Röbel (Mecklenburg-Vorpommern)

Mecklenburgische Seenplatte Karte Die Kleinstadt Röbel mit derzeit ca. 5.000 Einwohnern liegt in der Mecklenburger Seenplatte am Südwestufer der Müritz (Karte aus: ortsdienst/mecklenburg-vorpommern/mecklenburgische-seenplatte).

Ersterwähnung eines Juden, der sich in Röbel (als Geldverleiher) aufhielt, erfolgte in den 1470er Jahren. Wie überall in Mecklenburg wurden 1492 wegen der angeblichen „Hostienschändung“ zu Sternberg auch aus dem Müritzgebiet die jüdischen Bewohner vertrieben; erst etwa 200 Jahre später konnten Juden wieder hierher zurückkehren. Eher als in anderen Landstädten Mecklenburgs hielten sich in Röbel bereits um 1700 einige wenige jüdische Familien auf; darauf deutet ein Pachtvertrag hin, der den Juden ein kleines Areal als Bestattungsstätte (an der Mirower Straße) zugestand.

Mitte des 18.Jahrhunderts besaßen mindestens sechs Juden vom mecklenburgischen Großherzog ausgestellte Schutzbriefe und Handelskonzessionen für die Stadt Röbel; namentlich bekannt (laut einer Steuerliste) sind die ersten Röbeler Schutzjuden, Israel Jacob und Moses Jacob, die ihren Schutzbrief 1753 erhalten hatten. In den folgenden Jahrzehnten erhöhte sich die Zahl der Röbeler Schutzjuden; ihren Lebensunterhalt verdienten sie fast ausschließlich als Kauf- und Handelsleute.

Eine Synagoge wurde um 1830 gebaut; der schlichte Fachwerkbau stand in einer Seitenstraße, der Kleinen Stavenstraße.

         Synagoge in Röbel (Zeichnung Werner Schinko)

Gottesdienste fanden in der Röbeler Synagoge bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg statt; danach konnte die Gemeinde keinen Minjan mehr stellen.

Das Synagogengebäude wurde Mitte der 1930er Jahre an einen Fuhrunternehmer verkauft, der es in der Folgezeit als Abstellraum und Garage nutzte; heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Der um 1700/1720 angelegte jüdische Friedhof ("Juden-Kirch-Hof") - im Scheunenviertel der Neustadt (an der Mirower Straße) - wurde Anfang des 19.Jahrhunderts erweitert.

Anm.: Ob es möglicherweise bereits im ausgehenden Mittelalter einen jüdischen Begräbnisplatz in Röbel gegeben hat, kann nicht belegt werden.

             Der „Gute Ort“ in Röbel (Zeichnung Werner Schinko) 

In der NS-Zeit wurde der Friedhof zerstört; auf Anweisung einer NS-Oberbehörde mussten 1942 alle eisernen Grabeinfassungen entfernt und abgeliefert werden; die Grabsteine gingen an einen Steinmetzbetrieb. Mitte der 1950er Jahre wurden die allerletzten Überreste des Röbeler Friedhofs dann restlos beseitigt.

Juden in Röbel:

         --- um 1760 ..........................   6 jüdische Familien,

    --- 1797 .............................  15     “       “    ,               

    --- um 1830 ..........................  18     “       “    (ca. 90 Pers.),

    --- um 1840 .......................... 104 Juden,

    --- 1867 ............................. 101   “  ,

    --- 1910 .............................  37   “  ,

    --- 1933 .............................  20   “  ,

    --- 1937 .............................  12   “  (in 3 Familien),

    --- 1942 (Febr.) .....................   5   “  .

Angaben aus: Karl-Heinz Oelke, Auf den Spuren jüdischer Vergangenheit im Müritzkreis

Walter Moras - Stadt in Norddeutschland.jpgAnsicht von Röbel um 1920 (Abb. Walter Moras, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Ab ca. 1870 wanderten viele Juden aus Röbel ab. Aufgrund der durch die Abwanderung verursachten angespannten finanziellen Situation konnte sich die jüdische Gemeinde Röbel spätestens ab der Jahrhundertwende keinen festangestellten Lehrer mehr leisten und musste auf sog. Wanderlehrer zurückgreifen.

