Thalmässing (Mittelfranken/Bayern)

Datei:Thalmässing in RH.svg Thalmässing ist ein Markt mit derzeit ca. 5.500 Einwohnern im mittelfränkischen Landkreis Roth - ca. 25 Kilometer südlich von Nürnberg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erste Hinweise auf jüdisches Leben in Thalmässing lassen sich um die Mitte des 15.Jahrhunderts nachweisen; allerdings lebten anscheinend seinerzeit nur sehr wenige Juden hier. Auch in der ersten Hälfte des 16.Jahrhunderts waren jüdische Familien - mit Schutzbriefen ausgestattet - in Thalmässing ansässig, ehe diese in den 1560er Jahren vom Ansbacher Markgrafen vertrieben wurden. Die Wurzeln einer neuzeitlichen israelitischen Gemeinde in der evangelischen Enklave Thalmässing wurden zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges gelegt. Gegen Mitte des 18.Jahrhunderts erreichte die Zahl der hier ansässigen jüdischen Familien ihren Höchststand; mehr als 220 Bewohner in Thalmässing gehörten damals dem mosaischen Glauben an. Die meisten Familien lebten damals hier in recht ärmlichen Verhältnissen; einige waren nicht einmal in der Lage, ihr Schutzgeld aufzubringen.

Eine bereits um 1690 eingerichtete Synagoge stand den Gemeindeangehörigen bis zum Bau eines an gleicher Stelle errichteten neuen Gebäudes 1857 zur Verfügung. Die Einweihung nahm Anfang August 1857 der Distriktrabbiner Dr. Mayer Löwenmayer aus Sulzbürg vor.

                                                         Synagoge in Thalmässing (Postkartenausschnitt)

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten zudem eine Religions- und Elementarschule (ab 1840 in der Schulgasse) und eine Mikwe in der Nähe der Synagoge.

aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18.Okt. 1871 und "Bayerische Israelitische Gemeindezeitung" vom 9.Febr. 1927

Anm.: Außer den Lehrern hatte die Kultusgemeinde im 19. Jahrhundert zeitweise auch noch einen Vorbeter für die Wochentage angestellt, der zugleich als Schächter sowie als Gemeinde- und Begräbnisdiener tätig war.

Die jüdische Gemeinde unterhielt am Ort eine Armenherberge; hier erhielten jüdische Bettler eine Mahlzeit und ein Nachtlager.

Ein Friedhofsgelände war um 1830/1832 am südlichen Ortsrand angelegt worden; zuvor hatten Verstorbene auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Georgensgmünd ihre letzte Ruhe gefunden. Auf dem Friedhof in Thalmässing wurden auch Juden aus Eichstätt begraben.

Die Gemeinde gehörte bis 1851 zum Bezirksrabbinat Schwabach, anschließend zu dem von Sulzbürg; zuletzt unterstand sie dem Bezirksrabbinat Nürnberg.

Juden in Thalmässing:

        --- 1618 ....................... ca.   5 jüdische Familien,

    --- 1674 ...........................   8     “       “    ,

    --- 1689 ...........................  14     “       “    ,

    --- 1714 ...........................  21     “       “    ,

    --- 1743 ........................... 227 Juden (in 42 Familien),

    --- 1811/12 ........................ 210   “   (ca. 21% d. Bevölk.),

    --- 1835 ....................... ca. 330   “   (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1867 ........................... 202   “   (ca. 17% d. Bevölk.),

    --- 1880 ........................... 112   “  ,

    --- 1890 ...........................  98   “   (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1910 ...........................  51   “  ,

    --- 1925 ...........................  42   “  ,

    --- 1933 ...........................  33   “  ,

    --- 1937 ...........................  19   “  ,

    --- 1939 (Mai) .....................  keine.

Angaben aus: Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945 , S. 230

und                 Thalmässing, in: alemannia-judaica.de

Im Unterschied zu anderen jüdischen Gemeinden führte in Thalmässing der sog. Matrikelparagraph von 1813 nicht zu einer Reduzierung der jüdischen Bevölkerung, sondern zu deren weiteren Anwachsen und erreichte in den 1830er Jahren etwa ein Drittel der Gesamteinwohnerschaft. Anders als im 18.Jahrhundert setzte sich nun die hiesige Judenschaft mehrheitlich aus „vollbegüterten Familien“ zusammen. 1840 kam es in Thalmässing zu wochenlangen Ausschreitungen gegen hiesige jüdische Bewohner; hervorgerufen wurden diese Exzesse durch das Wiederaufleben einer Ritualmord-Legende.

