Rohrbach (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für landkreis Heidelberg ortsdienst karte  Rohrbach – seit 1927 der Stadt Heidelberg eingemeindet, mit einer derzeitigen Bevölkerungszahl von ca. 16.000 Menschen - liegt etwa drei Kilometer südlich vom Stadtzentrum Heidelbergs entfernt (Lage der Stadt Heidelberg, aus: ortsdienst.de/baden-wuerttemberg/rhein-neckar-kreis  und  Stadtteile Stuttgarts, Karte P., 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 2.0).

In Rohrbach existierte seit dem 17. Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde. Im 18. Jahrhundert werden 1712 die beiden jüdischen Familienvorsteher Wolf und Kübele genannt; 1722 und 1743 gab es je vier jüdische Familien am Ort. Um 1865 erreichte die Gemeinde mit ca. 120 Angehörigen ihren zahlenmäßigen Höchststand.

Vor 1845 bestand ein Betsaal im Hause von Nathan Wolf (Rathausstraße). In einem Bericht von 1842 wurde über die unhaltbaren Zustände in diesem relativ kleinen Raume berichtet, in dem bis zu 70 Personen zu Gottesdiensten zusammenkamen; so hieß es u.a.: "Daß dieses Zusammenzwängen so vieler zum Teil oft sehr unreinlicher Menschen in solch engem Raum besonders bei warmer Witterung höchst unangenehm, der Gesundheit nachteilig, Krankheit erzeugend ist, sogar sein muss, bedarf wohl keiner weiteren Ausführung".

Seit Mitte des 19.Jahrhunderts besaß dann die Gemeinde ein eigenes Synagogengebäude, das unweit vom Rathaus lag.

In einem Artikel in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ vom 29. Januar 1846 hieß es:

Heidelberg, 31. Decbr. 1845. Bei Gelegenheit der Feier der Einweihung der neuen Synagoge zu Rohrbach erschien im hiesigen Journal folgender Artikel, der um so mehr der Beachtung verdient, als er aus der Feder des dortigen katholischen Geistlichen floß. 'Rohrbach, 16. Decbr. 1845. Heute wurde die feierliche Einweihung der neuen Synagoge dahier nach der im Programm gegebenen Andeutung durch den Bezirksrabbiner Fürst von Heidelberg vorgenommen. Die Feier war erhebend und erbauend sowohl durch den schönen Gesang, um welchen sich die beiden Schullehrer von hier und Relingen sehr verdient gemacht haben, als auch durch die vom Rabbiner gesprochene Weihepredigt. Nciht nur der deutliche würdevolle Vortag und die durchsichtige, wohl gelungene Durchführung des Themas, sondern auch vor allem der reine Gottesdienst und die vortreffliche sittliche Anwendung der Ceremonie war es, was der seltenen Feier eine wahrhaft religiöse Weihe verlief, und selbst die Gemüther der mit dem Judenthum sonst nicht Befreundeten nicht unbewegt und unerbaut ließ. Oeftere Predigten in diesem Geiste würden wohl einen noch lebendigen und nachhaltigeren Eindruck machen, als selbst der Anblick der mit Kunst befertigte Coteret Tora, d.i. der goldgestickten Gesetzeskrone. Möchte, dem Wunsche Vieler gemäß, die Rede nebst Nachgebet und Weihegedicht im Druck erscheinen!' 

Mit dem Neubau hatte sich die Gemeinde hoch verschuldet.

 

Synagoge in Rohrbach, ganz rechts im Bild (beide Aufn. um 1935, Heimatmuseum Rohrbach)

Im Synagogengebäude war bis 1876 auch eine jüdische Konfessionsschule untergebracht; unweit von ihm befand sich eine Mikwe.

Verstorbene wurden auf dem jüdischen Friedhof in Wiesloch beerdigt.

Die Gemeinde gehörte zum Bezirksrabbinat Heidelberg.

Juden in Rohrbach:

   --- 1743 ............................   4 jüdische Familien,

   --- 1832 ............................ 113 Juden,

   --- 1839 ............................ 101   “  ,

   --- 1865 ............................ 122   “  ,

   --- 1875 ............................  93   “  ,

   --- 1885 ............................  69   “  ,

   --- 1895 ............................  44   “  ,

   --- 1905 ............................  42   “  ,

   --- 1910 ............................  39   "  .

