Schubin (Posen)

   SchubinDie Kleinstadt Schubin - ca. 20 Kilometer südwestlich Brombergs gelegen - wurde 1941/1945 zusammen mit dem Landkreis in ‘Altburgund’ umbenannt. Sie liegt heute in der polnischen Woiwodschaft Poznan und heißt Szubin mit derzeit 24.500 Einwohnern (Ausschnitt aus hist. Landkarte).

In dem unter gräflicher Herrschaft stehenden Ort Schubin - dieser war im Gefolge der 1.Teilung Polens an Preußen gefallen - lebten vermutlich bereits seit Anfang des 18.Jahrhunderts einige jüdische Familien. Als 1795 eine Feuersbrunst die Kleinstadt fast gänzlich zerstörte, verließen die wenigen jüdischen Familien den Ort, um in benachbarten Dörfern vorübergehend Unterschlupf zu finden. Innerhalb der beiden folgenden Jahrzehnte setzte hier eine Zuwanderung von Juden ein; ein Teil von ihnen stammte aus der westpreußischen Stadt Schlochau, wo man sie ausgewiesen hatte. Diese aus Schlochau zugewanderten Juden waren zumeist böhmischer Herkunft, die zuvor aus Prag und anderen Städten vertrieben worden waren; sie verdienten als Handwerker ihren kargen Lebensunterhalt.

Um 1770 bestand in Schubin bereits ein kleines Betlokal; es wurde 1843 durch ein schlichtes Synagogengebäude im Fachwerkstil ersetzt.

Eine jüdische Elementarschule existierte seit 1818 am Ort; wegen ihres guten Rufes sollen zeitweise auch Kinder christlicher Familien die Schule besucht haben. 

Seit Mitte des 18.Jahrhunderts verfügte die kleine jüdische Gemeinschaft in Schubin auch über ein eigenes Friedhofsgelände, das weit vor dem Städtchen lag.

Juden in Schubin:

        --- 1773 ...........................  39 Juden,

    --- 1788 ...........................  28 jüdische Familien,

    --- 1816 ........................... 307 Juden,

    --- 1840 ........................... 411   “  (ca. 18% d. Bevölk.),

    --- 1857 ........................... 525   “  ,*      * incl. zweier Nachbarorte

    --- 1873 ........................... 418   “  (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1885 ........................... 370   “  ,

    --- 1890 ........................... 309   "  ,

    --- 1901 ........................... 200   “  ,

    --- 1910 ........................... 139   “  ,

    --- 1921 ....................... ca. 100   “  ,

    --- 1931 ....................... ca.  30   “  ,

    --- 1939 ...........................  27   “  .

Angaben aus: A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gem. .., S. 963

und                The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 3), S. 1281

SchubinStraßenansicht in Schubin - hist. Postkarte (Abb. aus: europe1900.eu)

Mit mehr als 500 Angehörigen erreichte die Schubiner Judengemeinde gegen Mitte des 19.Jahrhunderts Ihren zahlenmäßigen Zenit.

Die bessere Bildung, die mit der zunehmenden Emanzipation einherging, führte vor allem die jüngere Generation an die deutsche Kultur heran. So verließen in den letzten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts zahlreiche jüdische Bewohner Schubin, um sich in größeren deutschen Städten niederzulassen und hier ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Als letzter Rabbiner in Schubin amtierte bis 1921 Louis Schmuhl. Ein Jahr später schloss die jüdische Schule ihre Pforten.

Zu Beginn der 1930er Jahre gab es in Schubin nur noch eine „Restgemeinde“, da die meisten Familien Anfang der 1920er Jahre die Stadt in Richtung Deutschland verlassen hatten. Ende 1939 wurden die etwa 25 Juden, die noch in Schubin lebten, ins „Generalgouvernement“ verschleppt.

Das 1843 erbaute Synagogengebäude wurde während des Zweiten Weltkrieges zerstört.

Vom ehemaligen jüdischen Friedhof sind nur noch spärliche Grabsteinrelikte vorhanden.

nagrobek na cmentarzu żydowskim w Szubinie nagrobek na cmentarzu żydowskim w Szubinie

Im Rahmen der Aktion „Schubin erinnert sich“ wurde im Jahre 2011 auf dem jüdischen Friedhofsareal ein Mahnmal enthüllt, in dem hier aufgefundene Grabsteinrelikte eingefügt sind.

Pomnik na cmentarzu żydowskim w Szubinie  jüdischer Friedhof Szubin (alle Aufn. Aleksander Schwarz, aus: kirkuty.xip.pl)

In Schubin wurde 1828 Moses Mielziner als Sohn eines Rabbiners geboren; über Kopenhagen - hier war er von 1857 bis 1865 Leiter der Religionsschule - kam er schließlich in USA, wo er eine Rabbinerstelle in einer Gemeinde New Yorks erhielt. Bis zu seinem Tode (1903) unterrichtete er am „Hebrew Union College“ in Cincinatti und hatte die letzten Jahre auch die Präsidentschaft dieser Institution inne.

