Schaffa (Mähren)

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ehem. jüdische Siedlungsorte Südmährens rot markiert (aus: Gerhard Hanak, Juden in Mähren – Judengemeinden in Südmähren)

Schaffa ist heute die kleine Ortschaft Šafov mit kaum 200 Einwohnern in der Tschechischen Republik (Bezirk Znain/Znojmo) nahe der österreichischen Grenze.

In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts waren etwa 50% (!) der Gesamtbevölkerung in Schaffa Juden.

Nach der Vertreibung jüdischer Familien aus den niederösterreichischen Orten Weitersfeld und Pulkau nahm der Graf Maximilian Starhemberg, Gutsherr über Frain, die Flüchtlinge auf; sie sollten den durch den Dreißigjährigen Krieg schwer verwüsteten, fast verödeten Ort wiederbeleben (die meisten kamen aus Weitersfeld und Pulkau). Damit begann 1670 die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Schaffa. Ein Teil der 85 Familien errichtete seine Behausungen in einem eigenen Viertel, in der „Judengasse“; andere ließen sich zunächst innerhalb der Marktsiedlung nieder, mussten aber um 1730 in die „Judengasse“ umziehen, nachdem Kaiser Karl VI. eine Separierung der jüdischen Bevölkerung per Dekret verkündet hatte („Als wirdt hiemit angeordnet, das aus gleichgemelten Haus der Jud von dannen, auf die Juden seithen translociret werden solle“).

Jüdischer Wohnbezirk rechts im Bild (hist. Karte um 1910/1915)

                                                 Judengasse (Ghetto) in Schaffa

Im Jahre 1744 sollten die jüdischen Familien gemäß Anordnung der Kaiserin Maria Theresia Schaffa verlassen, jedoch konnte die Herrschaft Frain bei der Hofkanzlei in Wien erwirken, dass davon abgesehen wurde.

Um 1780 errichtete die jüdische Gemeinde ihre Synagoge. Zwei Jahrzehnte später wurde in Schaffa eine jüdische Schule gegründet, die fast 70 Jahre - bis zur Einführung des Reichsvolksschulgesetzes 1869 - unter der Aufsicht des hiesigen Pfarrers stand. Erster Lehrer der Schule war Leopold Lederer aus Trebitsch. Ein eigenes Schul- und Gemeindehaus nahmdann  ab 1869 die inzwischen dreiklassig gewordene jüdische Schule auf; sie existierte bis 1883.

Bereits aus dem 17.Jahrhundert stammte ein erster Begräbnisplatz im Nordwesten der Stadt, der um 1730/1740 in die Nähe des jüdischen Viertels verlegt wurde.

Juden in Schaffa:

         --- um 1670/80 .....................  85 jüdische Familien,

    --- 1790 ........................... 556 Juden (ca. 50% d. Bevölk.),

    --- 1837 ........................... 663   “  ,

    --- um 1850 .................... ca. 650   “  ,

    --- 1880 ....................... ca. 500   "  ,

    --- 1890 ....................... ca. 430   "  ,

    --- 1900 ........................... 374   “  ,

    --- 1910 ........................... 150   “  ,*   *andere Angabe: 280 Pers.

    --- 1921 ........................... 135   “  ,*   *andere Angabe: 150 Pers.

    --- 1930 ...........................  65   “  (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1938 ...........................  52   “  ,

--- 1939 ...........................  keine.

Angaben aus: Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, S. 106

und                  Schaffa - Safov, aus: europas-mitte.de/Schaffa.pdf

Nachdem ein Großbrand 1822 das gesamte Judenviertel und einen Teil der christlichen Siedlung vernichtet hatte, wurden anschließend etwa 120, von Juden bewohnte einstöckige Häuser wiederaufgebaut. Die bis 1848 unter dem Schutz der Herrschaft Frain stehende Judengemeinde bildete danach bis 1919 eine eigene politische Gemeinde; so bestand Schaffa in dieser Zeit aus zwei verschiedenen politischen Gemeinden, aus der christlichen und der jüdischen. Die Schaffaer Juden lebten vom Verkauf von Tuch, Leinen und Leder im nahen und weiteren Umland sowie vom Einkauf von landwirtschaftlichen Produkten wie Schafwolle, Flachs, Häute u.ä. Die Juden aus Schaffa hatten das Monopol im Landesproduktenhandel in der Region zwischen Znaim, Hollabrunn, Zwettl und Krems bis weit ins 19.Jahrhundert inne. Die jüdischen Dorfgeher und Hausierer Böhmens, Mährens und Österreichs wurden als „Pinkeljuden“ bezeichnet. Anfang der 1870er Jahre waren in der Region zwei neue Eisenbahnlinien eröffnet worden: die „Kaiser-Franz-Josephs-Bahn“ und die „Nordwest-Bahn“; damit verlagerte sich Handel und Gewerbe entlang der neuen Schienenwege; eine Folge war die zügige Abwanderung jüdischer Familien aus Schaffa, die nun keine wirtschaftlichen Perspektiven mehr am Ort sahen. Innerhalb weniger Jahrzehnte verlor die Judengemeinde mehr als die Hälfte ihrer Angehörigen. Ein Großteil der abwandernden Juden aus Schaffa und anderer mährischer Orte zog in das österreichische Waldviertel. Die Häuser der Judengasse wurden nach und nach von tschechischen Bewohnern bezogen.

