Schönlanke (Westpreußen)

  Schönlanke - seit der 1.Teilung Polens (1772) preußisch und ehemals Kreisstadt des Netzekreises - gehörte bis 1920 zur Provinz Posen, danach zur Grenzmark Posen-Westpreußen, ab 1938 zu Pommern. Heute trägt die polnische Stadt den Namen Trzcianka und besitzt derzeit ca. 17.000 Einwohner. Im 18.Jahrhundert war die Tuchmacherei der in der Stadt dominierende Wirtschaftszweig.

Nachweislich hielten sich 1734 die ersten jüdischen Familien in Schönlanke auf. Jeder achte Stadtbewohner war - nach einer Erhebung von 1773 - Jude; vier Jahrzehnte später war es bereits jeder fünfte. Haupterwerbszweig der meisten jüdischen Bewohner war der Woll- und Tuchhandel in all seinen Facetten; 1739 hatten Juden das Privileg dafür erhalten. Doch mit der einsetzenden Industrialisierung und der Unterbrechung der Wirtschaftsbeziehungen zu Russland (um 1820) begann der Niedergang des Schönlanker Tuchmachergewerbes. Die zwischen 1850 und 1869 von mehreren verheerenden Stadtbränden heimgesuchte Kleinstadt konnte nur dadurch überleben, dass sie Anschluss an die ‚Ostbahn’ erhielt und damit gewisse wirtschaftliche Impulse erhielt.

Die zu Beginn des 19.Jahrhunderts zahlenmäßig recht große jüdische Gemeinde besaß um 1840/1850 auch eine eigene Schule; ein jüdisches Lehrhaus wurde bereits 1772 erstmals erwähnt. Ein erster Synagogenbau - errichtet um 1740 - soll 1779 einem Brand zum Opfer gefallen sein. Das 1823 erbaute Bethaus wurde sechs Jahrzehnte später (1883) durch einen Neubau im neoromanischen Stile ersetzt.

          Synagoga w Trzciance Ausschnitt aus hist. Bildpostkarte (Abb. aus: sztetl.org.pl)

Seit den 1820er Jahren ist ein Friedhof der Schönlanker Judenschaft nachgewiesen.

Juden in Schönlanke:

         --- 1773 .........................  264 Juden (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1790 .........................   75 jüdische Familien,

    --- 1815 .........................  610 Juden (ca. 20% d. Bevölk.),

    --- um 1830 .................. ca.  860   “   (ca. 23% d. Bevölk.),

    --- 1880 .........................  584   “   (ca. 14% d. Bevölk.),

    --- 1902 .........................  590   “   (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1933 .........................  380   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1940 (Mai) ...................  keine.

Angaben aus: Gerhard Pieske, Schönlanke

und                 The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 1150

                Über die Situation der jüdischen Bevölkerung Schönlankes gibt ein Artikel aus „Im Deutschen Reich” von 1901 Auskunft:

Schönlanke, 14.Januar.   Daß die Juden in der Provinz Posen numerisch stark zurückgegangen sind, ist eine statistisch feststehende Thatsache; gleichzeitig sind aber auch die wirthschaftlichen Verhältnisse der Glaubensgenossen in vielen Orten der Provinz im Rückgange begriffen. Unsere Stadt macht hierbei eine erfreuliche Ausnahme: die jüdische Gemeinde hat sich in den verflossenen 25 Jahren um 25% vergrößert; es gibt hier zwar nicht sehr reiche Leute, aber auch höchstens fünf unterstützungsbedürftige arme jüdische Familien. ... Die jüdischen Gemeindemitglieder zahlen die Hälfte der Einkommen- und Gewerbesteuer; sie leben mit der christlichen Bevölkerung in gutem Einvernehmen, so daß hier antisemitische Bestrebungen keinen Boden finden.

  Bahnhofstraße in Schönlanke (hist. Postkarte, um 1910)

Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus und der zunehmenden antisemitischen Agitation verließen zahlreiche jüdische Geschäftsleute - wirtschaftlich ruiniert - Schönlanke. Organisatorische Hilfe bei der Emigration leistete eine zionistische Gruppe, die seit Mitte der 1930er Jahre in der sich auflösenden Gemeinde gewissen Einfluss besaß.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Synagoge in Brand gesetzt und eine Reihe von Geschäften jüdischer Besitzer zerstört; einige Männer wurden ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Im Frühjahr 1940 mussten die noch in der Stadt lebenden Juden ihre Wohnungen verlassen; später wurden sie über ein Internierungs- und Durchgangslager bei Schneidemühl („Bürgergarten“) deportiert.

