Schönebeck/Elbe (Sachsen-Anhalt)

Bildergebnis für salzlandkreis ortsdienst karte Schönebeck (Elbe) ist eine Stadt mit derzeit ca. 35.000 Einwohnern im Salzlandkreis – ca. 20 Kilometer südöstlich von der Landeshauptstadt Magdeburg (Karte aus: ortsdienst.de/sachsen-anhalt/salzlandkreis).

Vermutlich kamen bereits ab Ende des 12.Jahrhunderts jüdische Kaufleute und Händler nach Schönebeck. Die Salzgewinnung hatte sich damals neben der Schifffahrt zu einer Haupteinnahmequelle der Stadt entwickelt. Verlässliche Belege über Juden am Ort stammen aber erst aus dem 14.Jahrhundert. Nach ihrer Vertreibung 1497 gibt es für die folgenden Jahrhunderte keine Belege dafür, dass sich jüdische Familien in Schönebeck aufhielten bzw. wohnten.

Marktplatz von Schönebeck (Stahlstich Ende 18./Anfang 19.Jahrhundert, Abb. aus: kirchbauverein-jacobi.de)

 

 

 

 

 

 

 

Erst Mitte des 18.Jahrhunderts ist die Ansiedlung einer jüdischen Familie urkundlich belegbar. In napoleonischer Zeit ließen sich Juden dann in nennenswerter Zahl in Schönebeck nieder. Nach 1820 gründete sich eine Synagogengemeinde, der außer den Juden Schönebecks auch die umliegender Orte angehörten. Mitte des 19.Jahrhunderts bildete sich der „Synagogenverband Schönebeck“, zu dem auch Familien aus Calbe, Groß Salze und Staßfurt zählten. In einem Hinterhaus in der Steinstraße war ein Betraum eingerichtet worden, der 1876 Opfer eines Elbhochwassers wurde; bereits ein Jahr später weihte die Gemeinde einen Synagogenneubau ein. Das Synagogengebäude war eine „Miniaturausgabe“ der Großen Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin. Sie diente in der Folgezeit auch Glaubensgenossen aus anderen Orten wie Calbe, Gommern, Frohse, Groß Salze und Westerhüsen als Gotteshaus.

ehem. Synagoge, heute Shalom-Haus der Evang. Freikirche (Aufn. Ingolf Krettek, 2008, aus: wikipedia.org, CCO)

Einen eigenen Rabbiner besaß die Gemeinde nicht, so dass für Gottesdienste ein Rabbiner aus Magdeburg anreiste. Eine Religionsschule und ein eigener Begräbnisplatz an der Dorotheenstraße stammten aus den 1870er Jahren; der Standort eines älteren Friedhofs ist heute nicht mehr bekannt.

Juden in Schöenebeck:

        --- 1757 ........................... eine jüdische Familie,

    --- 1812 ...........................  16 männl. Juden (mit Groß Salze),

    --- 1840 ...........................  92 Juden,*        * Gemeindeverband

    --- 1862 ...........................  58   “  ,

    --- 1877 ...........................  76   “  ,

    --- 1880 ........................... 120   “  ,**      ** Gemeinde, incl. Nachbarorte

    --- 1910 ...........................  68   “  ,

    --- 1925 ...........................  50   “  ,

    --- 1930 ...........................  75   “  ,

    --- 1933 ...........................  87   “   (in 25 Familien),

    --- 1942 ...........................  keine.

Angaben aus: Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Band I, S. 342 - 346

Wie überall in Deutschland wurde auch in Schönebeck der von der NSDAP initiierte Boykott jüdischer Geschäfte und Praxen durchgeführt.

