Trautenau (Böhmen)

 Die Stadt Trautenau liegt an den südlichen Ausläufern des Riesengebirges; bis zur Vertreibung 1945/1946 lebten in der Stadt mehrheitlich deutsche Bewohner. Heute heißt die tsch. Stadt Trutnov und besitzt derzeit ca. 30.000 Einwohner.

Die Existenz von Juden in Trautenau wird erstmals 1523 erwähnt. Trotz des Privilegs, dass in der ‚königlichen Stadt' Juden nicht ansässig werden durften, hielten sich in Trautenau im 16.Jahrhundert und danach stets eine begrenze Zahl jüdischer Familien auf. Allerdings war ihre Ansässigkeit nicht immer gesichert, da der hiesige Stadtrat ein Dauerwohnrecht verweigerte. Er hatte allein ein Interesse daran, dass jüdische Händler die in Trautenau regelmäßig stattfindenden Märkte aufsuchten. Ende des 18.Jahrhunderts wurden die antijüdischen Bestimmungen etwas gelockert; vermehrt zogen Juden aber erst seit den 1850/1860er Jahren nach Trautenau; zumeist kamen die Zuwanderer aus kleineren jüdischen Gemeinschaften, in denen die religiösen Gesetze noch streng befolgt wurden.

Die koenigl. Leibgedingstadt Trautenau im Koeniggraetzer Kreise, gegen Abend. aufgenommen von Ott, gezeichnet von Joann Venuto 1805.jpg

Die königliche Leibgedingstadt Trautenau, Gemälde von Joann Venuto 1805 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Anfang der 1870er Jahre existierte eine neu gegründete Kultusgemeinde mit gemeindlichen Einrichtungen wie Friedhof und Synagoge; zur Gemeinde gehörten auch die Familien aus Hohenelbe (tsch. Vrchlabi) und Arnau (tsch. Hostinné).

Das im September 1885 eingeweihte, nach Plänen des Trautenauer Stadtbaumeisters Kühn im Nero-Renaissancestil erbaute Synagogengebäude stand in der Rinnelgasse; es bot etwa 170 Männern und 120 Frauen Platz.

 

Synagoge in Trautenau, hist. Aufn. um 1900 (aus: wikipedia.org, gemeinfrei  und  Skizze - Ausschnitt (Erich Scholz)

Die rasche wirtschaftliche Entwicklung führte dazu, dass die Gemeindeangehörigen bald die strengen religiösen Regeln vernachlässigten und die Synagoge nur noch an hohen Festtagen aufsuchten. Erst in den 1930er Jahren bekannte sich auch die Jugend wieder stärker zum Glauben und besuchte fast regelmäßig die gottesdienstlichen Zusammenkünfte.

In Trautenau besaß die zionistische Bewegung viele Anhänger; so wurde der Jüdische Nationalfonds, der den Erwerb von Grund und Boden in Palästina finanzierte, durch hohe Spenden der Trautenauer Juden gefördert. Zahlreiche junge Juden hatten sich im lokalen „Jüdischen Volksverein Theodor Herzl“ zusammengeschlossen. Auch in anderen jüdischen Organisationen der Stadt spielten Zionisten eine führende Rolle.

Die allermeisten der Trautenauer Juden bekannte sich zum Deutschtum: sie sprachen deutsch und ihre Kinder besuchten mehrheitlich deutsche weiterführende Schulen, auch noch nach dem Ersten Weltkrieg.

Der um 1870 angelegte Friedhof der israelitischen Gemeinde lag an der Hohenbrucker Straße.

Juden in Trautenau

         --- um 1545 .....................   2 jüdische Familien,

    --- 1849 ........................   2     “       “    ,

    --- 1873 ........................ 192 Juden,

    --- 1880 ........................ 280   “  ,

    --- 1890 ........................ 349   “  ,

    --- 1900 ........................ 388   “  ,

    --- 1910 ........................ 478   “  ,

    --- 1921 ........................ 397   “  ,

    --- 1930 ........................ 369   “  ,

    --- 1943 (Jan.) ................. keine "  ,

    --- 1948 .................... ca. 120   “  .

