Sendenhorst (Nordrhein-Westfalen)

Das Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben für den Regierungsbezirk Münster  | KSL.Münster Datei:Sendenhorst in WAF.svg Sendenhorst mit derzeit ca. 13.000 Einwohnern ist eine Kleinstadt im münsterländischen Kreis Warendorf - etwa 15 Kilometer südöstlich von Münster gelegen (aktuelle Kartenskizze Reg.bez. Münster, Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben (KSL), aus: ksl-muenster.de  und  Kartenskizze TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Seit der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts lebten nachweislich Juden in Sendenhorst; namentlich sind die drei jüdischen Familien Alexander Abraham, Lazarus Jacob und Samuel Lazarus bekannt, die Anfang der 1760er Jahre hier ansässig waren (laut Steuerbuch). Die Zahl der jüdischen Familien blieb zunächst aber gering; erst im ausgehenden 18. und beginnenden 19.Jahrhundert war eine deutliche Zunahme zu verzeichnen. Die Familien lebten als "Handelsmänner" von kleinen Geschäften, die kaum zu Wohlstand führten. Aus einer Beurteilung des hiesigen Bürgermeisters von 1816: „ ... Die Juden leben schlecht, und sind nicht weniger als üppig in der Kleidung, und durch ihr karges Leben haben sie sich Haus und Garten erworben ... Übrigens halten sie noch immer an ihrem Handel mit Ellen und kurze Waren, halten aber viel darauf, daß die Jugend gut gebildet werde und schicken dieselbe daher nach die christlichen Schulen zum Privatunterricht. ...”  Erst im Laufe des 19.Jahrhunderts besserte sich deren ökonomische Situation deutlich: Vieh- und Produktenhandel sowie der Vertrieb von Eisen- und Manufakturwaren waren nun bestimmend. Die im Ort wohlhabendste Familie war die des Kaufmanns Salomon Alsberg; er unterhielt geschäftliche Beziehungen, die weit über die Region hinausgingen. Seinen beiden Söhnen ermöglichte er, 1870 in Bielefeld ein großes Manufakturgeschäft zu eröffnen; danach entstanden Warenhäuser in mehreren westdeutschen Großstädten.

Seit 1800 existierte am Ort ein Synagogenraum, der bis etwa 1840 auch von den Enniger Juden aufgesucht wurde. Ob es sich bei diesem um das spätere Synagogengebäude „Am Schlabberpohl“ handelte, ist nicht sicher. Das jüdische Gotteshaus in Sendenhorst wurde bis kurz nach 1900 benutzt; danach lebten keine Juden mehr in der Kleinstadt. Zwischen 1838 und 1874 bestand in Sendenhorst auch eine jüdische Schule.

Der Lehrer wurde eine Zeitlang von den Eltern der schulpflichtigen Kinder bezahlt; danach kam die gesamte Gemeinde für dessen Bezahlung auf. Besonders in den letzten beiden Jahrzehnten des Bestehens der Schule war ein häufiger Lehrerwechsel zu verzeichnen. Als dann der kleinen jüdischen Gemeinschaft die Finanzmittel zur Bezahlung des Lehrers fehlten, musste der Unterricht eingestellt werden. Fortan suchten die jüdischen Kinder die katholische Ortsschule auf.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörte auch ein kleines Friedhofsgelände am „Wibbsenwall“, an der heutigen Ostpromenade, das seit etwa 1780 in Pacht genommen war. Der Umgang der christlichen Ortsbewohner mit dem jüdischen Begräbnisfeld muss zuweilen wenig pietätvoll gewesen sein. Wie aus einer Anzeige dreier jüdischer Gemeindeangehöriger (vermerkt in einem Protokoll von 1809) hervorgeht, wurden von ihrem am Stadtgraben gelegenen Friedhof „fuderweise die Erde weggefahren und dergestalt Löcher gegraben wurden, daß die Knochen der bereits Beerdigten wieder zum Vorschein kommen“; zudem fänden sich im Stadtgraben „einige Bretter von den Särgen der Beerdigten“.

Dieses Beerdigungsareal wurde bis zur Auflösung der Gemeinde um 1900 genutzt.

Zeichnung Heinz Becker (aus: heimatverein-sendenhorst de)

Die kleine jüdische Gemeinschaft in Sendenhorst bildete von 1856 bis 1889 gemeinsam mit der Judenschaft von Enniger eine eigene Synagogengemeinde; danach gehörten die Sendenhorster Juden der Kultusgemeinde Drensteinfurt bzw. Ahlen an.

