Trebitsch (Mähren)

Map cz Třebíč kroton.svg In der südwestmährischen Stadt Trebitsch war einst eine der größten Judengemeinden Mährens beheimatet; die Stadt - westlich von Brünn (Brno) gelegen - ist das heutige tschechische Třebíč mit derzeit ca. 36.000 Einwohnern (Třebíč auf der Karte rot markiert).

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Trebitsch reicht bis ins frühe 14.Jahrhundert zurück. Mährische Chroniken berichten über die Existenz einer jüdischen Gemeinschaft sogar schon gegen Ende des 11.Jahrhunderts; damit wäre sie eine der ältesten Gemeinden des Landes. Die antijüdische Verfolgungswelle, die 1338 vom niederösterreichischen Pulkau ihren Ausgang nahm, erreichte auch Trebitsch und forderte viele Opfer unter der jüdischen Bevölkerung. Im Jahre 1498 kam es in Trebitsch erneut zu einem Pogrom, der zu Plünderungen und Zerstörungen jüdischer Häuser führte. Auch unter Kriegsfolgen und ständiger Androhung von Vertreibung hatte die jüdische Gemeinschaft schwer zu leiden. Trotzdem konnte sich die jüdische Gemeinde, die nacheinander verschiedenen Schutzherrschaften unterstand, behaupten; viele Mitglieder brachten es in der Folgezeit als Kaufleute und Händler zu beträchtlichem Wohlstand. Erste Erwähnung fand das „Judenviertel“ bereits im Jahre 1338 im "Nürnberger Memorbuch". Deren Bewohner siedelten als Handwerker in der Stadt, durften aber bis zum Jahre 1618 lediglich als Gerber, Händler und Geldverleiher arbeiten oder Bier und Branntwein herstellen. Trotz der diskriminierenden Bestimmungen der Familiantengesetze (1726) entwickelte sich das Viertel bis Anfang des 19. Jahrhunderts zum größten Judenghetto Mährens mit fast 1.200 Bewohnern.

Eine erste Synagoge soll in Trebitsch bereits um 1350 bestanden haben. Am westlichen Rand des späteren Gettos wurde wahrscheinlich in den Jahren um 1640 die sog. Vordere Synagoge erbaut; deren ursprüngliche barocke architektonische Gestaltung wurde erheblich durch spätere Sanierungen verändert; z.B. wurde im Jahr 1759 das durch Feuer zerstörte Dach erneuert. Nach weiteren Bränden (1821 und 1857) wurde die Vordere Synagoge umfassend restauriert und zudem auch baulich im Stile der Neugotik umgestaltet; danach gab es im Männerteil der Synagoge 114 Sitze, im Frauenteil 80 Plätze. Diese „Altschul“ bestand bis in die 1930er Jahre.

   

Tempel in Trebitsch (hist. Abb. und Aufn. aus: trebic.cz, um 2010)

Am Eingang der „Altschul“ konnte man auf einer Gedenktafel über die Geschichte der Synagoge Folgendes lesen:

   Übersetzung: Dieses heilige Bethaus wurde begründet im Jahre 5399 (1639) nach Schaffung der Welt und wurde beendet im Jahre 5402 (1842) und dreimal ist sein Dach abgebrannt durch unsere großen Sünden. Im Jahre 5519 (1759), 5581 (1821), 5616 (1856) und wurde renoviert im Jahre 5617 (1857) ...

Die sog. Hintere Synagoge - in zeitgenössischen Quellen auch als Neue Synagoge, Hohe Synagoge oder Oberes Bethaus bezeichnet - wurde 1669 oder kurz davor gebaut. Die Bemühung der jüdischen Gemeinde, das Gebäude zu erweitern, scheiterte 1693 an der ablehnenden Stellungnahme der Obrigkeit, die sogar anordnete, das Haus niederzureißen. Zum vollständigen Abriss der Synagoge - das Dach war bereits abgetragen worden - kam es aber nicht. Um das Bethaus zu retten, ersuchten Vertreter der jüdischen Gemeinde 1705 den neuen Besitzer des Herrschaftsgutes, Johann Karl von Waldstein, das Dach der Synagoge wieder eindecken und die Synagoge zu gottesdienstlichen Zwecken nutzen zu dürfen. Unter der Bedingung, das Gebäude nicht zu erweitern, wurde dem Ersuchen entsprochen. So wurde die Hintere Synagoge in den Jahren 1705 – 1707 erneuert und der Innenraum mit barocken Malereien verziert. Die sog. „Neu-Schul“ diente etwa bis 1920 gottesdienstlichen Zwecken.

