Oettingen (Schwaben/Bayern)

Datei:Oettingen in Bayern in DON.svg Oettingen ist eine Kommune mit derzeit ca. 5.500 Einwohnern im schwäbischen Landkreis Donau-Ries – ca. 15 Kilometer nordöstlich von Nördlingen gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In Oettingen lebten bereits schon gegen Ende des 13.Jahrhunderts jüdische Familien, die durch die sog. „Rindfleisch-Verfolgungen“ (1298) und durch die Pogrome der Pestzeit (1348/1349) stark betroffen waren und weitgehend vernichtet wurden.

Für die zweite Hälfte des 14.Jahrhunderts fehlen Belege für jüdische Ansässigkeit; seit Anfang des 15.Jahrhundert hielten sich wieder vorübergehend einige wenige jüdische Familien am Ort auf (sie wurden 1488 ausgewiesen); aus dieser Zeit ist eine „Judengasse“ in Oettingen nachgewiesen. Gegen Mitte des 16.Jahrhunderts bildete sich dann erneut eine kleine Gemeinde.

Auf Grund der seit dem 15.Jahrhundert in Oettingen bestehenden Herrschaftsverhältnisse gab es in der Stadt zwei jüdische Gemeinden, die jeweils einem der beiden Stadtherren unterstanden; demzufolge gab es auch zwei Synagogen bzw. für Gottesdienste genutzte Räumlichkeiten. Erst als 1731 das Haus Oettingen-Oettingen nicht mehr existierte, vereinigten sich die Juden zu einer Gemeinde.

Zunächst individuell, später dann kollektiv ausgestellte zeitlich befristete Schutzbriefe sicherten den Juden Oettingens Duldung und Schutz; befreit von den regelmäßig zu leistenden Zahlungen waren nur der Rabbiner und Vorsänger. Bis gegen Ende des 18.Jahrhunderts nahm die Zahl der in Oettingen lebenden Juden ständig zu; innerhalb der Bevölkerung besaßen sie einen relativ hohen Anteil. Ihren Lebenserwerb bestritten sie durch Handel mit Agrarerzeugnissen, wie Federn, Hanf, Leinen, Leder und Wolle, aber auch mit Vieh; daneben spielte aber auch das Pfand- und Leihgeschäft eine Rolle.

Bereits die mittelalterliche Gemeinde Oettingens hatte über einen Betraum verfügt. Bis ins 17.Jahrhundert hielten die Oettinger Juden in privaten Räumlichkeiten ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte ab. Ab dem Jahre 1676 konnte die Judenschaft ein Anwesen nahe der Stadtmauer nutzen, in dem nach einem Umbau die „Judenschul“ eröffnet wurde; im zugehörigen Hause waren Rabbiner und Vorsänger untergebracht. Für die Erlaubnis, Gottesdienste abhalten zu dürfen, musste die Gemeinde an die Herrschaft „Synagogengeld“ zahlen.

Anfang der 1850er Jahre wurde an gleicher Stelle, in der Schefflergasse, eine neue Synagoge gebaut. Um 1830 hatte die Kultusgemeinde Oettingens in der Ledergasse einen Gebäudeteil erworben, in dem eine Mikwe („Judenduck“) eingerichtet wurde.

 Synagoge rechts im Vordergrund (Aufn. aus G. Römer, Schwäbische Juden)

Über viele Jahrzehnte hinweg standen an der Spitze des Oettinger Rabbinats der Rabbiner Jakob Pinchas Katzenellenbogen und sein Sohn Pinchas Jakob; sie waren mit der religiösen Betreuung der Gemeinden der Region betraut. Mit der Abwanderung vor allem jüngerer jüdischer Familien schwand die Bedeutung des Rabbinats. Mit dem Tode des Rabbiners Pinchas Jakob jun. endete das Oettinger Rabbinat; danach ging es kurzzeitig auf Wallerstein über; später wurde es Ichenhausen übertragen.

