Rheda (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Rheda-Wiedenbrück in GT.svg Rheda-Wiedenbrück ist eine von derzeit ca. 48.000 Menschen bewohnte Stadt im Kreis Gütersloh im Osten des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org CC BY-SA 3.0).

Ansicht von Rheda – Stich von ca. 1650 (Abb. aus: wiki-de.genealogy.net/Rheda)

Urkundlichen Quellen zufolge lebten seit Ende des 16.Jahrhunderts sehr wenige jüdische Familien in der Herrschaft Rheda; es waren „Schutzjuden“, deren Anzahl und Aufenthaltserlaubnis von der Gunst der regierenden Fürsten abhängig war. Belegt ist ein Brief des Juden Moises aus Neustadt a.Rbge., der sich um eine Aufnahme in die Kleinstadt bemühte. 1660 gewährte der Landesherr, Graf Moritz v. Bentheim-Tecklenburg, zwei Juden ein auf zehn Jahre befristetes Aufenthaltsrecht in der Stadt; gegen ein jährliches Schutzgeld von sechs Reichstalern durften sie Warenhandel betreiben und erhielten eine Begräbnisstätte. Für deren Nachkommen wurde die landesherrliche Schutzzusage verlängert.

1689 setzte der Rhedaer Rat - getragen von den Zünften - beim Landesherrn die Ausweisung der beiden Judenfamilien durch; „sie [die Juden] saugten die armen Bürger durch allerhand Contracte aus und fügten mit ihrer Hantierung den Krämern, Schlächtern und allen anderen Einwohnern Schaden zu.” Doch die Ausweisung der Juden aus Rheda war nicht von langer Dauer; denn der Landesherr wollte nicht auf die Einkünfte, die durch „seine“ Juden erbracht wurden, verzichten; deshalb stellte er erneut Schutzbriefe aus. Die Konflikte zwischen der Rhedaer Kramerzunft und den hier lebenden Juden blieben weiterhin bestehen. 

Eine herausragende Stellung im Wirtschaftsleben von Rheda in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts bekleidete Jakob Moses (später Rosenberg), der sich als Fleischlieferant des Hofes etablierte. Als „Hofjude“ war er nun von Maßnahmen befreit, die seine Wirtschaftstätigkeit ansonsten eingeschränkt hätten. 1808 übertrug ihm der Magistrat das Bürgerrecht; er war damit der erste Jude in Rheda, dessen Name im Bürgerbuch der Stadt verzeichnet war.

Die Benennung eines Vorstehers im Jahre 1781 bezeugt die Gründung einer jüdischen Gemeinde in Rheda; etwa zeitgleich muss auch ein Betraum eingerichtet worden sein. Ein neues Synagogengebäude – auf einem vom Landesherrn erworbenen Bauplatz erstellt - wurde 1802 am Steinweg (am Rande des Schlossgartens) eingeweiht; es war ein bescheidener Fachwerkbau, der sich äußerlich kaum von den Bürgerhäusern unterschied. In den 1870er Jahren wurde auf dem Synagogengrundstück eine jüdische Elementarschule eingerichtet, die auch von den Kindern der Nachbargemeinden Wiedenbrück und Herzebrock besucht wurden. 1924 wurde diese Schule wegen Schülermangels geschlossen.

1910/1920 erreichte die Rhedaer Gemeinde ihren numerischen Höchststand.

Im Jahre 1853 war die formale Errichtung des Synagogenbezirks Rheda erfolgt, zu der auch die Gemeinden Herzebrock, Langenberg und Wiedenbrück zählten.

Juden in Rheda:

         --- um 1680 ......................   2 jüdische Familien,

    --- 1735 .........................   6     “        “     (33 Pers.),

    --- 1750 .........................   8     "        "    ,

    --- 1795 .........................  10     “        “    ,

    --- 1813 .........................  86 Juden,

    --- 1843 .........................  78   “  ,

     --- 1858 .........................  79   “  ,

     --- 1871 ......................... 101   “  ,

    --- 1880 .........................  99   "  ,

    --- 1890 .........................  80   “  ,

    --- 1900 .........................  92   “  ,

    --- 1905 ......................... 115   “  ,

    --- 1930 ..................... ca. 120   “  ,

    --- 1932 .........................  56   “  ,

    --- 1938 .........................  14 männl. Personen u. ihre Familien,

    --- 1939 (Sept.) .................  keine.