 

Etwa 15 Kilometer südöstlich Schubins bzw. ca. 25 Kilometer südlich Brombergs bestand im Dorfe Labischin/Netze (poln. Labiszyn) eine zeitweilig relativ große jüdische Gemeinde. Erste Erwähnung jüdischer Ansässigkeit datiert aus der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts. Im folgenden Jahrhundert bestand hier vermutlich schon ein organisiertes Gemeindewesen mit Bethaus und eigenem Friedhof. Während des Schwedisch-Polnischen Krieges hatte die jüdische wie nicht-jüdische Bevölkerung schwer zu leiden; viele Dorfbewohner kamen ums Leben. Eine um 1710 grassierende Seuche führte dazu, dass jüdische Familien abwanderten. Erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts war die Zahl der in Labischin lebenden Juden so groß, dass man wieder ein Gemeindewesen etablieren konnte. Ein neues Beerdigungsareal wurde um 1800 angelegt; der Bau einer neuen Synagoge datiert in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten auch eine Elementarschule und ein Schlachthaus.

Juden in Labischin:

    --- 1664 .........................  32 jüdische Familien,

    --- 1808 ......................... 521 Juden (ca. 55% d. Bevölk.),

    --- 1849 ......................... 738   “   (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1885 ......................... 501   “   (ca. 20% d. Bevölk.),

    --- 1895 ......................... 376   “  ,

    --- 1910 ......................... 185   “  ,

    --- 1922 ..................... ca.  40   “  ,

    --- 1930 .........................  10   “  .

Angaben aus: Labiszyn, in: sztetl.org.pl

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zeichnete sich bereits ein steter Rückgang der jüdischen Ortsbevölkerung in Folge Abwanderung ab. Nach Ende des Ersten Weltkrieges und der damit verbundenen Gründung des neuen polnischen Staates verließen dann die meisten noch hier verbliebenen jüdischen Bewohner den Ort in Richtung Deutschland; seitdem wurde die Synagoge nur noch an Festtagen genutzt. Offiziell wurde die Gemeinde Anfang der 1930er Jahre aufgelöst. - Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Synagogengebäude zerstört.

In den Jahren 1940-45 hieß der Ort offiziell „Lüderitz“.

Aus steinernen Relikten des ehemaligen Synagogengebäudes wurde auf dem jüdischen Friedhof ein Mahnmal erstellt, das an die jüdische Ortsbevölkerung erinnern soll. 

vgl. dazu: Labischin (Posen)

 

In Bartschen, auch Bartschin (poln. Barcin, derzeit ca. 7.500 Einw.) – etwa 25 Kilometer südöstlich von Schubin – gab es seit der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde, deren Angehörige als Händler und Handwerker ihr Brot verdienten. Um 1800 setzte sich die Kehilla aus ca. 60 Personen zusammen. Zu den gemeindlichen Einrichtungen – offiziell erfolgte die Gemeindegründung im Jahre 1834 - gehörten ein Friedhof (um 1780 angelegt) und eine in den 1830er Jahren erstellte Synagoge; auch eine kleine Religionsschule war vorhanden. Zur jüdischen Gemeinde Bartschen gehörten auch Bewohner umliegender Dörfer.

Juden in Bartschen:

    --- 1788 .........................  12 jüdische Familien,

    --- 1812 .........................  40 Juden,

    --- 1849 ......................... 131   “   (ca. 21% d. Bevölk.),

    --- 1858 ......................... 150   “  ,

    --- 1880 ......................... 137   “   (ca. 15% d. Bevölk.),

    --- 1895 ......................... 100   “  ,

    --- 1910 .........................  65   “  ,

    --- 1923 ..................... ca.  20   “  ,

    --- 1933 .........................   5   “  .

Angaben aus: Barcin, in: sztetl.org.pl

In der Zeit des Ersten Weltkrieges zeichnete sich bereits das Ende der jüdischen Gemeinde ab. Deren bescheidener Nachlass ging nach Auflösung der Gemeinde (1932) in den Besitz der Schubiner Judenschaft über; die liturgischen Geräte waren bereits Jahre zuvor veräußert worden, um die Verschuldung der Gemeinde abzubauen. - Die letzten jüdischen Bewohner haben 1939 den Ort verlassen. Während der Kriegsjahre wurde das Synagogengebäude teilzerstört, später dann wieder für eine Nutzung als Kindergarten hergerichtet.

Auf dem ca. 2.800 m² großen jüdischen Friedhofsgelände sind heute keine Grabsteine mehr vorhanden, da diese während der Kriegsjahre zerstört bzw. abgeräumt wurden. Heute erinnert auf dem Areal nur noch ein Gedenkstein an die Begräbnisstätte.