Angaben aus: Rudolf M. Wlaschek, Jüdisches Leben in Trautenau/Nordostböhmen, Ein historischer Rückblick, S. 5

Im politischen Bezirk Trautenau gab es Ortschaften, in denen auch einige jüdische Familien lebten, so besonders in Eipel und Parschnitz. Anfangs betrieben die Juden in Trautenau vor allem Kleingewerbeunternehmen, meist in Hinterhöfen oder am Stadtrand angesiedelt. Etwa ab 1900 zeichnete sich ein Trend zu höherwertigen Wirtschaftstätigkeiten ab. Im Geschäftsleben der Stadt spielten Juden nun besonders im Flachshandel und an der Flachsbörse eine wichtige Rolle. Auch jüdische Unternehmer in der Leinenindustrie, dem stärksten Wirtschaftszweig in Trautenau, trugen wesentlich dazu bei, dass die Stadt wirtschaftlich wuchs.

     Ansicht von Trautenau (hist. Abb. um 1930/1935)

Die Trautenauer Judenschaft bildete eine eigene Gemeinschaft, doch bestanden durch ihre Tätigkeiten als Geschäftsleute, Ärzte oder Rechtsanwälte auch enge Kontakte zur übrigen Bevölkerung. Auch im öffentlichen Leben waren Trautenauer Juden engagiert. Doch als ab 1930 antisemitische Strömungen an Einfluss gewannen, zogen sich die Juden aus öffentlichen Positionen zurück bzw. wurden aus diesen herausgedrängt.

In den 1920er Jahren fiel zionistisches Gedankengut innerhalb der Tautenauer Judenschaft auf fruchtbaren Boden; so wurden hier auch Ausbildungsstätten (Ackerbauschule) für emigrationswillige junge Juden eingerichtet, die in Palästina ihre Zukunft sahen.

Als unmittelbar nach der NS-Machtübernahme 1933 jüdische Emigranten aus Deutschland in Trautenau erste Zuflucht fanden, erkannten nur sehr wenige jüdische Bewohner die drohende Gefahr aus dem Nachbarland. Erst als sich im Sommer/Herbst 1938 die politische Situation zuspitzte und der Einmarsch drohte, flohen die meisten Trautenauer Juden in nahe tschechische Städte. Als die deutsche Wehrmacht 1938 ins Sudetenland einmarschierte, mussten die zurückgebliebenen Juden erkennen, dass ihr Deutschtum sie nicht vor Repressalien der neuen Herren schützte. Nun versuchten sie, zumeist nach Palästina oder nach Übersee zu emigrieren; unter oft abenteuerlichen Umständen gelang es den meisten zu entkommen.

In der „Kristallnacht“ vom 9./10. November 1938 brannten sudetendeutsche SA-Angehörige das Synagogengebäude in der Rinnelgasse nieder. Tagsdarauf wurden die jüdischen Männer verhaftet; einige Tage später wurden sie - via Reichenberg - ins KZ Sachsenhausen verschleppt.

Der jüdische Friedhof wurde während der Kriegsjahre dem Erdboden gleichgemacht.

Nachweislich kamen 94 Trautenauer Juden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ums Leben.

 

In unmittelbarer Nachbarschaft zur Stadt Trautenau wurden im Zweiten Weltkrieg einige Außenlager des KZ Groß-Rosen eingerichtet. Eines der größten war seit Sommer 1940 das ZAL der „Organisation Schmelt“ in Parschnitz, das ab März 1944 als Außenlager von Groß-Rosen diente; die meisten der mehr als 1.400 Häftlinge waren polnische und ungarische Jüdinnen. Die Frauen wurden zu Zwangsarbeiten in verschiedenen Textilwerken, im Rüstungsbetrieb der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft in Trautenau und im Elektro-Konzern Lorenz AG eingesetzt. Das Außenkommando wurde am 9.5.45 befreit. - Auf dem Trautenauer Friedhof erinnert heute ein Gedenkstein an in Parschnitz umgekommene weibliche Häftlinge.

