Templin/Uckermark (Brandenburg)

Uckermark Karte Templin mit derzeit ca. 17.000 Einwohnern ist - der Fläche nach - die größte Stadt im Landkreis Uckermark im Norden des Landes Brandenburg (Karte aus: ortsdienst.de/brandenburg/uckermark)

Im Jahre 1309 wird die Existenz eines Juden in Templin erstmals urkundlich erwähnt. Für die folgenden Jahrhunderte liegen kaum Nachweise jüdischen Lebens im Ort vor.

Templin-1652-Merian.jpg

                                                                     Ansicht von Templin - Stich um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)
In den 1860er Jahren richtete die kleine jüdische Gemeinschaft ihren neuen Betraum im Hinterhof eines Fachwerkhauses an der Berliner Straße ein; in den Jahrzehnten zuvor hatten gottesdienstliche Zusammenkünfte in einer privaten Betstube im Hause des Kaufmanns Wolff stattgefunden.

Aus dem Templiner Kreisblatt vom 15.April 1868: „Templin, den 6.April. Heute wurde auf dem der jüdischen Gemeinde durch Erbschaft zugefallenen Wolff‘schen Grundstücke in der Königstraße der Grundstein zu einer neuen Synagoge gelegt Es hatten sich außer den männlichen Gliedern der jüdischen Gemeinde auch andere Einwohner bei der Feier betheiligt. Herr David hielt eine kurze Ansprache, in welcher er hervorhob, daß die Gemeinde dies der besonderen Huld und Gnade Sr. Majestät unseres Königs verdanke und schloß mit einem Hoch auf den geliebten König, in welches alle Anwesenden freudig einstimmten.“

Der kleinflächige jüdische Friedhof lag auf einer kleinen Anhöhe vor der Stadtmauer am Berliner Tor (heute Bahnhofstraße); er war vermutlich schon im 18.Jahrhundert angelegt worden (erste Erwähnung des "Judenkirchhofs" anno 1760). Ein detailliert abgefasstes Reglement für das Beerdigungswesen auf dem Templiner Friedhof datiert aus dem Jahre 1850; hier hieß es u.a. „ Sobald eine Leiche dem Vorstande gemeldet wird, hat derselbe Anordnung zu treffen und die Zeit zu bestimmen, wann die Leiche abgehoben, wo und wann die Sterbekleider angefertigt, wo und wann der Sarg zugeschnitten, wann die Reinigung der Leiche und endlich das Begräbniß Statt findet ... Diejenigen, die der Leiche folgen, müssen im sabbathlichen Anzuge mit einem Hute erscheinen. Auf dem Friedhofe selbst wird nach alter Sitte und Brauch verfahren, die üblichen Gebete recitirt und beziehungsweise die Leichenrede gehalten. Niemand hat das Recht, ohne Genehmigung des Vorstandes Baulichkeiten auf dem Kirchhofe vorzunehmen, auch bei dem Setzen eines Leichensteins muß mindestens ein Vorstandsmitglied anwesend sein ...“

1922 fand auf dem ca. 600 m² großen Gelände vermutlich die letzte Beerdigung statt.

Juden in Templin:

--- 1810 ....................  31 Juden,

--- 1840 ....................  30   “  ,

--- 1852 ....................  29   “  ,

--- 1905 ....................  13   “  ,

--- 1925 ....................   5   “  ,

--- 1944 ....................  ein  “ ().

Angaben aus: Spuren jüdischen Lebens in Templin, 2. erw. Auflage, Templin 2009, S. 30

  Markt-Ecke-Mühlenstraße Am Markt, hist. Postkarte (Abb. aus: druck-design-seehafer.de)

Um 1890/1900 lebten in Templin etwa 30 Bewohner mosaischen Glaubens. Da die Zahl der Templiner Juden stetig abgenommen hatte, schlossen sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Gemeinden von Templin, Lychen und Zehdenick zusammen. 1928 musste die Synagoge aufgegeben werden; das Gebäude wurde fortan von der hiesigen Adventistengemeinde genutzt. Fast alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren inzwischen abgewandert, zumeist ins nahe Berlin; die Gemeinde wurde aufgelöst. Im Frühjahr 1938 soll auf Betreiben des Kreisbauern- u. SS-Standartenführers Max Belbe das einstige Synagogengebäude in Brand gesetzt worden sein, obwohl es schon längst nicht mehr als jüdisches Gotteshaus diente. Der Brand konnte gelöscht werden; das Gebäude wurde nach einem Umbau fortan als Wohnhaus genutzt. Der jüdische Friedhof wurde während der NS-Zeit völlig zerstört, Grabsteine und -fragmente später beseitigt.

