Schonungen (Unterfranken/Bayern)

Datei:Schonungen in SW.svg Schonungen ist eine Kommune mit derzeit ca. 8.000 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Schweinfurt – nur wenige Kilometer östlich der Kreisstadt gelegen (Karte Hagar, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erste Hinweise auf die Existenz von einzelnen jüdischen Familien in Schonungen stammen aus der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts, als die Herren von Thundorf ihnen hier - gegen finanzielle Leistungen - Ansässigkeit gewährten. Urkundlich nachweisbar sind 1699 für Schonungen vier jüdische Familien, die unter dem Schutz des Würzburger Bischofs in Schonungen standen. Eine kleine Gemeinde bildete sich zu Beginn des 18.Jahrhunderts heraus. Die „in Schonungen anwesenden und inskünftig sich dort niederlassenden Juden’” mussten ein sog. „Einzugsgeld“ und jedes Jahr ein „Neujahrsgeld“ an den Pfarrer entrichten. In den Matrikellisten von 1817 sind für Schonungen elf Familienvorstände verzeichnet.

Um 1740 existierte in Schonungen eine „Judenschul“. Als das Bethaus mitsamt aller Ritualien 1853 einem Brande zum Opfer fiel, ermöglichte eine in ganz Bayern durchgeführte Kollekte den raschen Wiederaufbau. Da die meisten jüdischen Familien auch ihr Hab und Gut verloren hatten, konnten sie selber den Wiederaufbau der Synagoge nicht finanzieren.

Erlaubnis der kgl. Bayr. Regierung zur Durchführung einer Kollekte:

         http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20401/Schonungen%20Synagoge%2024051854.jpgaus: „Königlich-Bayerisches Kreis-Amtsblatt der Pfalz" vom 17. Mai 1854

In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums” vom 3. Februar 1854 hieß es dazu:

Schonungen in Unterfranken, Februar 1854. Das furchtbare Brandunglück, von welchem am 26. September vorigen Jahres das Dorf Schonungen bei Schweinfurt heimgesucht wurde, traf auch die Israeliten daselbst nicht nur im Einzelnen, sondern auch als Kultusgemeinde so schwer, dass wir uns berechtigt halten, in dieser letztern Hinsicht die besondere Hilfe der Glaubensgenossen in Anspruch zu nehmen. Bei jenem Brande wurde nämlich auch die Synagoge ... ein Raub der schnell um sich greifenden Flammen, sodass auch nicht einmal die Tora-Rollen gerettet werden konnten. ... Die aus 14 Familien bestehenden schwergeprüften Gemeindegenossen vermögen aber wenig zu leisten, da kein Einziger derselben vom Unglück verschont geblieben ist, und Mehrere so bedeutende Verluste erlitten haben, dass sie nur mit Sorgen an die weitere Ernährung ihrer Familien denken können. Sie dieselben doch auch jetzt noch, teils hier in armseligen Hütten wohnend, teils in der Umgegend zerstreut, an der Ausübung ihrer Geschäfte gehindert!  Wir wenden uns daher in dieser Not an den religiösen Sinn und an die so vielfach bewährte Mildtätigkeit unserer Glaubensbrüder mit der dringenden Bitte, uns zu den eben bezeichneten religiösen Zwecken Beistand zu leisten, damit die hiesigen Israeliten, wenn sie wieder ihre Wohnungen beziehen, sich auch wieder in einem dazu bestimmten Gebäude zum Höchsten wenden, und dadurch von ihrem Unglücke sich aufrichten mögen, und damit dann auch der religiöse Unterricht ihrer Kinder wieder ohne Hindernis beginnen kann.
... Das Komitee zur Erbauung der Synagoge und Schule in Schonungen.

Dieser Aufruf trug dazu bei, dass ein neues Gotteshaus in der Bachstraße eingeweiht werden konnte.

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Synagogengebäude in Schonungen, Bachstraße (Aufn. B. Vocke u. J. Ryba, um 1960)

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Kleinanzeigen für die Besetzung der Religionslehrerstelle (aus: "Der Israelit" vom 1.3.1876 und 2.8.1894)

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten zudem ein Gemeindehaus mit Schulraum und eine Mikwe.

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem jüdischen Friedhof in Kleinsteinach begraben.

In den letzten Jahrzehnten ihres Bestehens unterstand die jüdische Gemeinde Schonungen dem Bezirksrabbinat Schweinfurt.

Juden in Schonungen:

         --- 1699 ...........................  4 jüdische Familien,

    --- um 1725 .......................   8     "        "   ,

    --- 1753 .......................... 53 Juden,

    --- 1817 .......................... 11 jüdische Familien (ca. 14% d. Bevölk.),

    --- 1837 .......................... 60 Juden (in 14 Familien),

    --- 1867 .......................... 64   “  ,

    --- 1890 .......................... 66   “  ,

    --- 1910 .......................... 35   “  ,

    --- 1925 .......................... 33   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1933 .......................... 23   “  ,

    --- 1938 (Jan.) ................... 19   “  ,

    --- 1939 .......................... 13   “  ,

    --- 1942 (Jan.) ...................  9   “  ,

             (Sept.) ..................  keine.

