Tann/Rhön (Hessen)

Bildergebnis für landkreis Fulda ortsdienst karte Tann (Rhön) ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 4.500 Einwohnern im Nordostteil des Landkreises Fulda in Osthessen - ca. 30 Kilometer nordöstlich von Fulda gelegen (Karte aus: ortsdienst.de/hessen/fulda).

Gegen Mitte des 18.Jahrhunderts bildete sich in Tann eine jüdische Gemeinde, deren Anfänge auf drei zugewanderte Familien zurückgehen, die von dem Adelsgeschlecht von der Tann das Privileg zu einer Niederlassung erhalten hatten. Bei der Erstellung der Matrikel (1817) waren für Tann 17 Stellen aufgelistet; die dort genannten jüdischen Familienvorstände bestritten ihren Lebensunterhalt vornehmlich als Viehhändler und Handelsmänner. In den ersten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts stieg die Zahl der Tanner Juden an. Gegen Zuzüge weiterer jüdischer Familien versuchte sich die Kommunalverwaltung im ersten Drittel des 19.Jahrhunderts zu wehren, wie ein Schreiben aus dem Jahre 1833 deutlich machte:

„ ... Wird die Zahl der Juden-Familien dahier gesetzwidrig vermehrt, in dem keine Matrikel Nr. erledigt wurde, welchen Umstand das Freyh. Herrschaftsgericht selbst in seinem Beschluß eingeräumt, jedoch nicht gehoerig gewürdigt hat. Durfsten früher nie mehr als 12 Juden-Familien zu Tann ansäßig seyn, weil diese blos durch Handel und Schacher auf das Wohl der Gemeinde sich bereicherten, in neuester Zeit aber die Zahl der Juden-Familien auf die Zahl von 20 Familien angewachsen ist, von welchen die jüngeren FamilienVäter, obgleich sie sich auf Feldbau oder Gewerbe ansäßig machten, den Handel als Haupternährungs-Zweig treiben. Ihr Gewerb aber, worauf sie ansäßig wurden bey Seite setzen. ...“

1879/1880 ließ die Judenschaft von Tann eine neue Synagoge errichten; deren Bau war notwendig geworden, nachdem ein Jahr zuvor (Ende April 1887) auch das alte Synagogengebäude durch einen verheerenden Stadtbrand vernichtet worden war. Mit Hilfe einer Spendenaktion, die weit über die Region hinaus reichte, konnte ein Teil der Finanzierung für den neuen Synagogenbau gesichert werden, der nun als ein relativ großes und ansprechendes Bauwerk entstand.

                                                                      Synagoge in Tann (hist. Aufn.)

Diese Tatsache ist auch ein Beweis dafür, dass unter den jüdischen Familien in Tann einige relativ begütert gewesen sein mussten; diese bestritten ihren Lebensunterhalt vorwiegend vom Handel und zählten zum gehobenen Mittelstand; doch die meisten lebten eher in bescheidenen Verhältnissen.

                 In der jüdischen Chronik hieß es über die Synagogeneinweihung:

„ ... Am 17.September (1880) fand die feierliche Einweihung der Synagoge statt. Unter Musikbegleitung bewegte sich in wundervoller Weise der Zug vom Rathaus nach der neuen Synagoge. Den Zug eröffnete ich [Leopold Hecht]mit der Schuljugend, hierauf folgte die erwachsene Jugend, Damen, die Träger Thorarollen, Deputationen, Vertreter vereinzelter Vereine und Körperschaften, die Gemeindemitglieder, Herr Dr. Kahn zu Fulda, Provinzialrabbiner, hielt in schönen Worten die Einweihungsrede über Ezechiel Cap 43 V 12. ...“                                                                                                                                

In Tann bestand über viele Jahrzehnte eine jüdische Elementarschule (seit 1872 als Elementarschule geführt), die in den letzten Jahren ihres Bestehens nur noch Religionsschule war; diese wurde 1934 aufgelöst.

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Kleinanzeigen aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Oktober 1871 und vom 17.März 1921

Besondere Wertschätzung als Lehrer und Kantor der Gemeinde erlangte Leopold (Levy) Hecht, der beinahe ein halbes Jahrhundert im Dienste der Kultusgemeinde stand und es verstanden hat, „der Gemeinde in ihrer altherkömmlichen traditionellen Richtung ein treues und friedliebendes Mitglied zu sein, den Gottesdienst in gewissenhafter Weise zu leiten, Freud' und Leid' mit seiner Gemeinde zu teilen und sich die Liebe und Verehrung derselben zu erwerben und zu erhalten. Auch bei unserer städtischen Bevölkerung erfreut er sich großer Hochachtung und Wertschätzung.“

Eine eigene Begräbnisstätte besaßen die Juden Tanns vermutlich seit der Mitte des 18.Jahrhunderts; die ältesten noch vorhandenen Grabsteine datieren aus den 1760er Jahren.

Jüdischer Friedhof in Tann (Aufn. J. Hahn, 2009)

Die Tanner Kultusgemeinde gehörte zunächst zum Rabbinatsbezirk Gersfeld, ab 1892 zum Provinzialrabbinat Fulda.

Juden in Tann:

         --- um 1735 ........................   3 jüdische Familien,

    --- 1820 ...........................  13     “       “    ,

    --- 1837 ...........................  24     “       “    ,

    --- 1845 ........................... 100 Juden,

    --- 1871 ........................... 133   “   (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1880 ........................... 105   “  ,

    --- 1892 ...........................  28 jüdische Familien,

    --- 1905 ...........................  98 Juden,

    --- 1924 ...........................  89   “  ,

    --- 1933 ....................... ca.  70   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1940 (Dez.) ....................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 302

und                 Joachim S. Hohmann, “Mag er Christ oder Jude sein ...” - Zur Geschichte der israelitischen Gemeinde

Das Verhältnis der jüdischen Minderheit zur christlichen Mehrheit war in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts in der Regel noch distanziert; lange Zeit brachten beide Seiten wenig Verständnis füreinander auf.