Nur eine Templiner Jüdin überlebte die Shoa und kehrte nach Kriegsende hierher zurück und lebte bis zu ihrem Tod (1954) in der Stadt.

 

Mitte der 1950er Jahre ließ die Stadt das Gelände des ehemaligen jüdischen Friedhof am Poetensteig (nahe des Berliner Tores) zu einer parkähnlichen Anlage umgestalten. Seit 1988 erinnert hier nur ein Gedenkstein an die einstige kleine israelitische Gemeinde von Templin. Die deutsche und die hebräische Inschrift lauten:

„Mögen ihre Seelen eingebunden sein in den Bund des Lebens.“ 
Dieser Ort erinnert an die jüdischen Bürger Templins.

Ihre Namen gerieten durch Schändung und Ignoranz in Vergessenheit.

Das Jugendprojekt „Jüdischer Friedhof Templin“ hatte sich jüngst neben der Recherche zu Spuren jüdischen Lebens in der Stadt vor allem die Neugestaltung des jüdischen Friedhofes zum Ziel gesetzt; letztere wurde 2011 erfolgreich abgeschlossen, nachdem eine neue Umgrenzungsmauer mit Tor, Informationstafeln und eine Bronzetafel mit den Namen der hier einst Bestatteten geschaffen worden waren.


Aufgang zum Friedhofsgelände und Gedenkstein (Aufn. Jugendprojekt „Jüdischer Friedhof in Templin“, 2011)

Ergänzend werden auf einer nebenstehenden Gedenktafel alle diejenigen namentlich genannt, von denen bekannt ist, dass sie hier einst ihre letzte Ruhe gefunden haben.

     Aufn. Schüler-Projektgruppe, 2011

Eine Gedenktafel am früheren Standort des Betraumes vermisst man heute allerdings. Im Rahmen eines Schülerprojektes entstand bereits Ende der 1990er Jahre unter der künstlerischen Leitung des Bildhauers Karl Rätsch ein kleines Denkmal in der Berliner Straße, das an die ehemalige Synagoge erinnern soll; doch wird der mit Pflastersteinen gestaltete Davidstern mit einliegender Bronzeplatte kaum wahrgenommen.

Denkmal für die ehemalige jüdische Synagoge Templin - 1 Bewertung - Templin  - Berliner Straße | golocal

Davidstern in der Pflasterung (Aufn. aus: golocal.de/templin/religioese-gemeinschaften/denkmal-   und   Aufn. Projektgruppe, 1999)

Ca. 20 Kilometer südwestlich von Templin liegt die Kleinstadt Zehdenick, in der für das Jahr 1677 ein erstmaliger Nachweis jüdischer Anwesenheit erbracht werden kann; es war der Schutzjude Elias Caspar. Nach 1700 lebten ständig Juden in der Havelstadt. Im Laufe des 19.Jahrhunderts entwickelte sich eine Gemeinde, die um 1850/1860 immerhin ca. 115 Angehörige besaß und damals damit die mitgliederstärkste in der Region war. Verstorbene Juden aus Zehdenick wurden anfangs auf dem Friedhof in Liebenwalde begraben; seit ca. 1765 gab es dane einen eigenen Begräbnisplatz am Templiner Weg.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20123/Zehdenick%20Friedhof%20210.jpg zwei alte Grabsteine (Aufn. Hans-Jürgen Fenske, aus: alemannia-judaica.de)

