Tauberbischofsheim (Baden-Württemberg)

Datei:Tauberbischofsheim im Main-Tauber-Kreis.png Tauberbischofsheim ist eine von derzeit ca. 13.000 Menschen bewohnte Kreisstadt des Main-Tauber-Kreises im fränkisch geprägten Nordosten Baden-Württembergs – ca. 35 Kilometer südwestlich von Würzburg gelegen (Karte F. Paul, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Existenz von Juden in Tauberbischofsheim wird erstmals 1235 urkundlich erwähnt, als Juden beschuldigt wurden, einen Christen ermordet zu haben; nach mehrtägiger Folterung sollen acht Juden der Tat überführt und hingerichtet worden sein. 1298, 1336/38 und 1348/1349 wurde die relativ große jüdische Gemeinde verfolgt; der letzte blutige Pogrom löschte die mittelalterliche Gemeinschaft völlig aus. Doch bereits Jahrzehnte später entstand unter dem Schutz der Mainzer Erzbischöfe eine neue, kleinere Judengemeinde, die dann - mit nur wenigen Unterbrechungen - bis in die NS-Zeit Bestand hatte.

Auf dem Wege zur rechtlichen Gleichstellung hatten auch die hiesigen Juden manche Anfeindungen zu ertragen. In einer der Petitionen der politischen Gemeinden des Taubertales vom 1.3.1837 hieß es:

„ ...Die Erfahrung hat aber gelehrt und lehrt dies noch täglich, daß, wenn gleich der Jude sich einem Handwerke gewidmet hat, dieses bald wieder im Stiche läßt, und dem alten Sauerteige nachhängt, nämlich dem Schacher und Wucher, um dadurch ihren talmudischen Grundsätzen getreu nachzuleben, nachdem es denselben erlaubt ist, die Christen zu betrügen; eine Morallehre, die berechtigt ist, jede bürgerliche Existenz den Juden zu entziehen. ...”

Eine erste Synagoge wurde im 18.Jahrhundert erwähnt, die den im Laufe des 17./18.Jahrhunderts immer mehr werdenden „Schutzjuden“ als Bet- und Versammlungsraum diente; im Gebäude waren bis 1879 auch die Schule und die Lehrerwohnung untergebracht. 1850 bis 1864 (oder 1869) war Tauberbischofsheim vorübergehend Sitz eines Bezirksrabbinates; von 1852 amtierte hier als Bezirksrabbiner Jakob Löwenstein (zuvor Bezirksrabbiner in Gailingen).

Jakob-Koppel Löwenstein (geb. 1799 in Bruchsal) besuchte als Jugendlicher verschiedene Jeschiwot, so die in Bruchsal, Karlsruhe, Mainz, Hanau und Würzburg. An der Universität Würzburg erfolgte seine Promotion. Ab 1829 wirkte er als Rabbiner in Gailingen; wenige Jahre später amtierte er dort als Bezirksrabbiner. Schließlich war er von 1852 bis zu seinem Tod (1869) Bezirksrabbiner von Tauberbischofsheim; mehrere Jahre hatte er gleichzeitig das Rabbinat Merchingen geleitet.

Zunächst galt der Verbandsfriedhof in Külsheim als letzte Ruhestätte für die Tauberbischofsheimer Juden; 1875 wurde am Orte selbst - neben dem christlichen Friedhof an der Hochhäuser Straße - ein eigenes Friedhofgelände angelegt.

Jüdischer Friedhof Tauberbischofsheim direkt neben dem Friedhof Tauberbischofsheim - 1.jpg Aufn. Tr., 2018, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images11/Tauberbischofsheim%20Friedhof203.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images11/Tauberbischofsheim%20Friedhof204.jpg ungewöhnlich gestaltete Grabdenkmäler (Aufn. J. Hahn, 2003)

Der Synagogengemeinde Tauberbischofsheim waren vor allem zu Beginn des 20.Jahrhunderts kleinere jüdische Gemeinschaften in der ländlichen Umgebung als „Filialen“ angeschlossen; es waren dies die wenigen Juden aus den Dörfern Dittigheim, Hochhausen, Impfingen und Königshofen.

Religiöse Aufgaben der Gemeinde erledigte ein angestellter Lehrer; kurzzeitig war noch eine zweite Person als Schächter und Synagogendiener tätig.

     Stellenanzeigen aus den Jahren 1899/1902

1890 wurde in Tauberbischofsheim eine private „Taubstummen-Anstalt“ für jüdische Kinder/Jugendliche vom Lehrer Jakob Driesen ins Leben gerufen. Die unter staatlicher Aufsicht stehende Schule sollte „die Zöglinge in all den Lehrgegenständen unterrichten, die für vollsinnige Kinder in den besseren jüdischen Elementarschulen vorgeschrieben sind. Durch gute, streng rituelle Kost, sorgfältige Pflege und liebevolle Behandlung soll den Kindern, soweit als möglich, die Familie ersetzt, die Kinder selbst sollen zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft und durch ständigen Besuch des öffentlichen Gottesdienstes, sowie durch Unterweisung und Übung in den religiösen Gebräuchen zu treuen Anhängern unseres heiligen Glaubens herangebildet werden.“

     aus: „Der Israelit" vom 8. Jan. 1891

Anm.: Der Lehrer Jakob Driesen (Vater von Dr. Otto D., Leiter des Schulwerks Philanthropin in Frankfurt/M.) verstarb 1897.

