Troppau (Österr. Schlesien)

 

links: Ausschnitt aus historischer Landkarte (1905)   -   rechts: Landkreis Troppau (Karte Stand 1945)

Die seit Mitte des 18.Jahrhunderts auf österreichisch-schlesischem Gebiet liegende Stadt Troppau - erstmals 1195 erwähnt - fiel 1919 an die Tschechoslowakei und wurde auf Grund des Münchner Abkommens 1938 mit dem Hultschiner Ländchen dem Großdeutschen Reich zugeschlagen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Stadt größtenteils zerstört; 1945/1946 wurde die deutsche Bevölkerung aus dem tschechischen Opava vertrieben; die Stadt besitzt derzeit ca. 57.000 Einwohner.

Ein erster Hinweis auf den Aufenthalt von Juden in Troppau stammt aus dem Jahre 1281; ihr Wohngebiet lag am Nordrand der Ortschaft. Ein kleines Bethaus und ein Friedhof gehörten zu ihren gemeindlichen Einrichtungen. 1522 wurden die jüdischen Familien aus der Stadt vertrieben; nur sehr wenige, die für die Herrschaft Dienste verrichteten, durften bleiben. Der mittelalterliche Friedhof wurde eingeebnet.

Opava bei Ostrau deutsch: Troppau in Schlesien handkoloriertes BlattAnsicht von Troppau gegen Mitte des 18.Jahrhunderts

Die Wurzeln einer neuzeitlichen jüdischen Gemeinde liegen Mitte des 18.Jahrhunderts, als sich sieben jüdische Familien ansiedeln durften; aber erst nach 1848 wuchs die Gemeinde an. 1855 wurde ein kleines, älteres Bethaus durch einen Neubau ersetzt, der sich schon bald wieder als zu klein erwies; deshalb ließ die israelitische Kultusgemeinde Mitte der 1890er Jahre einen neuen Tempel errichten; der Bau - mit maurischen Stilelementen versehen - war vom renommierten Architekten Jakob Gartner entworfen worden.

Syna Opava -Invitation Inauguration.jpg Abb. aus: wikipedia.org, CCO

    Synagoga Opawa 2.jpg        

                                          Synagoge in Troppau (H. Krommer, 1937)                    Aufn. um 1905 (Abb. aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

Das Synagogengebäude wurde wie folgt beschrieben: „ ... Die Synagoge hatte einen rechteckigen Grundriss mit einer Länge von 33 Metern und einer Breite von 18,20 Metern. Auf der Kuppel thronte eine oktogonale Laterne mit Zwiebeldach, deren Spitze eine Höhe von 29 Metern erreichte. Den Abschluss auf den Ecktürmen, der Laterne und den Gebotstafeln bildeten Davidsterne. Der Innenraum gliederte sich in ein grosses Mittelschiff und zwei Seitenschiffe. Nach Betreten des Haupteingangs gelangte man über eine Vorhalle und das Vestibül in den Hauptbetraum, welcher sich über zwei Geschosse erstreckte. Über der Mitte des Saales ragte die Kuppel auf, die von vier kantonierten Pfeilern getragen wurde. Jeweils neben dem Vestibül befanden sich die symmetrisch angelegten Stiegenhäuser, die ins Obergeschoss auf die dreiseitig umlaufende Frauengalerie mit 144 Sitzmöglichkeiten führten. Der Hauptraum enthielt 204 Sitzplätze für die männlichen Gemeindemitglieder sowie Thoraschrein und Bima. Der Schrein wurde in Form eines kleinen Tempels ausgeführt und an beiden Seiten von jeweils zwei nebeneinanderliegenden Rundsäulen eingerahmt. Darüber befand sich mittig eine Gebotstafel, die rundherum reich verziert war. ...“ (Text aus: Claudia König, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Opava)

In den 1850er Jahren legte man den neuzeitlichen jüdischen Friedhof an, der aber bereits nach vier Jahrzehnten durch ein größeres Gelände auf einem abgegrenzten Teil des städtischen Friedhofs ersetzt wurde; hier ließ die Gemeinde 1893 eine Zeremonienhalle erbauen.