Mit der Aufhebung des Matrikelparagraphen (1861) sank innerhalb weniger Jahrzehnte die Zahl der jüdischen Familien durch Ab- und Auswanderung beträchtlich. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten nur noch etwa 30 Juden im Ort. 1937 löste sich die jüdische Gemeinde völlig auf, da hier noch verbliebene jüdische Händler systematisch boykottiert wurden und so ihre Wirtschafts- und Lebensgrundlage verloren; die Synagoge wurde geschlossen. Der Synagogeninnenraum wurde beim Novemberpogrom von 1938 verwüstet, wobei noch vorhandene Ritualgegenstände vernichtet wurden; sechs Thorarollen waren bereits zuvor in die Obhut des Verbandes der Bayrischen Israelitischen Gemeinden in München gegeben worden. Das Synagogengebäude - danach als Lagerraum genutzt - blieb bis zu dessen späterem Abriss erhalten. Bis Mai 1939 hatten alle jüdischen Familien den Ort verlassen. Zwölf gebürtige Juden Thalmässings wurden Opfer der Shoa.

Der mit einer Mauer umgebene jüdische Friedhof beherbergt noch relativ viele alte Grabsteine; allerdings steht ein Großteil der Steine nicht mehr an seinem ursprünglichen Platz. Der in der NS-Zeit schwer geschändete Friedhof war unmittelbar nach Kriegsende wieder hergerichtet worden; auf Initiative eines US-Soldaten hatten ehemalige NSDAP-Angehörige die verstreuten Grabsteine auf dem Friedhofsgelände wiederaufzurichten. Das Taharahaus wurde Ende der 1960er Jahre wegen Baufälligkeit abgebrochen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20239/Thalmaessing%20Friedhof%20170.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20239/Thalmaessing%20Friedhof%20172.jpg

Jüdischer Friedhof in Thalmässing (alle Aufn. J. Hahn, 2009)

Beispiele jüdischer Grabsteinsymbolik http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20239/Thalmaessing%20Friedhof%20176.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20239/Thalmaessing%20Friedhof%20182.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20239/Thalmaessing%20Friedhof%20178.jpg

        ehem. Synagogengebäude (Aufn. Renate Pannenbecker, um 1965)

Unweit des Standortes der Synagoge - das Gebäude wurde Anfang der 1970er Jahre abgebrochen - erinnert in der Merleinsgasse seit 2000 ein Gedenkstein an die einstige jüdische Gemeinde des Marktes Thalmässing.

                                           Gedenktafel (Aufn. aus: thalmaessing.de)               

Zum Gedenken (hebr.)

Wie ehrfurchtsgebietend ist dieser Ort, hier ist nichts anderes als Gottes Haus (Gen. 28,17)

Im Gedenken an die jüdische Gemeinde in Thalmässing.

1531 Erste Erwähnung von Juden – 1690 Bau der Synagoge – 1832 Errichtung des Friedhofs – 1857 Neubau der Synagoge –

1938 Pogrom und Vertreibung der Juden – 1972 Abriss der Synagoge

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20430/Thalmaessing%20Gedenkstein%201803.jpg  Eine dreieckige granitene Gedenksäule wurde 2018 im Gedenken an die ermordeten jüdischen Bewohner der ehemaligen Synagogengemeinde aufgerichtet. Hier sind die Namen der 33 Thalmässinger Juden verewigt, die in den Jahren der NS-Zeit deportiert und ermordet wurden (Aufn. Markus Schirmer).

 

Weitere Informationen:

Eugen Pfitzinger, Christen und Juden lebten einträchtig nebeneinander. Aus der Thalmässinger Judengemeinde, in: Heimatblätter für den Kreis Hilpoltstein No. 1/1960, S. 3 f.

Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, München/Wien 1979, S. 230/231

Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, München/Wien 1979

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 194

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Thalmässing, in: Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 11.Jg., No. 73/1997, S. 16 f.

Ralf Rossmeisl, Jüdische Heimat Thalmässing (Faltblatt), hrg. von Evang. KirchengemeindeThalmässing 1998

Andrea Karch/Ernst Wurdak, 1100 Jahre Thalmässing. Geschichte und Gegenwart, Markt Thalmässing 2000

Thalmässing, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Cornelia Berger-Dittscheid, Thalmässing, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 2, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2010, S. 639 – 651

Lothar Mayer, Jüdische Friedhöfe in Mittel- und Oberfranken, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2012, S. 182 - 185

N.N. (Red.), Gedenkstein für die jüdischen Opfer, in: „Hilpoltsteiner Kurier“ vom 22.12.2017

Robert Unterburger (Red.), Den Ermordeten ein Andenken – Thalmässing ergänzt die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof um einen Gedenkstein für die 33 Deportierten, in: „Hilpoltsteiner Kurier“ vom 31.1.2019

Andrea Karch (Red.), Verbeugung vor der jüdischen Vergangenheit, in: „Donaukurier“ vom 11.4.2019