Friedhofsgelände Barcin (Aufn. Wurkut, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

Etwa 20 Kilometer südlich von Schubin liegt die Ortschaft Znin (poln. Znin), in der bereits im beginnenden 15.Jahrhundert jüdische Ansässigkeit vorhanden war; diese endete mit der Vertreibung im Jahre 1449. - Erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts setzte erneut jüdische Siedlungstätigkeit ein; 1825 erfolgte die Gründung einer Gemeinde; etwa zehn Jahre später erstellte sie ihre Statuten.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten ein aus ihren Anfängen stammender Friedhof, der in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts durch ein neues Areal ersetzt wurde, und eine Synagoge in der Poststraße.

 Synagoge in Znin (hist. Postkarte um 1900)

Eine Religionsschule bestand in der Mitte des 19.Jahrhunderts, als die Zahl der jüdischen Familien enorm angewachsen war.

Juden in Znin:

    --- 1808 ......................... keine Juden,

    --- 1842 .........................   295  “   (ca. 17% d. Bevölk.),

    --- 1857 .........................   357  “   (in 72 Familien),

    --- 1885 .........................   314  “   (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1895 .........................   309  “   (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1905 .........................   241  “  ,

    --- 1910 ..................... ca.   227  “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1921 .........................   134  “  ,

    --- 1923 .........................    29  “  ,

--- 1931 .........................    25  “  .

Angaben aus: Znin, in: sztetl.org.pl

Mit dem Anschluss Posens an den neugegründeten polnischen Staat verließ fast die gesamte jüdische Bevölkerung die Kleinstadt, um sich in Deutschland eine neue Lebensgrundlage zu suchen. Die Gemeinde löste sich alsbald ganz auf; die wenigen noch verbliebenen Juden wurden der Gemeinde von Gnesen angeschlossen. Bei Kriegsausbruch lebten nur noch zehn Personen jüdischen Glaubens in Znin. Zusammen mit anderen Glaubensgenossen der Region wurden sie einige Monate später ins "Generalgouvernement" deportiert. 

vgl. dazu: Znin (Posen)

 

Im kleinen Dorfe Janowitz (poln. Janowiec Wielkopolski) – südwestlich von Znin gelegen – gab es eine relativ große jüdische Gemeinde; gegen Mitte des 19.Jahrhunderts bestand diese aus mehr als 250 Personen und stellte damit knapp die Hälfte der Dorfbevölkerung. Erste Niederlassungen jüdischer Familien reichen bis in die zweite Hälfte des 18.Jahrhunderts zurück. Als erste gemeindliche Einrichtung wurde um 1790 ein Friedhof angelegt, 50 Jahre später nach dessen Belegung ein neues Grundstück gefunden. Eine um 1810 errichtete Synagoge konnte nach sechs Jahrzehnten durch eine neue ersetzt werden, nachdem eine Kollekte bei den jüdischen Gemeinden Posens erfolgreich gewesen war und damit eine Finanzierung des Gebäudes gesichert hatte.

Juden in Janowitz:

    --- 1800 ........................  44 Juden,

    --- 1833 ........................ 121   “   (ca. 29% d. Bevölk.),

    --- 1849 ........................ 253   “   (ca. 42% d. Bevölk.)

    --- 1857 ........................ 263   “   ,

    --- 1871 ........................ 189   “   (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1885 ........................ 218   “   (ca. 27% d. Bevölk.),

    --- 1895 ........................ 203   “   ,

    --- 1905 ........................ 139   “   ,

    --- 1910 ........................ 131   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1921 ........................  90   “   ,

    --- 1931 ........................  47   “   ,

--- 1939 .................... ca.  60   “   .

Angaben aus: Janowiec Wielkopolski, in: sztetl.org.pl

Während der Revolutionswirren von 1848 waren Juden aus Janowitz von polnischen Aufständischen vertrieben worden; nach ihrer Rückkehr ins Dorf nahmen sie mehr eine deutsch-geprägte preußische Position ein, die ihnen gewissen Schutz garantierte. So war es nicht verwunderlich, dass nach 1850 das Deutschtum in der jüdischen Bevölkerung von Janowitz sich verfestigte. Die Zeit um die Jahrhundertwende und danach war von Abwanderung in Großstädte Deutschlands gekennzeichnet. Eine weitere Zäsur für die schon kleiner gewordene Judenschaft brachte der Anschluss an Polen mit der Abwanderung weiterer Menschen. Doch zu einer völligen Auflösung der Gemeinde kam es in Janowitz nicht; wegen ihrer geringen Mitgliederzahl wurde sie nun als Filialgemeinde der Gemeinde Gnesen unterstellt. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten im Dorf ca. 65 Menschen mosaischen Glaubens. 

vgl. dazu: Janowitz (Posen)

 

Weitere Informationen:

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909, S. 958 - 964

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 3), New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 2, S. 697/698 (Labischin) und ´Vol. 3, S. 1281 (Schubin)

obig aufgeführte Gemeinden Posens, in: sztetl.org.pl

Szubin, in: kirkuty.xip.pl