Turnau (Böhmen)

 Die etwa 25 Kilometer südlich von Reichenberg (Liberec) entfernte Kleinstadt Turnau ist das tschechische Turnov mit derzeit ca. 14.500 Einwohnern (hist. Karte mit Eintrag der Eisenbahnstrecke Turnau-Kralup-Prag, aus: wikipedia.org, PD-alt-100).

Die ersten Juden siedelten sich vermutlich um die Wende vom 14. zum 15.Jahrhundert in Turnau an; das älteste entsprechende schriftliche Dokument im Stadtbuch stammt aus dem Jahre 1527; hier wird der Name des Hutmachers Moses und der seines Schwiegersohns Jakub genannt. In der Zeit danach lebten allerdings nur vereinzelt jüdische Familien hier - zunächst nicht im Ghetto; dieses jüdische Wohngebiet entstand erst in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg.

Turnau um 1540 (Abb. aus: mineralienatlas.de, gemeinfrei) Turnov in Böhmen

Ihren ersten Betraum besaßen die Juden in Turnau bereits seit 1627; dieser wurde von schwedischen Söldnern 1643 niedergebrannt, doch bereits vier Jahre später durch ein neues Gebäude ersetzt.

Bis zum Ende des 18.Jahrhunderts nahm die Zahl der in Turnau lebenden Juden langsam, aber stetig zu; Mitte des 19.Jahrhunderts waren etwa 45 Familien mit mehr als 350 Personen hier ansässig. Auch auf Grund der in der Stadt seit dem 17.Jahrhundert beheimateten Glashütten und Schleifereien, die einheimische und importierte Edelsteine verarbeiteten, fanden jüdische Handwerker und Händler ein großes Betätigungsfeld; im 19.Jahrhundert stand der Edelsteinhandel Turnaus in voller Blüte.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten eine um 1720 erbaute Synagoge - sie ersetzte einen 1707 durch einen großen Stadtbrand zerstörten Holzbau - und ein Friedhof, der vermutlich schon etwa ein Jahrhundert zuvor (um 1625) hier angelegt worden war. Während die älteren Grabsteine durchweg hebräische Inschriften tragen, dominieren seit den 1840er Jahren deutsche Grabinschriften; ab der Wende zum 20.Jahrhundert finden sich vor allem tschechische Beschriftungen. Seit 1800 steht an der westlichen Begrenzungsmauer ein Taharahaus.

              Alter Teil des Friedhofs in Turnau im Winter (Aufn. Max Cacher, 2010)  

Eine jüdische Schule soll in Turnau bereits 1627 eingerichtet worden sein.

Juden in Turnau:

         --- um 1580/90 ......................    7 jüdische Haushaltungen,

    --- um 1720 .........................   23     "          "      ,

    --- um 1770/80 ......................   18     “          “      ,

    --- um 1850/60 .................. ca.   45 jüdische Familien,

    --- um 1880 ..................... ca.  280 Juden,

    --- 1910 ............................  478   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1930 ........................ ca.  100   “  ,

    --- 1943 (Dez.) ..................... keine.

Angaben aus: Hugo Seeger, Geschichte der Juden in Turnau

Während des Ersten Weltkrieges kam nach Turnau eine größere Zahl jüdischer Flüchtlinge aus Galizien, der Bukowina und der Ukraine; nach Kriegsende kehrten die meisten zurück.

Nach dem Münchner Abkommen nahm die Stadt vorübergehend mehrere hundert Juden auf, die aus den nahen Grenzgebiet sich hierher geflüchtet hatten. Die Synagoge diente der hiesigen, immer kleiner gewordenen Gemeinde bis 1941 als Versammlungsort. Die letzten jüdischen Bewohner Turnaus wurden Anfang des Jahres 1943 - zusammen mit vielen Familien aus der Region - nach Theresienstadt deportiert; von hier aus führte für die meisten der Weg ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

 

Nach Kriegsende kehrten nur 19 überlebende Juden nach Turnov zurück; die kleine, sich neu gebildete Synagogengemeinschaft löste sich spätestens Anfang der 1960er Jahre wieder auf.

Auf dem jüdischen Friedhof, der einzig erhaltenen jüdischen Begräbnisstätte im Kreis Semily, erinnert heute eine Gedenktafel an die etwa 100 jüdischen NS-Opfer der Stadt.

 

Jüdischer Friedhof (links: Aufn. Miloslav Rejha, 2011 - rechts: Alofok 2010, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

Mit erheblichem finanziellen Aufwand wurde jüngst das Synagogengebäude, das jahrzehntelang als Lagerhaus genutzt wurde und dabei verkam, restauriert. Auffällig sind die im Betsaal wiederhergestellten Arabesken – Verzierungen, die gegen Ende des 19.Jahrhunderts entstanden sind.

Im November 2008 wurde das Gebäude – es ist der einzig erhaltengebliebene Synagogenbau Nordböhmens - feierlich wieder eingeweiht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Möglich gemacht hatten das bereitgestellte Finanzmittel der EU und der norwegischen Hilfsgemeinschaft "Norway Grants".

Turnovská synagoga 18.JPG Turnovská synagoga 13.JPG

restaurierte Synagoge und -innenraum (Aufn Hadonos, 2014, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

                    Turnovská synagoga 15.JPGEine bronzene Skulptur soll an die Schrecken des Holocaust erinnern.

2009 fand in der Synagoge Turnov – nach fast 60 (!) Jahren – wieder ein Gottesdienst statt, an dem Mitglieder der reformierten Kongregation Bejt Simcha aus Prag und der jüdischen Gemeinde aus Liberec (Reichenberg) teilnahmen.

 

Weitere Informationen:

Hugo Seeger, Geschichte der Juden in Turnau, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart I., Brünn/Prag 1934, S. 679 – 683

Jiří Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia, Prag 1991, S. 188/189

Jewish cemetery in Turnov, online abrufbar unter: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Jewish_cemetery_in_Turnov (mit zahlreichen Aufnahmen vom Friedhofsgelände)

Jüdische Geschichte in Turnau, Hrg. “Synagoga Turnov”, online abrufbar unter: synagoga-turnov.cz/de/judische-geschichte-in-turnau

The Jewish Community of Turnov, Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/turnov

Jewish Families from Turnov (Turnau), Bohemia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-families-from-Turnov-Turnau-Bohemia-Czech-Republic/people/15190 (Anm.: mit detaillierter Namensliste)