Talheim (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für landkreis Heilbronn ortsdienst karte Talheim ist eine Kommune mit derzeit fast 5.000 Einwohnern im Landkreis Heilbronn – nur wenige Kilometer südlich der Kreisstadt bzw. unweit von Lauffen/Neckar gelegen (ohne Karteneintrag von Talheim, Karte aus: ortsdienst.de/baden-wuerttemberg/landkreis-heilbronn).

Die ersten in Talheim lebenden Juden waren im Laufe des 15.Jahrhunderts aus der Reichsstadt Heilbronn vertrieben worden; der örtliche Adel gewährte ihnen ein vorläufiges Bleiberecht. Wie lange sich die Familien am Ort aufhielten, ist allerdings ungewiss; sicher ist, dass unmittelbar nach Ende des Dreißigjährigen Krieges in Talheim keine Juden gelebt haben. Möglicherweise wurden erst ab ca. 1780 einige wenige Juden aus dem nahen Horkheim in Talheim ansässig; ihnen wurde das baufällige Schlossgebäude als Unterkunft zugewiesen. Gegen Ende des 18.Jahrhunderts sollen acht jüdische Familien in einem Teil der Talheimer Burg gewohnt haben. Nachdem ab 1806 ganz Talheim zu Württemberg gehörte, durften sich die Juden im gesamten Dorfe niederlassen und hier auch Grundbesitz wie Weinberge und Äcker erwerben.

Ab Mitte des 19.Jahrhunderts bildete Talheim eine selbstständige israelitische Religionsgemeinde und gehörte nun nicht mehr zur Sontheimer Gemeinde.

                            Synagoge im Talheimer „Judenschloss“

Da der an die Burgmauer grenzende Betraum nicht mehr für die wachsende Zahl der Gemeindemitglieder ausreichte, wurde das Backhaus der Burg vergrößert und 1836 zu einer Synagoge umgebaut. In ihr befanden sich auch eine Mikwe, die Schule und die Lehrerwohnung. Erst 1857 richtete die Gemeinde in einem angekauften Gebäude in der Langen Gasse ein eigenes Schulhaus ein. 1861 hatte die Schule 31 Schüler, doch aufgrund der abnehmenden Gemeindegröße und der häufig wechselnden Lehrer konnte sich keine gute Bildungsarbeit entwickeln. Ein Visitationsbericht vom April 1885 bescheinigte der Schule einen „ganz schlechten Zustand“.

Anm.: Nach dem Gleichstellungsgesetz (1828) besuchten 13 jüdische Kinder zeitweilig die örtliche evangelische, doch bereits fünf Jahre später wurden die meisten Kinder von einem jüdischen Privatlehrer unterrichtet. 1836 richtete die Gemeinde schließlich eine israelitische Volksschule mit staatlich geprüftem Lehrer ein.

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Stellenangebote aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 10.Juli 1878 und vom 7.Juli 1902

Die Talheimer Juden mussten ihre verstorbenen Glaubensgenossen zunächst auf dem etwa 20 Kilometer entfernten jüdischen Friedhof der israelitischen Gemeinde Affaltrach im Weinsberger Tal beerdigen; ab 1843 konnte der neue, näher gelegene Begräbnisplatz in Sontheim benutzt werden.

Talheim gehörte zunächst dem Rabbinat Lehrensteinsfeld, ab den 1860er Jahren dem Rabbinat von Heilbronn an.

Juden in Talheim:

    --- um 1785 .........................   8 jüdische Familien,

    --- 1824 ............................  63 Juden,

    --- 1831 ............................  62   “  ,

    --- 1843 ............................  78   “  ,

    --- 1854 ............................  95   “  ,

    --- 1858/60 ......................... 122   “  ,

    --- 1873 ............................ 102   “  ,

    --- 1886 ............................  85   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1900 ............................  85   “  ,

    --- 1910 ............................  77   “  ,

    --- 1933 ............................  82   “  ,

    --- 1941 ............................  31   “  .

Angaben aus: Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern, S. 175

und                 Th. Nebel/S.Däschler-Seiler, Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Talheim, S. 59

                  SchloßEins.jpg Talheim mit Schloss, hist. Aufn. um 1905 ((aus: wikipedia.org, Bild-PD-alt)

Mit den nach 1860 einsetzenden Abwanderungen Talheimer Juden - fast ausnahmslos in die USA - reduzierte sich die Größe der Gemeinde deutlich; Folgen waren Überalterung und Verarmung; in Talheim blieben meist die ärmeren Familien zurück, die vor allem vom Vieh- und Pferdehandel lebten. Die jüdische Bevölkerung soll seit dem 19.Jahrhundert relativ problemlos mit der christlichen Bevölkerung zusammengelebt haben; Antisemitismus soll in Talheim bis 1933 so gut wie unbekannt gewesen sein. Aus der „Neckarzeitung” vom 24.3.1879: „ ... Ganz besonders betonte der Ortsvorsteher das friedliche Verhältnis, in welchem die hier vertretenen drei Konfessionen miteinander leben, von denen jede ihr besonderes Gotteshaus und ihre besondere Schule habe. ...”

