

Im unterelsässischen Muttersholtz bestand gegen Mitte des 19.Jahrhunderts eine personell relativ große jüdische Gemeinde; ihre Anfänge gehen in die Zeit des 17.Jahrhunderts zurück.

Seitens der Kultusgemeinde war zur Besorgung religiöser Aufgaben ein Lehrer angestellt - zeitweise waren es sogar zwei; neben der religiösen Unterweisung der jüdischen Kinder übten sie das Kantoren- u. Schächtamt aus. Zwischen 1807 und 1866 war Muttersholtz Sitz eines Rabbiners, dem auch die Gemeinden im nahen Umland (Diebolsheim, Marckolsheim, Mackenheim) zugeordnet waren. Im Jahre 1866 wurde das Rabbinat dann nach Schlettstadt (Selestat) verlegt.

Der letzte Synagogenbau in Muttersholtz datiert aus dem Jahre 1838.

      Synagoge in Muttersholtz (Abb. aus: judaisme.sdv.fr/synagog/basrhin)

   Gebetstafel in der Synagoge

Gräber von verstorbenen Muttersholtzer Juden findet man auf dem Friedhof in Mackenheim.

Juden in Müttersholz/Muttersholtz:

        --- 1784 ...........................  28 jüdische Familien,

    --- 1807 ...........................  39     “       “    ,

    --- 1846 ........................... 393 Juden,

    --- 1861 ........................... 313   “  ,

    --- 1870 ........................... 286   “  ,

    --- 1887 ........................... 249   "  ,

    --- 1900 ........................... 149   “  ,

    --- 1910 ........................... 104   “  ,

    --- 1936 ...........................  45   “  .

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, S. 35

Nach 1870 begann die Abwanderung der Juden, die sich in den folgenden Jahren noch verstärkte. Dabei verlor die jüdische Gemeinde Muttersholtz die meisten ihrer Angehörigen.

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20453/Muttersholtz%20Das%20juedische%20Blatt%2019130228.jpg https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20453/Muttersholtz%20Das%20juedische%20Blatt%2019131205.jpg

zwei gewerbliche Anzeigen vom Februar bzw.  Dezember 1913

Anfang der 1930er Jahre war die Kultusgemeinde in Auflösung begriffen.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem wurden 14 aus Muttersholtz stammende jüdische Bewohner Opfer der "Endlösung" (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/muttersholtz_synagogue.htm).

 

Das profanierte Synagogengebäude wurden zunächst gewerblich, später dann zu Wohnzwecken genutzt.

Ehem. Synagoge (Aufn. Ralph Hammann, 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Im Jahre 2019 wurden in Mutterholtz die allerersten „Stolpersteine“ im Elsass verlegt; derzeit sind es etwa 30 Steine, die an jüdische Opfer des NS-Regimes erinnern.

             Stolperstein Berthold Mannheimer (Muttersholtz) Stolperstein René Weill (Muttersholtz)Abb. David Gümbel, 2019, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

 

Im Straßendorf Diebolsheim – in unmittelbarer Rheinnähe, östlich von Muttersholtz gelegen – existierte seit dem beginnenden 18.Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde, die zu keiner Zeit mehr als 90 Angehörige besessen hat. Als gemeindliche Einrichtungen besaß die Kleingemeinde eine Synagoge, eine Schule und eine Mikwe. Der Bau einer neuen Synagoge fiel in die Zeit des personellen Höchststandes der Gemeinde (1846). Zeitweilig hatte die Gemeinde einen Lehrer verpflichtet, der auch als Vorbeter und Schochet tätig war. Begräbnisse fanden auf dem zentralen jüdischen Friedhof in Rosenweiler (Rosenwiller) statt.

Juden in Diebolsheim:

         --- 1784 ........................ 19 jüdische Familien,

    --- 1807 ........................ 53 Juden,

    --- 1846 ........................ 83   “  ,

--- 1861 ........................ 47   “  ,

    --- 1870 ........................ 51   “  ,

    --- 1900 ........................ 11   “  ,

    --- 1910 ........................ 12   “  .

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire

Nach Auflösung der Gemeinde wurde das Synagogengebäude verkauft (1913). In den 1930er Jahren lebten in Diebolsheim nur noch zwei Dorfbewohner mosaischen Glaubens.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem wurden vier aus Diebolsheim stammende Juden Opfer der "Endlösung" (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/diebolsheim_synagogue.htm).

Auf dem jüdischen Friedhof in Mackenheim findet man den Grabstein des 1712 ermordeten jüdischen Gemeindevorstehers von Diebolsheim.

                                                            Grabstein des ermordeten Gemeindevorstehers

Weitere Informationen:

Freddy Raphael/Robert Weyl, Juif en Alsace. Culture, societé, histoire, Toulouse 1977

Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, Jerusalem 1992

Muttersholtz, in: alemannia-judaica.de

Diebolsheim, in: alemannia-judaica.de

Robert Schmidt (Red.), Die ersten "Stolpersteine" im Elsass gesetzt, in: "Mittelbadische Presse" vom 2.5.2019