Angaben aus: B.Ophir/F.Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 396

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts waren Wein- und Viehhandel die Haupterwerbsquellen der Schonunger Juden; daneben betrieb man auch in geringem Maße Landwirtschaft. Anfang der 1930er Jahre lebten in Schonungen ca. 20 Juden; ihre Anzahl blieb bis 1938 nahezu konstant.

Trotz des ausgerufenen Boykotts jüdischer Geschäfte kam der Viehhandel mit den Bauern der Umgebung nicht zum Erliegen; auch ‚Mahnungen’ der NSDAP-Kreisleitung Schweinfurt an die Landwirte, den Handel mit Juden einzustellen, wurden zunächst nicht beachtet.

1937 forderte die NSDAP-Ortsgruppe von der Kreisleitung in Schweinfurt, die Synagoge des Dorfes „nützlicheren Zwecken“ zuzuführen.

Während der Novembertage von 1938 wurden Synagoge und jüdische Privathäuser demoliert und teilweise geplündert - angeblich von auswärtigen SA-Angehörigen. In der Folgezeit verließen die nur noch wenigen Juden Schonungens ihr Dorf: einige Familien emigrierten, andere verzogen nach Würzburg; von hier aus wurden sie 1942 deportiert.

In einem Bericht der NSDAP-Ortsgruppe Schonungen vom 24.4.1942 hieß es:

„ ... Endlich haben die letzten Juden Schonungen verlassen. Mit Befriedigung haben wir diese Tatsache festgestellt. Trotzdem gibt es noch Volksgenossen, die ein falsches Mitleid mit dieser Rasse haben. ...”

Sieben jüdische Bewohner Schonungens fielen dem Holocaust zum Opfer.

Das Synagogengebäude und das Gemeindehaus überstanden die Kriegsjahre äußerlich unversehrt; danach diente das Gebäude unterschiedlichen Zwecken, so als Feuerwehrgerätehaus und Garage, nach einem Umbau als Wohnhaus. Eine am Gebäude angebrachte Inschrift erinnert an dessen einstige Nutzung.

Dieses Gebäude, dessen Inneneinrichtung 1938 zerstört wurde,

diente der jüdischen Kultusgemeinde Schonungen als Synagoge.

Zur Erinnerung und zum Andenken an unsere ehemaligen jüdischen Mitbürger.

Gegenüber dem ehemaligen Synagogengebäude in der Bachstraße wurde 2002 ein Gedenkstein errichtet, der eine ältere Gedenktafel aus dem Jahre 1986 ersetzte.

                  Gedenkstein (Aufn. J. Hahn, 2007)  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2097/Schonungen%20Synagoge%20100.jpg

Auf die Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ konnte sich die Gemeindevertretung bislang nicht einigen.

Stattdessen wurde im Jahre 2012 an der Gemeindebibliothek (am alten Rathaus) ein stählernes Denkmal errichtet, das an die deportierten Juden Schonungens erinnern soll. Auf diesem sind namentlich die sechs am 22./25. April 1942 deportierten jüdischen Einwohner aufgeführt, zudem das Ehepaar Rosenberger, das - via Würzburg - nach Theresienstadt verschleppt wurde.

                          Denkmal für die Deportationsopfer (Aufn. Elisabeth Böhrer, 2012)

 

Weitere Informationen:

Ryba, Schonungen - Geschichte eines fränkischen Dorfes, o.O. 1966

B.Ophir/F.Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, München/Wien 1979, S. 396/397

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 118

Schonungen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 194/195

Josef Schäfer (Red.), Stolperstein-Projekt ist gescheitert – in Schonungen wird es keine Gedenksteine geben, in: „Main-Post“ vom 7.5.2010

Livia Rüger (Red.), WÜRZBURG/SCHONUNGEN. Stolpern über Stolpersteine - Die Erinnerungsstücke an Opfer von NS-Deportationen kommen nicht in allen Gemeinden Unterfrankens gut an, in: "Main-Post" vom 14. 5. 2010

Josef Schäfer (Red.), SCHONUNGEN. Gedenktafel statt Stolpersteine. Evangelischer Pfarrer mahnt Verantwortung an, in: Main-Post" vom 21.7.2010

Josef Schäfer (Red.), SCHONUNGEN. Mutige Hebamme stellte sich der SA in den Weg, in: „Main-Post“ vom 6.4.2011

Josef Schäfer (Red.), THEILHEIM/SCHONUNGEN. 'Der Antisemitismus ist nicht tot'. Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag der Deportation jüdischer Einwohner. Mahnmal in Schonungen eingeweiht, in: "Main-Post" vom 22.8. 2012