Rhaunen/Hunsrück (Rheinland-Pfalz)

Datei:Verbandsgemeinden in BIR.svg Rhaunen ist eine kleine Kommune mit derzeit ca. 2.300 Einwohnern zwischen Idarwald und Soonwald im Landkreis Birkenfeld – ca. 20 Kilometer nördlich von Idar-Oberstein gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0). Seit 2020 ist diese Teil der neuen Verbandsgemeinde Herrstein-Rhaunen, zu der etwa 50 Oertsgemeinden gehören

Vermutlich durften sich die ersten jüdischen Familien im Laufe des 14.Jahrhunderts im Hochgericht Rhaunen niederlassen; als Schutzjuden des Wildgrafen von Dhaun waren sie diesem zu einer jährlich zu entrichtenden Steuer verpflichtet. Ihren Lebensunterhalt verdienten die wenigen hier ansässigen Juden vor allem im Vieh-, Fell- und Lederhandel, aber auch im ambulanten Kleinhandel. Erst im Laufe des 19.Jahrhunderts bildete sich in Rhaunen eine größere jüdische Gemeinde („Israelitische Religionsgesellschaft“) heraus, deren Angehörige zeitweise mehr als 10% der Ortsbevölkerung stellten. Offiziell wurde die gemeindliche Organisation erst 1902 ins Leben gerufen.

aus: "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 5.Dez. 1902

Ende des 19.Jahrhunderts sollte der bestehende kleine Betsaal durch einen Synagogenneubau ersetzt werden; doch das Bauvorhaben scheiterte wegen fehlender Finanzmittel.

                                                               Bauskizze der geplanten Synagoge (um 1900)

Die der geplante Synagogenbau nie realisiert wurde, fanden die Gottesdienste über die Jahre hinweg in provisorisch hergerichteten Gebäudeteilen statt; der letzte genutzte Synagogenraum befand sich in der Salzengasse. 

Die jüdischen Kinder besuchten in Rhaunen in der Regel eine der beiden christlichen Volksschulen; nur für eine gewisse Zeit existierte am Ort eine eigene jüdische Schule; d.h. den betreffenden Kindern stand ein Raum zur Verfügung, in dem sie von einem jüdischen Lehrer unterrichtet wurden.

aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Dez. 1889 

Im Lingenbachtal besaß die jüdische Gemeinde ein vermutlich um 1890/1895 angelegtes Begräbnisgelände; der alte Friedhof soll sich ganz in der Nähe im „Judenwäldchen“ befunden haben.

                    Jüdischer Friedhof (Aufn. Otmar Frühauf, 2010) 

Die Kultusgemeinde Rhaunen gehörte zum Rabbinatsbezirk Trier.

Juden in Rhaunen:

    --- 1722 ..........................    4 jüdische Familien,

--- 1808 ..........................   74 Juden,

    --- 1833 ..........................   90   “  ,

    --- 1843 ..........................   83   “   (ca. 10% d. Bevölk.),

             ..........................  280   “  ,*      * im Amt Rhaunen

    --- um 1860 ................... ca.   90   “  ,

    --- 1875 ..........................   88   “  ,

    --- 1895 ..........................  104   “  ,

    --- 1903 ..........................  109   “   (in 24 Familien),

    --- 1925 ..........................   70   “  ,

    --- 1932/33 .......................   58   “  ,

    --- 1938 (Okt.) ...................   30   “   (in 11 Familien),

    --- 1941 (Dez.) ...................   keine.

Angaben aus: Erich Stoll, Rhaunen. Seine Geschichte - seine Menschen (Ortschronik), S. 524

und                 Hilde Weirich/Erich Stoll, Beiträge zur Geschichte der Juden in Rhaunen, S. 85/86

Bis ins 20.Jahrhundert hinein spielten die hiesigen jüdischen Viehhändler für die Landwirte der Region eine wichtige Rolle; auf den Rhaunener Kram- und Viehmärkten, die jedes Jahr im Frühjahr und Herbst stattfanden, wurden auch Verträge ausgehandelt, die der Finanzierung des Viehkaufs dienten und in gewisser Weise die finanzschwachen Landwirte an die jüdischen Geldgeber banden. Trotzdem lebten die Juden Rhaunens insgesamt in recht bescheidenen Verhältnissen. Bis Anfang der 1930er Jahre lebte die jüdische einvernehmlich mit der übrigen Ortsbevölkerung zusammen; man respektierte sich und pflegte auch persönliche Kontakte untereinander. Wenige Jahre nach der NS-Machtübernahme 1933 verließen auch jüdische Familien aus Rhaunen zunehmend ihren Heimatort; der NS-Propaganda gelang es allmählich, einen Keil zwischen Juden und Nichtjuden zu treiben; alte Kontakte wurden jetzt nur noch im Verborgenen aufrecht erhalten. Mit dem Verbot des Viehhandels (1937) wurde den jüdischen Händlern ihre Existenzgrundlage entzogen.