Nennung der um 1930 bestehenden jüdischen Handels- u. Gewerbetriebe siehe: alemannia-judaica.de/talheim_synagoge.htm

Nach der NS-Machtübernahme 1933 endete das einvernehmliche Leben; auch hier zeigte nun die antijüdische Propaganda Wirkung; die jüdischen Familien wurden immer mehr von der Dorfgemeinschaft gemieden und rückten enger zusammen. Hetze gegen Talheimer Juden wurde vor allem von auswärts betrieben; beteiligt daran war auch die „Schwäbische Tageszeitung”, die in einer Ausgabe 1937 schrieb:

... Heute ist Talheim auf dem besten Wege, wieder eine saubere Weinbaugemeinde zu werden, und hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, wo das Judenschloß das einzige Andenken an die üblen Eigenschaften dieser fremden Rasse ist. ...

Während des Novemberpogroms von 1938 kam es auch im Dorfe Talheim zu Gewalttaten gegen Juden. Etwa 20 bis 25 SA-Leute, vor allem aus Heilbronn-Sontheim und Lauffen, demolierten die Synagoge auf der Burg und Wohnungen jüdischer Einwohner; unter den Augen der Talheimer Bevölkerung wurden einzelne Juden geschlagen und misshandelt. Am folgenden Tage ließ der Ortsbürgermeister an den Anschlagtafeln im Dorfe den folgenden Aushang anbringen:

Verkehr mit Juden

Der schändliche jüdische Mord an einem Deutschen in Paris zwingt mich zu folgenden Maßnahmen:

1) Wer trotz aller Warnungen auch jetzt noch Verkehr mit Juden pflegt, wird öffentlich am Judenpranger angeschlagen. Für den Anschlag ist der stellvertr. Ortsgruppenleiter Pg. .... verantwortlich.

2) Jedes Verweilen von Juden auf öffentlichen Straßen und Plätzen oder in der Nähe von solchen hat fortan unbedingt zu unterbleiben. Die Durchführung dieser Maßnahme wird von der SA überwacht.

Talheim, den 11.November 1938

Der Bürgermeister:     gez. ......

Als aufgehetzte Jugendliche in den folgenden Tage gegen ältere Juden gewalttätig wurden, schritt der Bürgermeister dagegen ein. Unter Druck verkaufte die jüdische Gemeinde die Synagoge und das Schulhaus. 1938/1939 wanderten mehr als 30 Talheimer Juden aus, die meisten in die USA.

               Im „Talheimer Gemeindebrief” wurde Anfang 1938 das folgende Hetz-Gedicht abgedruckt:

Der Auszug der Juden

So ziehen die Juden zum Dörflein hinaus !

Fahrt hin nun, ihr fremde Vasallen !

O wäret ihr alle zum Jahresschluß drauss !

Das würd’ uns am besten gefallen.

Wohl hundert an Jahren gefiel’s euch hier gut !

da habt ihr mit List und mit Lüsten

gesaugt am ehrlichen Bauernblut,

an deutschen Herzen und Brüsten !

Drum fahrt nun von hinnen! Wir haben genug !

Fahrt hin nun, ihr fremden Gesellen !

Wir wollen die Heimat, das ewige Gut,

wohl selber uns nützlich bestellen !

Der Rest der jüdischen Gemeinde Talheims, der sich nach dem Zwangsverkauf der Synagoge einen provisorischen Betraum „Im Löwen” eingerichtet hatte, wurde ab Mai 1939 in „Judenhäuser“ umquartiert. Alle Männer wurden 1940/1941 zum Straßenbau zwangsverpflichtet. Ab Ende 1941 wurden die noch etwa 30 jüdischen Bewohner Talheims in drei Transporten deportiert. Unmittelbar nach deren Abtransport wurde ihre Habe öffentlich versteigert. Mindestens 31 Talheimer Juden haben die Deportationen nicht überlebt.

Eine Gedenktafel an der Burgmauer erinnert seit Beginn der 1980er Jahre an die einstige Synagoge neben dem Turm:

Hier stand von 1882 bis 1952 die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Talheim.

Die Synagoge wurde am 10./11.November 1938 beschädigt.

Am 28.März 1952 stürzte das baufällige Gebäude ein und musste abgebrochen werden.

Der Erinnerung an dieses Haus und dem Andenken der ehemaligen jüdischen Mitbürger widmet die Gemeinde Talheim diese Tafel.

 

Weitere Informationen:

Theobald Nebel, Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Talheim, Weinsberg 1963

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte - Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag Stuttgart 1966, S. 173 - 176

W.Angerbauer/H.G.Frank, Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn. Geschichte - Schicksale - Dokumente, in: Schriftenreihe des Landkreises Heilbronn, Band 1, Hrg. Landkreis Heilbronn, 1986, S. 230 - 235

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 251 f.

Siegfried Däschler-Seiler, Die israelitische Volksschule in Talheim, in: Ludwigsburger Hochschulschriften, Heft 6/1887

Theoblad Nebel/Siegfried Däschler-Seiler, Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Talheim. Ein Beispiel für das Schicksal des Judentums in Württemberg, Hrg. Gemeinde Talheim Landkreis Heilbronn, 2.Aufl., 1990

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 472 - 475

Talheim, in: alemannia-judaica.de (Anm.: mit diversen Angaben zu Angehörigen der Gemeinde)