Angaben aus: Heinrich Bollweg, Zur Geschichte der Juden in Stadt und Herrschaft Rheda

und                 Elisabeth Hanschmidt (Bearb.), Rheda-Wiedenbrück, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Westfalen ..., S. 656          

Die meisten Juden in Rheda waren um 1930 selbstständig; es gab Gastwirte, zahlreiche Viehhändler, Metzger und Händler; zudem befanden sich zwei Industriebetriebe in jüdischem Besitz. Das mit Abstand größte Unternehmen am Ort war die Textilfabrik der Gebrüder Weinberg, die um 1930 mehr als 700 Menschen beschäftigte und zudem Hunderten von Heimarbeiterinnen Lohn und Brot gab. Das Zusammenleben der christlichen und jüdischen Bevölkerung Rhedas war damals problemlos; jüdische Familien waren in das kleinstädtische Sozialgefüge gut integriert.

Kurz nach der NS-Machtübernahme 1933 und den ersten Übergriffen gegen Rhedaer Juden verließen bereits einige Familien die Kleinstadt; zu ihnen gehörte auch die Familie Weinberg, die ihre Rhedaer Fabrikationsanlagen verkaufte und in die Niederlande emigrierte. Auch die Besitzer des größten Sperrholzwerkes in Deutschland, die Familien Hirschheimer und Thalheimer, gingen 1935/1936 in die Emigration. Bis Herbst 1938 hatten die meisten jüdischen Familien Rheda bereits verlassen.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde auch in Rheda die Synagoge in Brand gesetzt und jüdisches Eigentum zerstört. Verantwortlich dafür waren hiesige SA-Angehörige, die auch teilweise von der Ortsbevölkerung aktiv unterstützt wurden; auch Schulkinder sollen bei den Plünderungen beteiligt gewesen sein.

Über die Ereignisse in der „Reichskristallnacht“ berichtete „Die„Glocke" am 11. November 1938: "Wie überall im Großdeutschen Reich, so kam es auch in den Kreisen Beckum, Warendorf und Wiedenbrück in der Nacht zum Donnerstag und am Donnerstagvormittag zu spontanen antijüdischen Kundgebungen. Es waren Kundgebungen, zu denen es kommen mußte, um einmal den lange aufgehaltenen Groll, den die Hetze und die Gemeinheiten des Weltjudentums verursacht haben, zu entladen.  Auch in Rheda fand sich das deutsche Volk spontan auf den Straßen zusammen, wobei eine Anzahl von Fensterscheiben in die Brüche ging. Die Synagoge wurde ein Raub der Flammen. In Wiedenbrück gingen bei der Kundgebung eine Anzahl von Fensterscheiben in die Brüche, ebenso einige Schaufenster."

Wer sich jetzt noch in Rheda aufhielt, wurde verhaftet; 14 männliche Personen wurden mit ihren Angehörigen aus Rheda abtransportiert. Ende 1939 meldete die Verwaltung von Rheda ihre Stadt als „judenfrei”. Auch die Reste der Synagoge waren inzwischen abgetragen worden.

Nachweislich wurden 62 Angehörige der Rhedaer jüdischen Gemeinde Opfer der „Endlösung“.

  Gedenkstein mit -tafel (Aufn. H., 2007, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

An der Ecke Schlossberg/Steinweg - dort, wo früher die Synagoge stand - befindet sich seit 1980 ein Gedenkstein mit der folgenden Inschriftentafel:

Hier stand das Gotteshaus der Synagogengemeinde Rheda,

das am 9.11.1938 von den Nationalsozialisten mutwillig zerstört wurde.

Der Ort auf dem Du stehst ist heiliger Boden.   Exodus 3,4

Anm.: Die Zerstörung fand tatsächlich am 10. November statt.

Am Rathaus erinnert eine Gedenktafel an die aus Rheda stammenden Juden, die während der NS-Zeit gewaltsam ums Leben kamen. Ein Denkmal auf dem Friedhof - besetzt mit 62 Steinen - dient heute als Gedenkort für die verschleppten und ermordeten Juden Rhedas.

