Sierenz (Elsass)

Kreis Altkirch.png Der oberelsässische Ort Sierenz mit derzeit knapp 4.000 Einwohnern - südöstlich von Mülhausen/Mulhouse unweit zur deutschen Grenze gelegen - ist das frz. Sierentz (Ausschnitt aus hist. Landkarte).

Die Wurzeln einer israelitischen Gemeinde in Sierenz reichen bis in die Zeit unmittelbar nach Ende des Dreißigjährigen Krieges zurück.

Die etwa 200 Angehörige zählende jüdische Gemeinde errichtete in den 1750er Jahren eine Synagoge, die fast 150 Jahre genutzt wurde. 1901 wurde diese durch einen Neubau ersetzt.

Die Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. August 1901 berichtete über die Einweihung wie folgt:

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20263/Sierenz%20Israelit%2008081901s.jpg           

rechts: Synagoge in Sierenz (Ausschnitt aus hist. Bildpostkarte)

In den 1870er Jahren war es vorübergehend zu einer Spaltung der Gemeinde gekommen; dazu hieß es in einem Artikel im „Der Israelit“ vom 26.Juli 1876:

Uffheim (Elsass), 13. Juli (1876). In Ihrem geschätzten Blatte war schön öfters die Rede von Trennungen, welche aus religiösen Gründen in einigen jüdischen Gemeinden Deutschlands stattgefunden. Uns elsäßischen Juden schien dieses etwas ganz Unbegreifliches. Doch jetzt ist zu unserem allgemeinen Erstaunen dergleichen in unserer Nähe zustande gekommen. In dem benachbarten Sierenz ist nämlich schon seit einigen Wochen in der Gemeinde Zwietracht ausgebrochen; zwar nicht aus religiösen Gründen, denn keine der beiden Parteien verlangt Reformen, als 3jährigen Cyklus bei Vorlesung der Tora, deutsche Gebeteinführung oder dergleichen. Hier handelt es sich um nichts anderes als um materielle persönliche Beweggründe, um eine nicht zu entschuldigende Rechthaberei. Dieser Tage nun hat die eine Partei die Synagoge verlassen und hat sich ein besonderes Bethaus errichtet, während die andere fortfährt, in der Synagoge ihre Andacht zu verrichten. Bereits haben gegenseitige Denunciationen bei den juristischen Behörden als auch bei dem Consistorium ihre Wirkung gethan, jedoch nur in dem Sinne, daß es bei den ersteren Geld gekostet, welches zu etwas Besserem hätte verwendet werden können und daß sie bei dem letzteren, daß es an Ermahnungen zur Eintracht nicht fehlen ließ, zu keinem Resultat führten. Wohin also diese scandalöse Geschichte noch führen wird, ist unmöglich jetzt vorauszusehen. Zu wünschen wäre, dass beide Parteien jede ihr eigenes Unrecht, nicht das der Gegenpartei einsehen möchten. Mögen sie bedenken, dass auf Grund des sinnlosen Hasses der zweite Tempel zerstört wurde, wodurch leider diese unabsehbar lange Diasporazeit entstand. Möge jeder ernst stark werden, da würden sie beiderseits zur Einsicht gelangen dass: Friede ernährt, Unfriede verzehrt.

Im 18.Jahrhundert war Sierenz Standort einer Talmud-Schule gewesen; im 19.Jahrhundert gab es im Ort eine jüdische Privatschule.

Zur Besorgung religiös-ritueller Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt. Bis wenige Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges war Sierenz Sitz eines Rabbiners. Als einer der lange Jahre amtierenden Rabbiner ist Marcel Meyer Nathan Hirsch zu nennen, der hier in der Zeit von 1849 bis zu seinem Tode (1889) tätig war. Der letzte amtierende Rabbiner in Sierenz war Henri Levy (1900 bis 1909).

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem israelitischen Friedhof in Hegenheim beerdigt.

Bis 1909 war Sierenz Sitz eines Rabbinats; danach wurde dieser nach Dornach verlegt.

Juden in Sierenz:

        --- 1689 .........................   3 jüdische Familien,

    --- 1716 .........................  10     “       “    ,

    --- 1766 .........................  41     “       “    ,

    --- 1784 ......................... 217 Juden (in 43 Familien),

    --- 1808 ......................... 256   “  ,

    --- 1849 ......................... 312   “  ,

    --- 1861 ......................... 248   “  ,

    --- 1900 .........................  95   “  ,

    --- 1936 .........................  33   “  .

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, S.47

Von den revolutionären Unruhen 1789 war auch die Judenschaft in Sierenz betroffen; Bauern aus der Region plünderten Häuser und Lagerräume der jüdischen Besitzer und versetzten diese in Angst und Schrecken.

http://www.pays-de-sierentz.com/jpg/Pho_sier1.jpg Sierenz (hist. Postkarte, um 1900, aus: pays-de-sierentz.com)

Ende des 19.Jahrhunderts wanderten verstärkt Juden aus Sierenz ab; bald fiel die Gemeinde in Bedeutungslosigkeit. Im Jahre 1940 wurde die Gemeinde aufgelöst.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem sind neun gebürtige Sierenzer Juden dem Holocaust zum Opfer gefallen (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe. alemannia-judaica.de/sierentz_synagogue.htm).

Das durch Kriegseinwirkung teilweise zerstörte Synagogengebäude wurde in den 1960er Jahren abgerissen.

 

Weitere Informationen:

Yves Bisch, Das jüdische Sierentz im 19.Jahrhundert (Aufsatz in franz. Sprache), online abhrufbar unter: judaisme.sdv.fr

Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, Jerusalem 1992, S. 180

Sierentz, in: alemannia-judaica.de