Tempelburg (Hinterpommern)

KrNeustettin1905Ak.jpg Tempelburg - das heutige polnische Czaplinek mit derzeit ca. 7.000 Einwohnern - war eine Stadt im ehemaligen Kreis Neustettin; in Folge der 1.Teilung Polens (1772) war es an Preußen gefallen (Ausschnitt aus hist. Landkarte von 1905).

Bis um 1800 konnte sich der Stadtrat von Tempelburg mit dem Verbot jüdischer Ansässigkeit in der Kleinstadt durchsetzen; eine Ausnahme müssen wohl die Jahre um 1780 gewesen sein, als im Ort 24 Juden gezählt wurden. Nach 1800 wanderten Juden zu, doch waren es zwischen 1806 und 1812 nur wenige Familien. In den Folgejahrzehnten erfolgten nun relativ zahlreiche Zuzüge aus den Provinzen Posen und Westpreußen. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen mit etwa 220 Personen ihren Höchststand.

Als Gemeindeeinrichtungen verfügte die Tempelburger Kultusgemeinde über ein eigenes Friedhofsgelände auf einer Anhöhe am Klöbensteiner Weg und eine Synagoge in der Seestraße; umittelbar davor stand das Gemeindehaus.

Juden in Tempelburg:

    --- 1782 .........................   24 Juden,

    --- um 1800 ......................   keine,

    --- 1812 .........................   9 jüdische Familien,

    --- 1816 .........................  60 Juden,

    --- 1831 ......................... 112   "  ,

    --- 1840 ......................... 170   "  ,

    --- um 1850 .................. ca. 200   “  ,

    --- 1871 ......................... 175   “  ,

    --- um 1895 ...................... 218   “  ,

    --- 1909 .........................  63   “  ,

    --- um 1925 .................. ca.  20 jüdische Familien,

    --- 1932/33 ......................  63 Juden,

--- 1939 (Mai) ...................   6   “  .

Angaben aus: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...”, S. 68/69

1881 wurde auch Zempelburg von Unruhen heimgesucht, die einen antisemitischen Hintergrund hatten.

Um 1900 wanderte auch die jüdische Bevölkerung Tempelburgs vermehrt in deutsche Großstädte ab; innerhalb nur eines Jahrzehnts hatten zwei Drittel der jüdischen Einwohnerschaft die Kleinstadt verlassen.

 Ansicht Tempelburg (hist. Postkarte, um 1920)

Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch etwa 60 Juden der Stadt; eine autonome Gemeinde war nun nicht mehr funktionsfähig. Um die Gemeindeangehörigen kümmerte sich fortan der Rabbiner des neueingerichteten Bezirksrabbinats in Schivelbein.

Während der „Kristallnacht“ wurde das Synagogengebäude zerstört, das Gemeindehaus hingegen überstand die Kriegsjahre.

                   spärliche Relikte der Friedhofsmauer (Aufn. Dawid Przemek)

[vgl. Schivelbein (Hinterpommern)]

 

Im ca. sechs Kilometer entfernten Dorfe Brotzen (poln. Broczyno) waren um 1770 ca. 20 jüdische Familien unter dem Schutz adliger Grundherrschaft ansässig. Die zumeist in ärmlichsten Verhältnissen lebenden Juden verließen das Dorf um 1800 - vermutlich auf Anweisung des preußischen Königs; sie ließen sich vermutlich in pommerschen Landstädten nieder.

Spärliche bauliche Überreste des alten Friedhofs am Brotzener See sind noch vorhanden.

 

Weitere Informationen:

Gustav Kratz, Die Städte der provinz Pommern: Abriss ihrer Geschichte, zumeist nach Urkunden, Berlin 1865, S. 506 -509

M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...” Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 1995, S. 68/69

Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Ingo Koch Verlag, Rostock 2004

Gerhard Salinger, Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns. Zur Erinnerung und zum Gedenken, New York 2006, Teilband 3, Teil III, S. 813 – 832 und S. 875 (Brotzen)

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol.3, S. 1302

Czaplinek und Broczyno, in: sztetl.org.pl