Am Abend des 10.Novembers 1938 wurden alle männlichen Juden Rhaunens „in Schutzhaft“ genommen, ins Amtsgericht gebracht und von dort ins Gefängnis nach Wittlich überstellt, wo sie zwei Tage festgehalten wurden. Im Orte zündeten SA-Angehörige und Westwall-Arbeiter zwei Häuser jüdischer Bewohner an; auf eine Brandlegung des Synagogenraumes in der Salzengasse verzichtete man, da sich in der Nähe ein Tanklager befand; dagegen zerstörten die Täter die Inneneinrichtung. Wenige Tage später wurde das stark beschädigte Gebäude von Feuerwehrleuten niedergerissen. Auch ein Schuhgeschäft wurde geplündert und anschließend in Brand gesteckt. Die 17 damals noch in Rhaunen lebenden jüdischen Bewohner wurden Mitte Oktober 1941 zunächst nach Trier gebracht; von hier aus wurden sie später deportiert. Im Personenregister des Standesamtes Rhaunen wurde hinter den Namen knapp vermerkt: „ Am 15.Oktober 1941 evakuiert.” 

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20244/Rhaunen%20Lehrer%20110.jpg Zu den Deportationsopfern gehörten auch der letzte in Rhaunen tätige Lehrer Joseph Klein und seine Frau Emma.

Über den Verbleib der meisten Deportierten liegen keine gesicherten Angaben vor. Mindestens elf Juden aus Rhaunen wurden Opfer des Holocaust.

 

Seit 1983 erinnert eine Gedenkplatte auf einer kleinen Gedenkstätte wie folgt:

Zum Gedenken an das Schicksal unserer jüdischen Mitbürger  1933 - 1945.

Ortsgemeinde Rhaunen 1993

Seit 2012 wurden in den Straßen Rhaunens sog. „Stolpersteine“ verlegt; inzwischen hat sich deren Anzahl auf ca. 50 Gedenktäfelchen erhöht (Stand: 2020).

Stolpersteine“ in der Salzengasse (Abb. aus: swr.de)

[vgl. Hottenbach (Rheinland-Pfalz)]

[vgl.  Laufersweiler (Rheinland-Pfalz)]

 

Weitere Informationen:

Edgar Mais, Die Verfolgung der Juden in den Landkreisen Bad Kreuznach und Birkenfeld 1933 - 1945. Eine Dokumentation-, in: Heimatkundliche Schriftenreihe des Landkreises Bad Kreuznach, Band 24, Bad Kreuznach 1988, S. 304/305

Erich Stoll, Rhaunen. Seine Geschichte - seine Menschen (Ortschronik), Hrg. Ortsgemeinde Rhaunen, 1988, S. 125 - 129, S. 226 - 230 und S. 524

Hilde Weirich/Erich Stoll, Beiträge zur Geschichte der Juden in Rhaunen, Hrg. Verein für Heimatkunde im Landkreis Birkenfeld und der Heimatfreunde Oberstein, Sonderdruck der Mitteilungen 65/1991

Axel Redmer, Staatenlos und vogelfrei. Widerstand, Verweigerung und Verfolgung von Menschen aus dem Bereich der oberen Nahe 1933 bis 1945, 1. Teil: Die Ausgebürgerten, Birkenfeld 1993

Rhaunen, in: alemannia-judaica.de (mit Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Gemeindehistorie)

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 318 - 320

Reiner Schmitt, Gedenkbuch - Die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung aus den Orten des Birkenfelder Landes 1933 - 1945, 2011 (nicht im Druck erschienen; vorhanden im Hauptlandesarchiv Koblenz bzw. Stadtbibliothek Trier)

15.Oktober 1941: Ein schlimmer Tag für Rhaunen, in: „Rhein-Zeitung“ vom 4.9.2012

Erik Zimmermann, Die Juden im Raum Rhaunen - Streiflichter aus fünf Jahrhunderten, in Heimatkalender 2013 - 75 Jahre Landkreis Birkenfeld. Beiträge zur Geschichte und Gegenwart des Landes an der oberen Nahe, des Westrichs, des Hoch- und Idarwaldes, Hrg. Kreisverwaltung Birkenfeld, Birkenfeld 2012 

Arbeitskreis Stolpersteine Rhaunen (Bearb.), Stolpersteine gegen das Vergessen, online abrufbar unter: vg-rhaunen.de

Förderkreis Synagoge Laufersweiler e.V. (Red.), 17 weitere Stolpersteine in Rhaunen, 2014

Auflistung aller in Rhaunen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Rhaunen