Das aus dem 18.Jahrhundert stammende jüdische Ritualbad ist erhalten geblieben und dient heute musealen Zwecken. Vom jüdischen Friedhof sollen heute kaum noch Überreste vorhanden sein.

 

Wenige Kilometer südlich von Schönlanke liegt die Kleinstadt Czarnikau (poln. Czarnków). Jüdische Ansiedlung erfolgte im 17.Jahrhundert, als Juden gemeinsam mit deutschen Kolonisten hierher kamen. Der älteste schriftliche Hinweis stammt aus dem Jahre 1677. Die Behausungen der jüdischen Familien lagen zunächst in einem abgegrenzten Viertel am Nordwestrand der Stadt; ein Betreten derselben konnte erst mit Erlaubnis der städtischen Behörden erfolgen. Eine über die Straße gespannte Kette grenzte symbolisch das jüdische Wohngebiet vom übrigen Stadtgebiet ab. Neben einigen wenigen wohlhabenden Kaufleuten lebten die jüdischen Familien damals mehrheitlich am Rande des Existenzminimums. Seit 1759 verfügte die hiesige Judenschaft über einen ersten massiven Synagogenbau; 120 Jahre später wurde ein Neubau erstellt, der das Stadtzentrum dominierte.

                    Synagoge (hist. Postkarte, um 1905/1910)

Aus den 1840er Jahren stammt das Gebäude der jüdischen Schule.

Juden in Czarnikau:

        --- 1773 .........................   352 Juden,

    --- 1816 .........................   470   “  ,

    --- 1831 ..................... ca.   977   “   (ca. 34% d. Bevölk.),

    --- 1855 ..................... ca. 1.200   “   (ca. 31% d. Bevölk.),

    --- 1871 ..................... ca. 1.000   “   (ca. 23% d. Bevölk.),

    --- 1890 ..................... ca.   800   “  ,

    --- 1919 .........................   440   “  ,

    --- 1926 .........................   224   “  ,

    --- 1933 ..................... ca.   240   “  ,

    --- 1938 .........................   115   “  .

Angaben aus: Czarnków, in: sztetl.org.pl

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte der jüdische Bevölkerungsteil seinen Höchststand; die ca. 1.200 Juden stellten damit etwa ein Drittel aller Bewohner. Um die Jahrhundertwende zeichnete sich bereits eine deutliche Abnahme der jüdischen Bevölkerung ab; dies setzte sich besonders nach Ende des Ersten Weltkriegs fort. Nach der deutschen Okkupation wurden die noch in Czarnikau lebenden Juden im Dezember 1939 aus der Stadt abtransportiert (Ziel Ghetto Lodz). Das Synagogengebäude und der jüdische Friedhof wurden alsbald zerstört.

vgl. Czarnikau (Westpreußen)

 

Weitere Informationen:

Aron Heppner/Isaak Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden… in den Posener Landen, Koschmin/Bromberg 1909, S. 926 – 945

M.L. Bamberger, Geschichte der Juden in Schönlanke, o.O. 1912

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1150

Gerhard Pieske, Schönlanke, in: www.netzekreis.de

Carsten Liesenberg, Jüdische Tradition und Ideale des deutschen Bürgertums. Der Kantor Moritz Schoenlank und seine Familie, in: Beiträge zur Geschichte der Juden Schwarzburgs - Juden in Schwarzburg Band 1- Festschrift zu Ehren Prof. Philipp Heidenheims (1814 - 1906) - Rabbiner in Sondershausen - anlässlich seines 100.Todestages, Sondershausen 2006, S. 165 f.

Peter Simonstein Cullmann, History of the Jewish community of Schönlanke (1736-1940). A Memorial to the Vanished, o.O., 2010

Trzianka und Czarnków, in: sztetl.org.pl

Schönlanke/Trzcianka, online abrufbar unter: kehilalinks.jewishgen.org/trzcianka/ (Anm. enthält sehr viele Informationen zur ehem. jüdischen Gemeinde; neben diversen historischen Aufnahmen auch zahlreiche Personendaten mit z.T. biografischem Material)