Juden in Tauberbischofsheim:

         --- um 1705 ..........................    6 jüdische Familien,

    --- 1825 .............................  109 Juden (4,5% d. Bevölk.),

    --- 1834 .............................  103   “  ,

    --- 1865 .............................  147   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1875 .............................  177   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1885 .............................  207   “  ,

    --- 1900 .............................  181   “   (4,5% d. Bevölk.),

    --- 1910 .............................  154   “  ,

    --- 1925 .............................  111   “  ,

    --- 1933 .............................  106   “  ,

    --- 1939 .............................   15 jüdische Familien,

    --- 1940 (Nov.) ......................   keine.

Angaben aus: F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden, Denkmale, ..., S. 269

Lehrstellenangebote jüdischer Geschäftsleute aus Tauberbischofsheim (1891/1901/1904)

Zu Beginn der 1930er Jahre spielten Juden im Wirtschaftsleben von Tauberbischofsheim eine nicht unwichtige Rolle. Neben etwa zehn bis zwölf Vieh- und Pferdehändlern zählte man in der Stadt knapp 20 Geschäfte, vor allem im Einzelhandelsbereich. Der Boykott jüdischer Geschäfte am 1.4.1933 wurde auch in Tauberbischofsheim durchgeführt und leitete deren wirtschaftlichen Niedergang ein; ein Jahr später erhielten Juden in Tauberbischofsheim ein generelles Marktverbot.

Während des Novemberpogroms von 1938 verzichtete man auf eine Inbrandsetzung der Synagoge, da Wohnhäuser in unmittelbarer Nähe standen und durch einen möglichen Brand gefährdet wären; allerdings wurde die Inneneinrichtung zertrümmert und anschließend auf dem Marktplatz verbrannt. Unmittelbar nach Kriegsbeginn zwangen SA-Angehörige die noch am Orte lebenden Juden, mit Propaganda-Plakaten um den Hals durch die Straßen zu laufen; vor der während des Pogroms geschändeten Synagoge mussten sie sich auf den Boden knien und diesen küssen. Anschließend wurden sie gezwungen, in einen nahen Bach zu steigen. Die 15 noch in Tauberbischofsheim lebenden jüdischen Familien wurden dann für mehrere Wochen im jüdischen Gemeindehaus festgehalten.

Zwischen 1933 und 1940 verließen die meisten Tauberbischofsheimer Juden ihre Heimatstadt; fast 50 Menschen gelang die Emigration, vornehmlich in die USA; andere zogen nach Frankfurt/M., Mannheim oder in andere deutsche Großstädte. Im Oktober 1940 wurden die letzten jüdischen Bewohner ins Internierungslager nach Gurs verschleppt; von ihnen überlebten nur wenige. Mindestens 35 Juden aus Tauberbischofsheim (einschließlich seiner heutigen Ortsteile) wurden Opfer der NS-Verfolgung.

Das Synagogengebäude wurde nach Kriegsende als Wohnhaus genutzt (bis auf den heutigen Tag).

                 Ehem. Synagogengebäude (Aufn. Tr., 2017, commons.wikimedia.org, CCO)  Ehemalige Synagoge Tauberbischofsheim - 1.jpg

Im Eingangsbereich des Rathauses erinnert seit 1981 eine Gedenktafel an die jüdischen NS-Opfer von Tauberbischofsheim (Aufn. T., 2017, aus: wikipedia.org, CCO).

Unter einem siebenarmigen Leuchter, der von den Jahreszahlen 1933 und 1945 eingerahmt ist, ist zu lesen:

Zum Gedenken an die durch Unrecht und Gewaltherrschaft

vertriebenen und ermordeten jüdischen Mitbürger

        Jugendliche der Evang. Kirchengemeinde haben - im Rahmen des landesweiten Mahnmal-Projektes zur Erinnerung an die Deportation der badischen Juden nach Gurs – einen Memorialstein gestaltet, der mit vielen anderen Steinen auf dem Gelände der zentralen Gedenkstätte in Neckarzimmern steht. Auf dem Gedenkstein sind 22 einzelne Segmente angebracht, die an die 22 Deportierten aus Tauberbischofsheim erinnern sollen (Abb. aus: mahnmal-neckarzimmern.de).

 

In den Stadtteilen Dittigheim, Hochhausen und Impfingen existierten bis Anfang des 20.Jahrhunderts selbstständige jüdische Gemeinden mit eigenen Gemeindeeinrichtungen wie Synagogen, Mikwen und teilweise auch Friedhöfen.

