Schöningen/Elm (Niedersachsen)

Helmstedt (Landkreis) Karte  Schöningen ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 12.500 Einwohnern im Landkreis Helmstedt – ca. zehn Kilometer südwestlich der Kreisstadt an der Grenze zu Sachsen-Anhalt gelegen (Karte aus: ortsdienst.de/niedersachsen/landkreis-helmstedt).

Bereits Ende des 14.Jahrhunderts durften sich wenige Juden in Schöningen ansiedeln; sie mussten dafür ein jährliches Schutzgeld an den Landesherrn Herzog Friedrich von Braunschweig zahlen. Aus der Mitte des 16.Jahrhunderts stammt der urkundliche Hinweis, dass „die Judenhäuser alle abgebrannt und die Juden alle tot und hier weggezogen” seien. Dass es damals bereits eine Gemeinde gegeben haben könnte, kann aus der Erwähnung eines „scholemester“ gefolgert werden; auch Steuerverzeichnisse aus dem 16.Jahrhundert lassen auf bis zu zehn jüdische Familien schließen, die ihre Wohnsitze in der "Judenstraße" (heutige Herrenstraße) hatten. Im Zuge der allgemeinen Vertreibung aus dem Herzogtum (um 1590) waren auch die Juden Schöningens betroffen.

Bildergebnis für schöningenSchöningen - Stich von Merian (1654), aus: wikipedia.org, gemeinfrei

Im Zusammenhang der ab ca. 1690 erneut zugelassenen Ansiedlung von Juden in verschiedenen Orten des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel durfte sich nach 1700 auch eine jüdische Familie in Schöningen niederlassen; weitere folgten im Laufe des 18.Jahrhunderts.

(Anm.: Der erste für Schöningen ausgestellte Schutzbrief für Alexander David datierte von 1723; etwa drei Jahrzehnte später wurde Moses Wolf ebenfalls "unter Schutz" gestellt; acht weitere SAchutzbriefe wurden dann im Zeitraum von 1771 bis 1803 erteilt.)

Die Juden lebten in Schöningen in angemieteten Häusern und waren von der Zahlung der Gemeindesteuern befreit; dagegen mussten sie bei Geburts- und Sterbefällen Gebühren an die evangelische Geistlichkeit entrichten. Ihre Gottesdienste hielten die Schöninger Juden in einem Betraum an der Beguinenstraße ab; als das Zustandekommen eines Minjan immer schwieriger wurde, schlossen sich 1859 die Juden Schöningens und Helmstedts zu einer Gemeinde zusammen; doch bereits vier Jahre später ging man wieder getrennte Wege.  Als 1890 das Gebäude, in dem sich der Betraum befand, abgerissen wurde, verzichtete man ganz auf einen gottesdienstlichen Raum. Erst mit erneutem Zuzug von Familien in den 1920er Jahren hielt die größer gewordene Gemeinde an Feiertagen im Saal des Kurhauses wieder Gottesdienste ab.

Seit den 1790er Jahren ist die Tätigkeit eines jüdischen Lehrers nachweisbar; im 19.Jahrhundert erwies sich die Einstellung eines eigenen Lehrers für die kleine Gemeinschaft als zu kostspielig, sodass man auf einen Lehrer aus Braunschweig zurückgriff.

Eine Begräbnisstätte besaß die Gemeinde ab 1795 an der Schützenbahn, die gegen Zahlung eines Erbzinses vom Magistrat der Stadt zur Verfügung gestellt worden war und in den 1840er Jahren ins Eigentum der Gemeinde überging. 1862 musste der Friedhof geschlossen werden, da das umliegende Gelände inzwischen von Wohnbebauung eingenommen war. Deshalb erhielt die israelitische Gemeinde einen neuen Begräbnisplatz an der Elmstraße zugewiesen, der bis Mitte der 1920er Jahre bestand. Anschließend erwarb man auf dem neuen städtischen Friedhof in der Müller-Mühlenbein-Straße ein kleines Areal.

