Sugenheim (Mittelfranken/Bayern)

Karte Seit der Gebietsreform 1974 gehört der derzeit ca. 2.300 Einwohner zählende Markt Sugenheim zur Verwaltungsgemeinschaft Scheinfeld im Kreis Neustadt a.d.Aisch/Bad Windsheim – ca. 40 Kilometer südöstlich von Würzburg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Mit der Aufnahme der aus Städten vertriebenen Juden in die Territorien der fränkischen Reichsritterschaft begann vermutlich ab den 1570er Jahren auch in Sugenheim, einem kleinen Ort am Südrand des Steigerwaldes, jüdische Ansässigkeit; der erste Jude in Sugenheim wird 1611 urkundlich erwähnt. Aufgenommen wurden die jüdischen Familien von den Freiherren von Seckendorff. Die im Ritterkanton Steigerwald ansässigen Juden waren mehrheitlich arm und konnten kaum ihr Schutzgeld aufbringen; so hieß es in einem 1723/1724 verfassten Bericht, dass die „Juden in der Mehrzahl Bettler und bloße Beständner [seien], deren Zustand also beschaffen ist, daß sie kaum das den Herrschaften zu praestieren habende wenige Schutzgeld abzutragen imstande sind, und, um sich dessen zu entladen, öfters ohne Abschied sich wegbegeben und im Lande herumvagieren”. Anfänglich erhielten die jüdischen Familien ihre Wohnsitze in der „Judengasse“, der heutigen Schlossstraße, zugewiesen; erst im Laufe der Zeit verlagerte sich ihr Hauptwohngebiet in die Hauptstraße. Arbeiteten sie zunächst vornehmlich im Hausierergewerbe, so bildeten später der Vieh- und der Weinhandel die ökonomischen Lebensgrundlagen der jüdischen Bewohner. Bis Mitte des 18.Jahrhunderts besuchten die Sugenheimer Juden die Synagoge im nahen Ullstadt; mit dem Zustandekommen eines Minjan richteten dann die jüdischen Familien - mit Erlaubnis der Dorfherrschaft - in einem ihrer Häuser einen kleinen Betraum ein. Später überließen die Freiherren von Seckendorff der größer gewordenen Gemeinde pachtweise einen Bauplatz in der Judengasse (heutige Schlossstraße), auf dem das neue Synagogengebäude errichtet und im Sommer 1756 eingeweiht wurde. Aus dem gleichen Jahre stammte eine von den Freiherren von Seckendorff erlassene „Judenordnung“, die detailliert das religiöse und soziale Gemeindeleben regelte. Dieses sog. Kahlsbuch besaß bis ins 19.Jahrhundert Gültigkeit; es wurde einmal jährlich in der Synagoge allen Gemeindeangehörigen in Erinnerung gebracht.

Neben der Synagoge und einer Mikwe existierte am Ort auch eine 1798 erstmals erwähnte jüdische Elementar- und Religionsschule; diese gemeindlichen Einrichtungen wurden auch von den Juden aus dem benachbarten Ullstadt mitgenutzt. Der Unterrichtsbetrieb der jüdischen Elementarschule wurde Mitte der 1920er Jahre eingestellt.

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem jüdischen Friedhof in der Ullstädter Flur begraben. Dieser Friedhof - zu Beginn des 17. Jahrhunderts angelegt – war die zentrale Begräbnisstätte mehrerer umliegender Gemeinden, so u.a. Burgambach, Burghaslach, Diespeck, Dottenheim, Kaubenheim, Neustadt a.d.Aisch (bis 1811), Pahres, Scheinfeld, Schnodsenbach, Schornweisach und Sugenheim - und zwar so lange, bis ein Teil dieser Gemeinden eigene Friedhöfe angelegt hatte. Der älteste vorhandene Grabstein datiert aus dem Jahre 1627. Seit einer wesentlichen Vergrößerung in den 1830er Jahren umfasste das Ullstädter Begräbnisgelände eine Fläche von mehr als 6.000 m². Den Friedhof umgab von drei Seiten eine 1,20 Meter hohen Natursteinmauer,

Ab 1826 gehörte Sugenheim zum Distriktsrabbinat Ansbach; ab Ende der 1830er Jahre wurde die Gemeinde dem neugeschaffenen Bezirksrabbinat Welbhausen (später Uffenheim) angeschlossen. Nach dessen Auflösung (1880) gehörte die Sugenheimer Judenschaft zum Fürther Distriktsrabbinat.

Juden in Sugenheim:

         --- um 1720 ......................   4 jüdische Familien,

    --- um 1755 ......................  12     “       “    ,

    --- 1792 .........................  22     “       “    ,

    --- 1808 ......................... 121 Juden (in 29 Haushalten),

    --- 1815 ......................... 159   “   (ca. 22% d. Bevölk.),

    --- 1841 ......................... 160   “   (in ca. 40 Familien),

    --- 1856 ......................... 144   “  ,

    --- 1875 ......................... 132   “  ,

    --- 1892 ..................... ca.  90   “  ,

    --- 1910 .........................  72   “  ,

    --- 1925 .........................  56   “  ,

    --- 1933 .........................  42   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1937 .........................  18   “  ,

    --- 1939 (Febr.) .................  keine.