    

Hintere Synagoge (links: Aufn. vor der Restaurierung, Fiedler 1990 und rechts: nach der Restaurierung, Aufn. aus: trebic.cz, um 2005)

Eine eigene Schule bestand seit Beginn des 17.Jahrhunderts in der Judenstadt; zunächst war es nur eine reine Religions-, später dann eine Elementarschule.

Der bis Mitte des 15.Jahrhunderts bestehende alte jüdische Friedhof in der Nähe des Benediktinerklosters wurde um 1470 durch eine neue Begräbnisstätte abgelöst, die nördlich des „Judenviertels“ am Hrádek-Hügel lag; der älteste lesbare Grabstein stammt aus dem Jahre 1625.

Juden in Trebitsch:

         --- um 1650 .................. ca.   500 Juden (ca. 60% d. Bevölk.),

    --- um 1790 .................. ca. 1.770 Juden (ca. 260 Familien),

    --- 1850 ......................... 1.605   “  ,*       * Israelit. Gemeinde

    --- 1869 ......................... 1.034   “  ,*

    --- 1880 .........................   728   “  ,*

             .........................   182   “  ,

    --- 1890 .........................   637   “  ,*  (andere Angabe: 987 Pers.)

             .........................   260   “  ,

    --- 1900 .........................   409   “  ,*  (andere Angabe: 756 Pers.)  

             .........................   254   “  ,

    --- 1920/21 ......................   362   “  ,

    --- 1930 ..................... ca.   300   “  ,

    --- 1941/42 ......................   sehr wenige.    

Angaben aus: Theodor Haas, Juden in Mähren - Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik ..., S. 63

und                 Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, S. 108

Seit den 1720er Jahren mussten die jüdischen Bewohner ghettoartig zusammenleben; zudem wurden ihnen hohe Steuerlasten auferlegt, die zahlreiche Juden veranlasste, die Stadt zu verlassen; obwohl dadurch die jüdische Gemeinde dezimiert wurde, lebten immer noch relativ viele Juden in Trebitsch. Mehrfach legten Großbrände ganze Straßenzüge der Judenstadt in Schutt und Asche; auch von Überschwemmungen der Iglawa (1830) waren die Wohngebiete immer wieder betroffen.

Von 1849 bis Mitte der 1920er Jahre besaß die Judengemeinde einen autonomen politischen Status; danach wurde die „Judenstadt“ - zusammen mit Unterkloster - der Stadt Trebitsch einverleibt. Als Folge der Emanzipation wanderten ab den 1860er Jahren jüdische Familien vermehrt in die benachbarte Stadtgemeinde, nach Wien und in andere größere Städte ab. Während des Ersten Weltkrieges nahm die jüdische Gemeinde zeitweilig Glaubensflüchtlinge aus Galizien auf.

Das Ende der jüdischen Gemeinde war im Mai 1942 besiegelt, als die Nationalsozialisten die Juden aus Trebitsch/Třebíč und aus dem Bezirk Iglau/Jihlava zusammentrieben; allein aus Trebitsch waren es 281 Menschen, die via Theresienstadt nach Treblinka bzw. Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Nur sehr wenige Trebitscher Juden überlebten den Holocaust, mindestens 270 Personen kamen ums Leben.

 

1945 wurde wieder eine kleine jüdische Gemeinde gegründet. Ein Mahnmal erinnert seit 1947 an die jüdischen NS-Opfer.

Einweihung des Mahnmals durch Rabbi Feder (Aufn., aus: centropa.org)

Anfang der 1950er Jahre kam das Gebäude der Vorderen (alten) Synagoge in Besitz der Hussitenkirche, der es bis heute gehört. 2001 konnte in Třebíč inmitten des ehemals jüdischen Viertels das ehemalige Synagogengebäude der Öffentlichkeit als Kulturdenkmal übergeben werden. Der aus der Spätrenaissance stammende Synagogenbau weist alte Wandmalereien mit hebräischen Texten auf, die restauriert werden konnten.