Knapp 70 Jahre später wurde der neue Friedhof an der Elmstraße in Benutzung genommen, der bis Mitte der 1920er Jahre bestand. Anschließend erwarb man auf dem neuen städtischen Friedhof in der Müller-Mühlenbein-Straße ein kleines Areal. 

Der winzigen Gemeinde Schöningen waren die jüdischen Bewohner in Schöppenstedt angeschlossen. Seit Mitte der 1920er Jahre bestand die jüdische Gemeinde Schöningen als öffentlich rechtliche Körperschaft, deren Vorsteher der Kaufmann Hermann Probst wurde. Nachdem sich die jüdische Gemeinde in Halle/Weser (bei Bodenwerder) aufgelöst hatte, gelangten die dort benutzten und im Besitz einer jüdischen Familie befindlichen Kultgegenstände (u.a Thorarolle, Thoraschrank) nach Schöningen.

Juden in Schöningen:

         --- 1794 ...........................  5 jüdische Familien,

    --- 1808 ...........................  7     “       “    ,

    --- 1835 ...........................  6     “       “   (ca. 30 Pers.),

    --- 1843 ........................... 26 Juden,

    --- 1871 ........................... 27   “  (in 7 Familien),

    --- 1880 ...........................  9 jüdische Familien,

    --- 1885 ........................... 28 Juden,

    --- 1895 ........................... 22   "  ,

    --- 1925 ........................... 45   "  ,

    --- 1928 ........................... 40   “  (in 7 Familien),

    --- 1930/33 .................... ca. 35   “  ,

    --- 1939 ........................... 14   “  ,

    --- 1942 (April) ................... keine.

Angaben aus: Karl Rose, Geschichte der Schöninger Juden

und                  T. Avraham (Bearb.), Schöningen, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Bd. 2, S. 1364

Ihren Lebensunterhalt verdienten die in Schöningen lebenden jüdischen Familien zumeist im Trödel- und Kleinwarenhandel; ein Jude war Pferdehändler. Ihre wirtschaftliche Situation muss 1920/1930 recht gut gewesen sein, denn fünf der jüdischen Einzelhandelsbetriebe gehörten zu den größten Steuerzahlern der Stadt.

Postkarte (aus: mein-schoeningen.de)

Niedernstraße mit jüdischem Geschäft Ph. Probst (hist. Aufn., aus: Fotoarchiv H.U. Marquardt)

In Folge des Boykotts des Jahres 1933 hatten die acht in jüdischem Besitz stehenden Einzelhandelsunternehmen mit erheblichen Einkommenseinbußen zu kämpfen; die Lokalpresse forderte die „Volksgenossen“ regelmäßig auf, jüdische Geschäfte zu meiden und „rein christliche Geschäfte“ aufzusuchen. Vor den Manufakturwarengeschäften Hirsch und Lauterstein sollen HJ-Angehörige postiert gewesen sein, die potentielle Kunden darauf hinwiesen, diese Läden nicht mehr zu betreten. Da diese Aufrufe bald Wirkung zeigten, wurde den jüdischen Geschäftsinhabern ihre Existenzgrundlage entzogen; sie verkauften ihr Eigentum und verließen Schöningen. Nur wenige Familien verblieben in der Stadt.

Wenige Monate nach dem Novemberpogrom von 1938 gaben auch noch die letzten drei Geschäftsinhaber auf; im Zuge der „Arisierung“ wurden ihre Läden von örtlichen Geschäftsleuten übernommen. Eine einzige Familie (acht Personen) blieb; diese wurde Ende März 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert. 25 Juden aus Schöningen wurden nachweislich Opfer des Holocaust.

Die Grabsteine auf dem kleinen Areal an der Elmstraße waren 1940 entfernt worden; die Gräber hingegen sollen unangetastet geblieben sein.