Angaben aus: Karl Ernst Stimpfig, Die Juden in Sugenheim und Ullstadt. Eine Dokumentation, S. 99/100

Um 1840 erreichte die Zahl der in Sugenheim lebenden Juden mit 160 Personen ihren Höchststand. Nach der Abschaffung des bayrischen Matrikelparagraphen 1861 setzte die Abwanderung von Juden aus Sugenheim ein; innerhalb weniger Jahrzehnte verließen mehr als 50 Prozent der hiesigen jüdischen Einwohnerschaft den Ort. 1925 beschrieb der Pfarrer Schultheiß die Gesellschaft von Sugenheim folgendermaßen: ... ist eine verhältnis starke Judengemeinde, die ... auch auf die hiesige Christengemeinde ‘abgefärbt’ [hat], und zwar nicht bloß nach ihrer semitischen Rasse, sondern auch nach ihrer Moral und Ethik. Denn es ist auffallend, wie die Bevölkerung von Sugenheim sich von der Umgebung nach ihrer ganzen Art sich zu geben unterscheidet. Der Sugenheimer hält sich von vornherein für sehr gescheit und schaut deshalb etwas geringschätzig herunter auf die umliegenden Ortschaften. Darum ist er auch sehr langsam und vorsichtig mit Neueinrichtungen, er überläßt darin gern den Anderen den Vortritt, damit er sich selber etwaige schlimme Erfahrungen erspare. Und das ist eben jüdische Art, andere vorzuschicken und sich selber zurückzuhalten. ... Auch Sugenheim ist stark beeinflußt von diesem jüdischen Geist ...

Bereits Mitte der 1920er Jahre erreichte die NS-Bewegung auch Sugenheim und führte hier zu ersten gewalttätigen Ausschreitungen. In den Jahren nach 1933 verließ mehr als die Hälfte der jüdischen Minderheit ihren Heimatort und suchte ihr Heil zumeist in der Emigration.

Anm.: 1936 wurde die jüdische Gemeinde Ullstadt aufgelöst und die dort noch lebenden jüdischen Einwohner der Gemeinde Sugenheim angegliedert.

1938 war das Ende der jüdischen Kultusgemeinde in Sugenheim besiegelt. Beim Pogrom im November wurden Inneneinrichtung von Synagoge und Schule zerstört bzw. geplündert, die Gebäude selbst blieben erhalten; diese wurden von einem Nachbarn gekauft, der es zu Stallungen, später dann zu einem Wohnhaus umwandelte. Über den Verbleib der aus der Synagoge entwendeten Ritualien ist nicht bekannt; sie sind „verschwunden“. Dies gilt auch für die zwei Jahre zuvor aus Ullstadt hierher ausgelagerten Ritualgegenstände. Die während der Novembertage 1938 vorübergehend festgenommenen jüdischen Bewohner wurden veranlasst, ihren Besitz umgehend zu verkaufen und den Ort zu verlassen.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ sind insgesamt 39 gebürtige bzw. längere Zeit in Sugenheim ansässig gewesene jüdische Bürger Opfer der „Endlösung“ geworden (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/sugenheim_synagoge.htm).

 

Das ehemalige Synagogengebäude überstand die Zeit des Nationalsozialismus und wird nach Umbauten bis auf den heutigen Tag als Wohnhaus genutzt.

Der jüdische Friedhof in der Ullstädter Flur hat ebenfalls die NS-Zeit unbeschadet überstanden. Heute weist das Gelände, auf dem noch bis in die 1930er Jahre Begräbnisse stattgefunden haben, mehr als 560 Grabsteine auf. Auch ein relativ großes Taharahaus ist bis heute erhalten.

           

Älterer Teil des Friedhofs und Taharahaus (beide Aufn. Jan Eric Loebe, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

In Krautostheim - heute ein Ortsteil von Sugenheim, bestand im 18. und 19.Jahrhundert vermutlich auch eine kleine jüdische Gemeinschaft.

 

[vgl. Ullstadt (Bayern)]

 

Weitere Informationen:

Max Freudenthal, Die Verfassungsurkunde einer reichsritterschaftlichen Judenschaft. Das Kahlsbuch von Sugenheim, in: "Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland", Berlin No. 1/1929, S. 44 - 68

Hartmut Heller, Jüdische Landgemeinden im 18./19.Jahrhundert. Ansiedlung, Erwerbsleben, Mobilität, in: "‘frankenland’ Zeitschrift für fränkische Landeskunde und Kultuspflege", Sondernummer, Würzburg 1978, S.11

Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, München/Wien 1979, S. 229/230

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 194

Italo Bacigalupo, “... Judt von Sugenheim” - Bilder aus der Frühzeit der multikulturellen Gesellschaft, in: “Der Steigerwald”, No. 1/1993, S. 49 - 64

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Ullstadt-Sugenheim, in: "Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern", 10.Jg., No. 68/1995, S. 15 f.

Thea Ruth Skyte, The Jewish Community in Sugenheim, Leeds, o.J. (Internetseite)

Karl Ernst Stimpfig, Die Juden in Sugenheim und Ullstadt. Eine Dokumentation, Hrg. Gemeindeverwaltung Sugenheim 2001, S. 31 – 220

Sugenheim, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

B. Eberhardt/C. Berger-Dittscheid, Sugenheim, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 2, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2010, S. 632 – 638

Michael Schneeberger, "In the cosy corner of Franconia" - Die Geschichte der Juden von Sugenheim, in: Jüdische Landgemeinden in Bayern (36) - Jüdisches Leben in Bayern, Mitteilungsblatt des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern No. 124/2014, S. 29 - 34