Restauriertes Synagogeninnere (Abb. aus: trebic.cz, um 2005)

2003 erklärte die UNESCO das in seiner Anlage und Struktur einmalig in Europa erhalten gebliebene jüdische Viertel von Třebíč mit seinen etwa 120 Häusern und den aus dem 15./16.Jahrhundert stammenden jüdischen Friedhof zum Weltkulturerbe.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6f/T%C5%99eb%C3%AD%C4%8D_Basilika_Jihlava_Ghetto.jpg

Jüdisches Viertel am rechten Ufer der Jihlava (Aufn. Christof Halbe, 2001, aus: de.wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Zu den schützenswerten Bauten im jüdischen Viertel gehört seit 2001 auch eine historische Mikwe in der Skalni-Straße.

Mikve třebíč.jpg  Mikwe (Aufn. Talmidavi, 2016, in: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Das mehr als 3.000 Grabsteine zählende Begräbnisareal - hier liegen 11.000 Gräber auf einer Fläche von fast 12.000 m² - gehört zu den größten und am besten erhaltenen jüdischen Friedhöfen Europas; Grabsteine aus den verschiedenen Epochen vermitteln eine Vorstellung von der einstigen Bedeutung der Trebitscher Judengemeinde. Am Eingangsportal des Friedhofs steht die 1903 errichtete Trauerhalle.

   Trauerhalle (Aufn. E & BJ Capper, 2005)

Trebic podklasteri jewish cemetery.jpg

altes Gräberfeld (Aufn. N., 2008) und einzelne Steine (Aufn. Wolfgang Sauber, 2012, beide aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

2004 fand erstmals ein Festival der jüdischen Kultur („Schamajim“) in Třebíč statt; diese Veranstaltung will mit Vorträgen, Stadtführungen u.a. die reiche jüdische Geschichte der Stadt und das Angedenken an die einstigen jüdischen Bewohner von Trebitsch bewahren.

 

Haggada - geschrieben und illustriert von Moses Loeb Wolf aus Trebitsch, um 1720

 

Nahe der kleinen Ortschaft Pullitz (tsch. Police u Jemnice) – im Kreis Trebitsch gelegen – gibt es einen jüdischen Friedhof, der vermutlich im Laufe des 17.Jahrhunderts angelegt worden ist. Das seit 1988 als „geschütztes Kulturdenkmal“ ausgewiesene Areal weist heute noch ca. 300 Grabsteine auf, von denen die ältesten aus dem ausgehenden 17.Jahrhundert datieren.

Police (okres Třebíč) - židovský hřbitov (3).JPGAufn. Martin Veselka, 2014, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0

vgl. Pullitz (Mähren)

 

Weitere Informationen:

Theodor Haas, Juden in Mähren - Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik unter besonderer Berücksichtigung des 19.Jahrhunderts, Brünn 1908

Jakob Koratek (Bearb.), Geschichte der Juden in Trebitsch, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 523 - 537

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 107/108

Ferdinand Seibt (Hrg.), Die Juden in den böhmischen Ländern. Vorträge der Tagung des Collegium Carolinum in Bad Wiessee (November 1981), R.Oldenbourg-Verlag, München 1983, S. 13 f. und S. 57 - 86

Wilma Iggers (Hrg.), Die Juden in Böhmen und Mähren. Ein historisches Lesebuch, München 1986

P.Ehl/A.Parík/Jirí Fiedler, Alte Judenfriedhöfe Böhmens und Mährens, Paseka-Verlag, Prag 1991, S. 168

Jiří Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia, Prag 1991, S. 184/185

Jaroslav Klenovský, Židovské památky Trebíce [Jüdische Denkmäler von Trebitsch], Třebíč 1991 (2. Aufl. Brno 1994)

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 3, S. 1319

The Jewish Community of Trebic (Trebitsch), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/trebic

Jewish Families from Třebíč (Trebic, Trebitsch), Moravia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-Families-from-T%25C5%2599eb%25C3%25AD%25C4%258D-Trebic-Trebitsch-Moravia/13113

Jewish Families Police u Jemnice (Pullitz), Moravia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-Families-from-Police-u-Jemnice-Pullitz-Moravia-Czech-Republic/13154

Chaim Frank, Juden in der ehemaligen Tschechoslowakei, in: hagalil.com/czesch/juedische-geschichte

Kommunalverwaltung Třebíč (Bearb.), Das jüdische Viertel, in: mesto-trebic.cz

Jüdisches Erbe neben christlicher Tradition. in: welt-der-kulturen.de/tschechien/trebic.html