Teschen (Österr.-Schlesien)

  Herzogtum Teschen um 1860 (hist. Landkarte, Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei   -   Skizze P., 2007, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Stadt Teschen - am Fuße der Schlesischen Beskiden gelegen - zwischen Polen und der Tschechoslowakei aufgeteilt: Polen erhielt den historischen Burgberg und die Altstadt Cieszyn; die Tschechoslowakei die westliche Vorstadt und den Bahnhof Ceský Tešín. Die polnische Besetzung des Olsa-Gebietes im Oktober 1938 und die anschließende deutsche Okkupation brachte bis 1945 noch einmal die Vereinigung der beiden Städte. Der Fluss Olsa (tschech. Olše, poln. Olza) teilt Teschen in ein polnisches und ein tschechisches Stadtgebiet; bis heute führt die Grenze mitten durch die Stadt. Das polnische Cieszyn zählt derzeit ca. 34.000 Einwohner.

 

Teschen um 1740, Stich von F.B.Werner (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

1637 bildete sich in Teschen eine jüdische Gemeinschaft; die bisherige Annahme, dass in Teschen bereits im späten Mittelalter eine Gemeinde bestanden hat, ist nicht mehr zu halten; ein erster urkundlicher Hinweis auf die Anwesenheit eines Juden in der Stadt stammt aus dem Jahre 1531; seit 1575 besaßen Juden Erlaubnis zur dauerhaften Ansiedlung. Trotz späterer kaiserlicher Vertreibungsdekrete hielten sich in Teschen weiterhin einzelne Juden auf, darunter Angehörige der privilegierten Familie Singer, die als Kaufleute zu gewissem Einfluss gelangten und in den folgenden Jahrzehnten auch die Belange der Judenschaft in der Region vertraten. Im Laufe des 18.Jahrhunderts war ein deutliches Wachstum der Teschener Judenschaft zu verzeichnen. Neben einigen reichen Kaufleuten, die sich auch auf Messen in Leipzig und Troppau aufhielten, gab es in Teschen und in unmittelbarer Umgebung eine breite Masse armer, oftmals nicht privilegierter Familien; letztere zogen sich oftmals den Unmut der Teschener Bürgerschaft zu, die ihre Vertreibung aus der Stadt forderten.

Mit der Stabilisierung der jüdischen Gemeinschaft nach 1800 schufen sich die hiesigen Familien gemeindlichen Einrichtungen: 1837/1838 errichtete man - mit ausdrücklicher kaiserlicher Genehmigung - eine Synagoge, beschäftigte einen Lehrer/Kantor und einen Schächter. In den 1860er Jahren gab sich die Teschener Judenschaft Statuten; erst ab diesem Zeitpunkt kann von einer Kultusgemeinde gesprochen werden. Etwa zeitgleich gründete man eine Religionsschule, aus der 1876 eine Talmud-Thora-Schule entstand.

Der enorme Zuwachs an Juden in Teschen und Umgebung machte den Neubau einer Synagoge notwendig; dieser wurde im Herbst 1878 eingeweiht.

 

neue Synagoge in Teschen (hist. Aufn., aus: wikipedia.org, gemeinfrei) und  Modell der Synagoge (Aufn. Frank Sniegon, 2013)

Als sich Ende des 19.Jahrhunderts die Zuwanderung religiös-orthodoxer Juden nach Teschen verstärkte, errichtete diese Gruppierung bald ein eigenes Bethaus in Sachsenberg; daneben gab es mehrere private Betstuben.

Der erste jüdische Begräbnisplatz auf einem Privatgelände (der Familie Singer) stammte bereits aus der Mitte des 17.Jahrhunderts (Ersterwähnung 1647); um 1785 ging das Friedhofsgelände in den Besitz der jüdischen Gemeinde über; im Laufe der Zeit mehrfach erweitert wurde es bis zu Beginn des 20.Jahrhunderts genutzt.

Cieszyn Stary Cmentarz Żydowski 001.JPG  Alter Juedischer Friedhof Cieszyn 02.JPG

alter jüdischer Friedhof von Teschen (Aufn. Jan Eric Loebe, 2008, aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

1907 wurde ein neuer israelitischer Friedhof eröffnet, der bis Anfang der 1960er Jahre in Nutzung war.

