Sarstedt (Niedersachsen)

Datei:Sarstedt in HI.svg Sarstedt a.d. Innerste ist eine von derzeit knapp 19.000 Menschen bewohnte Kleinstadt im östlichen Niedersachsen – zwischen Hannover (im N) und Hildesheim (im S) gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Sarstedt - „Stättlein im Stifft Hildesheim“ - Stich M. Merian, um 1645 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

In Sarstedt sollen sich bereits im 15.Jahrhundert Juden aufgehalten haben; der erste Beleg für die Existenz von Juden am Ort stammt aus dem ausgehenden 16.Jahrhundert.

Doch erst ab Beginn des 18.Jahrhunderts kann von einer dauerhaften Ansiedlung jüdischer Bewohner in Sarstedt gesprochen werden; die wenigen Familien besaßen Schutzbriefe des Fürstbischofs von Hildesheim. Ihre Ansässigkeit und wirtschaftliche Tätigkeit führten bei Teilen der christlichen Einwohnerschaft wiederholt zu Animositäten.

1830 wurde offiziell eine Synagogengemeinde gegründet; diese hatte sich jahrelang verzögert, weil interne Streitigkeiten das Zustandekommen eines Minjan verhindert hatten. Bereits seit 1815 soll es in Sarstedt eine Synagoge gegeben haben. In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts existierte am Ort eine jüdische Elementarschule, die zeitweilig auch von christlichen Kindern besucht wurde.

Der neue jüdische Friedhof wurde 1861 „Auf der Welle“, am heutigen Wellweg, angelegt; der Standort des älteren Begräbnisplatzes ist nicht bekannt.

Juden in Sarstedt:

        --- um 1785 .......................  3 jüdische Familien,

    --- 1833 .......................... 36 Juden,

    --- 1848 .......................... 36   “  ,

    --- 1864 .......................... 85   “  ,

    --- 1871 .......................... 71   “  ,

    --- 1885 .......................... 54   “  ,

    --- 1905 .......................... 21   “  ,

    --- 1925 .......................... 18   “  ,

    --- 1933 .......................... 10   “  ,

    --- 1939 ..........................  5   “  .

Angaben aus: R.Kröger/A.C.Naujoks (Bearb.), Sarstedt, in: H. Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen ..., Bd. 2, S. 1345

In den 1860er Jahren hatte die jüdische Gemeinde in Sarstedt mit 13 jüdischen Haushalten ihren zahlenmäßigen Höchststand erreicht; innerhalb der folgenden fünf Jahrzehnte verlor die Gemeinde infolge Abwanderung etwa 75% ihrer Angehörigen.

 Steinstraße in Sarstedt, hist. Aufn. um 1940 (Stadtarchiv Sarstedt)

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten nur noch zehn jüdische Einwohner in Sarstedt; zwei Familien besaßen ein Textil- bzw. ein Schuhgeschäft.

 Textilgeschäft Abraham Neuberg (hist. Aufn., um 1930)

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde das Textilgeschäft Neuberg – das einzig noch bestehende jüdische Geschäft im Ort - verwüstet. Auch der jüdische Friedhof blieb nicht von Zerstörungen verschont.

Die noch verbliebenen Juden in Sarstedt wurden 1941 zwangsumgesiedelt und vorübergehend in Baracken (Giesener Straße) untergebracht. Ende 1941 (oder Anfang 1942) mussten sie Sarstedt verlassen: Per Straßenbahn erfolgte der Transport in das "Zwischenlager" in der ehemaligen israelitischen Gartenbauschule in Ahlem; von hier wurden sie weiter ins Warschauer Ghetto bzw. in "Lager des Ostens" deportiert. Ihr weiteres Schicksal ist zumeist unbekannt.

 

Der jüdische Friedhof Sarstedts (Ostertorstraße) existiert noch; das Areal mit seinen 17 Grabsteinen wird heute von Schüler/innen gepflegt. 

An einem Fachwerkhaus der Steinstraße 13 - es war das Geschäftshaus eines Sarstedter Juden - erinnert eine Bronzetafel an die ehemals in der Kleinstadt lebenden jüdischen Familien, die Inschrift lautet: „In diesem Haus lebte bis 1941 die Sarstedter Familie Neuberg. Ihr und allen ermordeten jüdischen Mitbürgern zum Gedächtnis, allen Lebenden der Stadt zur Mahnung, wurde diese Gedenktafel am 50. Jahrestag der Reichspogromnacht angebracht. 9.11.1988 – Rat der Stadt Sarstedt“.

Im Jahre 2012 sind vor drei Häusern in der Sarstedter Innenstadt (Steinstraße und Lappenberg) 14 sog. „Stolpersteine“ verlegt worden; sie erinnern an Angehörige der jüdischen Familien Aschenbrandt, Liebmann und Neuberg.

 

Weitere Informationen:

Werner Vahlbruch, Juden in Sarstedt - ein Rückblick. Das Gedächtnis eines Volkes ist seine Geschichte, Sarstedt 2003

Rüdiger Kröger/Antje C. Naujoks (Bearb.), Sarstedt, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Bd. 2, S. 1345 - 1350

Werner Vahlbruch, Juden in Sarstedt. Ein Rückblick, in: "Jahrbuch Landkreis Hildesheim 2006", S. 157 – 167

Klaus Schäfer, Juden in Sarstedt, online abrufbar unter: vernetztes-erinnern-hildesheim.de

Sarstedt unterm Hakenkreuz. Das Buch zur Serie des Sarstedter Anzeigers, Gerstenberg-Verlag GmbH, Hildesheim 2008

Stadt Sarstedt (Hrg.), Stolpersteine in Sarstedt, online abrufbar unter: sarstedt.de (Anm.: mit Kurzbiographien der Betroffenen)

N.N. (Red.), Sprühangriff gegen „Stolpersteine“, in: „Hildesheimer Allgemeine Zeitung“ vom 11.5.2012

Marcel Rode (Red.), SARSTEDT – Novemberpogrome 1938 in Niedersachsen, Hrg. Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, online abrufbar unter: pogrome1938-niedersachsen.de/sarstedt/