 Jüdischer Friedhof Rheda - © Wilhelm Dick

jüdischer Friedhof Rheda (Aufn. aus: petrasreverse.wordpress.com, 2012  und  Aufn. Wilhelm Dick)

2013 wurde in Rheda-Wiedenbrück mit der Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ begonnen; inzwischen erinnern ca. 50 Steine an Opfer der NS-Herrschaft (Stand 2019).

  drei "Stolpersteine" (Aufn. SPD Rheda, 2016)

Zwei Thora-Rollen der Rhedaer Gemeinde sind bis heute erhalten geblieben: eine befindet sich in einer Stadt des US-Bundesstaates Ohio, die andere in einer jüdischen Gemeinde in Buenos Aires.

Aus Rheda stammte Werner Weinberg, der seine Biographie unter dem Titel „Wunden, die nicht heilen dürfen” publiziert hat; außerdem gibt es einen kurzen Videofilm über das Leben seiner Familie, der Besuchern in der Gedenkstätte Bergen-Belsen gezeigt wird.    

 

In Herzebrock sollen seit dem ausgehenden 18.Jahrhundert einige jüdische Familien gelebt haben. Da deren Zahl zu gering war, um einen Minjan zu bilden, gab es hier keine selbstständige Gemeinde. Vielmehr nutzten sie die gemeindlichen Einrichtungen der Rhedaer Juden. Fünf Familien waren in Herzebrock in den 1930er Jahren ansässig; wem nicht die Emigration gelang, der wurde deportiert. 

2008 wurde im Ort eine Gedenkstele für die jüdischen NS-Opfer an der Ecke Gildestraße/Urhofstraße errichtet.

 

Weitere Informationen:

J. Kindler/W.A. Lewe/H. Bollweg, Die Geschichte der Rhedaer Judengemeinde, in: Rhedaer Schriften Band II (1988), Hrg. Stadt Rheda-Wiedenbrück 1988

Heinrich Bollweg, Zur Geschichte der Juden in Stadt und Herrschaft Rheda, Dülmen 1973

Werner Weinberg, Die Geschichte einer Tora, Hrg. Stadtarchiv Rheda-Wiedenbrück, 1978

Jehuda Barlev, Über die Frühgeschichte der jüdischen Gemeinde Rheda, in: Gütersloher Beiträge zur Heimat- und Landeskunde, Heft 56/57 (1979), S. 1118 f.

Jürgen Kindler/Wolfgang Lewe, Judenfriedhöfe in Rheda und ihre Geschichte zwischen 1600 und 1969, in: Heimatjahrbuch Kreis Gütersloh 1985, S. 146 - 151

Werner Weinberg, Rhedaer Schmus, Hrg. Historischer Arbeitskreis des Heimatvereins Rheda, Rheda 1986

Jürgen Kindler/Wolfgang Lewe/Heinrich Bollweg, Die Geschichte der Rhedaer Judengemeinde, Rheda-Wiedenbrück 1988

Werner Weinberg, Wunden, die nicht heilen dürfen. Botschaft eines Überlebenden, Herder-Verlag, Freiburg i.Breisgau 1988

J.Kindler/W.A.Lewe, 9./10.November 1938. 24 Stunden in der Geschichte einer Stadt, in: Heimatjahrbuch Kreis Gütersloh 1988, S. 76 - 79

Elisabeth Hanschmidt (Bearb.), Juden und jüdisches Leben in Rheda. Dokumentation zur Ausstellung ‘Juden und jüdisches Leben in Rheda’, Hrg. Heimatverein Rheda e.V., Rheda-Wiedenbrück 1995

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Band III: Regierungsbezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 68 - 73

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 137/138

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 452/453

Bernd-Wilhelm Linnemeier, Die Juden in der Grafschaft Rietberg, der Herrschaft Rheda und dem Amt Reckenberg, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 130 - 165 

Elisabeth Hanschmidt (Bearb.), Rheda-Wiedenbrück, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 651 - 662

Matthias Gans (Red.), 11 neue Stolpersteine in Rheda-Wiedenbrück verlegt, in: “Neue Westfälische Zeitung” vom 27.11.2015