Eine jüdische Schule existierte erst seit den 1820er Jahren; zuvor waren die jüdischen Kinder der wohlhabenderen Familien von Hauslehrern unterrichtet worden; diese israelitische Volksschule existierte bis ins Jahr 1930; in den letzten Jahren ihres Bestehens besuchten diese auch jüdische Kinder aus Hainsfarth.

Schulklasse mit Oberlehrer Leopold Gutmann* (Aufn. um 1925, aus: G. Römer)

* Aus einem Nachruf anlässlich seines Todes (1930): Über ein Menschenalter stand der Verstorbene als Lehrer und Kantor an der Spitze unserer Gemeinde, der er in rastloser Tätigkeit bis zum letzten Augenblick geistiger Führer und Berater war. Das Streben nach Erhaltung und Hebung religiösen Lebens in Schule und Gemeinde war der Inhalt seines Lebens.

Ausschreibung einer Stelle für den Gemeindediener/Schächter (1879): 

  aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15.März 1923

Ebenfalls im Eigentum der jüdischen Gemeinde befand sich eine um 1790/1800 eingerichtete ‚Herberge’ für arme Juden.

Trotz der zahlreichen jüdischen Bewohner in Oettingen verfügte die Gemeinde bis Mitte des 19.Jahrhunderts über kein eigenes Bestattungsgelände am Ort; so mussten die Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof in Nördlingen, danach in Wallerstein beerdigt werden. Seit 1850 konnte ein eigener jüdischer Begräbnisplatz am Dorfrand - in Richtung Dornstadt gelegen - genutzt werden.

Jüdischer Friedhof (Aufn. GFreihalter, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die Kultusgemeinde Oettingen-Wallerstein - zusammengelegt um 1860 - unterstand seit Ende der 1880er Jahre dem Bezirksrabbinat Ichenhausen.

Juden in Oettingen:

         --- um 1485 ........................   6 jüdische Familien,*

    --- um 1600 ........................   7     “       “    ,*

    --- 1612/14 ........................ eine    “       “  (),*

    --- um 1655 ........................  36     “       “    ,*

    --- um 1700 ........................  34     “       “    ,*

    --- um 1760 .................... ca.  80     “       “    ,*

    --- 1801/02 ........................  90     “       “    ,*

    --- 1811/12 .................... ca. 330 Juden,

    --- 1837 ........................... 430   ”  (13,5% d. Bevölk.),

    --- 1850 ....................... ca. 400   ”  ,

    --- 1871 ........................... 205   ”  (ca. 7% d. Bevölk.)

    --- 1890 ....................... ca. 220   “  ,

    --- 1903 ........................... 141   “  ,

    --- 1910 ........................... 102   “  ,

    --- 1925 ...........................  88   “  ,

    --- 1933 ...........................  69   “  ,

    --- 1936 (Jan.) ....................  64   “  ,

    --- um 1939/40 ................. ca.  40   “  ,

    --- 1942 (Mai) .....................  keine.

* Alle Angaben beziehen sich auf den gesamten Ort; die Zahlenangaben sind bis gegen Ende des 18.Jahrhunderts allerdings unsicher.

Angaben aus: Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 488                                              

und                 Petra Ostenrieder, Zur Geschichte der Juden in Oettingen in der Frühen Neuzeit, S. 125 f.

