Schöllkrippen (Unterfranken/Bayern)

Datei:Schöllkrippen in AB.svg Schöllkrippen ist ein Markt mit ca. 5.000 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Aschaffenburg – ca. 25 Kilometer nordöstlich der Kreisstadt gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Vermutlich haben im reichsritterschaftlichen Ort Waag, im Hofgut und kurfürstlichen Ortsteil des heutigen Markts Schöllkrippen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges bereits vereinzelt Juden gelebt. In den Jahrzehnten vor 1750 sollen einzelne jüdische Familien unter dem Schutz der Grafen von Schönborn gestanden haben. Aus der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts stammen dann gesicherte urkundliche Nachrichten über eine längerfristige Ansiedlung jüdischer Familien im Dorf; dabei ging es zumeist um Judenschutzgelder, um die sich die verschiedenen Grundherrschaften stritten; diese Kontroversen gingen sogar so weit, dass man 1775 das kaiserliche Kammergericht in Wien um eine Entscheidung anrief.

Ab Anfang des 19.Jahrhunderts wohnten die meisten Juden in den Schöllkrippener Ortsteilen Gasse und Hofgut. Die ökonomische Situation der meisten Schöllkrippener Juden war recht schlecht; diese lebten in der agrarisch geprägten Region vor allem vom Vieh- und Kleinhandel. Erst mit dem Bau der Kahlgrundbahn nach Hanau/Frankfurt 1898 ergaben sich neue Handelsmöglichkeiten.

Das Leben innerhalb der jüdischen Gemeinde verlief nicht immer spannungsfrei, wie dem lebhaften Schriftwechsel des Vorstandes u.a. mit dem Distriktsrabbinat in Aschaffenburg entnommen werden kann. Die Juden Schöllkrippens besaßen seit 1826 eine neu erbaute Synagoge in der heutigen Laudenbacher Straße, die vier Jahrzehnte später erweitert wurde. In einer Beschreibung des Synagogengebäudes heißt es: „ ... handelte es sich um einen einfachen Satteldachbau über echteckigem Grundriss. Das Gebäude stand nach allen Seiten frei und war mit der Westfassade zur Laudenbacher Straße orientiert. In dem vermutlich angefügten Bauteil im Westen befand sich im Erdgeschoss die Vorhalle und darüber im Obergeschoss die Frauengalerie. Über die gesamte Höhe beider Geschosse erstreckte sich der anschließende Betsaal ...“ (aus: Mehr als Steine ..., S. 114)

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten zudem ein Gemeindehaus und ein Frauenbad hinter der Synagoge an der Kahl (erstellt um 1870); zuvor hatten zwei Tauchbäder in Privatgebäuden bestanden.

Zur Verrichtung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt.

   

Stellenangebote aus „Der Israelit“ vom 12.3.1879 u. 12.9.1892 und aus „Frankfurter Israelitisches Familienblatt“ vom 6.8.1909

Die schulpflichtigen jüdischen Kinder besuchten neben der „Judenschule“ - beim Synagogengebäude gelegen - die Volksschule in Ernstkirchen. Nachdem das alte Schulhaus 1925 abgerissen worden war, bezog man ein anderes Gebäude an der Vormwalder Straße. Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem jüdischen Bezirksfriedhof in Aschaffenburg-Schweinheim beerdigt.

1930 unterstand die Gemeinde Schöllkrippen dem Bezirksrabbinat Aschaffenburg.

Juden in Schöllkrippen:

        --- 1765 ..........................    7 "Schutzjuden-Familien",

    --- 1817 ..........................   11 jüdische Familien,

    --- 1838 ..........................   55 Juden,

    --- 1867 ..........................   76   “   (in 14 Familien),

    --- 1882 ...................... ca.  100   “   

--- 1910 ..........................   80   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1925 ..........................   57   “  ,

    --- 1933 ..........................   48   “  ,

    --- 1935 (Dez.) ...................   49   “  ,

    --- 1938 (Okt.) ...................   44   “  ,

             (Dez.) ...................   keine.