Juden in Teschen:

         --- um 1720 .........................     5 jüdische Familien,

    --- 1746 ............................     8     “       “    ,

    --- um 1780 .........................    17     “       “    ,

    --- um 1790 .........................    46     “       “    ,

    --- 1812 ............................    98     “       “    ,

    --- 1837 ............................   327 Juden (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1869 ............................ 2.713   “  ,*

    --- 1890 ........................ ca. 1.300   “  ,*

             ............................   622   “  ,

    --- 1900 ........................ ca. 2.200   “  ,*           * gesamte Gemeinde

             ............................ 1.666   “  ,

    --- 1921 ........................ ca. 1.600   “  ,**          ** tschech. Teil

    --- 1930 ............................ 1.148   “  ,**

    --- 1938 (Okt.) ................. ca. 2.800   “  ,***         *** vereinigtes Gebiet

    --- 1940 ............................  wenige  “  .

Angaben aus: Janusz Spyra, Zarys dziejów ludnosci zydowskiej w Cieszynie i okolicach

und                 M. Wodzinski/J. Spyra (Hrg.), Jews in Silesia, Cracow 2001

Demelplatz Teschen, hist. Postkarte (Abb. aus: wikipedia.org, CCO)

Die stärkste jüdische Zuwanderung nach Teschen fand seit Ende der 1850er Jahre statt. Deren politische Gleichberechtigung und sich anbahnende Assimilierung brachte ihnen nun auch Sitze und Mitspracherechte im Magistrat ein. Die Teschener Juden orientierten sich damals mehrheitlich an der deutsch-stämmigen Bevölkerung; dies führte die jüdische Gemeinschaft wiederum in Opposition zum polnischen Bevölkerungsteil, der in Teschen in der Mehrheit war. Doch durch die Zuwanderung religiös-orthodoxer Juden wurde die ‚polnische Seite’ gestärkt. 1915 erreichte ein jüdischer Flüchtlingsstrom den Teschener Bezirk; dabei handelte es sich um zahlreiche Juden aus dem russisch-besetzten Galizien, die hier vorläufig Unterschlupf fanden und von Glaubensgenossen Hilfe erhielten.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden neue Nationalstaaten. Dabei kam es zwischen Polen und der Tschechoslowakei zu einem Grenzkonflikt um das ehemalige Herzogtum Teschen. Schließlich einigten sich beide Länder auf eine Teilung des Gebietes: fortan gab es nun das polnische Cieszyn und das tschechische Ceský Tešín. Auch bildeten sich nun zwei jüdische Gemeinschaften, die jeweils über eigene gemeindliche Einrichtungen verfügten. So diente die 1928 errichtete Synagoge „Schomre Schabos“ der orthodoxen Gemeinde bis 1939 als gottesdienstlicher Versammlungsraum; das in einer Straßenflucht errichtete Gebäude unterschied sich von den Nachbarblöcken durch seine ungewöhnliche, karmesinrote Fassade.

   Synagoga - Č. Těšín.JPG

ehem. Synagoge der orth. Gemeinde (M.Ploszaj, 2007 und Kupcokova, 2010, beide Aufn. aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Da die polnisch sprechenden Einwohner immer noch die Mehrheit im tschechischen Teil bildeten, nutzte Polen 1938 die Gunst der Stunde und besetzte am 2. Oktober 1938 das Gebiet, das ihm laut „Münchner Abkommen“ zugesprochen worden war. In der nun wiedervereinigten Stadt lebten Ende 1938 etwa 2.800 jüdische Einwohner; ihre Zahl erhöhte sich noch durch Juden, die aus Österreich und aus dem von deutschen Truppen besetzten tschechischen Staatsgebiet nach Teschen geflohen waren.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges besetzten deutsche Truppen das Gebiet; damit war das Ende der jüdischen Gemeinde besiegelt.

Auf der polnischen Seite von Teschen war es bereits 1937 zu Ausschreitungen gegen jüdische Bewohner gekommen, die nur mit Hilfe der Polizei gestoppt werden konnten. Jüdische Bewohner aus der Region Teschen wurden Mitte Februar 1940 - zusammen mit Juden aus Wien, Mährisch-Ostrau und Stettin - ins „Generalgouvernement“ (nach Nisko am San) deportiert. Die Zahl der während der deutschen Okkupation ermordeten Teschener Juden wird auf 2.000 bis 3.000 geschätzt. Nur 28 Teschener Juden sollen die Shoa überlebt haben.