Im Gefolge der Niederlassungsfreiheit verließen zahlreiche jüdische Familien Oettingen und zogen in größere Städte. Im Laufe des 19.Jahrhunderts änderte sich die Berufsstruktur der Oettinger Judenschaft: weg von einem ambulant betriebenen Hausierhandel mit Ellenwaren, hin zum Textilwarenhandel vor Ort. U.a. mit der Tabakfabrik Michelbacher und dem Bankhaus Steiner bestimmten jüdische Geschäftsleute das Wirtschaftsleben des Städtchens maßgeblich mit. Auch auf den heimischen Viehmärkten waren Juden vertreten.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20152/Oettingen%20dok%200404a.jpg Briefkopf einer Rechnung der Fa. Michelbacher von 1889

Briefkopf der Fa. L. Klein, Inh. Max Obermeyer von 1916  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20152/Oettingen%20dok%200403a.jpg

beide Belege aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries

Drei Lehrstellenangebote von 1889, 1890 und 1903:

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20298/Oettingen%20Israelit%2012061889.jpg   

Die Oettinger Juden waren in das kleinstädtische Leben eingebunden und auch gesellschaftlich integriert. Mit der NS-Machtübernahme und dem am 1.4.1933 durchgeführten Boykott jüdischer Geschäfte begann ihre Ausgrenzung, wie die folgende Aufnahme zeigt:

 SA-Posten vor dem Geschäft der Gebrüder Badmann in Oettingen

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Synagoge zwar nicht niedergebrannt, doch zerstörte man Fenster und das gesamte Inventar; auch gingen wertvolle Ritualgegenstände verloren; das Gemeindearchiv verschwand zusammen mit der jüdischen Gemeindebibliothek spurlos. Anschließend drang der Mob in Wohn- und Geschäftshäuser Oettinger Juden ein und demolierte das Mobiliar. Die Männer wurden „in Schutzhaft“ genommen und ins KZ Dachau verschleppt. Anfang der 1940er Jahre wurden die noch in Oettingen verbliebenen jüdischen Bewohner deportiert; über ihr Schicksal ist kaum etwas bekannt.

Nach Kriegsende kehrte nicht eine einzige jüdische Familie nach Oettingen zurück. Das einstige Synagogen- sowie das Schulgebäude sind heute noch baulich erhalten, aber nach Umbaumaßnahmen kaum mehr wiederzuerkennen. Eine an der Ostwand des Gebäudes angebrachte Tafel erinnert an die einstige Nutzung des Hauses. 2005 wurde ein vom Künstler Fred Jansen gestaltetes Mahnmal an der ehemaligen Synagoge angebracht; auf zwei beweglichen Walzen stehen die Namen der 78 jüdischen Bürger, die 1933 bis 1942 in Oettingen lebten.

Oettingen (Bayern) Ringgasse Infotafel329.JPG (Aufn. GFreihalter, 2010, aus. commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Der Mitte des 19.Jahrhunderts angelegte Friedhof weist insgesamt noch etwa 320, z.T. monumentale Grabsteine auf.

 

Sehenswerte Grabsteine auf dem Friedhof in Oettingen, im Bild links im Hintergrund das Taharahaus (Aufn. J. Hahn, 2004)

Oettingen (Bayern) Jüdischer Friedhof 3093.JPG Oettingen (Bayern) Jüdischer Friedhof 3076.JPG

aufgereihte Grabstelen (Aufn. Reinhardhauke, 2013, in: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Am Taharahaus befindet sich eine hebräische Inschrift:

Ihre Übersetzung lautet: „Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt; er hat euch in Gerechtigkeit erschaffen, euch in Gerechtigkeit ernährt und erhalten, euch in Gerechtigkeit sterben lassen; er kennt euer aller Anzahl in Gerechtigkeit und wird euch wieder zum Leben zurückrufen in Gerechtigkeit.

Ein Gedenkstein am ehemaligen Tahara-Haus des jüdischen Friedhofs trägt die folgende Inschrift:

.. der du mich hast schauen lassen viel Not und Leiden

du wirst wiederum mich beleben

und aus den Tiefen der Erde mich wiederum erheben

                                                                                                    Ps. 71/20

Ihren jüdischen deutschen Mitbürgern zur Sühne und Ehre

Stadt Oettingen i.Bay.

Im städtischen Heimatmuseum wird die Wetterfahne des ehemaligen Synagogengebäudes gezeigt; sie war den Gesetzestafeln nachgeahmt.