Angaben aus: Theo Büttner, Die Israelitische Gemeinde Schöllkrippen im 19.Jahrhundert, S. 106/107

und                 Baruch Z.Ophir/F.Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 394

Bei der Erstellung der Matrikellisten sind für das Dorf 13 jüdische Familienvorstände aufgeführt, die zumeist ihren Lebenserwerb mit Vieh- und Kleinhandel bestritten. Vieh- und Pferdehandel waren bis ins 20.Jahrhundert das Metier von sechs jüdischen Familien. Auch gab es drei größere, von Juden geleitete Ladengeschäfte, wobei die Firma Strauß das umfassendste Angebot besaß; daneben existierten um 1910/1920 zwei Metzgereien im jüdischen Besitz.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20302/Schoellkrippen%20PA%20MP%20072011a.jpg An der Kahlbrücke - heute Laudenbacher Str. (Heimatjahrbuch 'Unser Kahlgrund' 1990, Reprofoto: D. Pfaff)

Es zeigt die jüdische Metzgerei Weißmann (rechts) und links das Doppelhaus Maier (von zwei jüdischen Familien bewohnt) und im Bildhintergrund das Ladengeschäft der Gebrüder Strauß

Zu ersten antijüdischen Ausschreitungen kam es in Schöllkrippen im Herbst 1934.

                 Aus dem Monatsbericht des Bezirksamtes Alzenau vom 27.11.1934:

„ ... Während die politische Lage im Amtsbezirk ... im allgemeinen ohne Störung blieb, kam es Ende Oktober in Schöllkrippen zwischen Juden und SA Leuten zu ernstlichen Mißhelligkeiten. In der Nacht vom 28. auf 29.10.34 wurde in die Synagoge von Schöllkrippen eingebrochen. Die Täter entwendeten dort mehrere Thora-Rollen im Wert von über 1.500 RM und drei silberne Schriftdeuter. Die Gegenstände wurden anderen Tages im benachbarten Bachbett und auf der anstoßenden Wiese, zerstreut und größtenteils unbrauchbar, wieder aufgefunden. ...”

Um überhaupt Gottesdienst abhalten zu können, stellte die Kultusgemeinde Bamberg ihren Glaubensgenossen in Schöllkrippen eine ihrer Thorarollen zur Verfügung. Als wenige Wochen später erneut die Fenster der Synagoge eingeworfen wurden, vernagelten die Gemeindemitglieder mit Holzbohlen die Fenster und brachten die ausgeliehene Thora in Sicherheit. Im Oktober 1935 kam es erneut zu gewalttätigen Übergriffen, die durch Polizeieinsatz beendet wurden.

Hetzparolen an der Synagoge Schöllkrippens (Aufn. aus: Als die Synagoge in Trümmern lag)

Trotz der zunehmenden Unsicherheit verließen zunächst nur wenige jüdische Einwohner ihren Heimatort.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Synagoge verwüstet, danach das Gebäude von einem SS-Kommando aus Aschaffenburg gesprengt. Anschließend brachen die Randalierer in die Wohnungen jüdischer Familien ein und setzten hier ihr Zerstörungswerk fort: Möbel und Hausrat wurden auf die Straße geworfen. Die jüdischen Männer wurden ins Gefängnis nach Alzenau gebracht; während die meisten nach einigen Tagen wieder auf freien Fuß gesetzt wurden, verschleppte man zwei von ihnen ins KZ Buchenwald; einer der beiden kam hier ums Leben.

   Nach der Sprengung der Synagoge (1938) kam die Fassade der alten Schöllkrippener Synagoge (von 1826) zum Vorschein (Sammlung Konrad Weigel)

Unmittelbar nach dem Pogrom verließen alle 44 jüdischen Bewohner ihren Heimatort Schöllkrippen, zumeist in Richtung Frankfurt/M.; damit war das Ende der jüdischen Gemeinde Schöllkrippens besiegelt. Es begann der Zwangsverkauf ihres Haus- und Grundbesitzes; die Marktgemeinde übernahm den Synagogenplatz und zwei weitere Grundstücke, alle anderen Häuser gingen in Privatbesitz über.

