Tairnbach (Baden-Württemberg)

Datei:Mühlhausen in HD.svg Tairnbach mit derzeit ca. 1.300 Einwohnern ist seit der Eingemeindung (1975) ein Ortsteil der Kommune Mühlhausen (Rhein-Neckar-Kreis) – ca. 20 Kilometer südlich von Heidelberg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Wurzeln einer jüdischen Gemeinde im kleinen Dorfe Tairnbach im Kraichgau liegen im 16. Jahrhundert, als das Rittergeschlecht von Hirschhorn den ersten Familien Aufnahme gewährte. Allerdings war ihre Zahl anfänglich auf nur wenige begrenzt; erst nach dem Dreißigjährigen Krieg wuchs die jüdische Gemeinschaft allmählich. Mit Erreichen eines Minjans konnten seit dem 18.Jahrhundert Gottesdienste in Tairnbach abgehalten werden. Ein vor 1800 mit Hilfe der Ortsherrschaft errichtetes Synagogengebäude am „Judengang“ stand nun der angewachsenen Zahl der Gemeindemitglieder zur Verfügung. Im Erdgeschoss befand sich die Wohnung des Lehrers bzw. Vorsängers; auch eine Mikwe war vorhanden.

 Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 21.8.1844

Auf Grund der zurückgehenden Zahl der Gemeindeglieder konnte bereits um 1880 der Gottesdienst nur noch mit Hilfe auswärtiger jüdischer Männer abgehalten werden. Schon wenig später wurde das inzwischen baufällige Synagogengebäude aufgegeben, an einen ortsansässigen Fabrikanten verkauft, der es 1882 niederlegen ließ; Steine aus dem Abriss dienten dann teilweise als Baumaterial für ein neues Fabrikgebäudes.

Der jüdische Friedhof in Waibstadt bzw. in Oberöwisheim diente den meisten Tairnbacher Juden als letzte Ruhestätte; auf dem jüdischen Teil des Michelfelder Gemeindefriedhofs im Angelbachtal finden sich auch einige Gräber verstorbener Juden aus Tairnbach.

Seit 1827 zählte die Kultusgemeinde Tairnbach zum Rabbinatsbezirk Heidelberg.

Juden in Tairnbach:

         --- 1807 ....................... ca. 100 Juden,

    --- 1825 ........................... 124   “   (ca. 30% d. Dorfbev.),

    --- 1836 ........................... 172   “  ,

    --- 1851 ........................... 149   “  ,

    --- 1875 ...........................  35   “  ,

    --- 1885 ...........................  13   “  ,

    --- 1890 ...........................   3   “  ,

    --- 1895 ...........................   keine.

Angaben aus: Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden, S. 268

und                 Gerhard Höflin, Jüdisches Leben in Tairnbach, S. 73

Nach der Jahrhundertmitte setzte die Abwanderung jüdischer Familien aus dem Dorfe ein, die die Gemeinde innerhalb eines Jahrzehnts deutlich verkleinerte. Mitte der 1880er Jahre verzeichnete man die Auflösung der Kultusgemeinde. Zwischen 1890 und 1895 sind die letzten Tairnbacher Juden in umliegende Städte verzogen, insbesondere nach Wiesloch und Karlsruhe.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20411/Tairnbach%20Gedenktafel%20010.jpgAufn. V. Benz, 2014, Heimatverein, aus: alemannia-judaica.de

Auf Vorschlag von Heimatforscher Gerhard Höflin und unter Kostenbeteiligung von privaten Spendern, vom Heimatverein und der Kommune Mühlhausen wurde 2014 an einer Mauer in der Untergasse (in der Nähe der einstigen Synagoge) eine Bronzetafel mit dem folgenden Inschriftentext angebracht: „Hier stand die von Heinrich Joseph Franz Freiherr Ueberbruck von Rodenstein 1799 für die Israelitische Kultusgemeinde Tairnbach erbaute Synagoge. 1825 waren von 372 Einwohnern 124 Juden. Nach Wegzug der meisten jüdischen Familien wurde das Gebäude 1882 wegen Baufälligkeit auf Abriss versteigert.“

 

Weitere Informationen:

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 268/269

1200 Jahre Mühlhausen im Kraichgau mit den Ortschaften Rettigheim und Tairnbach, Heimatbuch 1982, S. 276 f.

Joachim Hahn, Geschichte der Juden im Kraichgau, in: ‘Kraichgau’ - Beiträge zur Landschafts- und Heimatforschung 9/1985

Eberhard Lohmann, Die Herrschaft Hirschhorn, in: Quellen und Forschungen zur Hessischen Geschichte, Band 66, Darmstadt/Marburg 1986

Gerhard Höflin, Jüdisches Leben in Tairnbach, in: Historische Streiflichter aus Tairnbach - Heimatbuch, Hrg. Heimatverein Tairnbach, Bad Schönborn 1995, S. 72 - 78

Tairnbach, in: alemannia-judaica.de

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 327/328

Heimatverein Tairnbach (Bearb.), Ansprache zur Synagogentafeleinweihung, online abrufbar unter: lokalmatador.de vom 6.10.2014