Trunstadt (Oberfranken/Bayern)

Datei:Viereth-Trunstadt in BA.svg Viereth-Trunstadt ist eine Kommune mit derzeit ca. 3.400 Einwohnern im oberfränkischen Landkreis Bamberg - nur wenige Kilometer nordwestlich von Bamberg entfernt (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In dem im Maintal gelegenen Dorf Trunstadt wohnten seit ca. 1600 wenige jüdische Familien unter dem Schutz einer reichsritterschaftlichen Familie. Der erste Hinweise auf Juden in Trunstadt findet sich in den Standbüchern des Staatsarchivs Bamberg aus dem Jahre 1597 mit neun Familien mosaischen Glaubens. Ein Lehensbrief der Voiten von Rieneck von 1668 gibt Aufschluss darüber, dass jeder ansässige Jude jährlich neun Gulden 30 Kreuzer Schutzgeld, zwei Gulden Schulgeld und einen Gulden 25 Kreuzer Neujahrsgeld sowie die Zunge von jedem geschlachteten Rind an die Gutsherrschaft abzuführen hatte.

Bis um 1780 war Trunstadt als eine Judengemeinde aufgeführt, die Handelsfreiheiten genoss, ohne aber einem jüdischen Gemeindeverband angeschlossen zu sein. Auch weitere Handelszugeständnisse wie die Teilnahme an den Bamberger Frühjahrs- und Herbstmessen wurden vom Bamberger Fürstbischof gewährt, allerdings nur unter der Bedingung, dass sich die Trunstädter Gemeinde dem Landesrabbinat unterstellte - was schließlich auch geschah.

Anfang des 19.Jahrhunderts besaß Trunstadt 15 Matrikelstellen; zwölf Familienoberhäupter verdienten ihren Lebensunterhalt zumeist im Vieh- und Hausierhandel. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte zeigte sich eine deutliche Zunahme an handwerklichen Berufen; der Viehhandel spielte bald überhaupt keine Rolle mehr. Insgesamt lebten die Trunstädter Juden um 1900 in recht bescheidenen Verhältnissen.

Um die Mitte des 18.Jahrhunderts ist bereits eine Synagoge urkundlich bezeugt; der Nachfolgebau war das ehemalige Zehnthaus, in dessen Obergeschoss die Kultusgemeinde ihren Gottesdienstraum eingerichtet hatte.

   Im Gebäude befand sich die Synagoge (Zeichnung aus: K. Guth, Jüdische Landgemeinden)

Um 1890 schlossen sich die wenigen Juden der beiden Nachbarorte Bischberg und Viereth der Trunstadter Gemeinde an; da alle drei Orte über eigene Beträume verfügten, einigte man sich darauf, dass Gottesdienste abwechselnd stattfinden sollten. Bereits 1835 war die gemeinsame Besetzung der Lehrer- und Vorbeterstelle für Trunstadt und Viereth vertraglich geregelt worden; so wechselte der Sitz der Religionsschule zwischen beiden Orten im vierteljährlichen Turnus.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2084/Vieret%20BA%20Israelit%2011041892.jpg

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Oktober 1890 und 11.April 1892

Mitte des 19.Jahrhunderts verfügte die kleine, orthodox ausgerichtete Gemeinde auch über eine Mikwe. Einen eigenen Friedhof besaß die Kultusgemeinde aber nicht; ihre Verstorbenen beerdigte die Trunstädter Judenschaft auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Walsdorf.

Juden in Trunstadt:

         --- um 1760 .....................   9 jüdische Familien,

    --- 1824 ........................  80 Juden (ca. 14% d. Dorfbev.),

    --- 1840 ........................  73   “  ,

    --- 1852 ........................  51   “  ,

    --- 1875 ........................  45   “  ,

    --- 1890 ........................  23   “  ,

    --- 1895 ........................  17   “  ,

    --- 1900 ........................   6   “  ,

    --- 1925 ........................   keine.

Angaben aus: Klaus Guth, Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800 - 1942), S. 312

Das Schloss Trunstadt befand sich längere Zeit im Besitz des jüdischen Bankiers Jakob Hirsch aus Würzburg. - Um 1860 begann die Auswanderung von Trunstädter Juden in die USA; die um die Jahrhundertwende fast abgeschlossen war; der einzige noch am Orte lebende Jude verstarb 1905. Nach der Auflösung der jüdischen Gemeinde (1905) ging die Synagoge in den Besitz der Bamberger Kultusgemeinde über, die das Gebäude an Privatleute veräußerte. Das aus dem 16.Jahrhundert stammende Haus ist heute noch erhalten; es wird als privates Wohnhaus genutzt. Eine  Informationstafel erinnert an dessen einstige Funktionen als Synagoge und Schule.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2097/Trunstadt%20Synagoge%20100.jpg Info-Tafel am ehem. Synagogengebäude

In Viereth existierte von etwa 1700 bis in die 1890er Jahre eine jüdische Kultusgemeinde, deren zahlenmäßiger Höchststand um 1850/1860 mit etwa 60 Angehörigen erreicht wurde. Bereits gegen Ende des 16.Jahrhunderts sollen hier vereinzelt Juden gelebt haben; doch müssen sie in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges die Region verlassen haben. Der erste namentlich bekannte Jude in Viereth war 1702 Wolf Nathan.

Außer einem Friedhof verfügte die kleine Gemeinde über alle notwendigen rituellen Einrichtungen. Das erste Bethaus wurde um 1760 eingerichtet, ein neues Gebäude 1862 eingeweiht. Verstorbene wurden in Walsdorf begraben. Die kleine Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Burgebrach.

                    Juden in Viereth:

    --- um 1760 ....................   4 jüdische Familien,

    --- um 1810 ....................   6     „       „    ,

    --- 1825 .......................  40 Juden (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1852 .......................  57   „   (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1875 .......................  25   „  ,

    --- 1895 .......................   8   „  .

Angaben aus: Klaus Guth (Hrg.), Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800 - 1942), S. 326

Mit der Nachbargemeinde Trunstadt bestanden enge Kontakte, die schließlich zu einem Gemeindeverbund führten.

Um die Jahrhundertwende löste sich die Gemeinde auf (vgl. Anzeige vom Jan. 1904). 1907 verließ der letzte jüdische Bewohner Viereth.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20118/Vieret%20Israelit%2028011904.jpg Verkaufsanzeige aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28.Jan. 1904

Wenige Jahre später wurde das Synagogengebäude in der Blumenstraße verkauft und anschließend zu Wohnzwecken genutzt.

                         Ehem. Synagogengebäude (Aufn. um 1925/1930, Sammlung Nüßlein)  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20266/Viereth%20Synagoge%20180.jpg

 

Weitere Informationen:

H. Fischer, Chronik der Gemeinde Trunstadt, Hallstadt 1978

Bruno Kunzmann, 1200 Jahre Trunstadt 788 - 1988, Trunstadt 1987,

Klaus Guth (Hrg.), Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800 - 1942). Ein historisch-topographisches Handbuch, Bayrische Verlagsanstalt, Bamberg 1988, S. 308 - 318 und S. 324 - 332

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 237 f.

Trunstadt, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Viereth, in: alemannia-judaica.de