                 Aus einer Bekanntmachung des Tanner Herrschaftsgerichts vom 4.10.1834:

„ ...Da seit einiger Zeit die Ruhe und Feyer der Sonn- und Festtage ... besonders von der Judengemeinde dahier durch Verrichtung allerley häuslicher und Gewerbsgeschäfte, namentlich durch das Herbeischaffen von Viktualien aller Art, sowie durch Schreien und Lachen in der Nähe der Kirche gestört und hierüber schon mehrfach Beschwerde der Kgh. Pfarrämter geführt worden ist, so wird zur Abstellung dieses Uebelstandes verfügt, daß während der Gottesdienste alle die Ruhe und Feyer störenden bürgerlichen und Gewerbsgeschäfte gänzlich eingestellt bleiben, und öffentliche Läden sowie Gast- und Schankwirtschaften geschlossen seyn müssen. Besonders wird Ruhe und Stille auf den Straßen und in der Nähe der Kirche so wie das Zuhausebehalten der Kinder mit dem Bemerken nachdrücksamst empfohlen, daß die Zuwiderhandelnden nach Beschaffenheit der Uebertretung dieser polizeylichen Anordnung geeignet bestraft werden sollen.”

Im Jahre 1850 kam es in Tann zu Anschlägen auf jüdisches Eigentum, was der „Zügellosigkeit der Jugend“ zugeschrieben wurde.

Ende des 19.Jahrhunderts war die Tanner Judenschaft zunehmend in die Gesellschaft integriert: So hatten z.B. jüdische Gemeindeangehörige kommunale Verantwortung als Stadtverordnete übernommen; trotzdem hielten sich seitens der christlichen Bevölkerungsmehrheit weiterhin antijüdische Vorurteile.

Zwei Lehrstellenangebote des Warengeschäftes Stern & Freudenthal von 1898 und 1901:

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In den 1920er Jahren zeigten sich in Tann antisemitische Tendenzen, die zu Beginn der NS-Herrschaft dann offen zutage traten. Höhepunkt der Ausschreitungen war auch in Tann der 9.November 1938: Am späten Abend dieses Tages wurde die Synagoge von einem angeblich ortsfremden SA-Trupp aufgebrochen, der die Inneneinrichtung und Teile des Daches zerstörte; Thorarollen und Gebetbücher wurden auf die Straße geworfen. Ebenfalls waren jüdische Wohnungen gestürmt und deren Mobiliar ins Freie geschleppt worden.

Bis Kriegsbeginn hatten die meisten Juden Tann den Rücken gekehrt. 1940 waren noch die letzten aus Tann weggezogen, zumeist in die Anonymität der Großstadt Frankfurt/Main. Nachweislich sind mindestens 28 gebürtige bzw. längere Zeit in Tann wohnhafte Bürger mosaischen Glaubens dem Holocaust zum Opfer gefallen.

 

1966 brachte die Ortsgemeinde am Platz der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel an. Im Jahre 2008 wurde der Synagogenplatz neugestaltet; das Denkmal, das aus wiederaufgefundenen Steinrelikten der zerstörten Synagoge gefertigt wurde, wurde von Mitgliedern des Kultur- und Geschichtsvereins erstellt; es zeigt auch reliefartig die Umrisse der ehemaligen Synagoge.

                Synagogenfront in Tann auf der Gedenktafel (Aufn. J. Hahn, 2009)

Anfang der 1990er Jahre wurde an der Stelle der zerstörten Synagoge ein in Israel gefertigter Gedenkstein aus weißem Marmor mit folgender Inschrift aufgestellt:

Gott gedenke an deine Gemeinde, die du vor Zeiten erworben hast. Psalm 74,2

Zum Gedenken

an unsere verfolgten, vertriebenen und ermordeten jüdischen Mitbürger.

Gott, gedenke an deine Gemeinde, die du vor Zeiten erworben hast.

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 302 f.

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 189

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, Abb. 335 und Teil 2, Abb. 259

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II: Reg.bezirke Gießen und Kassel, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1996, S. 26/27

Joachim S. Hohmann, “Mag er Christ oder Jude sein ...” - Zur Geschichte der israelitischen Gemeinde, in: "Wir in Tann - 800 Jahre Stadtgeschichte", Hünfeld/Tann 1996/1997, S. 268 - 301

Johann Rüppel, Gedenken an die jüdische Gemeinde in Tann, in: "Wir in Tann - 800 Jahre Stadtgeschichte", Tann 1997, S. 301 f.

Joachim S. Hohmann (Hrg.), Chronik der Jüdischen Schule zu Tann (Rhön), Frankfurt/M. 1997

Tann/Rhön, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Textdokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg, Band 13, Würzburg 2008, S. 148/149 

Michael Imhof (Hrg.), Juden in Deutschland und 1000 Jahre Judentum in Fulda, hrg. von Zukunft Bildung Region Fulda e.V., Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, S. 362 - 373

Michael Imhof, 400 Jahre Juden in der Rhön, Hrg. Zukunft Bildung Region Fulda e.V., 2017

Gerhild Elisabeth Birmann-Dähne, Jüdische Friedhöfe in der Rhön, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2018