Sulingen (Niedersachsen)

Datei:Sulingen in DH.svg Sulingen (Landkreis Diepholz) ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 13.000 Einwohnern – ca. 50 Kilometer südlich von Bremen gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erstmals wird die Existenz eines Schutzjuden in Sulingen 1753 erwähnt; drei Jahrzehnte später lebten hier weitere zwei jüdische Familien. Die Zunahme der jüdischen Bevölkerung in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts lief nicht ohne Konflikte ab; denn der Magistrat versuchte wiederholt, eine Zuwanderung von Juden zu unterbinden. Als dies nicht gelang, wurden diverse Handelsbeschränkungen für jüdische Händler in Kraft gesetzt; so war z.B. der Ellenwaren-Handel nur dann erlaubt, wenn er nicht auf ambulante Art betrieben wurde. In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts verdienten die Sulinger Juden ihren Lebensunterhalt als Kaufleute und Händler, aber auch als Handwerker. Ausschließlich in jüdischen Händen war in Sulingen das Schlachtergewerbe.

Zu gottesdienstlichen Treffen versammelten sich die Juden Sulingens anfänglich in einem Betraum im Privathaus des Kaufmanns Bendix Falk in der Langen Straße, der damals Vorsteher der Synagogengemeinde Sulingen war. Ab 1841 nutzten sie ein angekauftes kleines Hinterhaus in der Kampstraße, in dem sich neben einer Betstube auch Schulraum und Wohnung des jüdischen Lehrers befanden. Ein angestellter Lehrer erteilte seit den 1830er Jahren den jüdischen Kindern in Sulingen Unterricht in Religion; gleichzeitig übte er auch das Amt eines Vorbeters und Schächters aus. Kennzeichnend für die kleine Religionsschule war der häufige Lehrerwechsel und die mehrjährige Vakanz der Stelle. Als die Kinder ab den 1860er Jahren auch Elementarunterricht erhielten, änderte das an der misslichen Lehrerversorgung nur wenig; 1899 wurde die Elementarschule endgültig geschlossen.

Bis in die 1840er Jahre begruben die Sulinger Juden ihre Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof in Barenburg; danach erbaten die jüdischen Familien ein eigenes Areal, das ihnen die Landdrostei Hannover zugestand; die Erwerbungskosten für das Gelände an der Memelstraße teilten sich die Familien in Sulingen und Siedenburg. Der seit Mitte des 19.Jahrhunderts an der Memelstraße gelegene jüdische Friedhof wurde bis Anfang der 1930er Jahre belegt.

 http://www.verdener-familienforscher.de/verden/judenfriedhof/BilderJF/Su-000F1.jpg

Jüdischer Friedhof Sulingen (Aufn. Merbalge, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0 und verdener-familienforscher.de)

In den seit 1843 bestehenden Synagogenbezirk Sulingen waren auch die jüdischen Familien aus Siedenburg, Schwaförden und Scholen eingebunden.

Juden in Sulingen:

    --- 1780 .......................... 13 Juden,

    --- 1814 .......................... 18   “  ,

    --- 1846 .......................... 15 jüdische Familien,* * Synagogenbezirk

    --- 1861 .......................... 61 Juden,

    --- 1885 .......................... 44   “  ,

    --- 1905 .......................... 33   “  ,

    --- 1925 .......................... 31   “  ,

    --- 1933 .......................... 23   “  ,

    --- 1939 .......................... keine.

Angaben aus: Detlev Pape, Vom Judenschutz und von Schutzjuden in der Vergangenheit unserer Heimat, S. 347/348

                              Ak Sulingen in Niedersachsen, Langestraße, J. Bloch 0 Lange Straße in Sulingen, hist. Postkarte

Von den zehn Anfang der 1930er Jahre in Sulingen lebenden jüdischen Familien waren allein fünf als Viehhändler tätig, einige betrieben Einzelhandelsgeschäfte.