Zu Beginn der NS-Zeit wohnten dann nur noch sehr wenige jüdische Familien in Röbel; auch hier wurden diese durch die „üblichen“ Repressalien - wie z.B. am 1. April 1933 beim sog. „Judenboykott“ durch SA-Angehörige vor ihren Geschäften – an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Zwischen 1936 und 1938 mussten sie schließlich ihre Geschäfte aufgeben, die dann von Einheimischen billig erworben wurden.

Zu Beginn der NS-Zeit wohnten nur noch sehr wenige jüdische Familien in Röbel; zwischen 1936 und 1938 mussten sie ihre Unternehmen aufgeben; diese wurden von Einheimischen billig erworben. Auch das Synagogengebäude musste veräußert werden; es ging im Sept. 1938 in die Hände eines einheimischen Fuhrunternehmers über.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde der jüdische Friedhof durch SA-Angehörige verwüstet; die wenigen jüdischen Männer wurden in "Schutzhaft" genommen und im Gefängnis Neustrelitz festgehalten.. Der „Niederdeutsche Beobachter” berichtete am 11.November:

Juden machen sich dünne

In Röbel wurden dem Juden Robert Beyer die Fenster eingeworfen und reichlich sonstiger Materialschaden angerichtet. Der Jude mußte in Schutzhaft genommen werden. Die jüdische Synagoge wird seit mehreren Wochen als Autogarage benutzt. Jude Becker verkaufte vor einigen Wochen sein Geschäftshaus ... und ist jetzt nach Berlin abgereist.

Die letzten jüdischen Bewohner Röbels wurden im Juli 1942/1943 - via Ludwigslust - nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

In Röbel ist das einzige noch erhaltene Synagogengebäude der Müritzregion zu finden; es war in den 1970er Jahren unter Denkmalschutz gestellt worden.

                       

Ehem. Synagoge in Röbel (Aufn. Peter Schmelzle, 2008)

Seit 2000 trägt der Verein „Land und Leute e.V.” die Verantwortung für das Synagogengebäude; die kostenintensive, mit Bundes- und Landesmitteln geförderte Grundsanierung des Gebäudes war 2003 im Wesentlichen beendet. Unmittelbar neben dem historischen Synagogengebäude befindet sich der sog. Engelsche Hof. Die Benennung des Gebäudeensembles ("ENGELscherHOF") geht auf die jüdische Familie Engel zurück, die über Generationen hinweg in Röbel lebte. Seit der Eröffnung (2005/2006) hat sich hier eine vielfältig genutzte, soziale und kulturelle Einrichtung entwickelt: so hat eine Jugendbildungsstätte hier ihr Domizil. In einem neu errichteten Gebäude ist eine Ausstellung zur Geschichte der Juden in Mecklenburg untergebracht.

Gebäudeensemble Engelscher Hof, rechts Synagoge (Aufn. Jugendbildungsstätte)

In der Kleinstadt finden sich heute noch weitere Zeugnisse jüdischer Kultur, z.B. die ehemalige Talmudschule und Häuser jüdischen Stadtbürger. Damit verfügt Röbel über baulich wohl einmalige Zeugnisse des jüdischen Gemeindelebens einer mecklenburgischen Ackerbürgerstadt.

Vom jüdischen Friedhof ist allerdings überhaupt nichts mehr vorhanden. Die Einfriedung und die dort befindlichen Stelen stammen von einer Aktion aus dem Jahre 2003. Nur dem Protest einiger Bewohner Röbels war es zu verdanken, dass sich auf dem Areal des ehemaligen jüdischen Friedhofs heute kein Supermarkt befindet.

