Schirmeck (Elsass)

Kreis Molsheim.png Schirmeck mit derzeit ca. 2.500 Einwohnern ist eine kleine Kommune ca. 40 Kilometer westlich von Straßburg (Ausschnitt aus hist. Karte von 1905 ohne Eintrag von Schirmeck, aus: wikipedia.org, gemeinfrei).

Eine jüdische Gemeinde im unterelsässischen Schirmeck entstand erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Um 1900 gehörten der jungen Gemeinde insgesamt 17 Familien an. Ein erster Betraum wurde bis 1909 genutzt, ein Synagogenneubau 1908/1909 nach den Plänen der Straßburger Architekten David Falk und Emil Wolf errichtet. Der deutsche Kaiser hatte die Finanzierung des Baues mit 7.000 Mark unterstützt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20103/Schirmeck%20FrfIsrFambl%2004101907.jpgaus: "Frankfurter Israelitisches Familienblatt" vom 4.Okt. 1907

Über die Einweihung der Synagoge durch den Rabbiner Dr. Goldstein berichtete das „Frankfurter Israelitische Gemeindeblatt” am 13.Aug. 1909:

Schirmeck i. Unter-Elsaß. Ein herzerfreuendes Bild der Eintracht zwischen den hiesigen Juden und Christen zeigten die Feierlichkeiten zur Einweihung unserer neuen Synagoge. Das Programm nahm folgenden Verlauf: Mittwoch fand eine Abendvorstellung mit einem sehr gewählten und reichhaltigen Programm statt, welche Vorstellung in den Gesangsdarbietungen des Opernsängers L. Loeb, eines geborenen Straßburgers - seit kurzem für das Mülhauser Stadttheater verpflichtet -, ihren Clou fand. Donnerstag früh nahm die Feier mit dem feierlichen Zug von dem alten nach dem neuen Gotteshaus ihren Anfang. Bürgermeister Vogt vollzog sodann die Zeremonie der Aufschließung der Synagoge, und nachdem das Publikum Platz genommen hatte, begann eine würdige und eindrucksvolle gottesdienstliche Feier, bei der Rabbiner Dr. Goldstein - Mutzig die Festrede hielt. Festessen und Ball machten des Nachmittags und Abends den Beschluß des Festes. Aus den Reden beim Festmahl sei die des Konsistorialrates Aron Durlach - Strassburg hervorgehoben. Er schilderte die Schwierigkeiten, die der Ausführung des Baues entgegenstanden, lobte das stets entgegenkommende Verhalten der Regierung und würdigte die hervorragenden Verdiente des Kultusgemeinde-Präsidenten Camille Simonin um den Bau, dem in Anerkennung seiner Tätigkeit der Kronenorden 4. Klasse verliehen worden sei."

                         Ehem. Synagoge in Schirmeck (Aufn. Rothé/Warschawski, um 1985)

Ende des 19. Jahrhunderts war eine jüdische Beerdigungsstätte in Schirmeck angelegt worden; diese steht in unmittelbarer Verbindung (gemeinsamer Eingang) mit dem christlichen Friedhof.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2045/Schirmeck%20Cimetiere%20108.jpg Eingang zum jüdischen u. christlichen Friedhof (Aufn. J. Hahn, 2004)

In den Jahrzehnten zuvor hatte die hiesige Judenschaft ihre Verstorbenen auf dem großen jüdischen Verbandsfriedhof in Rosenweiler (Rosenwiller) beerdigt.

Der jüdische Friedhof in Rosenweiler/Rosenwiller ist der größte jüdische Friedhof im Elsass und zugleich einer der größten jüdischen Verbandsfriedhöfe in Mitteleuropa. Folgende israelitische Gemeinden aus dem Unter-Elsass bestatteten hier ihre Toten (teilweise haben diese Gemeinden im 18. oder 19. Jahrhundert dann eigene Friedhöfe angelegt): Balbronn, Baldenheim, Barr, Bergheim, Biesheim, Bischheim, Bonhomme, Brumath, Buswiller, Dambach, Dangolsheim, Diebolsheim, Dinsheim, Duppigheim, Duttlenheim, Eckbolsheim, Epfig, Ettingen, Fegersheim, Gunstett, Kaysersberg, Kolbsheim, Krautgersheim, Kuttolsheim, Lingolsheim, Molsheim, Mutzig, Niederehnheim, Oberehnheim, Oberschaeffolsheim, Osthofen, Niederottrott, Rosheim, Scharrachbergheim, Soultz, Stotzheim, Strasbourg, Traenheim, Valff und Zellweiler. Auf dem etwa 40.000 m² großen Begräbnisareal lassen sich nahezu 6.500 Grabstätten nachweisen.

Mitte der 1930er Jahre lebten in Schirmeck ca. 35 Personen mosaischen Glaubens. Von ihnen wurden die noch 1940 hier wohnenden nach Südfrankreich deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem wurden nachweislich sieben aus Schirmeck stammende jüdische Bürger Opfer der "Endlösung" (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/schirmeck_synagogue.htm).

 

Das Synagogengebäude wurde noch bis in die 1970er Jahre genutzt; danach stand es leer und befand sich bis zu seiner Sanierung 2005/2006 in einem desolaten Zustand.

 

Synagogenfenster vor und nach der Restaurierung (Aufn. J. Hahn 2004 und um 2010)

Aufn. Ralph Hammann, 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0

 

Unweit von Schirmeck hatte im Mai 1941 die deutsche Besatzungsmacht das einzige Konzentrationslager auf französischem Boden eingerichtet, das gegen Kriegsende zahlreiche Außenlager in Südwestdeutschland unterhielt. Die in Natzweiler-Struthof festgehaltenen Häftlinge mussten in Granitbrüchen arbeiten, außerdem waren sie beschäftigt in der Waffenproduktion und errichteten unterirdische bombensichere Anlagen für die Flugzeugrüstung. Jüdische Häftlinge, die eigens aus Auschwitz gekommen waren, wurden hier in einer Gaskammer ermordet und ihre Leichen dann dem anatomischen Institut in Straßburg zu pseudomedizinischen Experimenten zugeführt.

 

 

Weitere Informationen:

Jürgen Ziegler, Mitten unter uns - Natzweiler-Struthof: Spuren eines Konzentrationslagers, VSA-Verlag, Frankfurt/M. 1986

Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagoges d’Alsace et lieur histoire, Jerusalem 1992

Schirmeck, in: alemannia-judaica.de

Jean Daltroff, La Route du Judaisme en Alsace, Rosheim 2006, S. 52/53

Zeitschrift L'Essor - Revue trimestrielle des A.C.C.S. Schirmeck - La Broque Ausg. No. 214/Juni 2007 (mit Titelbild des renovierten Synagogengebäudes)