(Anm.: Schon bereits Anfang Oktober 1938 hatte sich der Gemeinderat Schöllkrippens mit der „Verwendung jüdischen Eigentums“ befasst; zu diesem Zeitpunkt hatte der damalige Bürgermeister verfügt, das Synagogengrundstück zu erwerben und die Synagoge als Feuerwehrgerätehaus umzubauen. Auch für andere, noch in jüdischem Eigentum befindliche Grundstücke waren schon konkrete Planungen ins Auge gefasst worden.)

Das in kommunale Hand gelangte Grundstück mit der Synagogenruine wurde 1939 von den Trümmern befreit und danach das geplante Feuerwehrgerätehaus hier errichtet. 

Wem von Frankfurt/M. aus nicht mehr die Emigration gelang, der wurde ab Herbst 1941 deportiert. Mindestens 21 gebürtige bzw. länger in Schöllkrippen wohnhaft gewesene Juden wurden Opfer des Holocaust. 

1951 fand vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Aschaffenburg der Prozess gegen fünf aktiv Beteiligte beim Pogrom von 1938 statt; nur zwei der Angeklagten wurden zu kurzzeitigen Haftstrafen verurteilt.

 

Im Herbst 1967 brachte die Marktgemeinde Schöllkrippen am neuen Ehrenmal im Kapellenhof zur Erinnerung an die jüdischen NS-Opfer eine Gedenktafel an. Anlässlich des 50.Jahrestages des Novemberpogroms wurde ein Gedenkstein in der Laudenbacher Straße gegenüber der ehemaligen Synagoge enthüllt; er trägt die Inschrift: „Hier gegenüber stand die Synagoge der Israelitischen Gemeinde, erbaut 1826 – zerstört am 9. und 10.November 1938“.

Seit 2011 erinnern sog. „Stolpersteine“ an ehemalige jüdische Bewohner; an drei Verlegeorten (Laudenbacher Straße, Linden- u. Waagstraße) wurden insgesamt zehn Steine in das Gehwegpflaster eingelassen. Initiiert wurde das Projekt von Schüler/innen der örtlichen Mittelschule.

Die Kommune Schöllkrippen beteiligt sich auch am Projekt „DenkOrt Aumühle“. Während einer der aus Stahl gefertigten "Gedenk-Koffer" neben der Stele zur Erinnerung an die ehemalige Schöllkrippener Synagoge steht, wird der andere am zentralen Mahnmal in Würzburg zu finden sein. Sieben der vom Verladebahnhof Aumühle deportierten Juden stammten aus Schöllkrippen.

    "Gedenkkoffer" neben der Stele (Aufn. Martin Hahn, aus: denkort-deportationen.de)

 

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/F.Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München 1979, S. 394/395

Theo Büttner, Entwicklung der israelitischen Gemeinde in Schöllkrippen im 18. und zu Beginn des 19.Jahrhunderts, in: Heimatjahrbuch ‘Unser Kahlgrund’ 33/1988, S. 57 - 61

Theo Büttner, Die Israelitische Gemeinde Schöllkrippen im 19.Jahrhundert, in: Heimatjahrbuch ‘Unser Kahlgrund’ 34/1989, S. 106 - 112

Theo Büttner, Die israelitische Gemeinde in Schöllkrippen im 20. Jahrhundert bis zu ihrem Ende im November 1938, in: Heimatjahrbuch ‘Unser Kahlgrund’ 35/1990, S. 63 - 72

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 118

Schöllkrippen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 167

N.N. (Red.), „Stolpersteine“ gegen das Vergessen, in: „Main-Echo“ vom 5.10.2011

Gerhild Wehl, „Wider das Vergessen“, in: "Unser Kahlgrund" 58/2011, S. 181 ff.

Arbeitskreis Jüdisches Leben in Schöllkrippen (Hrg.), Stolpersteine zum Gedenken an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Schöllkrippen (Broschüre), hrg. vom Heimat- und Geschichtsverein Oberer Kahlgrund e.V., 2011 (erschienen anlässlich der Stolpersteinverlegung)

Als die Synagoge in Trümmern lag, in: „Main-Echo“ vom 5.11.2013

Axel Töllner/Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.), Schöllkrippen, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 112 - 121

N.N. (Red.), Was nur schwer zu begreifen ist, in: “Main-Echo” vom 11.11.2018 (betr. Gedenkprojekt "DenkOrt Aumühle")