Wie fast überall in Deutschland wurde auch in Sulingen am 1.4.1933 der Boykott jüdischer Geschäfte durchgeführt; SA-Angehörige postierten sich vor den beiden jüdischen Geschäften und am Bahnhof, wo das Vieh verladen wurde; begleitet wurde diese „Aktion“ von Zeitungsanzeigen antisemitischen Inhalts. Mit Intensivierung der antijüdischen Hetze 1935 begann nun die Abwanderung der jüdischen Familien aus Sulingen. Zur Zeit des Novemberpogroms von 1938 lebten bereits keine Juden mehr in der Kleinstadt. Die letzten beiden männlichen Gemeindeangehörigen hatten das schon lange nicht mehr genutzte Synagogengebäude in der Kampstraße an einen im Ort ansässigen Geschäftsmann verkauft. Während einem Teil der gebürtigen Sulinger Juden noch eine Emigration ins sichere Ausland gelang, wurden der andere von seinen neuen Aufenthaltsorten ins besetzte Osteuropa deportiert; ihre Schicksale sind zumeist ungeklärt.

Der an der Memelstraße gelegene jüdische Friedhof weist heute noch ca. 30 Grabsteine auf, die aus der Zeit von 1844 bis 1934 stammen. Auf Grund der verstreut stehenden Steine kann vermutet werden, dass in der Vergangenheit bereits diverse Grabsteine abgeräumt worden sind.

Jüdischer Friedhof Sulingen Juli 2010 12.JPG Jüdischer Friedhof Sulingen Juli 2010 20.JPG Jüdischer Friedhof Sulingen Juli 2010 23.JPG Jüdischer Friedhof Sulingen Juli 2010 41.JPG

einzelne Grabsteine (Aufn. Merbalge, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Das ehemalige Synagogengebäude wurde nach 1945 als Wohnhaus genutzt und 1993 abgerissen.

Heute trägt in einem Neugebiet Sulingens eine Straße den Namen des ehemaligen Chefarztes des Kreiskrankenhauses, Dr. Gerhard Golm.

Seit 2007 erinnern einige sog. „Stolpersteine“ an drei Standorten an ehemalige jüdische Bewohner.

Stolperstein für Iwan BlochStolperstein für Toni Bloch geb. BlochStolperstein für Eva Bloch  Stolperstein für Bertha JacobsonStolperstein für Minna Jacobson

"Stolpersteine" für Fam. Bloch und Geschwister Jacobsohn (Aufn. Gmbo, 2017, aus: wikipedia.org, CCO)

 

Weitere Informationen:

Detlev Pape, Vom Judenschutz und von Schutzjuden in der Vergangenheit unserer Heimat, in: Heimatbeilage ‘Unter der Bärenklaue’ zur ‘Sulinger Kreiszeitung’, Sulingen 1986, S. 347/348

Eva und Kurth Hilmar, Juden in Sulingen 1753 - 1938, Syke 1986

Kurth Hilmar, “Wenn’s Judenblut vom Messer spritzt ...” - Judenverfolgung im Raum Sulingen, in: Focke/Greve/Kurth, Als die Synagogen brannten, o.O 1988, S. 98 - 166

Rainer Sabelleck, Synagogen, Schulen und Friedhöfe. Über die Entwicklung und das Ende jüdischer Gemeindeeinrichtungen im Gebiet des heutigen Landkreises Nienburg (1843 - 1938), Nienburg 1988

Eva und Kurth Hilmar, Dr. Gerhard Golm - der 1.Chefarzt des Krankenhauses Sulingen. Schicksal eines deutschen Juden in Sulingen, in: Heimatblätter des Landkreises Diepholz 13/1988 - 1989, S. 11 - 14

Günter Schmidt-Bollmann, Der jüdische Friedhof in Sulingen. Dokumentation, Bremen 1994 (Manuskript im Kreisarchiv Diepholz)

Eva und Kurth Hilmar, Wenn Steine reden könnten - Auf den Spuren der Sulinger Juden, in: Chronik von Stadt und Land Sulingen, Band 5 Sulingen 1998, S. 99 - 128

Andrea Baumert/Nancy Kratochwill-Gertich (Bearb.), Sulingen, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1456 – 1463

Ulrich Knufinke, Stätten jüdischer Kultur und Geschichte in den Landkreisen Diepholz und Nienburg, hrg. vom Landschaftsverband Weser-Hunte e.V, Nienburg 2012, S. 27/28

Fotografische Dokumentation aller Grabsteine des jüdischen Friedhofs in Sulingen, online abrufbar unter: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Jüdischer_Friedhof_Sulingen

Auflistung der in Sulingen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Sulingen