Eine zu Beginn des 19.Jahrhunderts errichtete Synagoge in einem Hinterhof an der Kapellenstraße ersetzte ein bei dem Stadtbrand von 1801 zerstörtes Bethaus. Auch eine Mikwe soll es ab ca. 1850 in der Hirtenstraße gegeben haben. Im ausgehenden 19.Jahrhundert schloss sich die kleiner gewordene Gemeinde der Kultusgemeinde von Templin an. Der kleine jüdische Friedhof wurde um 1900 geschlossen. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bildeten die Ziegeleibesitzer Zöllner und Hirschfeld, die Kaufleute Horwitz, Marcuse, Moses, die Inhaber des Warenhauses M.A. Kiewe und die Schwestern Cohn als Kurzwarenhändlerinnen den Kern der Gemeinde. Andere Familien waren in andere Städte, vor allem nach Berlin, verzogen. Die Abwanderung hatte zur Folge, dass sich die verbliebenen Juden mit Lychen und Templin zu einer Gemeinde zusammenschlossen. Im Mai 1938 lebten 18 Bewohner mosaischen Glaubens in Zehdenick; kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges waren es nur noch fünf.

In der NS-Zeit und danach fiel der „Judenhügel“ der Zerstörung anheim; nur sehr wenige Grabsteine verblieben. Auf Initiative des Vereins „Sachor-Iskor/Erinnern“ und unter Mitarbeit von Schüler/innen wurde Ende der 1990er Jahre das in inzwischen Vergessenheit geratene und arg verwahrloste Beerdigungsgelände wieder in einen ansehbaren Zustand gebracht; dabei wurden 60 originale Grabstätten freigelegt. In jüngster Zeit wurden mehrfach Schändungen verzeichnet.

Datei:ZehdenickJüdischerFriedhof1.jpgJüdischer Friedhof Zehdenick (Aufn. G., 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

2006 wurden die ersten sog. „Stolpersteine“ in Zehdenick verlegt.

Stolperstein für Kurt Markuse (Zehdenick).jpgStolperstein für Gertrud Markuse (Zehdenick).jpgStolperstein für Paul Moses (Zehdenick).jpgStolperstein für Irma Moses (Zehdenick).jpgStolperstein für Minna Cohn (Zehdenick).jpg   

 Fünf "Stolpersteine" in den Straßen von Zehdenick (Aufn. Chr. Michelides, 2019, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

In Liebenwalde - ca. 15 Kilometer südlich von Zehdenick - wurden 2010 an einem Standort acht sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Schicksale verfolgter jüdischer Bewohner erinnern.

Stolperstein für Ludwig Katzenellenbogen (Liebenwalde).jpgStolperstein für Manfred Katzenellenbogen (Liebenwalde).jpgStolperstein für Gertrud Katzenellenbogen (Liebenwalde).jpgStolperstein für Heinz Katzenellenbogen (Liebenwalde).jpgStolperstein für Manfred-Günther Katzenellenbogen (Liebenwalde).jpgStolperstein für Eva-Lucie Katzenellenbogen (Liebenwalde).jpg

verlegt im Ernst-Thälmann-Weg (Aufn. Chr. Michelides, 2019, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

Datei: Lychen Urmesstischblatt 2745-1825.jpg  Einziger Hinweis darauf, dass in Lychen (Karte von 1825, aus: wikipedia.org, CCO) ehemals jüdische Familien ansässig gewesen waren (1467 erstmals urkundlich genannt) und ihre Verstorbenen am Ort begraben haben, ist ein jüdischer Friedhof, der heute allerdings keine Grabsteine mehr aufweist. Angeblich soll das unweit des Seeufers des Oberpfuhl (an der Stargarder Straße) liegende Begräbnisgelände bereits aus dem 15./16. Jahrhundert stammen. Während der NS-Zeit wurden die Gräber geschändet und zerstört (später eine Grünanlage hier angelegt).

Aus der „Templiner Zeitung“ vom 12.11.1938: "Lychen. Einebnung des Judenkirchhofes. Der Volkszorn über die feige Mordtat des Juden Grünspan hat sich auch in unserm Ort ausgewirkt. Der Judenfriedhof am Stargarder Tor, der ein Schandfleck des Kurortes darstellte, weil er ungepflegt, von Unkraut überwuchert, das Mißfallen aller Kurgäste erregte, ist plötzlich über Nacht eingeebnet worden. Die Mauer ist beseitigt. Die vom Wind und Wetter verwaschenen Inschriften der Grabsteine waren wahrlich keine Zeugen mehr, denen man irgend ein Interesse entgegenbringen könnte. So sind sie denn sang- und klanglos verschwunden. Man könnte sich der Namen ehemals in Lychen ansässiger Juden nur noch mit Erbitterung und berechtigtem Zorn erinnern. Und diese Erinnerung will und wid man sich gern ersparen!"

