Rockenhausen (Rheinland-Pfalz)

File:Naturraumkarte Glan-Alsenz-Hoehen.png   Bildergebnis für donnersbergkreis karte ortsdienst Rockenhausen ist mit derzeit knapp 6.000 Einwohnern eine Kleinstadt im Donnersbergkreis (und Verwaltungssitz der gleichnamigen Verbandsgemeinde) – ca. 40 Kilometer westlich von Worms gelegen (Karten:   elop, 2019, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0  und  aus: ortsdienst.de/rheinland-pfalz/donnersbergkreis).

Bereits in der zweiten Hälfte des 13.Jahrhunderts lebten Juden in Rockenhausen; 1283 kam es hier zu einem Pogrom, bei dem 13 Juden erschlagen wurden; dem folgte sechs Jahrzehnte später der Pestpogrom (1348/1349), der der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde das Ende bereitete. Jüdisches Leben in Rockenhausen wurde erst wieder in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts urkundlich erwähnt. Doch waren stets nur sehr wenige Juden in Rockenhausen dauerhaft ansässig. Erst im Laufe des 19.Jahrhunderts stieg ihre Anzahl soweit, dass man von einer Gemeinde sprechen konnte. Seit den 1860er Jahren gehörten auch die Juden Dörnbachs und Dielkirchens zur Gemeinde Rockenhausen.

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges schlossen sich auch die wenigen Juden aus dem Dorfe Marienthal der Kultusgemeinde an; noch gegen Mitte des 19.Jahrhunderts waren etwa 25 % aller Bewohner von Marienthal Juden.

Einen ersten Hinweis auf die Existenz einer organisierten jüdischen Gemeinde findet sich im Jahre 1808; aus dieser Zeit ist für Rockenhausen auch ein gottesdienstlich genutzter Raum nachgewiesen; jahrzehntelang wurde dann ein Betsaal genutzt, der im Obergeschoss eines Gebäudes eingerichtet worden war. Obwohl der bauliche Zustand einen Neubau notwendig machte, konnte dieser wegen der schlechten Finanzlage der Rockenhausener Gemeinde nicht realisiert werden.

                 Aus einem Bericht des Bürgermeisters vom Januar 1866:

„ ... Die Israeliten in Rockenhausen befinden sich großentheils in keinen guten Vermögensverhältnissen, da sie fast ganz vermögenslos sind; die übrigen Israeliten besitzen zwar ein wenig Vermögen, müssen aber bei Betreibung ihrer Geschäfte sehr thätig sein, um ihre Familien ernähren zu können; nur eine Familie befindet sich unter denselben, die als ziemlich vermögend bezeichnet werden kann ...”

Erst 1885/1886 konnte die Kultusgemeinde ihre Pläne durch den Ankauf eines Hauses in der Gutenbrunnenstraße in die Tat umsetzen; allerdings wurde ein aufwändiger Bauentwurf verworfen. In einem feierlichen Akt wurde Mitte August 1886 das nun einstöckig konzipierte Synagogengebäude eingeweiht.

  

Entwurfszeichnungen der Rockenhausener Synagoge von 1867 (nicht realisiert)

Eine um 1830 noch bestehende Mikwe, die damals von den Behörden als „schädliche Kloake“ eingestuft worden war, wurde vermutlich geschlossen. Als Mitte der 1850er Jahre eine eigene jüdische Elementarschule gegründet wurde, hatte die Kultusgemeinde bereits seit Jahrzehnten eine Religionsschule unterhalten. Jahre später wurde die Elementarschule wieder geschlossen, die jüdischen Kinder besuchten bis in die 1880er Jahre die christliche Volksschule am Ort. 1886 richtete man erneut eine jüdische Elementarschule ein, welche im Frühjahr 1930 endgültig aufgegeben wurde.

Der erste kleine Friedhof wurde vermutlich im 18.Jahrhundert vor der Stadtmauer angelegt; trotz einer Erweiterung des Geländes war dieser um 1900 zu klein geworden, sodass 1912/1913 eine neue Begräbnisstätte weit außerhalb des Ortes am Mühlackerweg angelegt wurde.

Die Gemeinde Rockenhausen gehörte zum Rabbinatbezirk Kaiserslautern.

Juden in Rockenhausen:

      --- 1668 ...........................   2 jüdische Familien,

    --- 1785 ...........................   4     “       “    ,

    --- 1802 ...........................  39 Juden,

    --- 1808 ...........................  47   “  ,

    --- 1825 ........................... 106   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1837 ........................... 140   “  ,

    --- 1848 ........................... 110   “  ,

    --- 1870 ...........................  93   “  ,

    --- 1890 ...........................  79   “  ,

    --- 1916 ...........................  33 jüdische Familien,

    --- 1930 ...........................  83 Juden (in 28 Familien),

    --- 1936 ...........................  70   “  ,

    --- 1938 (1.11.) ...................  17   “   (in 6 Familien),

    --- 1940 (Nov.) ....................  keine.