Ihren vorläufigen Höhepunkt fanden die antijüdischen Ausschreitungen in der Pogromnacht des 9.November 1938; die Synagoge wurde vollständig verwüstet und die Kultgegenstände geraubt; anschließend versuchte man, das Gebäude in Brand zu setzen. SA-Trupps in Zivil zerstörten jüdische Geschäfte im Stadtzentrum und durchsuchten und demolierten Wohnungen. Auch der jüdische Friedhof wurde geschändet und anschließend zerstört. Zehn Männer wurden verhaftet und ins KZ Buchenwald verfrachtet. Über die Ereignisse der „Kristallnacht“ in Schönebeck berichtete Dr. Kuntze: ... In einer Großkundgebung im Stadtpark-Saal wurde dem Judentum der Kampf angesagt. Danach wurde auf dem hier befindlichen Sportplatz an sog. Rollkommandos Zivilsachen, Gummiknüppel, Brechstangen, Beile und Äxte ausgegeben. Deren Gruppenführer erhielten Listen mit Adressen ihrer Einsatzorte, den abfahrenden Kommandos begleiteten die Kundgebungsbesucher mit ‘Sieg Heil und fette Beute’-Zurufen. Erster Einsatzort war die im maurischen Stil erbaute Synagoge. Ihre Tür wurde mit Äxten eingeschlagen. Dann stürzten sich die Schläger auf die aus edlen Hölzern gebaute Thoralade und fetzten den Vorhang herunter. Holz und Glas splitterten. Die Thorarollen wurden auf den Mittelgang geschleudert, danach Tempelleuchter und anderes Gerät. ... Einige der Rabauken hatten sich Gebetsmäntel umgehängt und latschten über die Thorarollen. Dann kam der vom Sturmführer Karpe vorbereitete Höhepunkt. Ein schwarzes ... Schwein wurde in die Synagoge geschleppt und vier seiner Leute umstanden mit Chanukka-Leuchtern in der Hand den jetzt folgenden feierlichen Akt. Dem Schwein wurde das Rabbinergewand umgetan und die Rabbinermütze aufgesetzt und danach an den inmitten der Synagoge hängenden Kronleuchter hochgezogen. Zur Begleitung grölten die Banditen den vorbereiteten Gesang im Kanon: ‘Am Leuchter in der Synagoge hängt ein schwarzes Schwein, das wird doch nicht, das wird doch nicht der Rabbi sein’. ...“  (aus: Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band I, S. 342 - 346)

                  In der „Schönebecker Zeitung” war am 10.November 1938 zu lesen:

Schönebecks Einwohnerschaft diszipliniert

.... wurde in Schönebeck auch nicht einem einzigen Juden auch nur ein Härchen seines niggerhaften Haarfilzes gekrümmt. Man hat die Angehörigen der Mauschelmischpoke förmlich mit Glacéhandschuhen angefaßt und sie, soweit sie nicht in heilloser Angst schon in ‘Schutzhaft ‘getürmt’ waren, zum Polizeiamt gebracht. Dort, wo sie sich in ihren Wohnungen verschanzt hatten wurden die Türen nicht demoliert, sondern unter vorsichtiger Entfernung der Glaseinsätze die Türen geöffnet. ... Besser wäre es allerdings, wenn die Rebekkas und Israels ihre frechen Physiognomien aus Schönebeck sobald wie möglich verschwinden ließen ...

Der Synagogenbau wurde 1941 beschlagnahmt; in den Räumen richteten die Junkers-Flugzeugwerke einen Lagerraum ein. Etwa die Hälfte der Juden Schönebecks konnte noch rechtzeitig emigrieren; die verbliebenen wurden zunächst in zwei „Judenhäuser“ zusammengepfercht und alsbald deportiert; die allermeisten kamen in den „Lagern des Ostens“ gewaltsam ums Leben. 1942 wurde Schönebeck für „judenfrei” erklärt. Insgesamt 25 jüdische Bürger Schönebecks fielen dem Holocaust zum Opfer; einer anderen Angabe zufolge sollen es ca. 40 ermordete Personen gewesen sein.

Nach dem Kriege diente das ehemalige Synagogengebäude als Arbeitsamt, Museum, Verkaufsstelle und Turnhalle. In den 1980er Jahren erwarb die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde das Gebäude; nach einer grundlegenden Renovierung wurde es 1986 unter der Bezeichnung „Shalom-Haus” seiner neuen Bestimmung zugeführt (siehe Abb. oben) und eine Gedenktafel angebracht, die an die jüdische Gemeinde Schönebecks erinnert.

Gedenke - vergiß nie !

Am 9.November 1938 zerstörten die Faschisten das Innere dieser Synagoge.