[vgl. Mährisch-Ostrau (Mähren)]

Die jüdischen Synagogen und Bethäuser wurden in beiden Teilen der Stadt niedergerissen; nur ein einziges Bethaus in Tschechisch-Teschen blieb erhalten: das Bethaus der Vereinigung „Schomre Schabos“ an der Božkova Straße, in dem heute ein Kultur- und Bildungsverein seinen Sitz hat. Nach Kriegsende hatte das im tschechischen Teil der Stadt gelegene Bethaus für die jüdischen Rückkehrer bzw. Flüchtlinge gottesdienstlichen Zwecken gedient.

 

Unmittelbar nach Kriegsende waren Juden aus Polen und der östlichen Tschechoslowakei in die Stadt gekommen, hatten sich hier niedergelassen und eine Gemeinde neu begründet; 1948 gehörten dieser etwa 220 Personen an. Anfang der 1950er Jahre waren aber die meisten Juden nach Israel und andere Länder emigriert.

Seit 1994 erinnert eine in zwei Sprachen abgefasste Gedenktafel an die einstige jüdische Gemeinde.

Der neue jüdische Friedhof - seit 1986 ein geschütztes Kulturdenkmal - weist heute noch mehr als 1.500 Grabsteine auf.

 Dom pogrzebowy na nowym cmentarzu żydowskim w Cieszynie 1997 04.jpg

Eingangsportal und Ruine der Trauerhalle, neuer jüdischer Friedhof (Aufn. Jacek Proszyk, 1999, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

In Trzynietz (tsch. Trinec, derzeit ca. 35.000 Einw.) - in unmittelbarer Nähe der tschechisch-polnischen Grenze gelegen - hatten sich jüdische Familien nach 1848 angesiedelt. Sie bildeten keine eigene Kultusgemeinde, sondern waren der israelitischen Gemeinde Teschen angeschlossen. Anfang der 1930er Jahre setzte sich die hiesige Gemeinschaft aus fast 140 Personen zusammen. Die 1930/1931 errichtete Synagoge brannten die deutschen Invasoren im Oktober 1939 nieder. Alsbald wurden die jüdischen Bewohner deportiert: die Männer nach Nisko verschleppt, Frauen und Kinder ins Ghetto Sosnowitz verbracht; von hier aus führte ihr Weg nach Auschwitz/Birkenau.

   Während des Jahres 1943 gab es in Trzynietz je ein Zwangsarbeitslager für jüdische Männer und Frauen; sie waren dort in den Metallwerken eingesetzt.

 

Weitere Informationen:

Heirich Berger (Red.), Geschichte des jüdischen Friedhofs in Teschen, in: "Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", Jg. 1895/1896, Heft 1, S. 37 - 40

Statut der Teschner israelitischen Cultusgemeinde,Teschen 1895

Bernhard Brilling, Zur Geschichte der Juden in Österreich-Schlesien 1640 - 1737, in: "Judaica Bohemiae" 4/1968

Jan Król, Die Geschichte der Juden in Teschen, in: "Teschener Kalender", 6/1990, S. 59 - 68

Janusz Spyra (Hrg.), Zydowskie zabytki Cieszyna i Czeskiego Cieszyna, Polskie Towarzystwo Historyczne, Cieszyn 1999

Janusz Spyra, Zarys dziejów ludnosci zydowskiej w Cieszynie i okolicach, Zydowskie zabytki Cieszyna i Czeskiego, Cieszyn 1999

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust , New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 1, S. 261 und Vol. 3, S. 1325

Janusz Spyra, Conversion of Jews in Cieszyn Silesia in den seventeenth and eighteenth centuries, in: M. Wodzinski/J. Spyra (Hrg.), Jews in Silesia, Cracow 2001, S. 33 - 55

Mecislav Borák, The situation of the Jewish population in the territory of Czech Silesia during the occupation 1938 - 1945, in: M. Wodzinski/J. Spyra (Hrg.), Jews in Silesia, Cracow 2001, S. 181 – 192

The Jewish Community of Český Těšín (Teschen), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/cesky-tesin

Robert Luft, Das Teschener Schlesien als nationale und regionale Geschichtslandschaft, in: Ludger Udolph/Christian Prunitsch (Hrg.), Teschen. Eine geteilte Stadt im 20. Jahrhundert. Dresden 2009 ("Mitteleuropa-Studien 10"), S. 11 – 42

Cieszyn, in: sztetl.org.pl

Cieszyn, in: kirkuty.xip.pl

Jewish cemetery Český Těšín, abrufbar unter: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Jewish_Cemetery_Český_Těšín

Janusz Spyra, Rabbiner in der Provinz – Die Rolle des Rabbiners im Leben der jüdischen Gemeinschaft in Teschener und Troppauer Schlesien, 2018