File:Holocaust-Gedenktafel Röbel.JPG

Gedenktafel zur Erinnerung an die Röbeler Opfer nationalsozialistischen Rassenwahns (Aufn. R., 2016, aus: commons.wikimedia, CCO)

An mehreren Standorten in der Kleinstadt sind sog. "Stolpersteine" verlegt worden, so am Markt- und Kirchplatz sowie in der Hohen Straße.

Stolperstein Röbel Marktplatz 10 Ina LevyStolperstein Röbel Marktplatz 10 Käthe EngelStolperstein Röbel Kirchplatz 2 Heinz WunderlichStolperstein Röbel Kirchplatz 2 Minna WunderlichAufn. Gmbo 2019, aus: wikipedia.org, CCO

 

Weitere Informationen:

Georg Krüger, Kunst- und Geschichtsdenkmäler des Freistaates Mecklenburg-Strelitz, Band 1, Neubrandenburg 1921

Carl August Endler, Die Juden in Mecklenburg, in: Mecklenburg, Werden und Wachsen eines Gaues, Leipzig 1938, S. 257 ff. (Anm.: stark antisemitisch gefärbt)

Jürgen Tack, Die “Endlösung der Judenfrage in Mecklenburg von 1933 - 1945 (unter bes. Berücksichtigung Rostocks), Staatsexamensarbeit Universität Rostock , Rostock 1969

Karl Heinz Oelke, Aus der Geschichte der Juden in den Städten Waren, Röbel, Malchow und Penzlin, Hrg. Müritz-Sparkasse, 1992

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 576 - 578

Benkendorf/Kluge/Kniesz/Müller/Rother, Die Genisa der jüdischen Gemeinde in Waren, in: "Chronik", Heft 11, Waren 1996

Karl-Heinz Oelke, Auf den Spuren jüdischer Vergangenheit im Müritzkreis, Hrg. Landratsamt Müritz und die Städte Waren, Röbel, Malchow und Penzlin, Waren 1997, S. 34 ff.

Benkendorf/Rother/Kniesz, Mitmenschen - Jüdisches Leben in Waren zwischen Emanzipation und Vernichtung, in: Chronik, Heft 16, Waren 1999

Robert Kreibig, Der Erinnerung Zeichen setzen – Die Röbeler Synagoge vor ihrer Restaurierung, in: "Zeitgeschichte regional", Band 5/2001, S. 79 ff.

Norbert Francke/Bärbel Krieger, Schutzjuden in Mecklenburg. Ihre rechtliche Stellung, ihr Gewerbe ...., Hrg. Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg u. Vorpommern e.V., Schwerin 2002

Juden in Röbel, in: "Mitteilungsblatt des Vereins Land & Leute e.V.", No. 2 (Juli 2002)

Aus der Geschichte der Synagoge in Röbel, in: "Mitteilungsblatt des Vereins Land & Leute e.V.", No. 5 (2003)

Ralf Jackewitz, Die Israelitische Gemeinde zu Röbel - ein historischer Rückblick, in: "Müritz-Anzeiger", Band 14/2005, S. 21

Röbel – Synagoge einschließlich BegegnungsstätteKleine Stavenstraße 10 – 11, in: "Müritz-Aktuell", Band 10/2007, S. 7

Lara Dämmig (Bearb.), Die einstigen Jüdischen Gemeinden in Waren und Röbel, in: jg-berlin.org vom 2.10.2008

Jüdische Spuren in Röbel (Friedhof/Synagoge), in: Engelscher Hof, online abrufbar unter: land-und-leute-ev.de  bzw.  engelscher.hof.de/index.php/juedische-spuren

Auflistung der Stolpersteine in Röbel, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Röbel/Müritz (Anm.: mit Kurzbiografien der betroffenen Personen)

Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer, Ehemaliges jüdisches Leben in Röbel, in: Geschichte der Juden in Mecklenburg, Aufsatz vom 16.2.2016, in: http://www.juden-in-mecklenburg.de/Orte/Roebel