Seit 1952 erinnert ein Gedenkstein auf dem städtischen Friedhof an die 25 in der NS-Zeit ermordeten Schöninger Juden. Die hebräische Inschrift lautet in deutscher Übersetzung:

Zum Gedenken an die jüdischen Einwohner in Schöningen

ermordet zur Heiligung des Namens (als Märtyrer) durch frevelhafte Nazis

Ihre Seelen seinen eingebunden in das Bündel des Lebens.

Dort, wo heute sich der Volkspark befindet, war früher der alte jüdische Friedhof.

In Schöningen erinnern in Gehwege der Stadt verlegte sog. „Stolpersteine“ an ehemalige jüdische Bewohner. In den Jahren 2012/2014 wurden insgesamt 31 Steine in die Gehwegpflasterung eingefügt; 2019 folgten weitere sechs Steine, die an sog. "Euthanasie"-Opfer erinnern.

           "Stolpersteine" für Familie Lauterstein, Niedernstr. 23

 

2013 wurden in der Helmstedter Straße in Schöppenstedt fünf sog. "Stolpersteine" verlegt, die Angehörigen der jüdischen Familie Rosenbaum gewidmet sind.

 

Weitere Informationen:

Karl Rose, Geschichte der Schöninger Juden, Schöningen 1966

Zvi Asaria, Die Juden in Niedersachsen - Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, Verlag Gerhard Rautenberg, Leer 1979, S. 456 f.

Karl Rose, Ergänzungen zur ‘Geschichte der Schöninger Juden’, in: ‘Unsere Heimat’ (mehrere Ausgaben der Jahre 1970, 1974 und 1975)

Peter Schulze, Mit Davidschild und Menora: Bilder jüdischer Grabstätten in Braunschweig, Peine, Hornburg, Salzgitter und Schöningen (Ausstellungen 1997 - 2002), Braunschweig 2003

Tamar Avraham (Bearb.), Schöningen, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Bd. 2, S. 1364 - 1370

Susanne Weihmann, Jüdisches Leben im Helmstedter Land. Teil 1. Eine Spurensuche in Calvörde, Helmstedt und Schöningen, in: Beiträge zur Geschichte des Landkreis Helmstedt und der ehem. Universität Helmstedt, Hrg. Landkreis Helmstedt, 2006, Heft 17, S. 22 f., S. 40 f. und S. 55 ff.

Burkhard Jäger, Schöningen im Nationalsozialismus. Spuren – Ereignisse – Prozesse, Schöningen 2006, S. 112 – 141

Markus Gröchtemeier, Ausgrenzung, Beraubung und Emigration – Die jüdische Familie Rosenbaum aus Schöppenstedt: Arbeitsmaterialien für die schulische und außerschulische Jugendbildungsarbeit. Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt c/o Arbeit und Leben Niedersachsen, Braunschweig 2006

Peter Schulze, Jüdisches Leben im Helmstedter Land. Teil 2. Friedhöfe der Schöninger Juden in drei Jahrhunderten, in: Beiträge zur Geschichte des Landkreis Helmstedt und der ehem. Universität Helmstedt, Hrg. Landkreis Helmstedt, Heft 18 (in Vorbereitung)

Hartmut Beyer (Red.) Stolpersteine erinnern an Opfer des Naziterrors, in: „Braunschweiger Zeitung – Helmstedter Nachrichten“ vom 22.10.2012

Hartmut Beyer (Red.), Stolpersteine für Schöningen, in: "Braunschweiger Zeitung - Helmstedter Nachrichten" vom 23.4.2014

Stadt Schöningen (Hrg.), Stolpersteine - Steine über die wir stolpern sollen?, online abrufbar unter: schoeningen.de/kunst-und-kultur/stolpersteine/

"Mein Schöningen" - Internetpräsentation von Marcus Haage, in: mein-schoeningen.de (Anm.: darin auch Informationen: Schöninger Bürger. Opfer des Holocaust)