Nach der Restaurierung 1983 - 1986 wird hier wieder Gott geehrt.

Das Synagogengebäude in Schönebeck ist das einzige jüdische Gotteshaus Sachsen-Anhalts im maurischen Stil, das die Zeit des Nationalsozialismus unbeschadet überstanden hat. Die achteckige Kuppel des "Shalom-Hauses" trägt ein Kreuz, an dem vier Davidsterne angebracht sind.

                     Die achteckige Kuppel des Schalom-Hauses krönt ein Kreuz mit vier Davidsternen. Fotos: Klaus-Peter Voigt Kreuz mit vier Davidstern (Aufn. Klaus-Peter Voigt)

In der Innenstadt Schönebecks, im Gedenkpark Nicolaistraße, befindet sich ein Mahnmal, das vom Schönebecker Künstler Christof Grüger gestaltet und am 60.Jahrestag der Pogromnacht eingeweiht wurde.

                                    Holocaust-Mahnmal in Schönebeck (Aufn. Christof Grüner, 1998)

An einer Mauer des jüdischen Friedhofs ist eine Gedenktafel angebracht, die an die jüdischen NS-Opfer der Stadt erinnert. Entlang der Friedhofsmauer sind die letzten verbliebenen neun Grabsteine zu finden. Das Gelände an der Dorotheenstraße befindet sich in einem recht verwahrlosten, inzwischen fast vollständig von der Vegetation eingenommenen Zustand.

                   http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20106/schoeneb03.JPG Aufn. Hans-Peter Laqueur, 2007, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

Auf Initiative der FDP-Fraktion in der Kommunalvertretung wurden 2011 im Stadtgebiet von Schönebeck die ersten 20 sog. „Stolpersteine“ verlegt; 2013/2014 folgten weitere. Derzeit findet man in den Gehwegen der Stadt insgesamt nahezu 80 „Stolpersteine“, die an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnern (Stand 2019).

„Stolpersteine“ verlegt an der Dr.-Tolberg-Straße (Aufn. Olaf Koch)

                                    ...   und in der Salzer Straße Stolpersteine für Familie Waldbaum und Philipp Schmulewitz, Salzer Straße 15–17, Schönebeck (Elbe).JPG (Aufn. Bernd Gross, 2018, aus: wikipedia.org, CCO)

                  Stolpersteine für Familie Landecker, Salzer Straße 12, Schönebeck (Elbe).JPG verlegt für die Fam. Landecker, die durch Emigration nach Südafrika ihr Leben rettete

In Schönebeck erinnert seit 1992 ein Platz an Ruth Lübschütz, die 1922 als Tochter einer angesehenen Kaufmannsfamilie geboren wurde und ihre Jugendjahre in Schönebeck verbrachte. 1942 wurde sie - inzwischen mit dem Magdeburger Max Nathan verheiratet - mit ihrer Familie nach Theresienstadt deportiert und später in Auschwitz ermordet.

 

In (Bad) Salzelmen - seit 1932 Stadtteil von Schönebeck – ist die Anwesenheit jüdischer Familien seit der zweiten Hälfte des 13.Jahrhunderts nachgewiesen; allerdings war diese nicht dauerhaft. Seit ca. 1820 gehörten die jüdischen Bewohner der Schönebecker Kultusgemeinde an. Anfang der 1930er Jahre lebten ca. 30 Juden im Ort.

 

In Großmühlingen, südlich von Schönebeck gelegen, entstand Ende des 18. Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinschaft. Seit 1806 gab es im Ort eine Synagoge. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts war die jüdische Gemeinschaft in Auflösung begriffen.  An sie erinnern heute noch die wenigen erhalten gebliebenen Grabsteine des 1795 am Ortsausgang nach Eggersdorf angelegten Friedhofs. Bis in die 1920er Jahre sollen hier Beerdigungen stattgefunden haben. In der NS-Zeit wurde der Friedhof weitestgehend zerstört und das Gelände eingeebnet.