Juden in Sendenhorst:

         --- um 1765 .......................   3 jüdische Familien,

    --- 1775 ..........................   6     “        “   ,

    --- 1803 ..........................  34 Juden,

    --- 1816 ..........................  43   “  ,

    --- 1834 ..........................  58   “  ,

    --- 1840 ..........................   6 jüdische Haushaltungen,

    --- 1846 ..........................  73 Juden,

    --- 1858 ..........................  56   “  ,

    --- 1900 ..........................  eine jüdische Familie,

    --- 1912 ..........................  keine.

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bezirk Münster, S. 480

Während der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts war es wiederholt zu Übergriffen gegen jüdische Familien im Ort gekommen; der kleinstädtische Pöbel warf Fensterscheiben ein und stürmte Häuser jüdischer Familien. Nächtliche Patrouillen mussten zeitweise in der Folgezeit das Eigentum der Juden schützen. Anfang der 1890er Jahre eskalierten die Auseinandersetzungen zwischen christlicher Bevölkerungsmehrheit und jüdischer -minderheit. Mit hoher Beteiligung der Bevölkerung wurde jegliche wirtschaftliche Tätigkeit der Sendenhorster Juden boykottiert; so waren sie gezwungen, anderswo ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Innerhalb weniger Jahre hatten fast alle jüdischen Bewohner das Dorf verlassen; die letzte Familie (Fam. Löwenstein) kehrte ihrem Heimatdorf wenige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges den Rücken und wanderte in die USA aus.

Der am Hang des alten Stadtwalls befindliche jüdische Friedhof mit seinen ca. 20 Grabsteinen blieb während der NS-Zeit fast unversehrt. Seit 1994 ist dieser in die Denkmalliste der Stadt eingetragen.

Grabsteine auf dem Friedhof 

Jüdischer Friedhof (links: Aufn. aus: opencaching.de  -  rechts: Aufn. Bublath, 2017, aus: wikipedia.org., CC BY-SA 4.0)

Am einstigen Standort der Sendenhorster Synagoge erinnert heute eine schlanke, hohe Stele daran, dass bis etwa 1915 im Ort eine kleine jüdische Gemeinschaft gelebt hat. Unter einem Davidstern und einer stilisierten Menora ist folgende Inschrift zu lesen:

Hier ist heiliger Boden,

denn an dieser Stelle stand von 1809 bis 1904 die Synagoge der jüdischen Gemeinde Sendenhorst.

Vom Ende des 17.Jahrhunderts bis 1914 lebten jüdische Familien in unserer Stadt.

Sie trugen wirksam zur Entwicklung und Entfaltung des Gemeinwesens bei.

Wir gedenken ihrer mit Achtung.

[vgl. Enniger (Nordrhein-Westfalen)]

 

 

Weitere Informationen:

August Stefflage, Ein alter Judenfriedhof auf dem Stadtwall, in: "Heimatkalender Kreis Beckum 1966", S. 29 f.

Detlef Jotzeit, Erinnerung an jüdische Mitbürger, in: "Die Glocke" vom 21.4.1990

Diethard Aschoff, Zur älteren Geschichte der Juden im späteren Synagogenbezirk Drensteinfurt-Sendenhorst, in: "Heimatblätter der Glocke", 4.Folge, Nov. 1992, S. 339 ff.

Heinrich Petzmeyer, Die jüdische Gemeinde bis zum Anfang des 19.Jahrhunderts, in: H. Petzmeyer, Sendenhorst - Geschichte einer Kleinstadt im Münsterland, Hrg. Stadt Sendenhorst 1993, S. 278 - 291

Heinrich Petzmeyer, Der jüdische Friedhof in der NS-Zeit, in: H. Petzmeyer, Sendenhorst - Geschichte einer Kleinstadt im Münsterland, Hrg. Stadt Sendenhorst 1993, S. 574 - 577

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Regierungsbezirk Münster, J.P.Bachem Verlag, Köln 2002, S. 480 – 483

Jürgen Gojny, Die Familie Alsberg, in: "Spuren. Beiträge zur Familienforschung", Band 4, Heft 7/2004, S. 129 - 134

Alfred Smieszchala, Grabsteine auf dem Sendenhorster „Judenfriedhof“, in: "Spuren. Beiträge zur Familienforschung", Band 4, 18.Jg., Heft 7/2004

Jürgen Gojny (Bearb.), Sendenhorst, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV, Ardey-Verlag, München 2008, S. 631 – 641

Heimatverein Sendenhorst (Hrg.), Juden in Sendenhorst, online abrufbar unter: heimatverein-sendenhorst.de

Josef Thesing (Red.), Jüdischer Friedhof prägt Denkmaltag. Wunderbarer Ort der Ruhe, in: „Westfälische Nachrichten“ vom 24.4.2016

Josef Thesing (Red.), Erinnerung an die jüdische Gemeinde in Sendenhorst – Ihr Leben war kein Zuckerschlecken, in: „Westfälische Nachrichten“ vom 2.12.2021