Zur Zeit der deutschen Besetzung lebten in Schaffa noch etwa 50 Juden; einem Drittel gelang noch die Flucht ins sichere Ausland, die verbliebenen wurden deportiert; der letzte jüdische Bewohner musste Schaffa 1943 verlassen.

Nach Kriegsende lebten keine Juden mehr in Šafov. Reste des jüdischen Friedhofs mit seinen noch ca. 900 erhaltengebliebenen alten Grabsteinen erinnern heute noch daran, dass es einst in Schaffa eine große israelitische Gemeinde gegeben hat. Die ältesten Steine stammen aus der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/14/Zidovsky_hrbitov_petrin-safov.jpgJüdischer Friedhof in Šafov (Aufn. Laďa Vaníček, 2008, aus: wikimedia.org, CCO)

Šafov cemetery 13.JPG Šafov cemetery 12.JPG

ältere Grabsteine (Aufn. Fet'our, 2011, aus: wikipedia.org, CCO)

Zudem finden sich Relikte des ehemaligen Ghettos mit jüdischem Rathaus; die einstige Schule wurde zum Kulturhaus umgebaut.

http://www.literatur-blog.at/wp-content/uploads/Ludwig-Winder.jpg  Ludwig Winder – Erzähler, Journalist und Literaturkritiker – wurde 1889 als Sohn einer jüdischen Familie in Schaffa geboren. Er gehörte zum sog. „Prager Kreis“ um die Schriftsteller Oskar Baum, Max Brod u.a.  Im Jahre 1934 erhielt Winder den Staatspreis der Tschechoslowakischen Republik für deutschsprachige Literatur. Zu seinen Romanen zählen: „Die nachgeholten Freuden“, „Der Kammerdiener“, „Der Thronfolger“, „Die jüdische Orgel“, „Die Pflicht“ u.a.  Im Jahre 1939 flüchtete er mit Frau und einer Tochter nach Großbritannien; seine zweite Tochter blieb zurück; sie kam im KZ Bergen-Belsen ums Leben. Im Jahre 1946 verstarb Ludwig Winder im Exil.

 

Weitere Informationen:

D. Alt (Bearb.), Geschichte in Juden in Schaffa, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Verlag, Brünn 1929, S. 513 – 516

Josef Lösch, Die Geschichte der Marktgemeinde Schaffa, o.O. 1934

Kurt Krolop, Ludwig Winder (1889–1946). Sein Leben und sein erzählerisches Frühwerk. Ein Beitrag zur Geschichte der Prager deutschen Literatur. Halle 1967

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 106

Jan Hermann, Jüdische Friedhöfe in Böhmen und Mähren, o.O. 1980

M. Černý, Judenfriedhof in Schaffa, in: "Jahrbuch des staatlichen Bezirksarchiv in Znaim", 1996, S. 67 - 71

Friedrich Polleroß (Hrg.), “Die Erinnerung tut zu weh”. Jüdisches Leben und Antisemitismus im Waldviertel, hrg. vom Waldviertler Heimatbund, Horn/Waidhofen (Thaya), o.O. 1996, S. 23 f.

A. J. Brandtner/A. Linsbauer, 500 Jahre deutsch - 275 Jahre deutsch-jüdisch - seit 1945 tschechisch, o.O. 1997

Gerhard Hanak (Bearb.), Juden in Mähren - Judengemeinden in Südmähren, o.O. 2002

Alfred Damm, Weitersfeld/Schaffa. Zur Geschichte einer jüdischen Landgemeinde an der mährischen Grenze in der Neuzeit. Eine Spurensuche, Verlag Bibliothek der Provinz, 2012/2013

Die Judengemeinde von Schaffa im 18. und 19.Jahrhundert, online abrufbar unter: eurosola.at/die_judengemeinde_von_safov.htm

Jüdischer Friedhof von Schaffa, online abrufbar unter: eurosola.at/juedischer_friedhof.htm

Ilse Krumpöck, Der Jude von Schaffa, Innsalz-Verlag, Munderfing/Österreich 2017