Juden in Troppau:

         --- um 1750 ..........................      7 jüdische Familien,

    --- 1857 .............................     47 Juden,

    --- 1867 .............................    134   “  ,

    --- 1880 .............................  1.061   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1900 .............................  1.047   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1910 .............................  1.112   “  ,

    --- 1921 .............................    608   “  ,

             .............................  1.127   “  ,*     * gesamte Gemeinde

    --- 1930 .............................    971   “   (ca. 2% d. Bevölk.).

Angaben aus: M. Wodzinski/J. Spyra (Hrg.), Jews in Silesia, Cracow 2001, S. 63, S. 182 - 186

  Franz-Josef-Platz in Troppau (hist. Postkarte, um 1900)

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts wurde die jüdische Gemeinde vermehrt Ziel antisemitischer Propaganda/Attacken, die von starken nationalistischen Kräften in der Stadt getragen wurden. Diese Tatsache förderte die Bestrebungen zionistischer Organisationen, die in verschiedenen Vereinigungen für ihre Ideen warben und Troppau als einen wichtigen „Stützpunkt“ hatten.

Nach der Zerschlagung des Österreichischen Kaiserreiches kam Österreichisch-Schlesien - so auch Troppau - 1919 an die neugegründete Tschechoslowakei; die Stadt wurde zunächst von einer Kommission verwaltet, der neben 14 Tschechen und zwölf Deutschen auch zwei jüdische Mitglieder angehörten.

Mit der im Gefolge des „Münchner Abkommens“ (Sept. 1938) durchgeführten Angliederung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich kam auch Troppau unter NS-Herrschaft: am 8.Okt. 1938 zogen deutsche Truppen in der Stadt ein. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits viele jüdische Familien von hier auf (noch) souveränes tschechisches Staatsgebiet geflüchtet.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde auch die Troppauer Synagoge durch Brandstiftung völlig zerstört; auch kam es zu Gewaltakten gegenüber den jüdischen Bewohnern.

                  Brennende Synagoge (aus: jewishvirtuallibrary.org)   

In einem Artikel der „Deutschen Post für das Sudetenland” vom 11.11.1938 hieß es:

"... Das Feuer wurde zu spät bemerkt. Als die Wehr angerückt kam, war der Brand bereits so weit entwickelt, daß an eine Bekämpfung mit Erfolg nicht mehr zu denken war. ... Die Arbeiten der Wehr mußten sich daher lediglich auf die Rettung der Nachbargebäude beschränken. Es war ein schaurig-schöner Anblick, die hell auflodernden Flammen an den vier Ecktürmen und der großen Mittelkuppel des Tempels zu sehen, die schließlich alle mit mächtigem Gepolter einstürzten. ... Von der Synagoge stehen lediglich noch die Außenmauern. ... Die Reste der abgebrannten Synagoge, die in einem typisch jüdisch verschmokten orientalischen Stil inmitten der Stadt ... das Stadtbild verschandelte, werden nun wohl bald abgetragen und an der Stelle ... dürfte bald ein repräsentatives und der Stadt würdiges Gebäude aufgerichtet werden."

Diejenigen Juden, die nicht aus der Stadt geflohen waren, wurden im Sommer 1939 in ein Lager nach Strochowitz verbracht, in dem auch weitere aus der Region festgehalten wurden; von hier aus wurden sie ab 1940 zunächst nach Theresienstadt und von dort in Konzentrations- u. Vernichtungslager auf polnischen Boden deportiert; fast alle fielen dem Holocaust zum Opfer.

 

Nach Ende des Krieges bildete sich in Opava eine neue israelitische Gemeinde, die sich aus wenigen überlebenden Rückkehrern und jüdischen Zuwanderern aus dem westrussischen Raum (Karpatho-Russland) zusammensetzte; allerdings war der Bestand der Gemeinde nicht von Dauer. 1948 lebten kaum 100 Personen mosaischen Glaubens in der Stadt; derzeit sollen sich keine Juden hier mehr aufhalten.