Originale Wetterfahne vom Synagogengebäude (Aufn. Heimatmuseum Oettingen)

 

Im nahe gelegenen Dorfe Hainsfarth, das bis Anfang des 19.Jahrhunderts im Besitz der Fürsten von Oettingen-Spielberg war, existierte eine große jüdische Gemeinde, deren Angehörige zeitweilig mehr als 50% der Gesamtbevölkerung ausmachten.  [vgl. Hainsfarth (Schwaben/Bayern)]

 

In Steinhart existierte auch eine jüdische Gemeinde, die Ende des 18.Jahrhunderts ihren zahlenmäßigen Höchststand erreicht hatte. Um 1800 löste sich die Steinharter Gemeinde völlig auf.  [vgl. Steinhart (Mittelfranken/Bayern)]

 

Weitere Informationen:

Ludwig Müller, Aus fünf Jahrhunderten: Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinden im Ries, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg, Jahrgang 1899, S. 81 – 182

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 623 – 652 und Band III/2, Tübingen 1995, S. 1061

Karl-Heinz Kucher, Die Judengemeinde von Oettingen, Dornstadt 1974

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Verlag Oldenbourg, München/Wien 1979, S. 488 - 490

Gernot Römer, Der Leidensweg der Juden in Schwaben. Schicksale von 1933 - 1945 in Berichten, Dokumenten und Zahlen, Presse-Druck- und Verlags-GmbH Augsburg, Augsburg 1983, S. 106 f.

Gernot Römer, Die Austreibung der Juden aus Schwaben. Schicksale nach 1933 in Berichten, Dokumenten, Zahlen und Bildern, Augsburg 1987

Die Juden in Oettingen – ein Beitrag zur Heimatgeschichte, in: Oettinger Blätter, Heft 2 (Jan. 1989)

Gernot Römer, Schwäbische Juden. Leben und Leistungen aus zwei Jahrhunderten in Selbstzeugnissen, Berichten und Bildern, Presse-Druck u. Verlags-GmbH Augsburg, Augsburg 1990, S. 34 - 51

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern - eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 274/275

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Oettingen/Schwaben, in: der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 11.Jg., No. 71/1996, S. 12

Ein fast normales Leben - Erinnerungen an die jüdischen Gemeinden Schwabens. Faltblatt zur Ausstellung des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg im Rathaus Oettingen, 1997

Theodor Harburger, Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, Band 3: Markt Berolzheim - Zeckendorf, Hrg. Jüdisches Museum Franken - Fürth & Schnaittach, Fürth 1998, S. 636 - 641

Petra Ostenrieder, Zur Geschichte der Juden in Oettingen in der Frühen Neuzeit, in: Peter Fassl (Hrg.), Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben II, Irseer Schriften, Band 5, S. 121 - 136, Verlag Thorbecke, Stuttgart 2000

Heimatmuseum Oettingen (Hrg.), Informationen zur Stadtgeschichte. Geschichte der Juden, 6/2003

Dietrich Bösenberg, Jüdische Friedhöfe im Ries (Referat/Aufsatz), Universität Ulm, 2003

Werner Eisenschink, Die Provinz wird braun. Oettingen und das Ries im Nationalsozialismus, Oettingen 2006

A. Hager/C. Berger-Dittscheid, Oettingen, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 1, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2007, S. 522 – 529

Oettingen, in: alemannia-judaica.de (mit umfangreichen Material zur Dokumentation der jüdischen Ortshistorie)

Gunther Reese (Hrg.), Spuren jüdischen Lebens rund um den Hesselberg. Kleine Schriftenreihe Region Hesselberg, Band 6, Unterschwaningen 2011

Benigna Schönhagen (Hrg.), Ma Tovu...". "Wie schön sind deine Zelte, Jakob..." Synagogen in Schwaben (mit Beiträgen von H.G. Brandt, R. Kießling, U. Knufinke und O. Lohr), Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben 2014