Angaben aus: Claudia Rink, Jüdisches Leben in Rohrbach

In den 1930er Jahren vereinigten sich die jüdischen Gemeinden Rohrbach und Heidelberg.

  aus: "CV-Zeitung" vom 1. April 1937

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde auch die Rohrbacher Synagoge in Brand gesetzt; nur mit Hilfe der Freiwilligen Feuerwehr und Anwohnern überstand das Gebäude den Anschlag leicht beschädigt. Nach 1945 wurde das ehemalige Synagogengebäude abgerissen.

 

Seit 1985 erinnert auf dem Rathausplatz im Stadtteil Rohrbach ein Gedenkstein an die einstige Synagoge:

                                                               Hier stand von 1845 bis 1938 die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Rohrbach. Sie diente dem Lobe Gottes  bis sie in der Nacht zum 10.November 1938 von frevelhafter Hand zerstört wurde.

                                                      Gedenkstein in Rohrbach (Aufn. J. Hahn, 2004)

Auf dem jüngst neu gestalteten Rathausplatz (2015) zeichnet eine in die Pflasterung eingebrachte sichtbare helle Markierung die Fundamente des ehemaligen Synagogengebäudes nach.

Auch in Rohrbach erinnern an verschiedenen Standorten sog. „Stolpersteine“ an Opfer der NS-Herrschaft; derzeit findet man in den Gehwegen 24 Steine, die an ehemalige jüdische Rohrbacher Bürger erinnern, die vom NS-Regime gedemütigt, verfolgt, vertrieben, deportiert und ermordet wurden.

 Heidelberg-rathausstrasse64-bertha-beer.jpgHeidelberg-rathausstrasse64-ernst-berthold-beer.jpgHeidelberg-rathausstrasse64-sigmund-beer.jpgin der Rathausstr. (Aufn. Sh., 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

Hinweis: Im gleichnamigen hessischen Rohrbach gab es auch eine jüdische Gemeinde.  vgl. Rohrbach (Hessen)

 

Weitere Informationen:

Die Friedhöfe in Heidelberg. Führer durch die christlichen und jüdischen Friedhöfe, Franzmathes-Verlag, Frankfurt a.M. 1930

K. H. Frauenfeld, Rohrbach im Wandel der Zeit, o.O. 1981

Arno Weckbecker (Bearb.), Gedenkbuch an die ehemaligen Heidelberger Bürger jüdischer Herkunft, Dokumentation ihrer Namen und Schicksale 1933 - 1945 in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Heidelberg, Heidelberg 1983

Arno Weckbecker, Die Judenverfolgung in Heidelberg 1933 - 1945, in: Jörg Schadt/Michael Caroli (Hrg.), Heidelberg unter dem Nationalsozialismus. Studien zu Verfolgung, Widerstand und Anpassung, Heidelberg 1985

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987

N.Giovannini/J.H.Bauer/H.M.Mumm (Hrg.), Jüdisches Leben in Heidelberg. Studien zu einer unterbrochenen Geschichte, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1992

Rohrbach/Baden-Württemberg, in: alemannia-judaica.de

Ursula Röper/Claudia Rink (Red.), Jüdisches Leben in Rohrbach, in: "der punker. Leben in Rohrbach", Ausgabe 2/2003

Claudia Rink (Red.), Jüdisches Leben in Rohrbach, in: Heidelberg - Jahrbuch zur Geschichte der Stadt, hrg. vom Heidelberger Geschichtsverein 8 (2003/04), S. 65 - 87 

Norbert Giovannini/Claudia Rink/Frank Moraw (Bearb.), Erinnern – Bewahren – Gedenken. Die jüdischen Einwohner Heidelbergs und ihre Angehörigen 1933 – 1945. Biographisches Lexikon mit Texten, Hrg. vom Förderkreis Begegnung, Heidelberg 2011

Christiane Twiehaus, Synagogen im Großherzogtum Baden (1806-1918). Eine Untersuchung zu ihrer Rezeption in den öffentlichen Medien, in: Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg, Universitätsverlag Winter Heidelberg 2012, S. 197 - 206

Auflistung der in Heidelberg-Rohrbach verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Heidelberg

Initiative Stolpersteine Heidelberg (Hrg.), Stolpersteine in Heidelberg, Kurpfälzsicher Verlag Heidelberg, 201?

Claudia Rink (Red.), Stolpersteinverlegung in Rohrbach am 28.Juni 2016, in: "Stadtteilverein Rohrbach", Juni 2016