Am ehemaligen Standort der Synagoge erinnert ein Denkmal an das jüdische Gotteshaus und an die einstige Vorkriegsgemeinde.

File:Opava, památník synagogy (2).jpg Denkmal (Aufn. Jan Polák, 2013, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Von den in Opava/Troppau ehemals drei bestehenden jüdischen Friedhöfen ist der jüngst angelegte Begräbnisplatz gegen Ende der 1940er Jahre wieder hergerichtet worden.

  Židovský hřbitov v Opavě, brána 2.jpgFile:Židovský hřbitov v Opavě, náhrobek 16.jpg 

Jüdischer Friedhof in Opava (Aufn. T. Bednarz, 2018, aus: commons.wikimedia.org CC BY-SA 4.0)

 

In Hultschin (tsch. Hlučín, derzeit ca. 14.000 Einw.) haben sich vermutlich bereits während des 18.Jahrhunderts Juden aufgehalten; eine Gemeinde bildete sich dann in den 1790er Jahren. Die Synagoge der Hultschiner Gemeinde wurde hier 1842/1843 eingeweiht.

Die Synagoge in Hultschin (Aufn. um 1920, P. Stradal, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die Anlegung des jüdischen Friedhofs erfolgte erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts; um 1860 wurde eine Zeremonienhalle errichtet.

Hlucin namesti 1921.jpg Stadtzentrum von Hultschin (hist. Aufn., aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Anfang der 1930er Jahre lebten noch ca. 20 Personen mosaischen Glaubens im Ort.

Unmittelbar nach Kriegsende wurde der bereits in der NS-Zeit verwüstete jüdische Friedhof mitsamt der Zeremonienhalle eingeebnet; an dessen Stelle wurde nun ein Teil des Gelände von der Roten Armee benutzt, ein anderer Teil blieb zunächst Grünfläche, auf die dann 2008/2009 ca. 40 erhaltengebliebene Grabsteine und mehr als 200 größere Grabsteinrelikte versetzt wurden.

Auch das Synagogengebäude ist heite ncht mehr vorhanden; es wurde vermutlich nach 1945 abgerissen.

 

Weitere Informationen:

Cassuto, Ein unbekanntes Dokument zur Geschichte der Juden in Troppau und Jägersdorf, in: "Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei" Bd. 1/1930, S. 81 ff.

Ernst Schremmer (Hrg.), Troppau - Schlesische Hauptstadt zwischen Völkern und Grenzen, Westkreuz-Verlag, Berlin/Bonn 1984

Germania Judaica, Band III/2, Tübingen 1995, S. 1488/1489

Mecislav Borák, The situation of the Jewish population in the territory of Czech Silesia during the occupation 1938 - 1945, in: M. Wodzinski/J. Spyra (Hrg.), Jews in Silesia, Cracow 2001, S. 181 - 192

Jaroslav Klenovsky, The Jewish Landsmarks of Opava Silesia, in: M. Wodzinski/J. Spyra (Hrg.), Jews in Silesia, Cracow 2001, S. 299 - 306

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 2, S. 938

The Jewish Community of Opava (German: Troppau), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/opava

Jörg Osterloh, Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938 - 1945, in: "Veröffentlichungen des Collegium Carolinum", Band 105, Verlag R. Oldenbourg, München 2006

Jaroslav Klenovsky, Historie a pamatky zidovske obce v opave, Brno, Krnov, Opava: Obcanske sdruzeni Krnovska synagoga, 2009

Claudia König, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Opava, Diplomarbeit an der TU-Wien, Wien 2014

Claudia König, Die Synagoge in Troppau, Schlesien (heute Opava, Tschechische Republik), in: "DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift" Heft 106/Sept. 2015 (Anm.: virtuelle Rekonstruktionszeichnungen/-modelle)

Janusz Spyra, Rabbiner in der Provinz – Die Rolle des Rabbiners im Leben der jüdischen Gemeinschaft in Teschener und Troppauer Schlesien, 2018