 

Nach Kriegsende gründeten zurückgekehrte Trautenauer Juden und osteuropäische Juden eine neue jüdische Gemeinschaft. 1948 hielten sich in Trutnov etwa 120 Juden auf; ihre Zahl nahm aber infolge des politischen Drucks des kommunistischen Systems immer mehr ab.

Am einstigen Standort der Synagoge erinnert heute eine Gedenktafel an das jüdische Gotteshaus und an die ermordeten Juden Trautenaus.

Trutnov - památník synagogy 01.jpg Trutnov - symbolické náhrobky.jpg

Eingangstor und einzelne Grabsteine (Aufn. Jitka Erbenová, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Auf dem Friedhof befinden sich obig abgebildete Gedenksteine, die symbolisch für die ca. 40 Zwangsarbeiterinnen errichtet wurden, die während des Krieges hier verstorben und begraben worden sind.

 

Die ca. 20 Kilometer westlich von Trautenau gelegene Ortschaft Arnau (tsch. Hostinné, derzeit ca. 4.400 Einw.) ist eine der ältesten Städte am Fuße des Riesengebirges. Hier hatten sich jüdische Familien nachweislich seit Ende des 18.Jahrhunderts ansässig gemacht; möglicherweise hielten sie sich aber schon früher hier auf. Doch waren es bis Mitte des 19.Jahrhunderts stets nur sehr wenige Familien, die von der Produktion und Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse lebten.

In Ermangelung einer eigenen Synagoge suchte man Gottesdienste in Trautenau auf. Ein eigener Friedhof bestand am Dorf seit den 1880er Jahren.

Die sich erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts gebildete kleine Gemeinde erreichte um 1900/1910 mit etwa 110 Angehörigen ihren zahlenmäßigen Höchststand; in den 1930er Jahren hatte sich ihre Zahl nahezu halbiert. Mit der Annexion des Sudetenlandes 1938 verließen alle jüdischen Einwohner Hostinne.

Auf dem jüdischen Friedhof haben nur elf Grabsteine die Zerstörungen während der NS-Zeit und der Nachkriegsjahre überstanden.

 

Weitere Informationen:

Simon Hüttel, Chronik der Stadt Trautenau, Prag 1881

Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart, Brünn/Prag 1934

Reinhard Lamer, Trautenau - Geschichte einer deutschen Stadt, Wien/München 1971

Rudolf M.Wlaschek, Zur Geschichte der Juden in Nordostböhmen unter besonderer Berücksichtigung des südlichen Riesengebirgsvorlandes, in: "Historische u. landeskundliche Ostmitteleuropa-Studien", Bd. 2, Marburg/Lahn 1987, S. 5 f.

Rudolf M. Wlaschek, Jüdisches Leben in Trautenau/Nordostböhmen - Ein historischer Rückblick, in: "Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ostmitteleuropa der Universität Dortmund", Reihe B - Bd. 44, Dortmund 1991

Rudolf M. Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums im 19. und 20.Jahrhundert, in: "Veröffentlichungen des Collegium Carolinum", Band 66, R.Oldenbourg-Verlag, München 1997

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust , New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol.1, S. 530 und Vol. 3, S. 1336

The Jewish Community of Trutnov (Trautenau), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/trutnov

Jewish Families from Trutnov (Trautenau), Bohemia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-families-from-Trutnov-Trautenau-Bohemia-Czech-Republic/33996

The Jewish Community of Hostinne (Arnau), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/hostinne

Jörg Osterloh, Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938 - 1945, in: "Veröffentlichungen des Collegium Carolinum", Band 105, Verlag R. Oldenbourg, München 2006