In Dittigheim bestand eine jüdische Gemeinde bis 1895. Ihre Entstehung geht ins 16. Jahrhundert zurück. Ihren Höchststand erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen um 1840 mit etwa 120 Personen. Das ehemalige Synagogengebäude in der Synagogengasse 4 hat die Zeiten überdauert; ein Hochzeitsstein erinnert noch heute an die Vergangenheit des Gebäudes. [vgl. Dittigheim (Baden-Württemberg)]

In Hochhausen an der Tauber bestand eine jüdische Gemeinde vom 17.Jahrhundert bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Die gemeindlichen Einrichtungen befanden sich im heute noch sog. „Judengässle“ bzw. der „Judengasse“. Nur die Umfassungsmauern einer um 1770 erbauten Synagoge sind noch erhalten. [vgl. Hochhausen (Baden-Württemberg)]

In Impfingen bestand eine sehr kleine jüdische Gemeinde bis 1913, deren Anfänge im im 17./18. Jahrhundert zu finden sind. In den 1840er Jahren umfasste die Zahl ihrer Angehörigen fast 60 Personen. Gottesdienstliche Zusammenkünfte fanden in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts „in einer alten Kammer“ statt; diese Räumlichkeit war so beengt, dass die Frauen außerhalb des eigentlichen Betsaales stehen mussten. Obwohl die finanzielle Situation der in recht ärmlichen Verhältnissen lebenden Juden dies kaum zuließ, ließ die kleine Gemeinde ein neues Synagogengebäude mit Schulzimmer, Lehrerwohnung und Mikwe erbauen, das 1853 eingeweiht wurde. Bis zur Auflösung der Gemeinde 1913 wurde die Synagoge genutzt; das Gebäude wurde um 1920 veräußert und zu Wohnzwecken umgebaut; in den 1990er Jahren wurde das Haus abgebrochen. [vgl. Impfingen (Baden-Württemberg)]

 

Im ca. 15 Kilometer nördlich von Tauberbischofsheim gelegenen Böttigheim existierte bis 1908 eine kleine jüdische Kultusgemeinde, deren Wurzeln vermutlich im 18.Jahrhundert liegen. Mitte des 19.Jahrhunderts lebten im Dorfe sechs jüdische Familien. Das 1790 erbaute Synagogengebäude wurde nach der Auflösung der Gemeinde verkauft und anschließend vom Neueigentümer abgerissen. [vgl. Königshofen (Baden-Württemberg)]

 

Weitere Informationen:

Archivdirektion Stuttgart (Hrg.), Dokumente über die Verfolgung der jüdischen Bürger in Baden-Württemberg durch das Nationalsozialistische Regime 1933 - 1945, Band 2, Stuttgart 1966, S. 193/194

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Band 19, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 269 – 272

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 815 und Band III/2, Tübingen 2003, S. 1450 - 1453

Elmar Weiß, Jüdisches Schicksal im Gebiet zwischen Neckar und Tauber, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg, Stuttgart 1979

Bernhard Müller, Juden und Judenpolitik in Tauberbischofsheim von 1933 bis 1945, Wissenschaftliche Arbeit zur Prüfung für das Lehramt an Gymnasien, Univ. Heidelberg 1980

Hartwig Behr, Die Juden in Tauberfranken 1933 - 1945, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg, Stuttgart 1984

Elmar Weiß, Die Juden in Dittigheim, in: Dittigheim - Geschichte einer alten Siedlung im Taubertal, Hrg. Interessengemeinschaft Heimatbuch Dittigheim, Tauberbischofsheim 1987, S. 326 - 346

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 354 - 358

Hartwig Behr, Die Juden in Tauberfranken 1803 - 1933, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg, Stuttgart 1988

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - eine Dokumentation, Hrg. Bayr. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 46

Barbara Döpp (Bearb.), Der jüdische Friedhof Tauberbischofsheim-Hochhausen, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1993

Franz Gehrig/Hermann Müller, Die Juden von Tauberbischofsheim, in: Tauberbischofsheim - Beiträge zur Stadtchronik, Hrg. Verein Tauberfränkische Heimatfreunde e.V., Tauberbischofsheim 1997, S. 285 - 297

Tauberbischofsheim, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Textdokumenten zur jüdischen Ortshistorie) 

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 475 - 481

G. Stühlinger/J.G. Ghiraldin, S. Schroeder, Chr. Ries, K. Rüger, G. Schmidt/St. Henninger (Hrg. Projektgruppe Mahnmal), Wegverbracht. Das Schicksal der Tauberbischofsheimer Juden 1933 – 1945. Eine Dokumentation, Tauberbischofsheim 2009 

Chana Sass, Von Tauberbischofsheim nach Jerusalem. Das Schicksal einer Jüdin aus Tauberbischofsheim (Biografie), Tauberbischofsheim 2013

Joachim Braun, Nationalsozialistische Machtübernahme und Herrschaft im badischen Amtsbezirk/Landkreis Tauberbischofsheim, in: "Veröffentlichungen des Historischen Vereins Wertheim", Bd. 8, Wertheim 2014, S. 146 - 164 („Terror gegen die Juden“)

Manfred Hau (Bearb.), Die jüdische Gemeinde in Tauberbischofsheim, in: „Frankenland“ - Zeitschrift für fränkische Geschichte, Kunst und Kultur, Würzburg, Band 70/2018, S. 216 - 224