Ritschenwalde (Posen)

Bildergebnis für ritschenwalde Ryczywól – einige Jahre auch offiziell Ritschenwalde (Abb. Ausschnitt aus hist. Landkarte)– war ein Dorf im nördlichen Landkreis Oberniki, in dem es im 19.Jahrhundert eine zahlenmäßig recht ansehnliche jüdische Gemeinde gab. Die ersten jüdischen Familien kamen vermutlich bereits im 16.Jahrhundert hierher, nachgewiesen ist ihre Anwesenheit allerdings erst im 17.Jahrhundert. In mehreren königlichen Privilegien – so aus den Jahren 1677 und 1698 – wurde den jüdischen Familien die Errichtung von Häusern, eines Bethauses und eines Friedhofs (1735 - oder einige Jahre eher - angelegt) zugestanden – verbunden mit bestimmten Steuerbefreiungen. Kleinhandel und Handwerk bildeten die Lebensgrundlage der hiesigen Juden.

In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts wuchs die Gemeinde - zu ihr gehörten auch umliegende Dörfer - personell deutlich an; ihre Angehörigen zählten zeitweilig fast 40% der Dorfbevölkerung.

Eine eigene private Grundschule, verschiedene gemeindliche Vereine und Engagement im dörflichen Leben kennzeichneten die Bedeutung der hiesigen Judenschaft. Ein neues Synagogengebäude wurde noch im Jahr 1891 eingeweiht, zu einem Zeitpunkt, bei dem sich bereits der Niedergang der Gemeinde deutlich abzeichnete.

Juden in Ryczywól (Ritschenwalde):

--- 1793 ........................ 123 Juden,

--- um 1825 ................. ca. 600   "  ,

--- 1840 ........................ 348   “  (ca. 38% d. Bevölk.)

--- 1871 ........................ 289   “  ,

--- 1885 ........................ 212   “  ,

--- 1895 ........................ 168   “  ,

--- 1905 ........................ 118   “  (ca. 10% d. Bevölk.)

--- 1910 ........................ 117   “  ,

--- 1921 ........................  79   “  ,

--- 1926 ........................  57   “  ,

--- 1938/39 ................. ca.  35   “  ,

--- 1942 (Dez.) .................  keine.

Angaben aus: Robert Zimny, Społeczność żydowska Ryczywołu od XVI do XX wieku

Im ausgehenden 19.Jahrhundert zeichnete sich mit der Abwanderung vieler Familien der Niedergang der Gemeinde ab. So wurde auf Grund der geringen Schülerzahl die jüdische Schule geschlossen; die Kinder nahmen nun am Unterricht an einer deutschen (privaten) Grundschule teil.

Doch trotz Abwanderung spielten die Juden noch in den 1920er Jahren in Ryczywol eine nicht unerhebliche Rolle. Doch mit dem Wachsen des Nationalismus kam es zu Spannungen, die Mitte der 1930er Jahre zu pogromartigen Ausschreitungen führten. Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht übernahm zunächst der deutsche „Selbstschutz“ die „Macht“ im Dorf, die sich dann gezielt auf die noch wenigen jüdischen Bewohner richtete. Ergebnis war alsbald deren Deportation ins "Generalgouvernement".

Der jüdische Friedhof wurde während des Krieges verwüstet, die Synagoge nun als Sporthalle benutzt.

 

Ende der 1970er Jahre wurde das ehemalige Synagogengebäude zu einem Wohnhaus umgebaut.

Vom jüdischen Friedhof waren inzwischen alle Grabsteine entwendet worden; heute markieren nur noch zwei Torpfeiler des Friedhofeingangs den Standort der ehemaligen jüdischen Begräbnisstätte.

Cmentarz zydowski w Ryczywole woj Maz 01.JPG Ehem. Jüdisches Friedhofsgelände (Aufn. Mzungu, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY 2.0)

 

Weitere Informationen:

Bernhard Breslauer, Die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen, Berlin 1909

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909 (1912)

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (), New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 2, S. 1108

Michael Alberti, Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Reichsgau Wartheland 1939 - 1945, hrg. vom Deutschen Historischen Institut Warschau, Quellen und Studien, Band 17, Wiesbaden 2006

Robert Zimny, Społeczność żydowska Ryczywołu od XVI do XX wieku, in: "Gazeta Powiatowa Ziemia Obornicka", 2009 (online abrufbar)

Ryczywól, in: sztetl.org.pl

K. Bielawski (Red.), Jewish cemetery in Ryczywól, in: kirkuty.xip.pl