Angaben aus: Armin Engel, Die jüdische Kultusgemeinde Rockenhause, S. 276 f.

und                 Bernhard Kukatzki, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in der Verbandsgemeinde Rockenhausen

Anfangs ernährten sich die Juden in Rockenhausen vom wenig gewinnbringenden Kramwaren- und Kleinhandel; im Laufe des 19.Jahrhunderts brachten es einige jüdische Familien als Landprodukten- und Vieh- und Pferdehändler zu beträchtlichem Vermögen. In der kleinstädtischen Gesellschaft verlief das Zusammenleben der jüdischen Minderheit und der christlichen Mehrheit relativ problemlos; Juden engagierten sich in der Kommunalpolitik und waren in lokalen Vereinen aktiv. Zu Beginn der NS-Zeit lebten noch etwa 20 bis 25 jüdische Familien in Rockenhausen; im Laufe der folgenden Jahre verließen die meisten den Ort.

In der Pogromnacht vom November 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge und mehrere Wohnungen jüdischer Einwohner zerstört; viele „neugierige bis schadensfrohe Volksgenossen” sollen den Aktionen zugesehen haben. Das baulich erhaltengebliebene Synagogengebäude diente später als Luftschutzschule. 

Die letzten sieben jüdischen Bewohner wurden am 22.10.1940 - zusammen mit etwa 60 anderen Juden aus dem Kreisgebiet - ins südfranzösische Gurs deportiert; viele von ihnen gelten als „verschollen“. Nachweislich wurden 23 gebürtige bzw. länger in Rockenhausen lebende Juden Opfer der Shoa.

Das zuletzt im Eigentum der Kommune befindliche ehemalige Schul- und Synagogengebäude wurde im Rahmen der Stadtsanierung in den 1970er Jahren abgerissen. Seit 1997 erinnert am ehemaligen Standort der Synagoge eine Gedenktafel.

                                   Gedenktafel (Aufn. M. Ohmsen, 2012)

Im Heimatmuseum befindet sich der Chanukkaleuchter aus der Synagoge.

2016 wurde mit der Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ in den Straßen von Rockenhausen begonnen.

  Berühmt wurde der 1884 in Mannheim geborene Daniel-Henry Kahnweiler, dessen Familie mehr als zwei Jahrhunderte in Rockenhausen nachweisbar ist. Als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie sollte er nach dem Willen seines Vaters eine Banklehre machen; doch während seiner Ausbildung im Börsengeschäft lernte er in Paris Pablo Picasso kennen und entschied sich für die Kunst. Kahnweiler eröffnete eine Galerie und stellte die Werke junger Kubisten aus; als Kunsthändler kam er zu beträchtlichem Vermögen. 1909 gründete Kahnweiler einen Verlag. Vor seinem Tode vermachte Daniel-Henry Kahnweiler seine gesamte deutschsprachige Bibliothek und mehrere Original-Lithographien von Picasso der Stadt Rockenhausen; er starb 1974. Sein Nachlass kann heute im Kahnweiler-Haus in Rockenhausen besichtigt werden.

 

Im Rockenhausener Ortsteil Marienthal existierte auch eine relativ große jüdische Gemeinde, die um 1840/1850 immerhin mehr als 100 Angehörige zählte. Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörte ein 1827 errichtetes schlichtes Synagogengebäude und ein Begräbnisgelände auf der benachbarten Falkensteiner Gemarkung. Die jüdische Gemeinde löste sich noch vor dem Ersten Weltkrieg auf. [vgl. Marienthal (Rheinland-Pfalz)]

 

Auch im Ortsteil Teschenmoschel gab es eine kleine israelitische Landgemeinde; die letzten sechs jüdischen Dorfbewohner wurden im Oktober 1940 ins Internierungslager Gurs deportiert. [vgl. Teschenmoschel (Rheinland-Pfalz)]

 

In Würzweiler - heute ein Ortsteil von Rockenhausen - lebten im 18./19.Jahrhundert vereinzelt jüdische Familien, die ab den 1840er Jahren offiziell der Kultusgemeinde von Marienthal angehörten.

Am Ort gab es einen eigenen Friedhof, der an einem Abhang unterhalb des Weges nach Ruppertsecken lag; dieses Begräbnisgelände soll bereits in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts angelegt worden sein. Ob ein Betraum in Würzweiler vorhanden war, kann nicht sicher belegt werden.

Von der einstigen, bis 1925 genutzten jüdischen Begräbnisstätte sind heute nur noch Steinfragmente erhalten.