 

Im jenseits der Elbe gelegenen Gommern bestand im 19.Jahrhundert eine winzige jüdische Gemeinschaft, die um 1840 etwa 40 Angehörige zählte; erste Juden sollen sich hier bereits im 17.Jahrhundert niedergelassen haben. Ein eigener kleiner Friedhof an der Wiesenstraße wurde um 1800/1810 angelegt. Die winzige jüdische Gemeinschaft verfügte auch über ein kleines Bethaus. Um 1900 hatten dann fast alle jüdischen Bewohner Gommern verlassen.

Eine Stiftung des bedeutendsten jüdischen Bürgers von Gommern, Moritz Manheimer (Berlin)*, hatte seit 1868 die Verpflichtung übernommen, den jüdischen Friedhof für alle Zeiten zu erhalten. Doch in der NS-Zeit wurde der Friedhof abgeräumt und das Gelände eingeebnet. Grabsteine sind deshalb heute nicht mehr vorhanden; nur ein 1960 aufgestellter Gedenkstein erinnert an die einstige Bestimmung des Areals.

 * Moritz Manheimer (geb. 1826 in Gommern) entstammte einer Familie mit jüdischer Glaubenstradition. Zusammen mit seinen Brüdern David und Valentin ging Moritz Manheimer nach Berlin, die dort 1837 die Konfektionsfirma „Gebr. Manheimer“ gründeten; drei Jahre später gründete Moritz M. sein „Konfektionshaus Manheimer“, die erste Fabrik für Damenmäntel in Berlin. Zusammen mit seinen Brüdern konnte er Großaufträge der Armee für Uniformen und Mäntel ausführen, die ihn zu einem sehr wohlhabenden Mann machten, der sich nun auch als Bankier betätigte. Ab den 1870er Jahren war er dann Privatier und betätigte sich nun nur noch als wohltätiger Stifter, indem er zahlreiche Projekte unterstützte. Aus alter Verbundenheit finanzierte er auch seinem ehemaligen Heimatort Gommern ein Altersheim (später bis 2011 als Jugendherberge genutzt ) und spendete einen großen Betrag, um den kleinen jüdischen Friedhof in Gommern „auf ewig“ pflegen zu lassen. 1882 kaufte Moritz Manheimer in Berlin ein großes Grundstück an der heutigen Schönhäuser Allee, um dort ein Altersheim für arme Juden, die mindestens 15 Jahre in Berlin gelebt hatten, errichten zu lassen; 1883 wurde das neue Altenheim im Beisein der Kaiserin Augusta eröffnet. Im Alter von 90 Jahren starb Moritz Manheimer in Berlin; an ihn erinnert auf dem jüdischen Friedhof  noch eine monumentale Grabstätte.

 

Weitere Informationen:

Günther Kuntze, Juden in Schönebeck, Schönebeck 1988

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band I, S. 342 - 346

Zeugnisse jüdischer Kultur - Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Tourist Verlag GmbH, Berlin 1992, S. 205/206

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Oemler-Verlag, Wernigerode 1997, S. 99 – 102 und S. 234 – 241

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 372/373 und S. 596/597

Holger Brülls, Synagogen in Sachsen-Anhalt. Arbeitsberichte des Landesamtes für Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt 3, Verlag für Bauwesen, Berlin 1998, S. 142 - 153

Dorothee Wanzek (Red.), Was Schönebeck der Hauptstadt voraus hat: Holocaust-Mahmal, in: Katholische Wochenzeitung für das Erzbistum Berlin und die Bistümer Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg, Ausg. 47/1998

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation II, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1999, S. 584 f.

Stadt Schönebeck a.d.Elbe (Hrg.), Erste Stolpersteine in Schönebeck gesetzt (März 2011), in: schoenebeck.de

N.N. (Red.), Neue Stolpersteine werden verlegt, in: „Volksstimme“ vom 10.4.2014

Olaf Koch (Red.), Außergewöhnliche Schönebecker, in: „Volksstimme“ vom 5.11.2016

Auflistung der in Schönebeck verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Schönebeck_(Elbe)

Klaus-Peter Voigt (Red.), Evangelisch-freikirchliche Christen beleben die ehemalige Synagoge in Schönebeck, in: „Volksstimme“ vom 11.11.2018

Bianca Oldekamp (Red.), Auf den Spuren jüdischen Lebens, in: "Volksstimme" vom 27.10.2019