Seit 1970 erinnert ein unter einer alten Eiche aufgestellter Gedenkstein mit der Inschrift „Dem Gedenken der hier ruhenden jüdischen Menschen, deren Grabstätten vón den Faschisten 1938-1945 geschändet wurden. Die Toten mahnen uns! an den „Guten Ort“. Zudem informiert seit 1988 eine am Zugang zum Gelände angebrachte Tafel in aller Kürze über die Historie der ehemals im Ort ansässig gewesenen Juden und ihrer Begräbnisstätte.

 ehem. jüdisches Begräbnisgelände (Aufn. TAL, 2020, aus: gleis69.de/eindruecke-aus-der-uckermark-eins)

Der Berliner Fabrikant Siegmund (Salomon) Cohrs (Cohn), der sich beim Aufbau des Kindersanatoriums der Heilstätten Hohenlychen große Verdienste erworben hatte, erhielt 1914 die Ehrenbürgerwürde von Lychen. Während der NS-Zeit wurde ihm diese aberkannt, seine Grabstätte (er war 1924 in Berlin verstorben, in Lychen beigesetzt) geschändet. Im Jahre 2013 (!) erhält Siegmund Cohrs seine Ehrenbürgerschaft offiziell wieder zurück.

 

Weitere Informationen:

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation II, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1999, S. 357

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 3), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1498

Wolfgang Weißleder, Der Gute Ort - Jüdische Friedhöfe im Land Brandenburg, hrg. vom Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V., Potsdam 2002, S. 49

Hans-Jürgen Werner, Eine "Stein-Zeit-Geschichte", Blieskastel 2002 (zum jüdischen Friedhof in Zehdenick)

Andreas Röhl, Fünf beschädigte Grabsteine – Jüdischer Friedhof – Naturgewalt oder menschliche Zerstörungswut ?, in: „Märkische Allgemeine“ vom 24.8.2007

Projektgruppe "Jüdischer Friedhof Templin" am Gymnasium Templin, Spuren jüdischen Lebens in Templin, im Rahmen des Jugendprojektes „Jüdischer Friedhof Templin", 2. erw. Auflage, Templin 2009

Der jüdische Friedhof in Templin, in: juedische-friedhoefe.info/friedhoefe-nach-regionen/brandenburg/uckermark/templin.html

Chewra Kadischa e.V., Potsdam (Hrg.), Jüdischer Friedhof in Lychen und in Templin, online abrufbar unter: chewrakadischa-blb.de/Judische-Friedhofe/Landkreis-Uckermark/

Olaf Glöckner (Red.) Wieder in Würde – Jüdischer Friedhof konnte saniert werden, in: „Jüdische Allgemeine“ vom 3.11.2011

Birgit Bruck (Red.), Jüdin stellt Ehre ihres Lycher Großonkels wieder her, in: „Nordkurier“ vom 25.3.2014

Der jüdische Friedhof in Zehdenick, in: alemannia-judaica.de

Thomas Klatt (Red.), Schülerprojekt: Die Suche nach jüdischen Spuren in Templin, in: „Deutschlandradio KULTUR“ vom 29.7.2016

Auflistung der in Zehdenick verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Zehdenick

Zehdenick – Synagogen in Brandenburg. Auf Spurensuche, Hrg. Moses-Mendelssohn-Zentrum Universität Potsdam, online abrufbar unter: uni-potsdam.de/synagogen-in-brandenburg/orte/zehdenick.php

Ucker BLOG (Red.), Lychen / Menschen / Politik, online abrufbar unter: uckerblog.de vom 21.11.2017

Redaktion Gleis 69, Eindrücke aus der Uckermark, verfasst Juli 2020, online abrufbar unter: gleis69.de/eindruecke-aus-der-uckermark-eins

Sigrid Werner (Red.), Gedenktafel in Templin zerstört, in: „Uckermark-Kurier“ vom 19.2.2021