 

Im Ortsteil Rathskirchen soll im 17./18.Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinschaft bestanden haben; wenige steinerne Relikte am Gröbelsberg - ungefähr 350 Meter vom Ortsausgang an der Straße nach Dörrmoschel - weisen auf eine Begräbnisstätte hin. Anfang des 19.Jahrhunderts lebten im Dorf nur noch sehr wenige Juden.

 

In Dielkirchen - wenige Kilometer nördlich von Rockenhausen gelegen und ebenfalls Teil der Verbandsgemeinde Rockenhausen - gab es in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde, die - gemeinsam mit den Juden aus Dörnbach - aber nie mehr als 30 bis 40 Angehörige umfasste. Seit den 1860er Jahren gehörten die Dielkirchener Juden zur Kultusgemeinde Rockenhausen. Anfang der 1930er Jahre wurden in Dielkirchen ca. 35 Einwohner mosaischen Glaubens gezählt. Namentlich sind elf Personen bekannt, die Opfer der „Endlösung“ geworden sind.

An früheres jüdisches Leben im Dorf erinnert heute noch der relativ große jüdische (ältere) Friedhof an der Bergstraße (mit ca. 1.350 m²), der bis in die 1920er Jahre genutzt wurde. Das nahezu von Vegetation eingenommene Gelände weist heute noch ca. 20 Grabsteine auf. Auf der erst 1921 angelegten (neuen) Begräbnisstätte findet man nur zwei Grabstellen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20259/Dielkirchen%20Friedhof%20170a.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20259/Dielkirchen%20Friedhof%20186.jpg

Jüdischer Friedhof in Dielkirchen (Aufn. J. Hahn, 2010)

Weitere Informationen:

Heinz-Egon Rösch, Auf den Spuren jüdischer Vergangenheit in der Nordpfalz, hrg. vom Nordpfälzischen Geschichtsverein, Heft 44 (1964), S. 69 ff.

August Kopp, Die Dorfjuden in der Nordpfalz ...., Verlag A. Hain, Meisenheim a.Glan 1968, S. 177 ff.

Armin Engel, Die jüdische Kultusgemeinde Rockenhausen, in: Hrg. Stadt Rockenhausen, Geschichte eines Landstädtchens Rockenhausen 1974, S. 275 - 279

Armin Engel, Die ehemalige Judenschule in Rockenhausen, in: Nordpfälzer Geschichtsverein, Heft 4 /1983, S. 77 f.

Emil Dohm, Steinerne Zeugen der jüdischen Gemeinde. Aus der Geschichte der Juden von Rockenhausen, in: Die “Rheinpfalz” (Ausgabe Rockenhausen), Aug. 1984

Emil Dohm, Bedeutende Rolle im Getreide- und Viehhandel. Aus der Geschichte der Juden von Rockenhausen, in: Die “Rheinpfalz” (Ausgabe Rockenhausen), Aug. 1984

Dieter Hoffmann, Dielkirchen. Geschichte eines Dorfes, Mainz 1985, S. 310 ff.

Reinhold Rehberger, Kerndeutsch. der Landkreis Rockenhausen in der Nazi-Zeit, Geldern 1989

Alfred Hans Kuby (Hrg.), Juden in der Provinz. Beiträge zur Geschichte der Juden in der Pfalz zwischen Emanzipation und Vernichtung, Verlag Pfälzische Post, 2.Aufl. Neustadt a.d. Weinstraße 1989

Alfred Hans Kuby (Hrg.), Pfälzisches Judentum gestern und heute. Beiträge zur Regionalgeschichte des 19./20.Jahrhunderts, Verlag Pfälzische Post, Neustadt a.d. Weinstraße 1992

Nordpfälzer Geschichtsverein (Hrg.), Jüdisches Leben in der Nordpfalz - Dokumentation, Verlag F.Arbogast, Otterbach 1992, S. 42 - 46, S. 55 - 88 und S. 152 f.

Bernhard Kukatzki, Juden in Dörnbach. Eine historische Skizze, Rockenhausen 1996

Bernhard Kukatzki, Die Dörnbacher Juden und ihre Berufe, in: Stadt Rockenhausen (Hrg.), Dörnbach - Chronik eines Dorfes, Kirchheimbolanden 1998

Bernhard Kukatzki, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in der Verbandsgemeinde Rockenhausen: Synagogen, Schulen, Friedhöfe und Ritualbäder in Dielkirchen, Marienthal, Rathskirchen, Rockenhausen, Teschenmoschel und Würzweiler, Landau/Pfalz 2000

Rockenhausen, in: alemannia-judaica.de (mit Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Würzweiler, in: alemannia-judaica.de

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 322 - 324 und S. 409

Otmar Weber, Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute. Unter besonderer Berücksichtigung der Synagogen in der Südwestpfalz, Hrg. Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit Pfalz (Landau), Dahn 2005, S. 61 und S. 135 - 137